Papst Pius XI. und Mussolini Pakt mit dem Teufel

Papst Pius XI. hat mit dem Faschismus paktiert und Benito Mussolinis Aufstieg erst möglich gemacht. Eine Studie des US-Historikers David Kertzer lässt den Papst eher als Dunkelmann denn als Lichtgestalt erscheinen.

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Von Klaus Kühlwein


Im Vatikan gehen die Uhren anders, sagt man, und Jahrhunderte gelten nichts im Strom der Zeiten. Imperien und ihre Weltanschauungen kommen und gehen, doch der Felsen Petri ist unverrückbar, seine Grundsätze bleiben unwandelbar. So weit, so heilig.

Dass der Felsen Petri dem faschistischen Regime gegenüber jedoch weder standfest blieb noch treu den eigenen Überzeugungen, hat der Historiker David Kertzer in seinem Buch "Der erste Stellvertreter" nachgewiesen, ausgezeichnet mit dem bedeutenden Pulitzerpreis. Darin verfolgt der US-amerikanische Professor den Aufstieg Benito Mussolinis und des italienischen Faschismus an der Seite des amtierenden Papstes Pius XI.

Dieser "Stellvertreter Christi" und seine straff geführte Administration kommen nicht gut weg. Mehrere Jahre grub Kertzer tief im Päpstlichen Geheimarchiv in den Akten zum Pontifikat Pius XI., die erst 2006 freigegeben wurden. Er stieß dabei auf brisantes Material: Laut Kertzers Recherchen hatte Papst Pius XI. nicht nur taktiert, er hatte paktiert - und so den Aufstieg Mussolinis erst möglich gemacht.

Damit kratzt der Historiker gewaltig am bislang eher positiven Image des Papstes: Der galt bislang als aufrechter Kirchenmann, der - im Gegensatz zu seinem Nachfolger Pius XII. - auf der Seite der verfolgten Juden stand und dem Faschismus kritisch gegenüber stand. "Aus der einstigen Lichtgestalt wird ein, wenn auch tragischer Dunkelmann", schreibt der Historiker Hubert Wolf im Vorwort zur deutschen Ausgabe der Kertzer-Studie.

Hand in Hand gegen den Kommunismus

Am 6. Februar 1922 trat Achille Ratti als Papst Pius XI. an. Ein Dreivierteljahr später putschte sich der Journalist und gescheiterte Volksschullehrer Benito Mussolini in Rom an die Macht und trieb ab sofort die Gleichschaltung des politischen Systems voran. Zeitgleich versuchten beide Männer, ihre Macht auszubauen - und stabilisierten sich so gegenseitig, wie Kertzer dokumentiert. Einen ersten pontifikalen Sündenfall bereitete Papst Pius bereits drei Jahre nach seinem Amtsantritt vor.

Er wollte endlich die "römische Frage" lösen, die den Heiligen Stuhl seit über 50 Jahren in einem isolierten Schwebezustand hielt, ohne Rechte, ohne Einfluss, ohne Gebietssouveränität. Mussolini sah in dem Angebot, einen umfassenden Staatsvertrag abzuschließen, die große Chance, den Papst für sich und den Faschismus zu instrumentalisieren.

Im Februar 1929 war es soweit, der Heilige Stuhl und das Königsreich Italien, vertreten durch Mussolini, schlossen die "Lateranverträge". Mussolini verlangte die Anerkennung des faschistischen Italiens, Goodwill gegenüber der Regierung und zudem: Unterstützung seiner selbst als "Duce" der faschistischen Bewegung. Papst Pius schluckte. Doch zu verlockend waren die neuen Rechte der Kirche, der souverän werdende Vatikan und die erwarteten Reparationszahlungen.

Verlockend war auch, dass die Kirche und der Faschismus einen gemeinsamen Erzfeind hatten: den Kommunismus. Warum also nicht Hand in Hand gehen und gemeinsam den Feind bekämpfen? Er werde selbst mit dem Teufel verhandeln, wenn er eine Seele retten könne, sagte Pius XI. einmal. Es war just jener faustische Pakt, mit dem Pius scheinbar viel gewann - im Gegenzug jedoch grundlegende Werte opferte.

Tauziehen um die "Katholische Aktion"

Schon zwei Jahre nach dem Lateranpakt kam es zu einer ernsthaften Krise. Schon länger war Mussolini die mächtige Laienbewegung "Katholische Aktion" ein Dorn im Auge: Für den "Duce" mischte sich die Bewegung zu sehr in die Belange des Faschismus ein, er befahl Gegenmaßnahmen. Pius XI. dagegen betrachtete sie als sein persönliches Ziehkind und als päpstliche Speerspitze gegen jeden Modernismus und Liberalismus in der Gesellschaft.

Als Schwarzhemden gewaltsam gegen die "Katholische Aktion" vorgingen, war das Kirchenoberhaupt entsetzt und probte die Konfrontation. Doch am Ende gab Pius XI. nach. Seine "Soldaten", wie er sie nannte, sollten sich zurückziehen in den rein religiösen Bereich und dem Faschismus vor Ort das Feld überlassen.

Überzeugt hatte ihn nicht zuletzt sein neuer Kardinalstaatssekretär, der Meisterdiplomat Eugenio Pacelli und spätere Papst Pius XII. Pacelli verstand es exzellent, seinem Chef den ausgehandelten Pakt mit Mussolini für alternativlos zu erklären.

Späte Kehrtwende

In den letzten Monaten seines Pontifikats war der altgewordene Papst allerdings ziemlich desillusioniert. Er wollte raus aus dem Pakt mit Mussolini. Die anstehenden Rassengesetze auch in Italien und die enge Allianz des "Duce" mit Hitler boten ihm den Anlass. Im Mai 1938 beauftragte Pius XI. heimlich den US-Pater LaFarge SJ, eine Anti-Rassenenzyklika zu entwerfen.

Das Projekt sollte geheim bleiben, nur der Jesuitengeneral durfte davon wissen. Dass Pius seinen Kardinalstaatssekretär Pacelli überging und möglichweise nie einweihte, war mehr als ungewöhnlich. Pius scheute den Widerstand Pacellis, weil er fürchtete, dass dieser ihm die Enzyklika ausreden würde.

Das Drama nahm trotzdem seinen Lauf. Der erzkonservative Jesuitengeneral Ledóchowski verschleppte den Textentwurf immer wieder. Konspirativ half ihm dabei Pater Rosa SJ, der antisemitisch eingestellte Chefredakteur des katholischen Presseorgans "Civiltà Cattolica".

Beide wussten, wie hinfällig und krank der Chef war. Erst drei Wochen vor seinem Tod übermittelte man den Entwurf mit dem frechen Votum, dass der Text gänzlich untauglich sei und man von vorn anfangen müsste. Damit war das Projekt gescheitert.

Zu tief verstrickt

Nach dem Geheimauftrag an Pater LaFarge plante Papst Pius auch, die kommenden Rassengesetze in allen Kirchenmedien öffentlich attackieren zu lassen. Es ging um den Schutz der Juden. Als Stellvertreter durfte er antisemitische Gesetze der eigenen Regierung nicht unwidersprochen passieren lassen.

Doch in Geheimverhandlungen köderte Mussolini listig den Papst: Er werde die "Katholische Aktion" endgültig in Ruhe lassen und die von der Partei ausgeschlossenen Aktionsleute wieder in die faschistische Partei aufnehmen - unter der Bedingung, dass Papst und Kirchenpresse die Rassengesetze nicht kritisieren.

Ein entsprechendes geheimes Abkommen wurde noch im August 1938 formuliert. Von seinen eigenen Leuten wurde Pius bedrängt, es anzunehmen. Der alte Papst sträubte sich, dann zögerte er - schließlich gab er nach. Er war schon zu tief verstrickt im Bündnis mit dem Duce.

Fortan überboten sich der Osservatore Romano, andere Kirchenmedien und Prediger darin, die antijüdischen Rassengesetze als das natürliche Recht eines Staates zu deklarieren. Der Vatikan hatte die italienischen Juden um des eigenen Vorteils willen an Mussolinis verkauft.

insgesamt 16 Beiträge
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Albert Denter, 27.11.2016
1. Pius XI
der XI. ear nicht besser als der XII. (bin Katholik. Gerade deshalb sag ich das)
Anna Gabel , 27.11.2016
2.
Eine Kirche die solche Figuren in welcher Form auch immer unterstützt ist wertlos. Hauptsache gegen Abtreibung. bHauptsache gegen Vergütung. Der Rest spielt keine Rolle. Mord inklusive. Es zählen nur die befruchteten Eizellen. Der Rest ist halb so schlimm.
Angelika Weiss, 27.11.2016
3. Danke
Mir hätte es gereicht, wenn Sie mir die Quellen dieser geheimen und furchtbaren Gedanken mitgeteilt hätten. Jemand muss das dem Autor doch gesagt oder geschrieben haben, bei dem man das ohne zusätzliche Interpretationen nachlesen kann.
Anton Waldheimer, 27.11.2016
4.
Im Hinblick darauf dass die Juden im besetzten Frankreich (= Cote d`Azure) ein Auskommen hatten, ( vergleiche die Berichte der Ehegatten Klarsfeld) ist der Bericht in hohem Maße unschlüssig. Gab es überhaupt irgendwelche Rassengesetze in Italien, wurden sie jemals angewendet? Italienische Holocaustopfer sind mir wenn überhaupt nur aus der Zeit nach dem Sturz Mussolinis bekannt.
lothar bernschneider, 27.11.2016
5. Eher..
Belzebub und Luzifer haben sich damals vereinigt.
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