Japaner in Ost-Berlin Herr Furuya und das Ende der DDR

Japaner in Ost-Berlin: Herr Furuya und das Ende der DDR Fotos
Seiichi Furuya

Aus dem Reich der aufgehenden Sonne ins Land des untergehenden Sozialismus: In den achtziger Jahren zog Seiichi Furuya in die DDR. Dann starb seine Frau. Das traurige Ereignis brachte den Japaner dazu, die Welt um sich herum zu dokumentieren - auf Fotos voll überraschendem Humor. Von

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Zum Fotografieren hatte der Japaner anfangs überhaupt keine Zeit. Damals, 1984, als Seiichi Furuya mit seiner Frau und dem dreijährigen Sohn Komyo in die Barockstadt Dresden kam. Sie waren allerdings auch keine Touristen. Denn die junge Familie gehörte zu den wenigen, die in die DDR übersiedelten. Der Japaner und die gebürtige Österreicherin waren aus Wien, der sogenannten Freien Welt, in jene hinter dem Eisernen Vorhang gezogen - in ein Land, aus dem viele andere zu dieser Zeit lieber raus wollten.

Erst ein tragischer Umstand brachte Furuya dazu, seine Kamera wieder häufiger in die Hand zu nehmen. Mit den neugierigen Augen eines Fremden begann er, die Welt um sich herum zu dokumentieren. Sie muss ihm ziemlich seltsam vorgekommen sein: Mitten in Ost-Berlin fotografierte der Japaner Dreharbeiten mit Männern in SS-Uniformen, ein spärlich mit Damenstrumpfhosen dekoriertes Schaufenster, aus dem ihm die Propaganda der staatlichen Jugendorganisation ein kämpferisches "Jetzt erst recht!" entgegenschleuderte. Er gruselte sich vor einem Bestattungshaus mit einer Fleischerei nebenan und beobachtete verwundert eine Dessous-Modenschau auf einem Volksfest. Überhaupt fotografierte er jede Menge Volksfeste. Fast an jeder Straßenecke gab es eines, und fast immer wirkten die Menschen, als hätten sie keinen Spaß beim Feiern.

Furuya hat ein Buch aus diesen Fotos gemacht. "Mémoires. 1984-1987" ist der Titel. Es ist ein sehr persönlicher Band, weil er all die Plätze zeigt, an denen er mit seiner Frau gewesen war. "Ich habe eigentlich nur für mich fotografiert", sagt Furuya. "Gegen das Vergessen. Denn wenn ich zurückdenke und da ist ein Loch in meiner Erinnerung, dann habe ich ein ungutes Gefühl. Also muss ich mein Leben dokumentieren. Ich finde, das ist meine vordringlichste Aufgabe."

Er tat es auch, sagt Furuya, weil er sicher war, dass er nach seiner Ausreise im Sommer 1987 kein zweites Mal in die DDR kommen würde. Furuyas Fotos und sein Leben in Ostdeutschland wurden ein Stück Zeitgeschichte.

Nie mehr Japan

Erstaunlich an Furuyas Geschichte ist auch, dass er eigentlich den kapitalistischen Strukturen in seiner Heimat hatte entkommen wollen - und in der DDR einen Job bei einem japanischen Baukonzern fand.

Sein Vater hätte den Zweitältesten gern als Nachfolger in seiner eigenen kleinen Baufirma gesehen - doch Seiichi Furuya hatte sich das Leben anders vorgestellt. Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre, als er in Tokyo zunächst Architektur und dann Fotografie studierte. Es war die Zeit der Studentenrevolten. Wie in anderen Ländern gingen in Japan junge Leute auf die Straße. Sie protestierten gegen Kapitalismus, gegen Amerika, den Vietnamkrieg und gegen das Militärbündnis ihres Landes mit den USA. "Wir sahen Japan als eine Art Kolonie Amerikas."

Irgendwann mussten die Studenten einsehen, dass sie verloren hatten. Der Kapitalismus blieb und auch das Militärbündnis bestand fort. "Wir fragten uns, was wir nun tun sollten: Dieser Gesellschaft weiter die Treue halten oder einfach weggehen?" Die familiäre Situation, die politische Enttäuschung, aber auch die Neugier auf das Leben jenseits des Inselreichs gaben den Ausschlag. 1973 verließ Furuya Japan, besuchte zunächst einen Freund in Österreich - und blieb. "Über das Auswandern hatte ich mir keine großen Gedanken gemacht. Aber eines war für mich sicher: Ich wollte nie mehr nach Japan zurück."

Nachdem die Ersparnisse aufgebraucht waren, fand Furuya einen Job als Verkäufer in einem Fotogeschäft in Graz. Es war ein Broterwerb, seine eigentliche Haupttätigkeit aber sah er in der Fotografie: Zusammen mit anderen gründet er einen Verein, später als "Camera Austria" bekannt. Sie organisierten Ausstellungen, veranstalteten Symposien. In Graz lernte er dann auch seine spätere Frau Christine kennen, eine Studentin der Kunstgeschichte, die Schauspielerin werden wollte.

Furuya war skeptisch ob der Ambitionen seiner Frau. "Ich fand, sie war zu sensibel, zu ehrlich für diesen Beruf. Wir haben deswegen auch gestritten." Am Ende gingen sie doch nach Wien, wo Christine Privatunterricht nehmen und am Max-Reinhardt-Seminar studieren wollte. Furuya gab seinen Verkäuferjob auf, er wollte mehr Zeit mit Fotografie verbringen. Doch das Leben für die Kunst bedeutete auch ein Leben ohne Einkommen.

Ein Angebot aus der DDR

Etwa zu dieser Zeit war es, sagt Furuya, dass seine Frau psychisch krank wurde. Immer häufiger hätten sich die Symptome gezeigt: "Sie war nervlich nicht stabil, hatte Depressionen." Sie wurde in Graz behandelt, mal ging es ihr besser, mal schlechter.

In Wien habe er dann dieses Jobangebot bekommen, "von einer japanischen Baufirma, die in Dresden im Hotelbau tätig war". Obwohl Japan und die DDR konkurrierenden Systemen angehörten, holte sich der Arbeiter- und Bauernstaat Unterstützung aus dem kapitalistischen Ausland. Der Tokioter Baukonzern Kajima Corporation sollte helfen, die DDR attraktiver für westliche Besucher zu machen, die Devisen ins Land brachten. Die Firma war daher mit dem Neubau des Hotels Bellevue in der Dresdner Innenstadt beauftragt worden. "In Wien hatten sie nach einem Dolmetscher gesucht - und über einen Bekannten mich gefunden. Ich habe es gemacht, weil unser finanzielles Problem damit gelöst war."

Der Arzt hielt den Ortswechsel für eine gute Idee, und auch Christine, so ist Furuya überzeugt, verband damit Hoffnungen. "Anfänglich ist auch alles gut gelaufen."

Der Japaner war gut informiert über das Leben in der DDR, es schreckte ihn nicht. "Ein anderes System zwar, aber die Leute waren nett." Überraschungen ergaben sich eher im Alltag. Zum Beispiel im Kindergarten. "Meine Frau sagte mir, wir dürften die Eltern von anderen Kindern nicht kontaktieren, dürften keine engeren Beziehungen zu ihnen haben." Seitens der Firma bekamen sie Ähnliches zu hören: Eine persönliche Kontaktaufnahme sei verboten. "Wir durften die Familien der Mitarbeiter nicht besuchen. Außerhalb der Arbeitszeit durfte es keine Treffen geben."

Tod am Feiertag

Die gesundheitlich gute Phase seiner Frau hielt nicht an. "Mit der Zeit wurde es wieder schlimmer." Die Isolation von der einheimischen Bevölkerung machte es nicht besser. Die Anfälle kamen wieder, Christine musste zur stationären Behandlung nach Graz.

Als das Bellevue 1985 fertig gestellt war, folgte Dolmetscher Furuya der Firma zu einem weiteren Großauftrag nach Ost-Berlin. Kajima baute das Grand Hotel an der Friedrichstraße und die junge Familie zog in ein Apartmenthaus in Hohenschönhausen. Mit dem Umzug wechselte Christine auch den behandelnden Arzt. Sie ging in die Charité. "Es war eine gute Entscheidung: Zum ersten Mal seit ihrer Erkrankung sagte sie, dass sie dem Arzt vertraue."

Auch gegen das Alleinsein schien eine Lösung gefunden: Furuya hatte mit seinem Arbeitgeber vereinbart, dass seine Frau ein bisschen im Büro helfen könne. Der 8. Oktober 1985 sollte ihr erster Tag bei Kajima sei. "Am Sonntag davor machten wir einen Familienausflug nach Potsdam." Furuya hat das nicht vergessen. Er hatte es in seinem Notizblock notiert. Aber auch ohne den würde er das Wochenende niemals vergessen können.

Denn nach diesem Wochenende nahm sich seine Frau das Leben. Sie sprang aus dem achten Stock. Es war Montag, der 7. Oktober 1985 - Nationalfeiertag in der DDR. Der Krankenwagen brauchte zwei Stunden bis zum Haus, weil die Rettungskräfte wegen der staatlichen Feierlichkeiten gebunden waren. Helfen konnten sie nicht mehr.

"Es war wirklich lustig"

Furya blieb danach mit seinem Sohn noch zwei weitere Jahre in der DDR. Der komplizierte Alltag zwischen der Arbeit als Dolmetscher und der Krankheit seine Frau hatte ihm keine Zeit gelassen - doch jetzt holte er die Kamera hervor. "Ich wollte so viel wie möglich fotografieren. Ich wollte Berlin dokumentieren. Den Ort, an dem meine Frau starb."

Im Nachhinein wäre er sogar gern noch ein bisschen länger geblieben. "Jetzt, da die DDR nicht mehr existiert, haben die Bilder eine andere Bedeutung." Man erkennt die skurrilen Inszenierungen, mit denen der untergehende Staat über seinen maroden Zustand hinwegtäuschen wollte.

"Es mag komisch klingen, wenn ich das sage - weil doch meine Frau dort gestorben ist - aber es war wirklich lustig. Besonders 1987 zum 750-jährigen Jubiläum der Stadt. Die DDR hat nach DDR-Art gefeiert: An jedem Wochenende war irgendein Fest. Man brauchte nur ein paar hundert Meter gehen. Für mich war das total interessant. Irgendwie habe ich schon gemerkt, dass sie da nicht freiwillig feierten."

Pünktlich zur 750-Jahrfeier wurde auch das Grand Hotel an der Friedrichstraße fertig. Für Furuya endete sein Job als Dolmetscher und der Aufenthalt in der DDR. Anfang August fuhr er zurück nach Graz.

Zum Weiterlesen:

Seiichi Furuya: "Mémoires. 1984 - 1987". Edition Camera Austria, Graz 2010, 350 Seiten.

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1.
Mathias Völlinger 12.07.2012
OMG! Das erinnert mich wieder an meine Anfangszeit hier in Berlin. 1991. Wohnung in Niederschönhausen bezogen, Klo wurde dort nachträglich eingebaut und zum duschen musste ich über die Kloschüssel steigen, weil Dusche war hinterm Klo eingebaut, lol. Schöner Artikel, Danke!
2.
Andreas Goselitz 13.07.2012
Guten Tag, ja es ist lange her. Damals mußten wir unserer Tochter erklären was die Männer/Frauen mit den bettelnden Händen von uns wollten. Das gab es in DDR zum Glück schon mal nicht. Und die im Westen übrig gebliebenen Schlaumeier hat hier auch niemand gebraucht. Buschpräme einstecken und dann auch och rummaulen :-) Schönes WE Andreas Goselitz
3.
Nikolai Stoikow 13.07.2012
Der "große, menschenleere Platz" (fehlt eigentlich nur noch das "irgendwo") in Ost-Berlin ist der Straußberger Platz, der auch heutzutage, wenn keine Autos ihn umfahren "groß und menschenleer" ist ;-) Ansonsten ein schöner und trauriger Artikel.
4.
Rene Koch 13.07.2012
Der "grosse menschenleere Platz" auf Bild #24 ist der Strausberger Platz in Berlin. Er ist übrigens jetzt immer noch menschenleer, was in seiner Funktion als Verkehrskreisel begründet liegt..
5.
Emil Peisker 13.07.2012
>Guten Tag, > >ja es ist lange her. Damals mußten wir unserer Tochter erklären was die Männer/Frauen mit den bettelnden Händen von uns wollten. Das gab es in DDR zum Glück schon mal nicht. Und die im Westen übrig gebliebenen Schlaumeier hat hier auch niemand gebraucht. Buschpräme einstecken und dann auch och rummaulen :-) > >Schönes WE > >Andreas Goselitz Hallo Andreas Goselitz Hier geht es doch um die Zeit bevor der Westen in der DDR erschien. Eigentlich sind die Bilder des Japaners nichts Besonderes. Ein Oberstleutnant der Staatssicherheit hat mir die hundertfache Menge in Kisten, zusammen mit seinen ins Deutsche übersetzten russischen Heldenepen (Subarow u.a.) des vaterländischen Krieges vermacht. Er hatte zwar vor der Wende strengstes Verbot mit Westdeutschen Kontakt aufzunehmen, aber seine nette Frau und seine schwere Erkrankung relativierten Vieles. 1988 und '89 diskutierten wir die Wirkungen Gorbatschows auf die Staaten des Warschauer Paktes. Seine Sicht der Dinge, was die Zukunft der DDR anbetraf, war schon im Juli '88 sehr pessimistisch. Zwar galt die DDR im Ostblock noch als Wirtschaftswunderland, aber wer hinter die Kulissen der penetrant gefälschten Planzahlen blickte, der wusste, was anstand. Wenn das die einzige "Errungenschaft" der DDR war, dass es keine Bettler gab, dann wissen Sie und ich doch wovon wir reden.
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