Ostern Helden, die Haken schlagen

Ostern: Helden, die Haken schlagen Fotos

Kuschelhasen und Killer-Karnickel: Millionen Kinder freuen sich auf den Osterhasen - dabei ist der eigentlich viel langweiliger als seine berühmten Verwandten aus Filmen, Büchern und Fernsehen. einestages ging auf Hasenjagd - und fand die süßesten, skurrilsten und tödlichsten unter den Langohren. Von Benjamin Maack und Danny Kringiel

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Es ist stockfinster im Kinosaal. Über die Leinwand flimmert ein Zombiefilm. Nur ein Schülerpärchen hat sich in die Vorstellung verirrt. Der Junge starrt wie in Trance auf die Leinwand, seine Freundin ist eingeschlafen. Plötzlich sitzt neben ihnen ein Hase, menschengroß und grotesk: Zwischen seinen hohlen Wangen ragt ein Überbiss voller Pferdezähne hervor, seine Hasenohren sind vertrocknet wie die eines Kadavers am Straßenrand. Aus pupillenlosen Augen starrt er den Jungen an. Der fragt: "Wieso trägst du dieses blöde Hasenkostüm?" Der Hase flüstert zurück: "Wieso trägst du dieses blöde Menschenkostüm?"

Wenn im Frühling Blumen die kahle Erde durchstoßen und sich an den Bäumen Knospen zu öffnen beginnen, haben Hasen ihren großen Auftritt. Jahr für Jahr freuen sich Kinder auf die feierliche Eiersuche, und es scheint, als wäre das schon immer so gewesen. Dabei ist der Osterhase historisch gesehen noch gar nicht trocken hinter den Ohren: Erst Mitte des vergangenen Jahrhunderts konnte er sich gegen andere tierische Eierboten wie den in der Schweiz üblichen Kuckuck, den in Böhmen verbreiteten Hahn oder den westfälischen Osterfuchs durchsetzen. Andere Hasen waren da schon viel früher zu Berühmtheit gelangt.

Jener Horrorhase mit Pferdegebiss aus dem Film "Donnie Darko" von 2001 ist nur einer von vielen Langohren aus der Literatur-, Film-, Kunst- und Comicgeschichte. Die Reihe seiner Ahnen reicht von Dürers berühmtem "Feldhasen"-Aquarell über Bugs Bunny bis hin zum unermüdlich trommelnden Duracell-Werbehasen. Und jeder von ihnen hätte eine spannende Geschichte zu erzählen - wenn er es denn könnte.

"Ist der süüüß!"

Wir schreiben das Jahr 1865. Zwei junge Damen sitzen müßig in einer englischen Parkanlage. Die Ältere von ihnen liest, während die Jüngere, Alice, sich langweilt. Plötzlich hüpft ein weißes Kaninchen vorbei. Eigenartigerweise trägt es eine Weste, und was noch seltsamer ist - als es aus der Westentasche eine Uhr hervorholt, beginnt es zu sprechen: "Oje, oje! Ich komme zu spät!". Die Titelheldin von Lewis Carrolls berühmtem Roman "Alice im Wunderland" kann nicht anders, als dem seltsamen Tier in seinen Bau zu folgen - auf eine Reise, wie sie die Literaturwelt noch nicht gesehen hatte.

So, wie das Kaninchen Alice entführt, hat der Roman in den letzten eineinhalb Jahrhunderten Tausende Leser überall auf der Welt entführt - auf eine Sightseeing-Tour des Unterbewussten: Während Alice das immer tiefer ins Wunderland flüchtende Kaninchen verfolgt, begegnet sie auf einem Ozean ihrer Tränen gefangenen Zwergenwesen, dem zerbrechlichen Humpty Dumpty oder der grausamen Herzkönigin. Der Hase wird hier zum Reiseführer durch eine Traumwelt, indem er sein sprichwörtliches Fluchtverhalten an den Tag legt: Er ist eben ein hasenfüßiger Angsthase.

Dabei ist die Ängstlichkeit längst nicht die einzige Eigenschaft, mit der die Vierbeiner in Verbindung gebracht werden. Das erste, was den meisten beim Anblick der puscheligen Mümmelmänner spontan in den Sinn kommt: "Ist der süüüß!" Kein Wunder also, dass die Wahl des Unternehmens Nestlé auf den Zeichentrickhasen "Quicky" fiel, als es galt, ein Maskottchen für das Kakaolpulver "Nesquik" zu finden - einem Produkt, das immerhin zu 76,7 Prozent aus Zucker besteht. Das ist natürlich total ungesund - aber vermutlich baute man darauf, dass der Anblick von "Quicky" Käufer mit einem ganz anderen sprichwörtlichen Charakterzug des Hasen ablenken würde: Der Unschuld.

"Wo der hinbeißt, wächst kein Gras mehr!"

Schon in der christlichen Ikonographie versinnbildlichte der Hase Reinheit und Unschuld. So zeigt etwa das Jagdfries an dem 1135 erbauten Kaiserdom von Königslutter, wie von einem Jäger verfolgte Hasen ihren Peiniger überwältigen. Die Hasen standen hier symbolisch für die Reinheit der menschlichen Seele, die vor dem Teufel gerettet wird. Der Ausspruch "Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts!" entstand allerdings erst Jahrhunderte später: 1854 musste sich ein Student vor dem Heidelberger Universitätsgericht verantworten, weil er einen Gegner beim Duell getötet hatte. Seine Aussage begann er mit eben diesen Worten. Sein Name: Karl Victor von Hase.

Verhängnisvollerweise verlassen sich auch die "Ritter der Kokosnuss" in der gleichnamigen "Monty Python"-Komödie aus dem Jahr 1974 viel zu sehr auf diese sprichwörtliche Unschuld, als sie von dem "Killerkaninchen von Caerbannog" hören. Ein Magier warnt sie: "Wo der hinbeißt, wächst kein Gras mehr!" Sie beschimpfen ihn als Feigling. Zu Unrecht - denn das Kaninchen ist zwar weiß und flauschig, aber auch blutrünstig und unberechenbar: Einem übermütigen Ritter mümmelt das Tierchen den Kopf ab, zwei anderen durchtrennt er mit seinen scharfen Nagezähnen die Kehle. Am Ende gelingt es ihnen nur mit Müh, Not und einer geweihten Handgranate, das Untier zu überwältigen.

Ob es der niedliche Hase "Klopfer" aus dem Disney-Film "Bambi" ist oder Hugh Hefners "Playboy"-Bunnies, die auf den legendären Paarungstrieb der kleinen Hoppler anspielen - jeder dieser Hasen ist ganz offensichtlich einzigartig. Gegen diese Heerscharen langohriger Individualisten, die über die Jahrhunderte durch Bücher und Filme, Gemälde und Werbeclips hoppelten, ist nicht mehr anzukommen. Nicht einmal mit Handgranaten. Sie vermehren sich schließlich hier wie im echten Leben: Wie die Karnickel.

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Marco Damp, 04.04.2010
In Watership Down sind es nicht Hasen sondern Karnickel, die die Hauptrolle spielen...
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