Ost-Berliner Musiker Mein erster Sommer im Westen

Eine ihm ganz unbekannte Stadt entdeckte der Ost-Berliner Kontrabassist Andreas Wylezol, als er 1988 mit Claudio Abbados Jugendorchester auf der anderen Seite der Mauer auftrat. Bald geriet er ins Visier der Stasi.

Andreas Wylezol

Zur Person

"Wie kommt man eigentlich von Ost-Berlin nach West-Berlin?" Diese Frage hätte ich im Sommer 1988 im DDR-Kulturministerium besser nicht gestellt. Augenblicklich erstarrten die Gesichter der Ministeriumsmitarbeiter, die uns vor unserem Grenzübertritt "belehren" sollten. Denn offiziell gab es weder ein Ost- noch ein West-Berlin, nur die Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik. Bezirke wie Friedrichshain, Pankow oder Marzahn fand man auf allen Karten fein säuberlich eingezeichnet. Das Gebiet jenseits der Mauer war dagegen eine rot schraffierte Fläche, als "Berlin-West" bezeichnet.

Mit sieben weiteren Musikstudenten aus der DDR, alle um die 20 Jahre alt, war ich ausgewählt worden, unter dem weltbekannten Dirigenten Claudio Abbado zu spielen. In Wien hatte er zwei Jahre zuvor das Gustav Mahler Jugendorchester gegründet, das Musiker aus europäischen Staaten außerhalb der Europäischen Gemeinschaft (EG) aufnahm.

1988 durfte zum ersten Mal auch der Spitzennachwuchs der DDR an den Tourneen teilnehmen. Mit Gleichaltrigen aus Ländern wie Österreich, Ungarn, der Tschechoslowakei und Schweden sollten wir in den nächsten Wochen Konzerte geben - in West-Berlin, Amsterdam, Salzburg, Interlaken, Frankfurt am Main und Bozen.

Aber auf keinen Fall Kontakt zu Westlern

Noch bevor mein erster längerer Aufenthalt im sogenannten kapitalistischen Ausland begann, war ich den Behörden also schon unangenehm aufgefallen. Trotz meines Ausrutschers erhielt ich einen Reisepass mit Visum. Man schärfte uns ein, keinesfalls mit Personen aus dem "Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet" zu sprechen. Doch wie sollte das gehen, wenn etwa unser Pultnachbar im Orchester Österreicher war? Auf diese Frage bekamen wir vom Ministerium keine klare Antwort.

Mit dem blauen DDR-Pass in der Tasche war ich schon im Frühjahr 1988 mit Abbados Orchester im slowakischen Piestany, in Bratislava, Budapest, Graz, Prag und Wien aufgetreten. Dass ich als Kontrabassist dabei sein durfte, hing offenbar auch damit zusammen, dass man mich im Vorjahr bereits gründlich "durchleuchtet" hatte.

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Als Ost-Musiker im Westen: "Die Nachbarn dachten, ich sei abgehauen"

Im Mai konnte ich deshalb als "Reisekader" zu einem internationalen Musikwettbewerb in die französische Stadt Reims fahren. Nach meiner Rückkehr wurde der Reisepass sofort wieder eingezogen. Der DDR kamen solche Wettbewerbe gelegen. Wie im Sport wollte man auch in der Kultur zeigen, dass die staatlich gelenkte Ausbildung zum Erfolg führte. Mit den Preisgeldern kamen zudem Devisen ins Land.

Mitte Juli durften wir acht Musiker dann über den "Tränenpalast" und den Bahnhof Friedrichstraße zu den Konzertvorbereitungen nach West-Berlin reisen. Vom Bahnhof Zoo aus fuhren wir in einem Doppeldeckerbus zum Hotel nahe dem Lützowplatz.

West-Berlin leuchtete

Plötzlich entdeckte ich eine völlig unbekannte Stadt in meiner Stadt, die ich seit 20 Jahren kannte. Ich staunte über die zahlreichen Geschäfte und die bunten Leuchtreklamen. In der DDR waren alle Straßen grau. Auch der Geruch im Westen war anders.

Drei Wochen lang probten wir jeden Tag in der Berliner Philharmonie, bevor wir mit Claudio Abbado und der berühmten Sopranistin Jessye Norman am 6. August in der Waldbühne die Dritte Sinfonie von Gustav Mahler aufführten. Die Waldbühne war für mich ein Mythos, weil dort auch bekannte Rockbands gastierten. Während unseres Probenlagers trat da beispielsweise Bruce Springsteen auf, der gerade auch ein spektakuläres Konzert im Osten gegeben hatte.

West-Berlin war 1988 Kulturstadt Europas. Für die DDR war das sicher eine große Provokation. In unserem Hotel war auch das Jugendorchester der EG untergebracht, das die "Gurre-Lieder" von Arnold Schönberg einstudierte. Mittags und abends aßen wir alle gemeinsam in einem großen Spiegelzelt. Davor standen Tischtennisplatten.

Einmal spielte ich im Doppel mit einer Geigerin aus Wien gegen Claudio Abbado und den britischen Dirigenten James Judd. Gleichzeitig machten österreichische Musiker mit Kollegen aus dem EG-Orchester Blasmusik. Über alle Sprachgrenzen hinweg haben wir uns durch die Musik fabelhaft verstanden, jeglicher politische Ballast war von uns abgefallen.

Kulturschock jenseits der Mauer

Ich hatte Mühe, die vielen neuen Eindrücke zu verarbeiten. Um zu einer gewissen Normalität zu finden, ging ich zwischendurch immer wieder über die Grenze in den Osten zurück. Manchmal reichte es mir schon, mit der S-Bahn bis zum Ostkreuz zu fahren und wieder umzukehren. Nur so konnte ich diesen extremen Bruch zwischen Ost und West bewältigen.

Dass ich mich ständig zwischen beiden Teilen der Stadt hin- und her bewegte, sorgte allerdings für Irritationen. Kurz nach unserer Ankunft im Westen kamen Reporter der "Abendschau" vom Sender Freies Berlin, um uns zu interviewen. Als ich das nächste Mal meine Eltern besuchte, sah ich über den Köpfen der Nachbarn tausende Fragezeichen aufsteigen. Sie hatten mich im Fernsehen gesehen und waren wohl alle davon ausgegangen, dass ich abgehauen sei.

Gustav Mahler Jugendorchester: Konzert in Abu Dhabi (2016)

Unser Waldbühnenkonzert mit Abbado war ein überwältigendes Erlebnis. Mit mehr als 20.000 Zuschauern waren die Ränge der riesigen Freilichtbühne voll besetzt. Die Leute hatten Weinflaschen und Picknickkörbe dabei, dazu zwitscherten die Vögel. Ich erinnere mich noch gut an das Posthorn-Solo im dritten Satz der Mahler-Sinfonie, es kam mitten aus dem Wald. Jessye Normans eindrucksvolle Stimme riss uns alle mit. Zum Schluss hielten viele im Publikum brennende Feuerzeuge hoch.

Zurück in der DDR wurde ich rasch von der tristen Realität eingeholt. Durch Zufall erfuhr ich, dass ich ins Visier der Stasi geraten war und dass man mir weitere Reisen verbieten wollte. Etwa ein halbes Jahr hing ich in der Luft und wusste nicht, wie es mit meiner Musikerlaufbahn weitergehen würde.

Euphorie macht verdächtig

Irgendjemand musste der Stasi zugetragen haben, ich hätte mich allzu euphorisch über den Westen geäußert. Daraus folgerte man, ich wolle mich ins Ausland absetzen. Dabei war ich einfach nur begeistert von Claudio Abbado, unseren Konzerten und dem Gemeinschaftsgefühl im Orchester; in Salzburg durften wir sogar mit Herbert von Karajan an einem Tisch sitzen. Daraus wollte man mir nun zu Hause einen Strick drehen. Die DDR interessierte nur, ob wir alle zurückgekommen waren und unsere Pässe abgegeben hatten.

Auf einmal durfte ich doch wieder mit dem Mahler Orchester ins Ausland. In Salzburg sah ich im Sommer 1989, wie zahlreiche Busse mit DDR-Bürgern aus Ungarn ankamen. Da fasste auch ich den Plan, mein Land zu verlassen.

Im Oktober wurde ich beim Bottesini-Wettbewerb in Parma Dritter und fuhr mit dem Preisgeld - umgerechnet 5000 DM in bar - quer durch die DDR nach West-Berlin, wo ich die Summe auf einem Sparkonto deponierte. Dazu rieten mir zwei Wettbewerbsjuroren, sie hatten zuvor die Kosten für meine Reise und den Aufenthalt in Italien übernommen. Als ich ohne Devisen nach Ost-Berlin zurückkam, erklärte ich, den Juroren ihre Auslagen erstattet zu haben. Dem konnte das Kulturministerium nichts entgegensetzen.

Kurz darauf reiste ich zu einem Kontrabass-Kurs nach Österreich. Meine Entscheidung, die DDR zu verlassen, stand nun fest. Nur wenige Tage später fiel allerdings die Mauer. Während sich zu Hause Tausende an den Grenzübergangen zum Westen drängten, saß ich mit Freunden ahnungslos beim Heurigen in Wien. Was an dem Abend tatsächlich in der DDR passiert war, erfuhr ich erst am nächsten Morgen, als mich ein Professor der Wiener Musikhochschule bei sich zu Hause empfing. "Ich habe es immer gewusst!", rief er mit Tränen in den Augen.

In einem Mitschnitt der Fernsehnachrichten sah ich, wie die Menschen auf der Mauer standen. Noch am gleichen Abend fuhr ich zurück nach Berlin.


Am 24. August 2018 tritt das Gustav Mahler Jugendorchester bei den Salzburger Festspielen auf, am 30. August in der Elbphilharmonie Hamburg und am 1. September in der Semperoper Dresden.

Aufgezeichnet von Corina Kolbe

insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Thomas Haude, 12.08.2018
1. Ich will ja nicht meckern...
Selbst in Ost-Berlin geboren (Jahrgang 65) bin ich sehr skeptisch gegenüber diesem Beitrag. Ich kann mich nicht erinnern, daß Leute aus meiner Generation so ohne weiteres nach Wien oder West-Berlin gekommen sind. Selbst ein DDR-Reisepass war unerreichbar. Die Realität sah folgendermaßen aus: 10 Jahre POS (mit der heutigen Real-Schule vergleichbar), das Abitur war nicht den Besten, sondern Kindern der Nomenklatura oder zukünftigen Berufsoffizieren vorbehalten. Von 16-18 Berufsausbildung, danach kam der "Einberufungsbefehl" für 18 Monate "Grundwehrdienst". Es ist für mich nicht nachvollziehbar, daß der Autor so einfach einen Reisepass bzw. Ausreisegenehmigung ins sogenannte "NSW" bekam. Dazu gehörten mehr als gute Beziehungen, zu mindestens eine Ehefrau und Kinder die als "Pfand" in der DDR zurück blieben. Dieses Privileg des Reisen nur mit seinem Talent und musikalischen Fähigkeiten zu begründen, hat für mich einen sehr faden Beigeschmack. Diese Freiheit zu erhalten, ging nur über sehr gute Beziehungen zu den obersten Kreise der Macht des SED-Unrechtsstaates.
Jochen Hoffstätter, 12.08.2018
2. ...
Dieser Beitrag ist für mich nur eine weitere Bestätigung, das die Wiedervereinigung alternativlos war. Unabhängig von den Verwerfungen die in der ex DDR stattgefunden haben, der, in meinen Augen, kriminellen Treuhand und den ewig gestrigen in den neuen Bundesländern. Ich als Westdeutscher hatte nie geglaubt die Wiedervereinigung zu erleben. Ehrlich gesagt hatte sie mir seinerzeit auch nicht gefehlt. Für mich ist es gut so wie es ist. Mein Schwiegersohn ist Ostberliner. Unsere drei Enkel sind Gesamtdeutsche Berliner!
Stefan Claus, 12.08.2018
3. Zonen-Andreas (51) im Glück: seine erste Banane
Vielleicht waren die Ost-Berliner Aufseher etwas dienszeifriger. Aber ich kannte kein Kontaktaufnahme-Verbot, obwohl ich mehr als hundert ähnliche Fälle junger Musiker kenne, die ebenfalls im NSW (nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet) unterwegs waren. Außerdem betraf das auch viele Sportler. Thomas' Einschätzung (1. Kommentar) dass man dafür besonders staatsnah sein musste, trifft nach meiner Wahrnehmung nicht zu. Aber die Dinge unterscheiden sich sicher nicht nur nach Ort, sondern auch nach Zeit, in der die Erfahrungen gesammelt wurden.
Corina Kolbe, 12.08.2018
4. @Thomas Haude,
Lieber Herr Haude, ich selbst bin nicht in der DDR aufgewachsen und kann nur wiedergeben, was mir verschiedenen von mir interviewte Zeitzeugen berichtete haben. Demnach konnten Künstler und Sportler unter bestimmten Voraussetzungen zu Auftritten und Wettkämpfen auch ins westliche Ausland reisen. Und ein Musikstudium beispielsweise wurde als Dienst an der Gesellschaft begriffen, so dass ein solcher Student von FDJ-Aktivitäten freigestellt wurde und nicht zum Wehrdienst eingezogen wurde. Dass die acht Musiker 1988 Pässe erhielten, um gemeinsam mit gleichaltrigen Musikern aus anderen Ostblockstaaten und aus dem Westen auf Tourneen durch Ost-und Westeuropa zu gehen, war in der Tat außergewöhnlich. Dazu muss man die Geschichte des von Claudio Abbado in Wien gegründeten Gustav Mahler Jugendorchesters kennen. In Grundzügen habe ich diese Geschichte in den Texten zu der Bilderstrecke zu skizzieren versucht. Als weltbekannter Dirigent hatte Abbado einen hervorragenden Ruf, der ihm die nötige Unterstützung für dieses zunächst utopisch erscheinende Projekt sicherte. Für die DDR-Führung mag es ein Anreiz gewesen sein, ihren Spitzennachwuchs auf diese Weise ins internationale Rampenlicht rücken zu können. Dafür nahm man offensichtlich auch in Kauf, dass die Musiker mit Kollegen aus dem Westen zusammentrafen, obwohl solche Kontakte prinzipiell nicht erwünscht waren. Die Stasi, auch dies ging aus den Zeitzeugenberichten hervor, hatte die Orchestermitglieder aus der DDR während der Tourneen genau im Auge.
Emil Peisker, 14.08.2018
5. Es war halt nicht so simpel...
*Thomas Haude,* 12.08.2018 *1. Ich will ja nicht meckern...* Selbst in Ost-Berlin geboren (Jahrgang 65) bin ich sehr skeptisch gegenüber diesem Beitrag Werter Thomas Haude Dann lassen Sie mich mal eine andere Story erzählen: Im Mai 1988 fand in Köln eine Hochzeit statt. Ein Hochzeitsgast kam aus Karl-Marx-Stadt, heute wieder Chemnitz. Ein junger Mann, Klaus, 22 Jahre. Es war seine erste Reise in den Westen. Er war ledig, lebte bei seinen Eltern, die etwas außerhalb von Karl-Marx-Stadt wohnten. Er hatte die Erlaubnis zu dieser Reise bekommen, weil die Braut seine ältere Schwester war. Beruflich war er in der Trabiproduktion beschäftigt. Am Tag nach der Herzog fand in Brüssel eine große Europafestivität statt. Ich bot ihm an, ihn mitzunehmen. An der belgischen Grenze bekam er diesen Ersatzpass, bei dem ich ihm riet, den nach der Rückkehr zu vernichten. Es war eine beeindruckende Veranstaltung vor dem Rathaus von Brüssel. Ein Begegnung mit einer amerikanischen Touristin, die in einem Veranstaltungszelt neben uns saß, hat den Jungen fast umgehauen. Ich kam mit Ihr ins Gespräch und Sie erzählte mir dann, dass sie Häuser vermittelte zwischen Familien in den USA und Deutschland. Also die Deutschen machen 3 Wochen Urlaub im Haus der Amerikaner und die ebenso im Haus der Deutschen. Als dem jungen Mann aufging, was das für Freiheiten waren, heulte er los wie ein Schlosshund. Da dachte ich schon, der wird nie wieder zurückgehen in die DDR. Aber weit gefehlt, er sagte mir, dass er seine Eltern nie allein lassen würde. Er hatte ein Auto, seine Eltern hatten ein Haus mit Garten, sein Beruf machte ihm Spaß, er war rundherum zufrieden. Gut, dass er diese Entscheidung traf. Er ist heute immer noch in der Autoindustrie beschäftigt, hat das Haus geerbt und war schon einige Male in Kalifornien. Er hat keine politischen Ambitionen und so ist seine Vita auch ungebrochen, was man von manchen DDR-Bürgern, die während der Wende alles stehen und liegen ließen und ins gelobte Land gingen, nicht sagen kann.
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