Afrikaner als Zoo-Attraktion "Ist das ein Mensch?"

Afrikaner als Zoo-Attraktion: "Ist das ein Mensch?" Fotos

Gekauft für ein Pfund Salz und einen Beutel Kleider: Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Ota Benga nach Amerika verschleppt und ausgestellt wie ein Tier. Der Pygmäe wurde zum Publikumsmagneten des New Yorker Zoos - und bezahlte die Sensationsgier der Besucher mit dem Leben. Von

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Am 20. März 1916, um fünf Uhr nachmittags, entzündete Ota Benga vor dem Häuschen, in dem er lebte, ein Feuer. Dann brach der Pygmäe die Kronen ab, hinter denen die Ärzte im Waisenhaus seine angespitzten Zähne verborgen hatten. Er zog Hemd und Hose aus, entledigte sich aller Kleider, bis er nur noch einen Lendenschurz trug.

Nun begann Ota Benga zu tanzen und ein traditionelles Lied aus seiner Heimat anzustimmen: "Um uns herum herrscht Dunkelheit", sang er, "doch wenn die Dunkelheit im Wald hereinbricht, dann muss sie gut sein." Schließlich holte er den Revolver hervor, den er am Morgen gestohlen und im Heu versteckt hatte. Der 32-Jährige setzte sich die Mündung aufs Herz - und drückte ab.

Ebenso abrupt wie dramatisch endete das Leben des Ota Benga: ein Mann, dessen trauriges Schicksal exemplarisch für den um die Wende zum 20. Jahrhundert grassierenden wissenschaftlichen Rassismus, für Ausbeutung, Menschenverachtung und Habgier steht.

Ein Mann, der in einen Zookäfig gesperrt und ausgestellt wurde wie ein Tier, um als "Missing Link" die Abstammung des Menschen vom Affen zu dokumentieren. Der zu Schauzwecken seiner kongolesischen Heimat entrissen wurde - gekauft für ein Pfund Salz und einen Beutel Kleider.

"Der erste Pygmäe wurde sichergestellt!", triumphierte dessen Entdecker, der US-amerikanische Missionar Samuel Phillips Verner, am 30. März 1904 in einem Brief an William John McGee. Als Wissenschaftler war McGee zuständig für das Herzstück der Weltausstellung in St. Louis, Missouri: die Anthropologische Abteilung.

McGee verfolgte einen ehrgeizigen Plan, für den er Agenten in sämtliche Regionen der Erde entsandte. 1904 sollten in St. Louis, so McGee in bester sozialdarwinistischer Überheblichkeit, "alle Rassen dieser Welt" ausgestellt werden, "von den kleinsten Pygmäen bis hin zu den gigantischsten Völkern, von den dunkelsten Schwarzen bis hin zu den dominanten Weißen".

Von allen Agenten besaß Missionar Verner laut US-Presse den schwierigsten Job: In Zentralafrika musste er, so die "New York Sun", mit einem "ungesunden Klima, wilden Tieren und feindlichen Stämmen" kämpfen, um am "untersten Ende der Skala" die Pygmäen aufzustöbern.

"Aktiv wie eine Katze, geschmeidig wie ein Affe"

Verner erstand den 21-jährigen Ota Benga auf einem Sklavenmarkt mitten im Regenwald, in einer Region Zentralafrikas, die damals Belgisch-Kongo genannt wurde. Benga war versklavt worden, nachdem Truppen des belgischen Königs Leopold II. ein Massaker in seinem Dorf angerichtet hatten, bei dem seine Frau sowie seine zwei kleinen Kinder ermordet worden waren.

Der Missionar war außer sich vor Freude über seine Errungenschaft, die er als "extrem interessanten kleinen Gefährten" beschrieb. Benga sei "aktiv wie eine Katze, geschmeidig wie ein Affe und sehr stark für seine Körpergröße" von 149 Zentimetern, so Verner.

Gemeinsam mit Benga, vier weiteren Pygmäen vom Volk der Batwa und fünf anderen Afrikanern im Schlepptau, trat Verner die Schiffsreise von Kongo bis in die USA an. Im Frühsommer 1904 landete das Grüppchen auf der Weltausstellung in St. Louis - wo Ota Benga sofort zum unumstrittenen Star avancierte.

Fellmäntel im Sommer, Lendenschurz im Winter

Der Grund: Einem Stammesritual entsprechend waren Bengas Zähne in dessen Jugend zu scharfen Spitzen geschliffen worden, die an die Kauwerkzeuge von Krokodilen erinnern sollten. Als "der einzige, echte afrikanische Kannibale in Amerika" rühmten ihn die Zeitungen, seine Zähne seien definitiv die fünf Cent wert, die Benga verlangen würde, bevor er den Mund öffne.

Gemeinsam mit knapp 2000 Vertretern ethnischer Gruppen aus aller Welt, darunter Apachen, Inuit, Ainu aus Nord-Japan und Philippiner, wurden die Pygmäen in St. Louis zu Schauobjekten degradiert, um, so US-Anthropologe McGee, den "menschlichen Fortschritt zwischen primitiv und aufgeklärt, wild und zivilisiert, Egoismus und Altruismus" zu illustrieren.

Die kulturelle Evolution gipfelt in der von Rudyard Kipling besungenen Spezies des "Weißen Mannes", lautete die unverbrämt rassistische Botschaft der Weltausstellung von St. Louis - aber auch all der anderen um die Jahrhundertwende populären "Völkerschauen". Während die Inuit selbst im Hochsommer ihre dicken Fellmäntel nicht ablegen durften, um das nach Exotik lechzende Publikum zu befriedigen, verboten die Ausstellungsmacher den frierenden Pygmäen, sich mit warmer Kleidung gegen den Winter zu wappnen.

8,35 Dollar für sechs Monate

Nachdem sie sich in St. Louis sechs Monate lang anstarren, auslachen und begrapschen lassen mussten, wurden die Pygmäen mit einem Hungerlohn von insgesamt 8,35 US-Dollar für alle zusammen (das entspricht heute rund 200 Dollar) nach Hause geschickt. Missionar Verner hingegen wurde von den Anthropologen mit einer Goldmedaille ausgezeichnet.

Per Schiff reiste Verner mit den von ihm rekrutierten Afrikanern in den Kongo zurück. Doch gelang es Ota Benga nicht, sich in seiner alten Heimat zurechtzufinden. Nachdem seine zweite Frau an einem Schlangenbiss gestorben war, begab er sich erneut in die Obhut Verners. Gemeinsam mit dem Missionar sowie mehreren exotischen Tieren kehrte er in die USA zurück.

Verner, der unter chronischem Geldmangel litt, überließ Benga zunächst dem New Yorker Naturkundemuseum. Hier lief Benga, in einen weißen Leinenanzug gekleidet, zwischen Saurierknochen sowie ausgestopften Eulen herum und wurde der feinen Gesellschaft vorgeführt - genau wie dies einst an Fürstenhöfen mit Kleinwüchsigen passierte.

"Ausstellung jeden Nachmittag im September"

Als er jedoch mehrfach versuchte, auszubrechen und einer reichen Gönnerin des Museums um ein Haar einen Stuhl an den Kopf warf, hatte der Museumsdirektor genug: "Schimpansen brauchen Aufmerksamkeit", schrieb er an Verner und forderte ihn auf, Benga wieder zurückzunehmen. In seiner finanziellen Not entschied sich der Missionar, den Pygmäen an den Bronx Zoo in New York auszuleihen - für eine Summe von 275 Dollar (das entspricht heute rund 7000 Dollar).

Zoodirektor William Temple Hornaday war begeistert ob des exotischen Neuzugangs. Während Benga sich zunächst frei durch die Anlagen bewegen durfte, verfiel Hornaday Anfang September, als die Sommersaison endete und immer weniger Menschen in den Zoo drängten, auf eine geniale Geschäftsidee: Er ermunterte Benga, seine Hängematte im Käfig eines Orangutans namens Dohong aufzuhängen.

Sodann verschloss Hornaday die Tür und stellte ein Schild auf: "Der afrikanische Pygmäe, "Ota Benga". 28 Jahre alt, 149 Zentimeter groß, 51 Kilo schwer. Aus dem Kongo von Dr. Samuel P. Verner gebracht. Ausstellung jeden Nachmittag im September." Die Massen liebten die neue Attraktion. An einem Sonntag im September 1906 kamen laut "New York Times" 40.000 Menschen, um sich Ota Benga anzuschauen.

"In der menschlichen Skala sehr niedrig angesiedelt"

"Ist das ein Mensch?", fragten Kinder wie Erwachsene fasziniert beim Anblick des Pygmäen. Wenn Benga sporadisch aus dem Käfig rausdurfte, jagten die Zoobesucher ihn mit Gebrüll über das Gelände, stachen ihm in die Rippen, stellten ihm ein Bein, lachten ihn aus. Nur logisch, dass der so Erniedrigte mit der Zeit aggressiv wurde: Er begann, mit Pfeil und Bogen auf die Zoobesucher zu schießen und verletzte einige Gaffer. Ein anderes Mal nahm er sich ein Tranchiermesser aus dem Affenhaus und lief wild gestikulierend damit durch den Zoo.

Weniger begeistert als das Zoopublikum zeigte sich eine Gruppe schwarzer Geistlicher. "Wir finden, unsere Rasse ist niedergeschlagen genug, auch ohne dass einer von uns gemeinsam mit einem Affen ausgestellt wird", protestierte etwa James H. Gordon, Leiter eines Waisenhauses in Brooklyn.

Keine Probleme mit der entwürdigenden Zurschaustellung Bengas hingegen hatte die "New York Times": "Wir verstehen die ganze Aufregung um Ota Benga nicht", schrieb ein Reporter am 11. September 1906. Es sei absurd, dessen "angebliche Demütigung" zu bejammern:

"Die Pygmäen sind in der menschlichen Skala sehr niedrig angesiedelt, und der Vorschlag, dass Benga in eine Schule statt in einen Käfig soll, berücksichtigt den Umstand nicht, dass eine Schule für Benga wahrscheinlich eher eine Qual wäre. Die Idee, dass die Menschen alle gleich sind, wenn sie nur den gleichen Zugang zur Bildung erhalten, ist doch heute völlig veraltet."

Zerrissen, gedemütigt, heimwehkrank

Doch die Geistlichen setzten sich durch. Ota Benga durfte den Zoo verlassen und kam in die Obhut Gordons, der ihn in seinem Waisenhaus unterbrachte. Um den Presserummel um Ota Benga einzudämmen, überkronte man dessen Zähne, zog dem Pygmäen westliche Kleidung an und verfrachtete ihn von New York City in die Provinz.

Hier, in Lynchburg, Virginia, endete die Odyssee des Ota Benga. Zwar lernte er Englisch, besuchte eine Schule und arbeitete später als Pflücker in einer Tabakfabrik. Seinen Frieden jedoch fand der zwischen zwei Welten zerrissene Mann in den USA nicht mehr. Immer stärker war Benga von dem Gedanken beseelt, endlich nach Hause in den Kongo zurückzukehren. Doch der Ausbruch des Ersten Weltkriegs machte das Unterfangen unmöglich.

Krank vor Heimweh, sah Ota Benga keinen Ausweg mehr. An jenem Tag im Frühjahr 1916, kurz bevor er die Mündung der Pistole auf sein Herz richtete, bekam Ota Benga noch einmal Besuch: Ein halbes Dutzend kleiner Jungen liefen herbei, sie wollten mit dem Pygmäen zur Jagd gehen. Doch Ota Benga verharrte regungslos vor seinem Feuer und wies die Kinder ab. Er wolle nach Hause zurückkehren, sagte er den Jungen. Seine Augen füllten sich mit Tränen, brüsk schickte er alle weg. Als er wieder alleine war, drückte Ota Benga ab.

Er sei überhaupt nicht überrascht davon, dass sein einstiger Publikumsmagnet Selbstmord begangen habe, schrieb Zoodirektor Hornaday in einem Zeitungsnachruf auf Ota Benga. "Offenbar", so Hornaday zynisch, "wollte der Pygmäe lieber sterben als für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten." Der Leichnam Ota Bengas liegt in einem unmarkierten Grab in Lynchburg.

Zum Weiterlesen:

Phillips Verner Bradford und Harvey Blume: "Ota Benga - The Pygmy in the Zoo". Delta, New York 1992, 281 Seiten.

Das Buch erhalten Sie hier .

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1.
T a Rashid 12.12.2012
der Rassimus und Menschrechte sind im Westen erst mit einigem Abstand vom 2 Weltkrieg abgeebt, im Grundegenommen erst seit Ende der 60 Jahren und nur Stueck fuer Stueck
2.
Stefan Wenzel 12.12.2012
"Ist das überhaupt ein Mensch?", fragten Kinder wie Erwachsene fasziniert beim Anblick des Pygmäen, ... so steht es im Artikel und der heutige ach so zivilisierte Mitteleuropäer wundert sich über die damalige Ignoranz. *Wie dumm, wie scheinheilig war man damals!* Einmal schauen, was man in 100 Jahren über unsere heutige "Ist das überhaupt ein Mensch?"-Haltung in anderen Fragen ungeschützter menschlicher Existenz denkt.
3.
Joshua Schneebaum 12.12.2012
Wer meint, Rassismus in ethnologischer Forschung sei ein Relikt dunkler Vergangenheit, dem sei das Buch www.amazon.de/Geister-der-Gelben-Blätter-ebook/dp/B00AH0WLBY empfohlen!
4.
Peter Vogel 12.12.2012
Ich finde, wir brauchen nicht empört nach Amerika schauen, es gab genug Negerschauen in Deutschland (Berlin, Stuttgart etc.). Erst sollte die eigene Treppe gekehrt werden...
5.
Dr. Kay H. Kohlhepp 12.12.2012
Unter dem "schönen Begriff" Völkerschauen machte Carl Hagenbeck mit seinen MenschenZoos ein sehr profitables Geschäft: "Wilde" im Tierpark zu inszenieren war sein Konzept. Lesenswert ist hierzu: MenschenZoos - Schaufenster der Unmenschlichkeit http://www.amazon.de/MenschenZoos-Schaufenster-Unmenschlichkeit-Sandrine-Lemaire/dp/3981506200/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1355322627&sr=8-1
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