Ostfront Attacke um jeden Preis

Ostfront: Attacke um jeden Preis Fotos

Blutiger als Stalingrad: Bei Rschew lieferten sich Wehrmacht und Rote Armee monatelang erbitterte Stellungskämpfe. Stalin drängte zur rücksichtslosen Offensive, um die Deutschen einzukesseln. Hitler musste erstmals einen Rückzug befehligen - dann wurde Rschew auch für einen russischen Kriegshelden zum Fiasko. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
    4.2 (106 Bewertungen)

Ich bin vor Rschew gefallen, in feuchten Niederungen. Der Angriff war uns allen so plötzlich aufgezwungen. Sind's Jahre, die ich liege? Vor wie viel Tagen, Wochen hat man in diesem Kriege von Stalingrad gesprochen? Alexander Twardowski

Er hatte mich vorgewarnt. "Sie werden das Dorf nicht finden", hatte Anatolij Projdakow gesagt. "Ich komme Ihnen entgegen."

Und so sitzt er an diesem Morgen wartend in seinem kleinen Niwa-Geländewagen gleich hinter der Brücke über die Wolga, dort, wo die Straße wenige hundert Meter weiter nach Rschew hineinführt. Rund 200 Kilometer westlich von Moskau.

Was gleich aus zwei Gründen bewundernswürdig ist: Es ist Projdakows Geburtstag. Und: Er ist 80 geworden.

Seine Warnung war völlig berechtigt. Wir fahren von der Fernstraße ab und durch die Dörfer nach Norden, nirgendwo gibt es Wegweiser, und bald schon hört der Asphalt auf. Es ist neblig, Wiesen und abgeerntete Felder sind in schmutziges Braun getaucht, nach Osten hin fallen sie zur Wolga ab.


Dieser Artikel stammt aus dem neuen SPIEGEL GESCHICHTE "Der Krieg - 1939-1945: Als die Welt in Flammen stand". Darin finden Sie viele weitere Geschichten vom Angriffskrieg bis zum Untergang, von der Begeisterung der Deutschen bis zum Massenmord. Hier bei Amazon bestellen.


Plötzlich stoppt Projdakow, steigt aus und zeigt auf ein zerfallenes Haus jenseits der Felder: "Dort war früher das Dorf Kolesnikowa, dort haben die Deutschen meinen Vater und meine Schwester erschossen, 20 war sie. Am 19. April 1942."

Er sagt es ohne jede Bewegung in der Stimme, steigt wieder ein, zehn Minuten später sind wir am Ziel. Maloje Pischalino ist ein kleiner Weiler inmitten von Kieferwäldern.

"Links hier: das Haus eines zugereisten Moskauer Zollbeamten, eines Neureichen" - Projdakow beginnt, sein Dorf vorzustellen -, "und dort rechts bei den drei Birken war früher die Banja. Dort haben sie meine Mutter umgebracht. Sie haben sie vergewaltigt, ihr dann die Zähne ausgeschlagen, die Hände gebrochen und sie mit vier Bajonettstichen getötet. Kommen Sie, die Geburtstagsgäste sind gleich da."

Was ist in einem vorgegangen, der so, im Vorbeigehen, über den Tod seiner Familie reden kann? Und der es schafft, an einem Ort zu leben, an dem ihn Tag für Tag die Erinnerung an diese Schrecken einholen muss?

"Es war ein Übergriff", sagt Projdakow fast entschuldigend, "die Deutschen selbst haben die Mörder hingerichtet. Ich hatte Glück, eine Tante rettete mich."

Links liegt Projdakows Haus, er hat es lange nach dem Krieg gebaut, von seinem Elternhaus ist nichts geblieben. Tatsächlich warten die Gäste schon: Wladimir Petrowitsch Miroschnitschenko, 86, ein ehemaliger Frontkämpfer, ist da, Walentina Trubinowa, 70, vom Moskauer Veteranenkomitee und der "Posten Nr. 1" aus Rschew, Schüler, die die Ehrenwache am dortigen Kriegsdenkmal stellen.

Die Jugendlichen singen, einer liest laut, aber teilnahmslos eine Grußadresse an den "tapferen Frontkämpfer Anatolij Iwanowitsch Projdakow" vom Blatt, die Veteranen aus Moskau überreichen Urkunde und Ehrenabzeichen.

Denn auch Projdakow ist damals noch in den Krieg gezogen, er war gerade mal zwölf Jahre alt. Das 781. Artillerieregiment der 215. Division der Roten Armee nahm den elternlosen Jungen auf, als "Sohn des Regiments". Der Kindersoldat Projdakow trug Waffe und Uniform, er brachte Post in die vorderen Linien und wurde dann Adjutant des Regiments.

Nach wortreichen Trinksprüchen steht der Veteran Miroschnitschenko auf und sagt etwas, das selbst die Jungen aufhorchen lässt. Er hat in der 215. Division gedient, an seiner Jacke hängt das Abzeichen "Wir werden siegen" mit dem Stalin-Porträt, daneben der Orden "Roter Stern" und einer "Für die Einnahme Königsbergs" - des heutigen russischen Kaliningrad.

Warum, fragt Miroschnitschenko in die Runde, sei nicht auch Rschew nach dem Krieg zur sowjetischen Heldenstadt ausgerufen worden? In dem so schwer umkämpften Ort stehe seit dem Krieg keine einzige der früher 20 Kirchen mehr und kaum noch ein Haus, das älter als 65 Jahre ist. "Rschew hätte als allererste den Titel verdient."

Mit seiner knöchrigen Hand zeigt der Alte zum Fenster hinaus: "Hier tobte die blutigste Schlacht des Großen Vaterländischen Krieges, wir mussten hier die Stellung halten, um jeden beliebigen Preis." Miroschnitschenko ruft es erregt, als wüssten es die Alten nicht längst. "Da draußen liegen die Toten noch immer in mehreren Schichten, in Moskau aber haben sie die Schlacht zu einer Kampfhandlung von örtlicher Bedeutung herabgestuft."

Warum, fragt einer der Jungen?

"Sie wollten nicht über unsere Verluste reden. Vom 618. Regiment zum Beispiel - und das waren tausend Mann - überlebten nur der Koch und der Pferdewärter."

Stalingrad kennt jeder, wer jedoch kennt Rschew?

Tatsächlich verkörpert Rschew in weit größerem Maße die Tragik jenes Krieges, der im Juni 1941 mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion begann. Rschew ist ein Symbol für Heldenmut, aber auch eines für sinnloses Sterben - und ein Symbol dafür, dass 65 Jahre später die Wahrheit mitunter noch immer unbequem ist.

Nur so lässt sich verstehen, warum die russische Führung zum 65. Jahrestag des Sieges noch einmal eine Kommission zur Klärung der Kriegsverluste ins Leben rief.

Die Debatte über diese Zahlen hatte immer einen politischen Hintergrund. Stalin gab die Verluste im Februar 1946, fast ein Jahr nach Kriegsende, mit sieben Millionen Menschen an - eine offensichtlich viel zu niedrige Ziffer. Sie war diktiert von der Angst, eine höhere Zahl werde vom Westen als Schwäche interpretiert.

Parteichef Nikita Chruschtschow sprach im Zuge einer Abrechnung mit Stalin in den sechziger Jahren von "über 20 Millionen" Toten.

Mit dem Machtantritt Michail Gorbatschows und dem nun freieren Zugang zu den Archiven stiegen die Zahlen weiter an. Das bisher wohl detaillierteste Werk - ein "Buch der Verluste" - kam voriges Jahr in Moskau auf den Markt, geschrieben von einer Gruppe im Generalstab der russischen Streitkräfte.

Nunmehr werden die Gesamtverluste auf 26,6 Millionen Menschen beziffert, von denen knapp 8,7 Millionen Soldaten und fast 18 Millionen auf unterschiedlichste Weise getötete Zivilisten sind.

Es steht vieles in diesem Buch, was den Verlauf des Großen Vaterländischen Krieges verständlicher macht: Dass 55 Prozent der Kommandeure zu Kriegsbeginn noch nicht mal ein halbes Jahr auf Posten gewesen waren - was die Niederlagen der ersten Monate wenigstens teilweise erklärt. Dass über die vier Kriegsjahre hinweg insgesamt 34,5 Millionen zur Verteidigung des Landes herangezogen wurden - was bedeutet, dass mehr als die Hälfte aller beschäftigten Arbeiter, Angestellten und Bauern für die Streitkräfte abgestellt waren. Es war diese gewaltige Zahl von Menschen, die den Ausgang des Krieges entschied.

Dass fast eine halbe Million Menschen in Strafbataillonen diente, dass es 600.000 Deserteure gab und 135.000 Armeeangehörige hinter der Front erschossen wurden.

Aber auch das neue "Buch der Verluste" sagt nicht die ganze Wahrheit. Zum Beispiel nicht die über die Deserteure, deren Zahl in Wirklichkeit doppel so hoch war, und auch nicht die Wahrheit über Rschew.

Für die Schlacht an dieser Stelle der Wolga geben die Generalstäbler 272.320 getötete und eine halbe Million verwundete Soldaten an. Das hat nach Aussagen von Militärhistorikern nichts mit der Wahrheit gemein.

Rschew war Teil der großen Schlacht um die sowjetische Hauptstadt. Dass Stalins Soldaten es trotz des katastrophalen Kriegsbeginns im Winter 1941/42 schafften, Hitlers überlegene Streitkräfte vor der Moskauer Stadtgrenze zum Stehen zu bringen, ja sie sogar wieder zurückzuwerfen, war eine unglaubliche Leistung. Aber der Erfolg stieg Stalin zu Kopf.

Er gab die Devise aus, den Deutschen nun "keine Atempause mehr zu geben", sondern sie ohne Halt nach Westen zu jagen. Stalins Oberkommando bezifferte die Verluste der Wehrmacht zum 1. März 1942 auf 6,5 Millionen Mann (in Wahrheit war es eine Million), und die Kampfkraft der Roten Armee wurde plötzlich von ihren Führern maßlos überschätzt. Sie sollte nun in den nächsten Monaten mit einer Reihe von strategischen Operationen die Blockade Leningrads beenden, das Donbecken und die Krim befreien und bis Jahresende den Feind hinter die Landesgrenzen treiben.

Die Methode hieß: Attacke "um jeden Preis".

Damit drängte Stalin die Kommandeure zu abenteuerlichen Entscheidungen, bei denen Verluste keine Rolle mehr spielten. Zu diesem Schluss kommen die Autoren des 2009 erschienenen, für russische Verhältnisse ungewöhnlichen Buches "Die Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert 1894 bis 2007". Allein im ersten Quartal 1942 verlor die überforderte Truppe demnach 1,8 Millionen Mann, viermal mehr als die Wehrmacht.

Am Wolchow südöstlich von Leningrad ging die 2. Stoßarmee komplett unter, westlich von Moskau die 29. und die 39. Armee. Und bei der Krimschlacht um Sewastopol 1942 starben 135.000 Mann, fast sechsmal so viele Soldaten, wie die Wehrmacht dort verlor.

Rschew war eine der blutigsten Schlachten des Großen Vaterländischen Krieges, die mit Stalingrad zumindest gleichzusetzen sei, schreibt die Historikerin Swetlana Gerassimowa, deren voriges Jahr in Moskau erschienenes Buch "Das Blutbad von Rschew. Schukows verlorener Sieg" als beste Forschungsarbeit zu diesem Thema gilt.

Gemäß Stalins Befehl hatte die Rote Armee im Winter 1942 versucht, vor Moskau die strategische Initiative zurückzugewinnen. Bei Rschew gelang es ihr, die Front einzudrücken und einen Brückenkopf zu schaffen, der genau in die Heeresgruppe Mitte hineinragte. Die Frontlänge betrug danach an dieser Stelle etwa 650 Kilometer. Vor allem die deutsche 9. Armee unter Generaloberst Walter Model geriet dadurch in Gefahr, abgeschnürt zu werden.

Stalin befahl dem zuständigen Heerführer Georgij Schukow, dem späteren "Sieger von Berlin", die 9. Armee einzukesseln, zu vernichten und dann mit einer großen Zangenbewegung die gesamte Heeresgruppe Mitte im Raum von Smolensk aufzureiben. Dadurch sollte endgültig die Bedrohung von Moskau genommen werden.

Aus Hitlers Sicht war der Ort gleichermaßen symbolisch. Rschew sei "eine uneinnehmbare Linie des Führers", hieß es in einer Radiobotschaft an die deutschen Soldaten. 1942 hatten die Deutschen an dieser Stelle zeitweise 42 Infanterie-, Panzer-, Luftwaffen- und SS-Divisionen konzentriert. Der Befehl des Oberkommandos der Wehrmacht lautete: alle Schläge der Roten Armee abzuwehren.

Stalins erste Offensive bei Rschew, an der die Truppen der Westfront (Schukow) und der Kalininer Front (Generaloberst Iwan Konjew) teilnahmen, begann am 8. Januar 1942. Die Operation, auf nur wenige Wochen angelegt, wuchs sich zur 15-monatigen Stellungsschlacht aus.

Allein 14 Armeen, drei Kavallerie-Korps und dazu Frontflieger warf Stalin an dieser Stelle in den Kampf, insgesamt 688.000 Mann - ihnen standen 625.000 deutsche Soldaten gegenüber. Bald auch feierte er den ersten Erfolg: Seine Kavallerie schnitt die Straße westlich von Wjasma ab. Hitler musste am 15. Januar einlenken: "Es ist das erste Mal, dass in diesem Kriege von mir der Befehl zum Zurücknehmen eines größeren Frontabschnittes gegeben wird."

Aber schon Ende Januar verbuchte Stalins Armee Misserfolg auf Misserfolg, allein an der Kalininer Front fielen in drei Wochen 80.000 Mann. Die 8. Luftlandebrigade zum Beispiel setzte ohne ausreichende Vorbereitung 2300 Mann hinter den feindlichen Linien ab - nur etwa die Hälfte überlebte. Und die 29. Armee geriet wegen schwerer operativer Fehler Anfang Februar in einen Kessel, ebenso die 33.

Andere Truppenteile wurden vom Nachschub abgeschnitten. Schukow musste die Artillerie stilllegen, nur noch ein bis zwei Granaten pro Tag und Geschütz durften verschossen werden. Den Kommandeuren gab er Befehl, sich Lebensmittel und Munition "vor Ort" zu beschaffen. Kommentar des sowjetischen Oberkommandos: Die Offensive sei fortzusetzen, "die Liquidierung der gegnerischen Gruppierungen ziehe sich unzulässig lange hin".

Lese man heute die damaligen Direktiven aus Moskau und jene der Frontbefehlshaber, schreibt die Historikerin Gerassimowa, "muss man Zweifel haben, dass der Generalstab über die wahre Lage seiner Truppen informiert war, und überhaupt Zweifel an der Vernunft der hohen Militär- und Staatsführer". Erst am 20. April, ausgerechnet an Hitlers Geburtstag, blies Moskau weitere Angriffe ab.

Aber der Schrecken nahm kein Ende. Im Juli startete das Moskauer Oberkommando bei Rschew eine große Sommer-Offensive, und wieder waren bald große Teile der 39. und der 41. Armee umzingelt. Ein Offizier der 17. Garde-Schützen-Division erinnert sich: "Im ganzen Krieg habe ich nichts Schrecklicheres gesehen: Riesige Bombenkrater, bis zum Rand mit Wasser gefüllt, am Wegesrand zerstörte Fuhrwerke und Autos, tote Pferde und ringsherum nur Leichen. Und aus dem Wald das Stöhnen der Verwundeten." Allein in den ersten fünf Tagen fielen von den 400 zugeteilten Kampfflugzeugen 140 aus, was das Oberkommando als "offensichtliche Sabotage" wertete.

Die Erfolge, die die Rote Armee erzielte, waren auch jetzt wieder unbedeutend, vor allem, weil die Kommandeure ihre Soldaten ungeschützt immer wieder in dieselben massiven Feuerwalzen schicken mussten, selbständige Entscheidungen gemäß der wirklichen Lage aber vermieden. Punkte geringer Bedeutung wurden nicht - wie bei den Deutschen - rechtzeitig geräumt, sondern sinnlos gehalten.

Das änderte sich auch nicht, als es Ende November 1942 noch einmal zu einer großen Offensive an dieser Stelle kam - zur Operation "Mars". Angeblich war sie als Entlastung für Stalingrad gedacht, wo die Operation "Uranus" zur Vernichtung der Paulus-Armee sechs Tage zuvor begonnen hatte. Doch gehen Historiker davon aus, dass die "Mars"-Offensive schon von den Kräften her bedeutender als die bei Stalingrad war: Paulus wurde von 1,1 Millionen Soldaten in die Zange genommen, Model von 1,9 Millionen.

Mitte Dezember steckten Stalins Truppen wieder völlig fest, die Geländegewinne betrugen oft nicht mal 20 Kilometer. Die Schlacht - in hohem Schnee und bei tiefem Frost - entartete zu einem einzigen Blutbad, allein die 20. Armee verlor 58.000 Mann; 1847 Panzer und 127 Flugzeuge wurden vernichtet, an der gesamten Front fielen bis zu 80 Prozent der Infanteristen oder wurden verwundet.

Erst Anfang März 1943 kam Rschew wieder in sowjetische Hand - aber nur, weil die Deutschen selbst abzogen. Stalins Befehl, die Heeresgruppe Mitte an dieser Stelle zu zerschlagen, wurde nie erfüllt.

Das Fiasko von Rschew gilt Militärhistorikern heute als die größte Niederlage des später so gefeierten Heerführers Georgij Schukow. "Heroismus und Selbstaufopferung der einen gingen hier Hand in Hand mit Fehlern und Verbrechen der anderen", bilanziert Gerassimowa: zu wenig Technik, falsche Planung der Kampfhandlungen, mangelnde Truppenführung durch das Oberkommando - all das sollte durch den "menschlichen Faktor" ausgeglichen werden. Es war ein Sieg, der mit gewaltigen Blutopfern erkauft wurde.

Die Verluste bei Rschew seien mit mindestens 1,7 bis 2 Millionen Mann zu beziffern, sagen Historiker heute. Der sowjetische Marschall Wiktor Kulikow spricht sogar von 2,5 Millionen Soldaten. Es braucht noch Zeit, bis sich die ganze Wahrheit durchsetzen wird.

Das Dorf Maloje Pischalino, wo Anatolij Projdakow noch immer wohnt, ist heute ein Schatten seiner selbst. Diesmal liegt das nicht am Feind, sondern an den Zeitläuften. Nur noch drei der früheren Dorfbewohner kehrten nach dem Krieg hierher zurück. Der Kolchos ist inzwischen bankrott, von 600 Stück Vieh blieben gerade 100, und die meisten Häuser stehen wochenlang leer - irgendwelche Moskauer haben sie sich als Sommersitz gekauft.

Projdakow ist ziemlich allein. Seine Frau Tamara ist vor sieben Jahren gestorben, der Alte lebt jetzt mit der verwitweten Nachbarin Galina zusammen.

Zu seinem 80. ist auch Sergej Petuchow gekommen, der seit 20 Jahren die Suche nach den noch immer in der Erde liegenden toten Soldaten leitet. 1000 Leichen legen seine Männer jährlich frei und betten sie auf Friedhöfe um. "In sieben Schichten liegen sie manchmal übereinander", sagt Petuchow. Und erzählt von einem Traktoristen, der bei seiner Arbeit auf dem Feld stets nur starr die nächste Birke fixiert - um nicht zu sehen, was sein Pflug aus der Erde wühlt.

Wer wie Anatolij Iwanowitsch Projdakow in solch einer Gegend lebt, hat wohl tatsächlich ein anderes Verhältnis zum Tod.

Artikel bewerten
4.2 (106 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Steffen Herrmann 18.11.2012
Empfehlenswert zur Vertiefung sind hierzu Arbeiten von COL David M. Glantz Foreign Military Studies Office (http://de.wikipedia.org/wiki/David_Glantz)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH