Mysteriöse Geheimdienst-Affäre 1954 Tarnvater John

Es war der größte Geheimdienstskandal der deutschen Geschichte: Im Sommer 1954 tauchte Verfassungsschutzchef Otto John plötzlich in der DDR auf und beschimpfte Bundeskanzler Adenauer. Es blieb nicht sein letzter Seitenwechsel.

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Der Andrang im "Haus der deutschen Presse" war überwältigend. Nicht ohne Grund: Vor den Ost-Berliner Journalisten trat an diesem Sommertag kein geringerer als der Chef des westdeutschen Verfassungsschutzes auf, Otto John. Was an sich schon spektakulär war, geriet zur blanken Sensation durch die Aussagen, die er tätigte: Die Minister um Kanzler Konrad Adenauer seien "Kriegstreiber", sagte John an diesem 11. August 1954 - und warnte vor einer "Renazifizierung in Westdeutschland" sowie einem "neuen Kreuzzug gegen den Osten".

Zwei Wochen zuvor, am 23. Juli, hatte sich der 45-Jährige schon einmal zu Wort gemeldet: "Deutschland ist in Gefahr, durch eine Auseinandersetzung zwischen West und Ost auf ewig zerrissen zu werden", hatte er mit knarzender Stimme im Ostdeutschen Rundfunk erklärt. "Es bedarf einer demonstrativen Aktion, um alle Deutschen zum Einsatz für die Wiedervereinigung aufzurufen." Daher sei er der Stimme seines Gewissens gefolgt - und in die DDR übergelaufen.

Der Frontwechsel von Verfassungsschutzchef John am 20. Juli 1954 erschütterte die junge Bundesrepublik. Die "Neue Ruhrzeitung" schrieb von einem "politischen Fiasko". Denn die Affäre kam zur Unzeit: Die russische Blockade Westberlins war erst wenige Jahre her, und in der Bundesrepublik stand das Verbot der Kommunistischen Partei kurz bevor. Warum also wechselte der Verfassungsschutzchef nun die Seiten, mitten im Kalten Krieg? Der mysteriöse Fall ist nicht nur der größte Geheimdienstskandal der deutschen Geschichte - er ist bis heute rätselhaft geblieben.

"John stürzte sich aus dem Fenster"

Am Abend des 20. Juli 1954 war in Berlin gegen 21.30 Uhr ein amerikanischer Ford auf die Grenze zum sowjetischen Sektor zugerollt und hatte langsam das Schild mit dem Hinweis "Sie verlassen jetzt West-Berlin" passiert. Im Wagen saßen zwei Männer, einer von ihnen Otto John. Die sowjetische Einflusssphäre verlassen sollte dieser erst eineinhalb Jahre später wieder. Zehn Jahre zuvor hatte John mit der Stauffenberg-Gruppe gegen Adolf Hitler geputscht und in Kriegsverbrecherprozessen später Nazis ins Gefängnis gebracht. Man hätte vermuten können, dass er Diktaturen grundsätzlich ablehnt.

Doch nun, im Sommer 1954, sagte er in Ostberlin Sätze wie diesen: "Ich habe mich nach reiflicher Überlegung entschlossen, in die DDR zu gehen und hier zu bleiben, weil ich hier die besten Möglichkeiten sehe, für die Wiedervereinigung Deutschlands und gegen die Bedrohung durch einen neuen Krieg tätig zu sein."

Die westdeutsche Regierung in Bonn war schockiert. Kanzler Adenauer erklärte, Johns Seitenwechsel sei "erschreckend", und Innenminister Gerhard Schröder sprach von einer "Schlappe im Kalten Krieg". Vor allem aber stellte sich die Frage: Wie konnte es dazu kommen, dass ausgerechnet der oberste Schützer der Verfassung diese so schamlos hinterging? Oder war Tarnvater John etwa "durch eine List über die Sektorengrenze gelockt worden", wie Minister Schröder zunächst mutmaßte? Ratlos war auch die westdeutsche Presse - so ratlos, dass das "Hamburger Echo" am 24. Juli den Tod des Verfassungsschützers meldete: "Dr. John stürzte sich aus dem Fenster."

Doch der war quicklebendig und richtete sich derweil im Sozialismus ein: Nach vier Monaten dauernden Verhören in Moskau gab die Stasi im November 1954 John ein Büro inklusive Sekretärin, außerdem einen Dienst-Mercedes und ein Haus am Zeuthener See. Fortan ließ sich John durch die DDR kutschieren, traf Prominente wie den 80-jährigen Dichter Thomas Mann und hielt Vorträge im ganzen Land. 510 Tage lang, bis zum 12. Dezember 1955.

Betäubungsmittel im Kaffee?

An diesem Tag huschte John durch das Foyer der Ost-Berliner Humboldt-Universität. Während seine beiden Begleiter - Chauffeure und Stasi-Bewacher zugleich - sich auf dem Weihnachtsmarkt vor der Hochschule mit Schnaps aufwärmten, verließ John das Gebäude auf der Rückseite, stieg in einen hellgrünen Ford mit westdeutschem Kennzeichen und rollte darin um 16.32 Uhr durchs Brandenburger Tor, vor dem erst sechs Jahre später die Mauer jede Durchfahrt versperrte. So gelangte John, getarnt mit Schal und Sonnenbrille, im Wagen seines Fluchthelfers, des dänischen Journalisten Henrik Bonde-Henriksen, in den Westteil der Stadt.

Fortan erzählte John in die Mikrofone eine neue Version jener Geschichte, die eineinhalb Jahre zuvor begonnen hatte: An jenem Juliabend 1954 hatte er sich demnach mit einem befreundeten Frauenarzt namens Wolfgang Wohlgemuth in dessen Praxis nahe des Kurfürstendamms getroffen, um für eine Freundin ein Attest abzuholen. Doch stattdessen schickte Wohlgemuth, insgeheim Agent des russischen Geheimdienstes KGB, seine Sprechstundenhilfe zu John ins Wartezimmer, die ihm in einer Tasse Kaffee ein Betäubungsmittel servierte. Wenig später fuhr Wohlgemuth den bewusstlosen Verfassungsschützer in den Osten der Stadt, wo dieser zu seinem Schutz mit den DDR-Behörden kooperierte. Immer wieder erzählte John diese Geschichte, die nur einen Haken hatte: Niemand nahm sie ihm ab.

Vor allem der von John beschuldigte Wohlgemuth wehrte sich und verbreitete seinerseits folgende Version des Geschehens: Während er am fraglichen 20. Juli noch eine Patientin behandelte, gönnte sich Geheimdienstboss John zum Kaffee reichlich Cognac, bevor er sich sturzbetrunken in Wohlgemuths Auto setzte. Der brachte John dann auf dessen eigenen Wunsch zur Charité-Klinik in Ost-Berlin, wo dieser das Grab seines Bruders besuchen wollte - stattdessen jedoch in den Osten überlief. Soweit Wohlgemuths Wahrheit, die ebenso unbelegbar ist wie die johnsche Fassung. Für die westdeutsche Öffentlichkeit sollte der Bundesgerichtshof die undurchsichtige Affäre klären.

Verurteilung wegen "Fälschung und Konspiration"

Zu dem Prozess reiste John jedoch nicht als Entführungsopfer oder wichtigster Zeuge an - sondern als Beschuldigter. Denn direkt nach seiner Ankunft im Westen hatte das Bundeskriminalamt seine Verhaftung als mutmaßlicher Verräter angeordnet. Entsprechend urteilte am 22. Dezember 1956 der Dritte Strafsenat des Bundesgerichtshofs: John sollte für vier Jahre ins Zuchthaus gehen, obwohl selbst Oberbundesanwalt Max Güde in dem Indizienprozess nur zwei Jahre Haft gefordert hatte. Johns Vergehen laut Urteil: "Landesverräterische Fälschung und Konspiration in besonders schwerem Fall". Aber war John wirklich ein Überläufer?

Der Beschuldigte bestritt dies vehement und hatte nach seiner vorzeitigen Haftentlassung wegen guter Führung im Juli 1958 nur noch eine Mission: seine Rehabilitierung. 1969 erschien Johns autobiografische Rechtfertigungsschrift "Zweimal kam ich heim" als vielbeachtetes Buch, doch seine fünf Anträge auf ein Wiederaufnahmeverfahren scheiterten allesamt - und auch mit einer Klage gegen den vermeintlichen Menschenräuber Wohlgemuth kam er nicht durch. Seinen einzigen Erfolg hatte John einem späten Gnadenakt zu verdanken: 1986 bewilligte ihm Bundespräsident Richard von Weizsäcker eine kleine Rente.

Aufgeklärt ist die Affäre bis heute nicht; Forscher widersprechen einander. Während etwa der Historiker Bernd Stöver zur These tendiert, John sei freiwillig in den Osten gegangen, kam der Jurist Klaus Schaefer zuletzt zu dem Schluss, dass der damalige Verfassungsschutzchef 1954 tatsächlich entführt wurde. Ex-Widerstandskämpfer John blieb Zeit seines Lebens ein rechtskräftig verurteilter Verräter: 1997 starb der 88-Jährige verarmt in Österreich, drei Jahre nach seiner letzten Klage, welche die Richter ebenfalls abgelehnt hatten.

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Timo Niess , 14.08.2014
1. Weltklasse Wortspiel
Ich lache mich immer noch über die Überschrift des Artikels kaputt ?
Dieter Willibald, 14.08.2014
2. Laßt uns froh und munter sein
Zur Melodie des gleichartig beginnenden Weihnachtsliedes sang man nach der Rückkehr von Otto John: Laßt uns froh und munter sein/ Otto John kam wieder heim/ Lustig, lustig tralla la/ Bald sind auch die andern da. --- Wird Otto John in unserm Land/ als ein Flüchtling anerkannt,/ fliehen in die Bundesrepublk/ bald auch Grotewohl und Wilhelm Pieck.
Karl Wittelsbacher, 14.08.2014
3. Kleine Rente?
Von 4200 Mark konnte man damals recht gut leben. Warum wird die kontroverse Rolle des Zeugen Wittig nicht erwähnt?
Tim Tom, 14.08.2014
4.
Den größten Geheimdienstskandal der deutschen Geschichte erleben wir gerade eben live...
Michael Lepartz, 14.08.2014
5. naja
Also 4200 DM finde ich keine kleine Rente, vor allem da man davon ausgehen muss das diese Steuer - und Abgabenfrei ausbezahlt wurde, und das in den 80ern. Verarmen wird man damit wohl kaum. Da konnten und könen viele nur von Träumen: Zitat: http://de.wikipedia.org/wiki/Otto_John "Der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker gewährte ihm 1986 eine Sonderrente („Gnadenunterhaltsbeitrag”) von 4200 DM monatlich"
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