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Entdeckung des Ozonlochs "Loch im Himmel"

Entdeckung des Ozonlochs: Angst vor der Sonne Fotos
imago/Peter Widmann

Tod aus dem All: Vor 30 Jahren bewiesen drei britische Forscher die Existenz des Ozonlochs. Bald jagten Schreckensmeldungen von blinden Schafen um die Welt, die Behörden verteilten Sonnenbrillen. Von Kevin Witzenberger

Das Ende schien nahe. Den "letzten Akt für das Leben auf diesem Planeten", verkündete 1992 die Greenpeace-Expertin Karen Lohr. "Es ist noch viel schlimmer, als wir angenommen haben", warnte Michael Kurylo von der Nasa etwa zur gleichen Zeit. Horrormeldungen aus dem südlichen Chile schreckten Anfang der Neunzigerjahre die Menschen auf: Schafe erblindeten dort auf ihren Weiden, Lachse verloren gar unter Wasser ihr Augenlicht, Bäume trieben bizarre Knospen.

Eine unsichtbare Gefahr aus dem All bedrohte diese Weltregion: ultraviolette Strahlen, die ungehindert durch eine Öffnung in der schützenden Ozonschicht in der Stratosphäre die Erdoberfläche erreichten. Ozonloch taufte die Wissenschaft das Phänomen, das die Menschheit mit Hautkrebs und Grauem Star gefährdete.

Diese Bedrohung wuchs und wuchs - bald sollte sich das Ozonloch auch auf der nördlichen Halbkugel ausbreiten. "Mit Millionen von zusätzlichen Toten", rechnete bereits das Worldwatch Institute in Washington D.C.

Eilig verteilten die Behörden Sonnenbrillen und Hüte mit breiten Krempen an die Hirten im Süden Südamerikas. In Deutschland ergingen Warnungen an sonnenhungrige Wintersportler, nicht zu lange auf den Hotelterrassen herumzuliegen: "Weg vom sonnengegerbten Luis Trenker, hin zum blassen Japaner", empfahl Ekkehart Ulmrich, Direktor des Deutschen Skiverbandes.

"Loch im Himmel"

Erst am 16. Mai 1985 hatte die Menschheit von der tödlichen Bedrohung erfahren. An diesem Tag veröffentlichten die britischen Wissenschaftler Joe Farman, Brian Gardiner und Jonathan Shanklin in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift "Nature" eine brisante Studie, in der sie die umstrittene Existenz des Ozonlochs bewiesen. Monatelang hatten die Forscher dafür in der eisigen Kälte der Antarktis ausgeharrt. An der Halley Research Station des "British Antarctic Survey" schwankten die Temperaturen zwischen minus 10 und minus 50 Grad Celsius. Ihre Ausdauer sollte sich allerdings auszahlen: Die Ergebnisse ihrer Forschungsmission bewahrten die Welt vor einer Katastrophe.

Verantwortlich für den bedrohlichen Abbau der Ozonschicht in etwa 30 Kilometer Höhe waren Fluorchlorkohlenwasserstoffe. Thomas Midgley, dem Erfinder dieser Wundermittel, hätte diese Entdeckung wahrscheinlich das Herz gebrochen. Die von ihm kreierten chemischen Verbindungen mit dem Kürzel FCKW waren weder gesundheitsschädlich noch entflammbar und ermöglichten 1930 eine technische Revolution: billige und sichere Kühlschränke.

Dass seine Erfindung, die zunehmend auch als Treibgas für Spraydosen eingesetzt wurde, sämtliches Leben auf der Erde in Gefahr brachte, ahnte niemand - aufgestiegen in die Stratosphäre zerstörte das im FCKW gebundene Chlor die Ozonmoleküle. Bereits 1974 hatten die Forscher Mario J. Molina und Frank Sherwood Rowland auf dieses Problem aufmerksam gemacht. Weder die Öffentlichkeit noch die Medien nahmen diese Entdeckung damals allerdings ernst. "Abbau der Ozonschicht durch Fluorkohlenstoffe?", rätselte beispielsweise die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" 1975.

Auch als Farman, Gardiner und Shanklin zehn Jahre später den gewaltigen Schaden in der Atmosphäre in Form des Ozonlochs dokumentierten, dauerte es wiederum fast ein Jahr, bis diese Bedrohung in den deutschen Medien angekommen war. 1986 machte schließlich auch die "Bild" in ihrer unnachahmlichen Weise auf das Problem aufmerksam: "Loch im Himmel durch Spraydosen". Plötzlich war Midgleys Erfindung der Inbegriff der Umweltkatastrophe.

Blind in der Landschaft

Einmal in den Medien angekommen, grassierte die Angst vor Missernten, Augenschäden und Hautkrebs. In den Neunzigerjahren warnte das australische Gesundheitsministerium mit einem passenden Slogan: "Between eleven and three, slip under a tree", zu Deutsch: "Verkriech dich zwischen 11 und 15 Uhr unter einem Baum." 1990 machten die Grünen die Ozonschicht zum Thema im Bundestagswahlkampf: "Alle reden von Deutschland. Wir reden vom Wetter. Ozonloch. Smog. Treibhauseffekt. Saurer Regen", lautete der Spruch auf Wahlplakaten.

Währenddessen schockten weitere Horrorgeschichten aus Chile die Welt. Jäger konnten dort rund 300 Hasen einfach in der Landschaft einsammeln - die Tiere saßen orientierungslos im Grasland und litten am Grauen Star, wie der SPIEGEL 1992 berichtete.

Die globale Panik vor dem unsichtbaren Strahlentod aus dem All zeigte Wirkung. 1987 unterzeichneten 46 Staaten das Montrealer Protokoll zum Schutz der Ozonschicht, bis heute haben 197 Länder das Abkommen ratifiziert. FCKW ist seitdem aus Kühlschränken und Spraydosen verschwunden - das Ozonloch schließt sich langsam, aber sicher wieder.

Einer seiner Entdecker, Jonathan Shanklin, meint, dass die Menschheit eine Lehre ziehen sollte: "Unsere Ergebnisse haben gezeigt, wie schnell wir unserer Atmosphäre schaden können und wie wichtig es ist, die Umwelt über einen längeren Zeitraum zu beobachten. Unsere Ergebnisse bewiesen auch, wie schnell politische Lösungen parat stehen können."

Doch wie würde die Welt heute aussehen, wenn Shanklin und seine Kollegen das Ozonloch niemals entdeckt hätten? "Dann hätten wir heute wohl eine geschädigte Ozonschicht über dem gesamten Planeten. Viel mehr Menschen würden an Hautkrebs und Grauem Star leiden. Selbst der Klimawandel wäre extremer", erklärte der britische Meteorologe SPIEGEL ONLINE. Er kann diesem Horrorszenario zynisch etwas Positives abgewinnen: "Der Temperaturanstieg wäre dann immerhin so offensichtlich, dass es heute sehr schwer wäre, dagegen zu argumentieren."

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1. Lustig
Jochen Müller, 15.05.2015
Lustig, dass die ganzen Klimawandelleugner auch das Ozonloch immer wieder als Argument anführen, dass all die Warnungen vor der Klimaerwärmung ja nur hysterisches, linksgrünes, umweltlobbyistisches Gutmenschen Geschwätz ist. Schließlich wurde ja damals auch vorhergesagt, dass uns das Ozonloch alle umbringt und bis heute ist das nicht passiert. Leider vergessen diese Leute halt (gewollt?) den letzten Teil der Geschichte, dass eben das koordinierte, international einmütige Vorgehen gegen die Ursachen des Ozonlochs erst dazu führte, dass die vorhergesagten Auswirkungen verhindert wurden, was es im Gegenteil zu einem guten Beispiel für die positive Macht internationaler Zusammenarbeit macht und als Vorbild für den Kampf gegen den Klimawandel dienen sollte. Aber ich bin sicher, hätte es das Internet damals schon gegeben, hätten es damals schon Spinner Gehör gefunden, die all die wissenschaftlichen Erkenntnisse als "Ökokomplett" verunglimpft hätten. Frei nach dem Motte eines alten "Badesalz"-Sketches: "Ozonloch?!?... Ach ich hab noch keins gesehen."
2. Glückssache
Fritz Martin, 15.05.2015
Wir haben die Studien damals (1974) in der AstA-Zeitung einer deutschen Hochschule referiert und wurden deshalb als rechtslastig beschimpft (ökologisch=konservativ=rechts) von einer Anzahl Genossen aus mehreren Parteien und Gruppen, die sich später teils auch bei Grün wiedertrafen. Grün hieß später ja auch oft genug nur: jetzt besetzen wir das Ökologie-Thema. Politik ist eine komische Sache. Es ist immerhin besser, wenn sie nachhinkt und nicht zu brutal voranwurstelt. Am Ozonloch hätte auch das Nachhinken schief gehen können. Das wusste man damals nicht im Voraus.
3.
Max Super-Powers, 15.05.2015
Sie schreiben, dass sich das Ozonloch langsam wieder schließen würde. Dabei glaube ich much doch am eine Meldung von vor vielleicht zwei drei Jahren zu erinnern, nach der das Loch bereits zu ist, was stimmt denn nun?
4. Wissenschaft oder Panikmache
Dieter Freund, 15.05.2015
Schafe erblindeten dort auf ihren Weiden - aber der Schäfer nicht - wenn ich mich recht entsinne, war die Erblindung der Schafe auf eine Erkrankung zurückzuführen - und nicht auf das Ozonloch (Gämsblindheit?). Ads Ozonloch schließt sich langsam? Bischen wissenschaftlich fundiert hätte der Artikel schon sein können. Ach ja, damals gabs ja von 95 bis 99 die Ozonplakette - scheint aber jetzt nicht mehr nötig zu sein. Was ist denn aus dem Waldsterben und dem sauren Regen geworden?
5.
Leo Pesch, 15.05.2015
Der SPON Zensor wird meinen Beitrag sicher nicht durchlassen, aber trotzdem: http://www.eike-klima-energie.eu/lesezeichen-anzeige/wie-das-maerchen-vom-gefaehrlichen-ozonloch-entstand-die-vorlage-fuer-das-kyotoprotokoll/ ..... Und ohne Resultat gibt's wohl kein Geld mehr von Dupont? Lachen: Nein, aber jetzt haben wir ja das Ozon-Loch und das Geld fließt reichlich z.B. von der NSF. Und sie erklärten mir: Natürlich war das Ozonloch schon immer da und hat mit dem ungefähr Tausendstel Chlor durch FCKW nichts zu tun (das ist schon seit 1950 bekannt als es noch gar keine FCKW gab. Und ausgerechnet am Südpol wo wohl die FCKW Emission besonders hoch ist(??) ) ..... Waldsterben und Klimawandel sind nur weitere Auswüchse bei diesem Betrug....
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