Ost-Punk "Mir fehlt die DDR"

Ost-Punk: "Mir fehlt die DDR" Fotos
Motor Music

Die Sex Pistols im Westradio, Punkkonzerte als Kirchenandachten und literweise Bier: In den achtziger Jahren blühte in den Hinterhöfen des DDR-Systems der Punk-Rock. Der "Rammstein"-Keyboarder Flake war mittendrin. Mit seiner damaligen Band "Feeling B" schaffte er es sogar, das erste Punk-Album des SED-Staats zu veröffentlichen. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 19 Kommentare
    3.0 (1673 Bewertungen)

Flake, bürgerlicher Name Christian Lorenz, wurde 1966 in Ost-Berlin geboren. Seit 1994 ist er Keyboarder der ebenso martialischen wie weltberühmten Band "Rammstein". 1983 gründete er - inspiriert von West-Bands wie den "Sex Pistols" und den "Stooges" - mit drei Freunden "Feeling B", eine der bekanntesten Punk-Combos der DDR. Die Anarchokapelle mit den Nonsens-Texten war im Osten sogar so populär, dass sie 1989 als erste Punk-Band ein eigenes Album bei dem offiziellen DDR-Label Amiga veröffentlichen durfte.

Nun hat Flake alte "Feeling B"-Aufnahmen ausgegraben und unter dem Titel "grün & blau" als CD, zusammen mit einem Buch über die Geschichte der Band, herausgebracht. Auf einestages erzählt er, wie es war, im Osten in einer Punk-Band zu spielen.

Manchmal fragen mich Leute, wie es möglich war, als Jugendlicher im Osten Punk zu hören. Tatsache ist: Es war Anfang der Achtziger so gut wie unmöglich, als Jugendlicher in der DDR am Punk vorbeizukommen!

Einmal in der Woche lief im Westradio John Peel, der englische Radiomoderator. Das zu hören, war Pflicht. Und dann gab es natürlich noch den Sender Freies Berlin und RIAS 2, auch Westsender, auf denen abends Rock gespielt wurde. Was in der DDR im Radio lief, interessierte damals niemanden. Ich kenne jedenfalls keinen, der freiwillig Ostradio gehört hat.

Mein Erweckungserlebnis in Sachen Punk-Rock hatte ich aber auf einer Party: Damals gab es natürlich noch keine DJs, das Wort gab es gar nicht. Da war einfach eine Feier in der Wohnung von irgendwem, und es lief Musik von Kassetten, immer ganze Alben. Als dann "Never Mind The Bollocks, ...", die erste Platte der Sex Pistols gespielt wurde, war mir sofort klar: Das müssen sie sein! Wir kannten den Namen der Band schon lange, bevor wir die Musik gehört haben - die Sex Pistols lagen irgendwie in der Luft.

Danach bin ich rumgerannt und wollte unbedingt in einer Band spielen. Mir war sogar egal, welche Musik die machte. Voraussetzung dafür war allerdings ein eigenes Instrument. Solange ich keines hatte, spielte ich in einer Kirchenband Blues-Rock. Bei den Proben konnte ich aber immer nur daneben sitzen und zuhören oder Bier holen. Und für die Konzerte musste ich mir ein E-Piano ausborgen. Damals gab es viele Bands, die in Kirchen probten und auftraten. Denn Kirchen waren praktisch rechtsfreier Raum, das heißt, dort durften die übelsten Punk- und Blues-Bands spielen, weil das als Andacht galt.

Die Polizei war der größte Feind

Mein Vater hat meine Begeisterung für Punk sofort verstanden, weil er früher Jazz gemacht hat. Und das war für die Zeit damals noch schräger als für uns Punk. Irgendwann hat er mir eine Weltmeister-Orgel gekauft. Die war schon 20 Jahre alt - so veraltet, dass sie schon wieder cool war. Die Orgel hat 2000 Mark gekostet. Das war ganz, ganz viel Geld, wenn man bedenkt, dass mein Vater als Ingenieur, Konstrukteur und seit 20 Jahren Oberchef einer Fabrik gerade mal 800 Mark im Monat verdiente.

1983 habe ich dann Aljoscha, Paul und Alexander getroffen. Und ab dem Tag hockten wir ständig aufeinander. Wir haben zusammen gewohnt, sind zusammen in den Urlaub gefahren, wir haben den ganzen Tag über Gott und die Welt gequatscht. Uns war klar: Wenn man eine Band zusammen hat und es wirklich ernst meint, verbringt man das ganze Leben miteinander.

Geprobt haben wir in der Wohnung, ganz stumpf, mitten im Wohnhaus. Es war irrsinnig laut, aber beschwert hat sich keiner. Unter uns die Nachbarn hatten Kinder, und wenn sie sie ins Bett bringen wollten, kamen sie hoch und sagten: "Hört mal bitte auf." Denn der gemeinsame Feind, die Polizei, war immer noch größer als der Lärm.

Keine Punk-Band im Sinne der Punks

Und genau genommen war unsere Musik nicht viel mehr als Lärm. Wir waren ein Haufen Dilettanten, und in unseren Texten ging es eigentlich um gar nichts. In den Augen von Punks waren wir überhaupt keine Punkband. Die haben uns nie ernst genommen, vom ersten bis zum letzten Tag nicht. Für die Funktionäre dagegen waren wir natürlich übelster Punk. Und meine Mutter hat zu allen Bands nur "Hottentottenmusik" gesagt. Die hat nicht gewusst, was jetzt die Beatles und was Heavy Metal ist - für die war alles Hottentotten. Und genau so war für die Funktionäre alles Punk.

Als wir "Feeling B" gegründet haben, war die große Welle der Punk-Bands längst vorbei. "Planlos", "L'Attentat", "Wutanfall", "Tapetenwechsel" - die haben Jahre vorher für uns die Kämpfe ausgefochten. Die sind für ihre Musik ins Gefängnis gegangen, sind in den Westen abgeschoben worden oder geflohen, weil sie wussten, es gibt Ärger. Dagegen waren wir wirklich harmlos. Ich wusste bis vor kurzem nicht mal, dass ich eine Stasi-Akte hatte. Die habe ich mir dann auch gleich mal schicken lassen. Mein Lieblingssatz geht etwa so: "Herr Lorenz tritt sehr gepflegt auf, ist sehr höflich. Er hat zwar Jeans an, die aber gewaschen sind." Schon der Umstand, Jeans anzuhaben, ist in der Stasi-Akte erwähnenswert. Das fand ich ziemlich witzig.

Als wir genug Songs hatten, sind wir an den Wochenenden auf Tour gegangen. Jeder Ort hatte einen Dorfsaal. Da war immer sonnabends Tanz - und es war immer voll. Um 15 Uhr kamen die Leute, um 16 Uhr war es gerammelt voll, um 17 Uhr haben die Bands angefangen zu spielen. Oft sind eine Blues-Band, eine Punk-Band und eine Metal-Band am selben Abend aufgetreten. Die Blues-Fans und die Punk-Fans waren im Prinzip eine Gruppe. Oft sind aus Bluesern Punks geworden. Bei mir war das auch so. Vor meiner Punk-Phase trug ich eine Thälmann-Mütze, kurze Jeans und Tramper. Und dann hab ich mir halt die Haare hochgemacht, alte Jackets angezogen und war Punk.

"Dafür hab' ich Eintritt bezahlt? Seid ihr bekloppt?"

Die Tour-Wochenenden liefen immer gleich ab: früh treffen, Bier trinken, dann in einen alten Lkw steigen, sechs Stunden zum Konzert fahren und Bier trinken. Ankommen, Bier trinken. Essen, aufbauen, Bier trinken. Beim Spielen: Bier trinken. Und nach dem Spielen: Schnaps trinken. Wir haben uns halb tot gesoffen, das gehörte dazu. Der Alkohol war ja das einzige, was es im Osten gab. Wir haben Unmengen getrunken, ich mag mir das gar nicht vorstellen im Nachhinein. Es gibt Fotos von Konzerten, bei denen unser Sänger Aljoscha mit dem Mikro in der Hand total besoffen auf der Bühne lag und fest schlief.

Die Leute waren dann auch völlig verschreckt, als sie uns das erste Mal sahen. Die haben Bierhumpen geworfen. Verständlich. Es gab viele Konzerte, da haben wir nur einen Titel gespielt, und dann war der Sänger weg. Oder alles ist zusammengebrochen oder die Leute sind einfach raus gerannt. Wir waren wirklich schlecht und oft einfach nur peinlich. Da kamen die Zuschauer danach zu uns und sagten: "Dafür hab' ich jetzt Eintritt bezahlt? Seid ihr bekloppt?" Dazu konnten wir dann auch nicht viel sagen. Sie hatten ja Recht. Doch die Leute wollten dieses Chaos auch ein bisschen. Es hat sie genervt, dass immer alles so ordentlich war, und bei uns wusste man nie, was passiert. Später kamen dann manchmal 1000 Leute nur wegen uns zu einem Konzert.

Wirklich Geld verdient, von dem wir leben konnten, haben wir aber erst nach der Wende und auch nur für kurze Zeit. Vorher ging es ums Überleben. Um uns über Wasser zu halten, haben wir Ohrringe aus Silberdraht gemacht und verkauft. Oder jemand hat Bettlaken besorgt, und wir haben die gefärbt und Hemden draus gemacht.

Wir haben gefeiert, der Stasi-Typ hat Brötchen geschmiert

Ende der Achtziger wurden wir dann auf einmal gefragt, ob wir eine Platte bei Amiga aufnehmen wollen. Das war in der Wendezeit, als die DDR schon fast am Ende war. Vielleicht wollten sich ein paar Funktionäre noch schnell irgendwie weltoffen geben. So wurden wir die erste Punkband, die in der DDR eine Platte aufnehmen durfte. Das war ein Riesenspaß.

Wir waren in dem Studio, in dem schon Manfred Krug seine Platten eingesungen hat. Dort arbeitete ein Team von hochqualifizierten Tontechnikern. Die kannten zwar nicht soviel, aber wir haben Kassetten mitgebracht und denen so böse Sachen wie Laibach vorgespielt - eben was es zu der Zeit Wildes gab. Damit sie mal merkten, was richtig Bums ist.

Im Studio durften wir so ziemlich alles machen, was wir wollten. Wir haben da Punks eingeladen, die die Chöre gebrüllt haben, Partys gefeiert, und vorne saß ein dicker Stasi-Typ, der hat Brötchen geschmiert. Aber wenn 23 Uhr war, haben sie gesagt: "Los, Strom aus, Licht aus, Schicht, Ende." Auf die Minute wurde da Rockmusik produziert, egal ob das Lied fertig war oder nicht.

Dann kam der Systemwechsel. Wir hatten zum Glück schon eine kleine Fangemeinde, sodass wir noch live weiterspielen konnten, aber im Osten hat's erstmal keinen interessiert, die wollten jetzt Westbands sehen und hören. Und im Westen haben wir einmal in Nürnberg in einem Club gespielt, da kamen acht Mann.

Nach der Wende ist alles abgestorben

Wir haben uns im Prinzip um dieselbe Zeit aufgelöst wie "Die Skeptiker", "Sandow" und die meisten anderen Ost-Punk-Bands. In den Jahren nach der Wende ist alles abgestorben. Durch den Systemwechsel hatten wir irgendwie keinen Feind mehr, keine Orientierung. Wir haben gemerkt, wenn wir mit unserem lustigen Ding weitermachen - ähnlich wie "Die Ärzte", die "Brieftauben" und sonst wer - interessiert das im Westen keinen. Wenn man wirklich Ärger machen will, muss man was Neues auffahren, das die Leute wirklich hochschreckt. Also haben wir "Rammstein" gegründet. Diese Art der Brutalität war für uns das beste Mittel, um uns musikalisch treu zu bleiben und trotzdem etwas zu machen, das durch diesen ganzen Wust von englischsprachigen Bands und diesem Mist durchkommt.

Im Osten gab es ja auch kein System zum Kritisieren. Wir fanden ja die DDR gut, schon zu Ost-Zeiten. Wir konnten machen, was wir wollten, wir hatten keine Existenzängste. Ich fand alles gut. Auch die Mauer war für mich eine klare Sache. Da stand dran: "Wer versucht rüberzugehen, wird erschossen." Und wenn man dann rübergeht, weiß man, dass man erschossen werden kann. Man hatte also immer eine Alternative.

Ich musste mich damals auch entscheiden: Ich wollte auf keinen Fall zur Armee, man musste aber hin, sonst konnte man sogar ins Gefängnis kommen. Trotzdem habe ich mich dagegen entschieden. Dafür durfte ich dann nicht studieren und konnte nicht Arzt werden. Das war für mich eine freie Entscheidung. Für mich bedeutet Freiheit, dass man die Wahl hat, zu tun, was man will. Und das hat für mich im Osten sehr gut funktioniert. Und jetzt passiert durch den Kapitalismus so viel Dreck hier um mich herum. Weil so viele Menschen irgendwelchen Mist machen, nur um Geld zu verdienen. Das nervt mich.

Bis heute fehlt mir die DDR sehr. Mehr als die Bands von damals.

Aufgezeichnet von Benjamin Maack

Zum weiterlesen und anhören:

Feeling B: "grün & blau". CD und Buch. Motor Music

Artikel bewerten
3.0 (1673 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Anja Bormann 19.02.2008
Ach, Flake, der Großteil Deiner Argumentation mag so stimmen. Auch ich denke an eine Jugend zurück, in der unsere Freiheit, die große räumliche einmal ausgenommen, schier unbegrenzt erschien, gerade, was den Alkohol betraf! Jedoch habe ich DDR-Radio gehört und das auf DT64 (Parocktikum! Danke Lutz Schramm!)und meine langhaarigen Freunde die Tendenz Hard bis heavy! Es gab also guten Hörfunk in der DDR! Sven
2.
Tilman Peters 19.02.2008
Bei allem Respekt für die musikalischen Leistungen des Autors und bei allem Verständnis für die Kritik an alltäglichen Anpassungszwängen bleibt mir dennoch angesichts dieses Beitrages hier die Spucke weg. Das Wissen darum, dass man bei 'Grenzverletzung' getötet werden würde mit dem Satz "man hatte also immer eine Alternative" zu kommentieren ist nicht nur eine Unverschämtheit jenen gegenüber, die dort tatsächlich erschossen wurden. Dass sich Christian Lorenz gegen den Militärdienst entschied, dafür bewusst auf ein Studium verzichtete (zu dem er offensichtlich auch keine Lust hatte?) bezeichnet er als "freie Entscheidung". Mag sein, dass man mit einer "no future"-Haltung in der DDR nicht notwendigerweise mit dem Staat in Konflikt geraten musste. Aber von einem 42 Jahre alten Mann, der nebenbei mit seiner Band Millionen von Schallplatten weltweit verkauft und insofern doch selbst voll und ganz im Westen angekommen zu sein scheint, sollte man 18 Jahre nach der Wende eine realistischere Einschätzung des diktatorischen Charakters der DDR erwarten - und bei aller Lust zur Provokation - ein bisschen Respekt gegenüber denjenigen, die nicht im Tonstudio "so ziemlich alles machen, was wir wollten" während ein "Stasi-Typ" Brötchen schmierte. Und den letzten Satz verstehe ich vor dem Hintergrund der Ausführungen zu der Szene, den Systemzwängen heute und in der DDR und der Punk-Alternaive Rammstein, mit der der Autor dann im Westen "wirklich Ärger machen" wollte, überhaupt nicht.
3.
Andreas Bretschneider 19.02.2008
Herr Lorenz kann sich ja mit der niedersächsischen Landtagsabgeordneten in spe Christel Wegener zusammentun, um gemeinsam der untergegangenen DDR nachzutrauern. Die Stasi hat Stullen geschmiert und der Schießbefehl war auch ganz in Ordnung. Und damit es jetzt keiner überliest: Vom System sprechen zur Zeit nur die Neonazis. Das zweimal gebrauchte Wort Systemwechsel hat einen üblen Beigeschmack. Menschen, die von der DDR politisch verfolgt wurden, dürften sich von diesem Beitrag verarscht fühlen. Ich auch.
4.
Len Wegner 19.02.2008
So leichtfüssig und sympathisch die Erzählungen von Flake Lorenz über das Leben als Punkrocker in der DDR daherkommen, so wenig nachvollziehbar bleibt sein Resumee zur Frage der "Freiheit" junger Menschen hinter der Mauer. Dass die Selbstschussanlagen an der Grenzen für ihn bloßes Denkmal des real existierenden Reichtums an Alternativen ist, finde ich sogar ziemlich blöd. In etwa: "Wenn du da rüber willst, wirst du erschossen, okay, dann geh nicht rüber." Aus dieser Einstellung spricht nicht Punkrock, sondern individuelle Angepasstheit an ein Scheiß-System. Das im Hinterkopf bleibt von der Coolness eines Amiga-Deals auch nicht viel übrig.
5.
Miguel Polster 19.02.2008
Netter Artikel (auch wenn ich Rammstein für grässlichen Schmalz halte... dann doch besser Dead Kennedys oder Einstürzende Neubauten).
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH