Päpste auf Reisen Pleiten, Pech und Pontifex

Päpste auf Reisen: Pleiten, Pech und Pontifex Fotos
dpa

Fliegende Farbeier, brennende Missionarspuppen, nackte Demonstrantinnen: Im Gegensatz zum streng abgeschirmten und reglementierten Alltag im Kirchenstaat können Päpste auf Reisen viel erleben. Manch ein Trip endete trotz minutiöser Planung im Desaster. Nicht immer waren Kirchengegner schuld daran. Von

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Schon bei der Ankunft schlugen ihm die Protestrufe entgegen. Ein minutenlanges Pfeifkonzert begleitete seine Fahrt durch die Stadt. Auf das Papamobil prasselten Farbeier nieder. Die Fotos von der nackten Demonstrantin, die auf den päpstlichen Konvoi zustürmt, gingen um die Welt, ebenso wie die von Protestierern mit einer Jesusfigur ohne Lendenschurz und einer Gegenpäpstin im lilafarbenen Ornat.

Am Sonntagmorgen war der Papst in die deutsche Hauptstadt eingeflogen. Noch am Abend hatte er sie nach einem Gang durch das Brandenburger Tor und einer Messe im Olympiastadion wieder in Richtung Rom verlassen. Wegen der angekündigten Proteste hatte die Kurie den Aufenthalt auf nur wenige Stunden beschränkt. Der Berlin-Besuch von Johannes Paul II. im Juni 1996 war zu einem PR-Desaster geraten.

Der Kurztrip, der den Papst wie einen unerwünschten Eindringling erschienen ließ, war kein Einzelfall. Seit beinahe fünf Jahrzehnten versucht der Vatikan die modernen Massenmedien dafür zu nutzen, die Kirche in ein besseres Licht zu rücken. Doch während die Päpste nicht müde wurden, ihre Reisen als Roadshows in eigener Sache zu initiieren, schlug deren Wirkung einige Male böse fehl.

Im Angesicht des ausgestreckten Mittelfingers

Ein Vatikan-Mitarbeiter kommentierte die Berliner Proteste von 1996 später mit den Worten, Johannes Paul II. habe bei seinen vorangegangenen Reisen schon ganz anderes erlebt. Hinter der lapidaren Bemerkung steckte eine für die katholische Kirche bittere Wahrheit. Tatsächlich konnte der polnische Reisepapst, der nach offiziellen Vatikan-Statistiken fast neun Prozent (822 Tage) seiner Amtszeit außerhalb von Rom verbrachte, 129 Länder besuchte und mehr als 1,2 Millionen Kilometer zurücklegte, geradezu verlässlich mit Gegenwehr rechnen, sobald er in der westlichen Welt seinen stramm konservativen Kurs in Fragen der Sexualmoral, des Zölibats und der Rolle der Frau in der katholischen Kirche predigte.

So war es etwa 1987 bei seinem Besuch in San Francisco, einer Hochburg der weltweiten Schwulenbewegung, oder 1985 in den weitgehend atheistischen Niederlanden, wo ihm nur vereinzelt Gläubige zujubelten und stattdessen Demonstranten ihren ausgestreckten Mittelfinger in Richtung Papamobil erhoben.

Missfallen erregte der Besuch des Papstes aber auch in jenen Ländern, in denen die Katholiken nur eine Minderheit sind und die Bevölkerungsmehrheit einer anderen Weltreligion angehört: Radikale Hindus wetterten 1999 gegen die Anwesenheit Johannes Pauls II. in Indien, orthodoxe Christen 2001 in der Ukraine und strenggläubige Juden im Jahr 2000 gegen den Besuch des Heiligen Vaters im Heiligen Land.

Licht aus

Demonstranten nutzten die minutiös geplanten und auf Harmonie getrimmten Papstvisiten aber auch, um die Aufmerksamkeit des Pontifex auf Probleme wie die Missachtung der Menschenrechte im eigenen Land zu lenken. In Chile 1987 gelang das sogar - allerdings anders als geplant: Während Johannes Paul II. nach seinem Empfang durch Diktator Pinochet im Nationalstadion von Santiago just an dem Ort die Messe las, an dem während des Militärputsches 1973 Pinochet-Gegner gefoltert und getötet worden waren, knüppelte die Polizei vor dem Stadion die mehr als 100.000 Demonstranten zusammen. Der Papst sah sich gezwungen, den Besuch des international geächteten Regimes zu rechtfertigen, nachdem sich sogar die Mehrheit der chilenischen Bischöfe dagegen ausgesprochen hatte.

Sein Vorvorgänger Paul VI. war 1964 der erste Papst, der auf die Idee kam, bei seiner Reise Pressevertreter gleich direkt mit an Bord ins Zielland, in diesem Fall den Nahen Osten, zu nehmen. Daran, dass sie ihn auf Schritt und Tritt begleiteten, mussten sich er und seine Nachfolger aber erst gewöhnen - etwa wenn der Jetlag sie übermannte und Seine Heiligkeit unbefangen in die Kameras gähnte.

Die hielten schließlich auch den dramatischen Höhepunkt des Besuches in Jerusalem fest: Als die drängende Menschenmenge auf der Via Dolorosa außer Kontrolle geriet und Paul VI. in seiner Todesangst ein "Herr, ich bin der großen Gnade nicht würdig, dort zu sterben bestimmt zu sein, wo du gestorben bist" ausgestoßen haben soll. Als der Papst schließlich die Grabeskirche erreichte und dort den Gottesdienst feiern wollte, fiel nach einem Kurzschluss das Licht aus.

Entsetzen in Berlin

Die allgegenwärtigen Kameras, die schließlich auch Johannes Paul II. begleiteten, fingen Bilder ein, die so gar nicht zum gewünschten Image des gütigen und väterlichen Pontifex passten. Sie zeigten ihn 1983 bei seiner Ankunft in Nicaragua in dem Augenblick, da er den vor ihm knieenden Befreiungstheologen Ernesto Cardenal schroff zurechtwies. Und sie zeigen später auch, wie der schwerkranke Johannes Paul II. im Herbst 2004 beim Gebet in der Mariengrotte von Lourdes zusammenbrach und nur mit Mühe von seinem Privatsekretär vor einem Sturz bewahrt werden konnte.

Die Proteste, denen sein Vorgänger ausgesetzt war, begleiten inzwischen Benedikt XVI. so zuverlässig wie das Amen in der Kirche. Bei seinem Großbritannien-Besuch im September vergangenen Jahres musste er lesen, dass ihn die Londoner für den Antichristen hielten; in Barcelona veranstalteten lesbisch-schwule Gruppen ein Kiss-in in Sichtweite des Papamobils.

Die deutsche Hauptstadt galt für einen Papstbesuch lange als tabu. Benedikt XVI. hatte sie bei seinen ersten beiden Deutschland-Besuchen 2005 und 2006 gemieden - aus "protokollarischen Gründen", wie es damals aus dem Vatikan hieß. Zu bitter waren die Erfahrungen des Jahres 1996. Als Benedikt XVI. im vergangenen Jahr eine Reise in die Spree-Metropole ankündigte, herrschte in Rom und bei der Ortskirche in Berlin neben der Vorfreude denn auch sogleich Sorge wegen der protestfreudigen Hauptstädter.

Benedikt XVI. schreckt das offenbar nicht: Trotz einer geplanten Gegendemo und der Ankündigung von rund 100 Abgeordneten, den Auftritt zu boykottieren, will der Papst am 22. September sogar im Bundestag sprechen.

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1.
Steffen Heine, 20.09.2011
Es reicht langsam. Der evangelischen Jugendtag in Dresden wurde von kritischen Beiträgen im Spiegel überhäuft, ebenso der katholische in Madrid. Es wird nur noch über die Krise der Kirche, sexuelle Übergriffe sowie herablassend über den Papst berichtet. Stellt doch mal wieder die unglaubliche Bedeutung heraus, die die Kirche für junge Menschen wie mich hat. Sie ist meine Familie, meine Singlebörse, mein Trost, meine Freundschaftskreis, meine Gesangsverein!
2.
Paul Prüfer, 20.09.2011
Ja, wenn diese Institution so dürfte, wie sie gern wollte, würden die Kritiker dieser mehr als fragwürdigen Institution doch auf den Scheiterhaufen verbrannt werden. Wie sehr der Papst doch die Ajatollas beneiden wird.
3.
Ralf Sauer, 20.09.2011
>Es reicht langsam.... Stellt doch mal wieder die unglaubliche Bedeutung heraus, die die Kirche für junge Menschen wie mich hat. Sie ist meine Familie, meine Singlebörse, mein Trost, meine Freundschaftskreis, meine Gesangsverein! Ja sicher, deswegen werde ich als Schwuler ja so toll von der kath. Kirche unterstützt. Deswegen sterben viele Menschen an Aids, weil ja Kondome so teuflisch sind. Soll ich noch mehr aufzählen? Es sei jedem gegönnt seine Kirche und sein Glauben zu finden und zu haben - lasst mir aber meine Freiheit das zu glauben, was ich für richtig finde und mein Leben zu führe wie ich es für richtig finde.. Die Kirche und besonders deren Vertreter wie der Papst versuchen jedem Menschen ihren Glauben "aufzudrücken", ihre Moral ist die einzige Wahrheit, so etwas ist unerträgelich.
4.
Lars Krachen, 20.09.2011
>Sie ist meine Familie, meine Singlebörse, mein Trost, meine Freundschaftskreis, meine Gesangsverein! Und darauf sind Sie auch noch stolz?!? Die Kirche hat scheinbar nicht nur diese Bedeutung, sie will diese Macht über junge Menschen wie Sie!
5.
Peter Hühne, 20.09.2011
> "Es sei jedem gegönnt seine Kirche und sein Glauben zu finden ...". Wenn jemand mit dem Anspruch "gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker das Christentum" antritt, dann göönt dieser jemand den Anderen ihren eigenen Glauben nicht. Er kann sich dann aber auch nicht darauf berufen, man solle ihn doch seinen Glauben leben lassen, wenn man den Katholizismus kritisiert. Aber Ambiguitätstoleranz ist Grundvoraussetzungen, die unerträgliche Seichtigkeit des kirchlichen Geschleims für sich akzeptieren zu können. Für mich als Menschen mit seinem persönlichen Gottesglauben versündigt sich der Papst mit seiner Haltung gegenüber Frauenrechten, Minderheitentoleranz und vor allem Geburtenkontrolle gegenüber Gottes Schöpfung. Wenn es nicht so geil wäre, so viel Macht in der eigenen Person vereint zu sehen, dann müsste ein intelligenter Mensch (ist der Papst das?) noch heute die Tiara nehmen und abdanken.
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