Zum Tod Otfried Preußlers König meiner Kindheit - und großer Poet

Zum Tod Otfried Preußlers: König meiner Kindheit - und großer Poet Fotos
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Verzaubert durch Vorlesen: "Der Räuber Hotzenplotz", "Krabat" und "Die kleine Hexe" zogen ganze Generationen von Kindern in ihren Bann. Patricia Dreyer merkte als Erwachsene, dass die Geschichten sie noch immer begeistern - durch ihre ungeheuer kraftvolle Sprache. Verbeugung vor einem großen Schriftsteller.

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Ich dachte lange, es sei nur die verklärte Erinnerung an die Kindheit, die Otfried Preußlers Geschichten für mich so zauberhaft macht.

Die Erinnerung daran, wie wir abends eingekuschelt in unseren Betten lagen, und nur noch das gelbe Nachtischlämpchen brannte, und Mama las uns aus der "Kleinen Hexe" vor. Und weil Mama ganz vorzüglich vorzulesen verstand, war es mehr ein Erzählen denn Vorlesen. Sie erzählte also Geschichten. Vom Kasperl, dem Seppel und der Großmutter, der vom polternden Räuber Hotzenplotz die Kaffeemühle gestohlen wird. Von der kleinen Hexe, die "allezeit nur Gutes hexen" will und dem Oberförster, der den bitterarmen Holzweibern verboten hat, im Wald ihr Reisig zu klauben, ein Helfersyndrom verpasst. Ohne zu wissen, wie ihm geschieht, muss der Mann plötzlich freundlich sein, alten Damen seine Hilfe anbieten, das Holz sogar selber schleppen, hacken und aufstapeln.

Was für eine herrliche Idee! Da ist jemand garstig, und man hext ihm einfach an, dass er nett sein muss, ob er will oder nicht.

Wir hörten vom kleinen Wassermann, der am Grunde des Mühlteichs lebt und sich wundert, als er zum ersten Mal Menschen sieht, denn die sind so anders als er, haben ja nicht einmal Schwimmhäute zwischen den Fingern!

Ein begnadeter Erzähler und Poet

Noch heute, vierzig Jahre nach diesen Gute-Nacht-Geschichten, kann ich Sätze und ganze Passagen aus Preußlers Büchern auswendig hersagen. Und eben nicht nur, weil die Erinnerung die Qualität dieser Geschichten nostalgisch verbrämt hat, sondern weil Preußler ein begnadeter Erzähler und Poet war, dessen Sprache einem tatsächlich in Fleisch und Blut überging.

Preußler beschreibt kleine Idyllen, in denen jederzeit das Böse oder die Versuchung zum Bösen lauert. Seine Helden sind meist nicht sehr heldenhaft, aber rührend und gewitzt. Sie setzen dem Bösen, das stärker ist und mächtiger, ihren Grips oder ganz schlicht ihre Menschlichkeit entgegen, und so siegen sie am Ende über das Böse, kinderleicht.

Es waren nicht nur die Geschichten und die merkwürdigen Käuze darin, die wir so liebten. Ich erinnere mich, wie fasziniert ich schon als Kind von Preußlers Sprache war. Ich lernte Worte, von denen ich nie gehört hatte: "sich erdreisten", "Feuerpatsche", "Unke", "Gimpel" und "Schnupftabaksdose". Preußler benutzt Worte, die zum Vorlesen wie geschaffen sind, die Zunge schlingt sich um herrlichste Lautmalungen wie "der große Zauberer Petrosilius Zwackelmann schnackelte mit den Fingern".

Und wie die Leute heißen! Viel mehr als seinen Namen muss man vom "Wachtmeister Dimpfelmoser" nicht wissen, um zu ahnen, dass der Mann ein kleiner Pedant und ein Wichtigtuer ist. Und dass die "Muhme Rumpumpel" nichts anderes sein kann als ein Ausbund an Niedertracht, versteht sich auch von selbst.

Plötzlich machte es "töröööööö"

Leider ließ sich nicht verhindern, dass ich erwachsen wurde. "Die kleine Hexe", "Der kleine Wassermann" und "Der Räuber Hotzenplotz" fristeten ihr Dasein nun ganz unten im Bücherregal. Unsere Preußler-Hörspiel-Schallplatten verschenkte die Mutter an jüngere Cousins und Cousinen.

Irgendwann drang das Grauen in die Welt, und man vernahm, etwa bei Babysitter-Einsätzen, dass aus den Kassettenspielern der Kleinen plötzlich "hex-hex" oder, noch schlimmer, "törööööö" dröhnte. Ich war erschüttert. Nahmen in deutschen Kinderzimmern nun tatsächlich albern posaunende Elefanten den Raum ein, der doch meiner - Preußlers - magischer Welt der Zauberer, Waldhexen und weisen Raben gebührte?

Es ist merkwürdig, wenn man älter wird und feststellt, dass es einem nicht besser geht als belächelten Großeltern, die immer sagen, dass früher ja alles viel besser war. "Benjamin Blümchen? Ja, es ist furchtbar. WIR sind damals ja noch mit dem 'Hotzenplotz' groß geworden!"

Von Sprache verzaubert

Merkwürdig, dass ich den "Krabat" erst viel später entdeckte. "Krabat" ist Preußlers Meisterstück. Die Geschichte über einen Waisenjungen, der Lehrbursche wird in der Mühle im Koselbruch und sich damit der Schwarzen Magie verschreibt, vereint das Beste in Preußlers Erzählkunst. Die Sprache ist schlicht und archaisch und entfaltet eine ungeheure Kraft. Da gibt es eine Schilderung, die mich immer aufs Neue tief berührt und begeistert, von einer solchen sprachlichen Brillanz, dass sie ihresgleichen sucht. Die Müllerburschen setzen der Mühle ein neues Wasserrad ein.

"Für Staschko, Krabat und Kito blieb bis zum Mittwoch genug zu tun", heißt es da zum Beispiel. "Das alte Wasserrad musste samt dem Gerinne mit einem starken Balkengerüst überzimmert werden; es war ihre Aufgabe, für das Seilzeug zu sorgen, für Winde und Flaschenzug; auch Traghölzer waren herzurichten, Rollen und Hebebäume und sonstiges Schirrholz."

Wer erlebt heute in unserer rasend schnellen, verkümmerten 140-Zeichen-Welt noch solche Szenen, wer fände überhaupt die Worte, sie zu beschreiben?

Es war der "Krabat", diese große poetische Erzählung über den Kampf Gut gegen Böse, die leicht als Parabel auf Deutschlands Nazi-Vergangenheit zu deuten ist, die mich zu den Geschichten meiner Kinderzeit zurückführte, mich die "Kleine Hexe" und den "Räuber Hotzenplotz" wiederentdecken ließ.

Zu meinem Entzücken machen mir der Hexentanz auf dem Blocksberg und die nächtliche Ganovenjagd im Spritzenhaus noch genauso viel Spaß wie früher, besonders natürlich, wenn ich Kindern daraus vorlese. Mag sein, dass Preußler so unangefochten regiert, weil er der König meiner Kindheit war. Möge er nie abdanken.

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insgesamt 19 Beiträge
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1.
Regina Bernat, 21.02.2013
Neben Astrid Lindgren war (und ist) wirklich immer noch Astrid Preußler mein großer Favorit! Seine Figuren sind lebendig in mir geblieben und haben eine große Zärtlichkeit gegenüber Mensch und Tier hergestellt, zur Folge gehabt, neben der heimischen Altmosphäre mit Großmutter, Garten und 3 Brüdern, den Eltern- Es ist eine heile Welt, in der das Gute siegt und auch im Großen gewinnt. Bosheit und Argwohn werden bekämpft und meistens werden die Bösen in diesen schönen alten Kinderbüchern bestraft und / oder ausgelacht. Leider mögen die Kinder von heute solche heile- Welt Darsttellungen gar nicht mehr so gerne lesen oder vorgelesen bekommen, sind sie durch eine bedrohliche, entfremdete Welt durch entstellende Zeichentrickfilme und aufwendiger Spielfilme schon frühzeitig auf mehr Tempo und Gewalt eingestellt, so daß "Der kleine Wassermann" sie langweilt. Dann meinen sie, das sei ja für Babys- klar, wenn es als IN erklärt wird, schon früh erwachsen werden zu wollen. Lasst den Kindern die Poesie, gebt ihnen ihre Kinderzeit und fordert nicht, daß sie zu früh reifen- und früher verwelken.
2.
Jen Tube, 21.02.2013
Sie sprechen mir mit jedem Satz aus der Seele, vielen Dank für diesen Beitrag!
3.
Andreas Brey, 21.02.2013
Der Artikel spricht mir, ich hätte es nicht anders ausdrücken können, sehr aus der Seele, und meinem erlernten Sprachverständnis.
4.
Franz Bade, 21.02.2013
Seltsamerweise wird dem/der IllustratorIn keinerlei Aufmerksamkeit zuteil. Obwohl die Illus dauernd gezeigt werden. Ohne diese genialen Zeichnungen wären die Bücher deutlich weniger attraktiv. Gerd Fröbe als Hotzenplotz ist so gut wie er nur sein kann, aber der Charme und Zauber der Zeichnungen ist viel größer.
5.
Felix Beghi Kieser, 21.02.2013
Auch heute noch ist d Reuber Hotzenplotz in meiner familie ein guter gast. Wir leben mit unserer tochter in Italien und gute nacht geschichten kommen von Otfried Preussler.
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