Ostseebilder aus der DDR Sonnenbad am Todesstreifen

Ostseebilder aus der DDR: Sonnenbad am Todesstreifen Fotos
Siegfried Wittenburg

Die Ostsee war der Urlaubstraum von Millionen Ostdeutschen - doch die Idylle an der Nordgrenze der DDR täuschte: Schwimmringe waren erlaubt, paddeln im Schlauchboot streng verboten. Fotograf Siegfried Wittenburg erinnert sich an seine Jugend am Meer, wo eine Liebesnacht in den Dünen böse enden konnte. Von Siegfried Wittenburg

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Kürzlich bekam ich einen Anruf. Schulkinder wollten von mir wissen, wie das damals war, wenn man "hinter der Mauer" lebte. Wie soll ich das erklären? An einer Mauer habe ich nie gewohnt, ich bin an der Ostsee aufgewachsen. Dort, im Norden der DDR, war die Grenze unsichtbar - und doch allgegenwärtig.

Das Leben an der Ostseeküste hatte eine helle und eine dunkle Seite. Die helle Seite waren das Meer, die weißen Sandstrände, Promenaden und Campingplätze, frische Luft und weiter Blick. Wir Kinder hatten im Sommer acht Wochen Schulferien! Es war eine Zeit voll Sonne, Sand und Wasser. Was brauchte man mehr? Eine Schaufel vielleicht, einen Schwimmring, eine Badehose nicht unbedingt.

Für uns Kinder waren die Sommer am Wasser ganz und gar unbeschwert. Für unsere Eltern nicht ganz. Sie konnten während der Hochsaison nicht einfach zum Abendessen in ein Restaurant spazieren. Vor den Lokalen bildeten sich lange Warteschlangen. Das Gleiche auch am Morgen beim Bäcker. Die Einheimischen beklagten sich oft, weil Urlauber die Geschäfte leerkauften und sie bei Feierabend nur leere Regale vorfanden. An heißen Tagen brach die Getränkeversorgung zusammen. An frischem Obst und Gemüse herrschte Dauermangel.

Ferien auf dem Dachboden

Anders erging es Urlaubern, die einen Ferienscheck des FDGB vorweisen konnten - statistisch gesehen kam jeder Werktätige einmal in zehn Jahren in den Genuss dieses Privilegs. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund war in der DDR der größte Anbieter von Urlaubsreisen und die Gäste in den FDGB-Heimen wurden rundum versorgt. Für die "Esseneinnahme" waren Sitzplätze und Zeiten festgelegt. Die Zimmer waren klein und spartanisch eingerichtet, die Betten oft durchgelegen. Duschen oder Waschräume gab es nur etagenweise oder im Keller. Im Gemeinschaftsraum stand ein Fernseher, auf dem ausschließlich die beiden DDR-Programme liefen. Doch Urlauber aus Bitterfeld, Schkopau und Hoyerswerda beschwerten sich darüber nicht. Keinen Ostseeurlaub zu haben, wäre für sie noch viel schlimmer gewesen.

Noch angenehmer verbrachte die schönsten Tage des Jahres, wer jemanden kannte, der in dem Ferienparadies wohnte. Von meiner Kindheit bis zur Jugendzeit lebte meine Familie direkt am Meer. Die Wohnung war klein, aber wir hatten einen Dachboden, den meine Eltern wohnlich eingerichtet und mit Betten für Gäste ausgestattet hatten.

Im Sommer wussten deswegen plötzlich immer alle unsere Verwandten, wo wir wohnten. Und nicht nur die. Unser Dachquartier hatte sich bis ins Erzgebirge herumgesprochen, von wo wir bald schon die Anfrage einer Familie erhielten, ob sie bei uns unterkommen könne. Mit dem, was wir zu bieten hatten, waren die Gäste zufrieden, und sie verbrachten zwei glückliche Wochen auf unserem Dachboden. Bei der Abreise fragten sie, ob sie im nächsten Jahr wiederkommen könnten und untermauerten ihr Ansinnen mit einem Hundertmarkschein. Das war für meine Eltern viel Geld.

Die dunkle Seite

An dieser Stelle nun begann die dunkle Seite des Lebens an der Ostsee. Jede Familie in der DDR musste ein Hausbuch führen, in dem sie ihre Besucher eintrug. In Bitterfeld, Schkopau oder Hoyerswerda wurden diese Hausbücher wahrscheinlich eher lax geführt - unser Haus aber stand in einem Grenzgebiet. Denn auch wenn die Ostseeküste so ganz anders aussah als die mit Stacheldraht, Todesstreifen, Selbstschussanlagen und Wachtürmen bewehrte Absperrung gen Westen oder die Mauer um Westberlin, so war sie vom Priwall bei Travemünde bis hinter dem Seebad Ahlbeck kurz vor Swinemünde eben doch eine Grenze.

Auf Versammlungen waren meine Eltern eindringlich darauf hingewiesen worden, jeden Besuch zu melden. Dort, wo wir wohnten, kannte jeder jeden. Es war also nicht so einfach, jemanden heimlich unterzubringen und sich einen Hunderter extra zu verdienen. Aber den offiziellen Weg konnten menie Eltern auch nicht gehen. Alle privaten Vermieter wurden von einem zentralen Feriendienst erfasst und die Qualität der Herbergen geprüft. Ein Dachboden wäre sicher nie zur Vermietung genehmigt worden. So lebten meine Eltern in ständiger Angst und Ungewissheit, während die Bergleute aus dem Erzgebirge ihre glücklichsten Tage verbrachten.

Zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang war es verboten, sich am Strand aufzuhalten. In dieser Zeit huschten Grenzsoldaten mit Schäferhund, Fernglas und Kalaschnikow über die Dünen. Eine Kontrolle der Personalausweise beim nächtlichen Nacktbaden war keine Seltenheit. War es bereits tagsüber verboten, sich mit Paddelbooten, Schlauchbooten oder Tauchausrüstungen zu beschäftigen, so wurden nach Sonnenuntergang sogar die Strandkörbe nach Liebespaaren durchkämmt. Sie hätte ja auf die Idee kommen können, nach Dänemark zu schwimmen.

Bürger, weisen Sie sich bitte aus!

Für die Urlauber gehörte der Satz "Bürger, weisen Sie sich bitte aus!" zu den unvergesslichen Erlebnissen eines jeden Ostseeurlaubs. Vor allem für jene, die sich nicht ausweisen konnten, denn sie waren ab diesem Zeitpunkt der Willkür ausgeliefert. Nächtliche Zärtlichkeiten am Strand konnten dann auch schon mal als versuchte Republikflucht ausgelegt werden. Wer in den Dünen erwischt wurde, war einfach nur froh, wenn man ihn laufen ließ.

An jedem Freitag liefen durch die Warnemünder Hafeneinfahrt sechs Schiffe der Grenzbrigade Küste aus und verteilten sich eine Woche lang entlang des Randes der Hoheitsgewässer. Ihr Operationsgebiet schloss die internationalen Gewässer ein. Nach einer Woche war Wachablösung. Urlauber bemerkten davon kaum etwas. Sie freuten sich, wenn sie große Schiffe bewundern konnten. Kleine, bewaffnete Grenzboote fielen dabei kaum auf.

Die Schiffe der Grenzbrigade, ihre Beobachtungstürme und die Kontrollpunkte für auslaufende Fischer- und Sportboote waren vom Ufer aus gut zu sehen - die bildliche Darstellung solcher Einrichtungen aber verboten. Ich selbst habe mich nie getraut, das Objektiv auf diese Grenzbefestigungen zu richten, denn mit einer Festnahme wegen des Verdachts auf Spionage war nicht zu spaßen.

Am Ende der Saison - jeweils am 1. September war Schulbeginn - kehrte in den Ostseebädern wieder Ruhe ein. Man konnte dann wieder ohne langes Anstehen in ein Restaurant oder die Eisbar gehen. Der Alltag hatte die Menschen wieder, und doch hatte der Sommer oft Spuren hinterlassen. Hier und dort fehlten Freunde und Kollegen, die ohne Rückfahrkarte "rübergemacht hatten".

Ich habe die Fotos aus jener Zeit aufbewahrt. Schwarzweißaufnahmen. Sie zeigen keine Mauer, keine Grenzboote, keine Beobachtungstürme. Auch nichts von der Dramatik, die sich mit den Flüchtlingen auf hoher See bis an den Rand der Hoheitsgewässer der Bundesrepublik und Dänemarks abspielte. Sie zeigen Menschen, die aufs Meer schauen. Möglich, dass sich ihre Gedanken dabei bis hinter den Horizont vortasteten. Was dort wohl sein mag? Gedanken sind frei. Träume sind unsichtbar. Oder doch nicht? Davon erzählen die Fotografien.

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1.
Thorsten NYC 06.12.2010
Für den Zeltplatz Prerow kann das nächtliche Strandverbot kaum gegolten haben, denn dort standen die Zelte auf dem Strand und die Bewohner hielten sich logischerweise dort also auch nachts auf. Ich erinnere mich auch nicht daran, dort patrouillierende Grenzsoldaten gesehen zu haben, was in meinen damaligen Kinderaugen schwer enttäuschend gewesen sein musste ? damals haben mich Uniformen und Maschinenpistolen nämlich noch mächtig fasziniert. Der ersten und einzigen Strandpatrouille bin ich Jahre später mit ein paar Armee-Kumpels zusammen auf Usdeom begegnet. Wir hatten uns über das Wochenende aus unserem Regiment in der Nähe Berlins verdrückt, waren ? völlig illegal ? an die Ostsee gefahren, hatten uns dort, wie es sich für Soldaten im Ausgang gehörte, schwer betrunken und übernachteten schließlich am Strand. Mitten in der Nacht weckte uns eine Strandpatrouille. Die Grenzer fragten auch nach unseren Personalausweisen, die die meisten von uns aber nicht hatten. (Grundwehrdienstleistende musste ihre Ausweise für die Dauer ihrer Dienstzeit abgeben und konnten sie nur manchmal durch Schummelei behalten oder wieder bekommen.) Passiert ist aber trotzdem nichts. Den Grenzern, die in unserem Alter waren, war eben klar, dass wir in keiner Verfassung waren, um nach Bornholm zu schwimmen. Kurz und gut: ja, es gab Schikanen an der Ostsee und auch dort ist, wie überall in der DDR, fürchterliches Unrecht geschehen, aber man hat sich dort eben auch nicht permanent nur zwischen Uniformen und Kalaschnikows bewegt.
2.
Frank Jeschek 06.12.2010
Sehr gelungene Fotos! Doch muss man wirklich immer alle DDR-Klischees bedienen, um ein paar Bilder aus der ?Ostzone? im Spiegel zu platzieren: Todesstreifen, Dauermangel, und fast alle Ossis wohnten früher natürlich in Bitterfeld. Auch ich bin ein Kind der Ostsee und habe meine Kindheit/Jugend dort verbracht, aber an eine Ausweiskontrolle am FKK-Strand auf Hiddensee würde ich mich sicher erinnern, und beim Sex in den Dünen gab es eher Probleme mit dem Landschaftsschutz (aus heutiger Sicht zu Recht). Dornbusch 1962
3.
Steffen Klotzsch 06.12.2010
Sehr schöne Fotos! Die damals noch vorherrschende Schwarz-Weiß-Technologie unterstützt das heute propagierte Ambiente der Trostlosigkeit, Depression und Kälte in DDR-Zeiten. Sorry von einer Pflicht für Familien, über Besuche Buch zu führen, habe ich (als Ex-DDR-Bürger) noch nie was gehört. Auch der Titel des Beitrages ("Todesstreifen") ist sicher fördernde Voraussetzung, dass dieser Beitrag hier veröffentlicht wird. Wahr ist, dass Essen gehen und einkaufen immer bissel schwierig war. Aber wir warens ja nicht anders gewohnt. Naja. Aber trotzdem schöne Erinnerungsbilder. Sorry, dass ich alle meine fast jährlichen Ostsee-Urlaube (die ich mir seit der Wende nicht mehr leisten kann,) geliebt habe und mich die Westgrenze überhaupt nicht interessiert hat.
4.
Rolf Dießner 06.12.2010
Die DDR-Oberen entwickelten eine regelrechte Phobie vor Fluchtversuchen zu Wasser. Ein Verwandter musste seine Wehrpflicht bei den See-Grenztruppen ableisten - er war Nichtschwimmer...
5.
katrin ehmke 06.12.2010
Sehr geehrter Herr Wittenburg, vielen dank für diese schönen fotos. bin 1967 in rostock geboren und in evershagen, später diedrichshagen aufgewachsen. kann alle aussagen ihres artikels komplett bestätigen. insbesondere die ausweiskontrollen am strand, wenn wir mit ein paar jugendlichen dort anbaden wollten zum maisprung o.ä.
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