Palast der Republik Untergegangen als Ruine

Vor genau zehn Jahren verschwand der letzte Rest des Palasts der Republik. Udo Jeschke mied als DDR-Bürger das Gebäude mit der Spiegelfassade - bis eine Bluesrock-Band nach Ostberlin kam: Ten Years After.

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Zu einer FDJ-Veranstaltung wäre Udo Jeschke auf keinen Fall freiwillig erschienen. Bis zu diesem Abend im Jahr 1986: Da nahm er es in Kauf, im großen Saal im Palast der Republik mitten unter linientreuen Jugendlichen zu sitzen. Denn endlich spielte in Ost-Berlin die britische Bluesrock-Band Ten Years After - allerdings nur vor handverlesenen Mitgliedern des kommunistischen Jugendverbands.

Zu denen zählte der langhaarige Rockfan Jeschke nicht. Schon 1968 war er wegen seiner Sympathien für den Prager Frühling mit der Stasi in Konflikt geraten. Seine Lehrstelle als Matrose war daraufhin futsch. So verdiente er sein Geld als Bauarbeiter und Fliesenleger und arbeitete an Wochenenden für Privatkunden. Um an eine der begehrten Konzertkarten zu kommen, musste er tricksen.

Mit Freunden betrieb er einen illegalen Handel mit West-Schallplatten. "Seit Ende der Siebzigerjahre vertickten wir heimlich Platten, für 100 Mark pro Stück", erzählt Jeschke. "Mit dem Geld unterstützten wir Leute, die Ärger mit den Behörden hatten und ohne Arbeit waren."

Rentnern, die nach West-Berlin durften, gaben sie Wunschlisten mit. Plattenverkäufer im Westen ließen sich dazu überreden, die Scheiben per Post als Geschenksendungen an Jeschke und seine Kumpel zu verschicken. Obendrauf lagen Schokoladentafeln. Den DDR-Behörden fiel offenbar nichts auf.

"Auch FDJ-Funktionäre waren scharf auf West-Musik"

Jeschke gelang es, mehrere dieser Schallplatten gegen eine Karte für Ten Years After einzutauschen. "Die Funktionäre ließen sich bestechen, sie waren ganz scharf auf die Doors oder die Bee Gees." Fast der ganze Saal war voller blauer FDJ-Hemden: "Nur vereinzelt sah ich Leute, die wie ich nicht dazuzugehören schienen. Auch sie waren wahrscheinlich durch einen Trick hineingekommen", erzählt Jeschke. "Als dann jemand auf der Bühne eine endlose politische Rede hielt, schrie einer dieser Musikfans plötzlich: 'Wir wollen Ten Years After hören!'. Im Nu drehten ihm Aufpasser die Arme nach hinten und brachten ihn aus dem Saal. Von dem Konzert kriegte er überhaupt nichts mit."

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Palast der Republik: Bau auf, bau auf - reiß ab!

Der Palast der Republik stand da bereits seit zehn Jahren, genau gegenüber vom DDR-Außenministerium. In Rekordzeit war der massive, langgezogene Gebäuderiegel mit den bräunlich verspiegelten Glasscheiben zwischen August 1973 und April 1976 auf der Spreeinsel hochgezogen worden. Drinnen tagte die Volkskammer, das Parlament der DDR. Vor allem sollte der Palast der Republik aber ein "Haus des Volkes" sein.

Nicht nur Parteifunktionäre, auch Menschen ohne höhere Ämter hatten jederzeit Zutritt. Wegen der verschwenderischen Lichtquellen sprachen viele spöttisch von "Erichs Lampenladen", nach dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker. Andere tauften das Gebäude "Palazzo Prozzo" oder "Ballast der Republik", nicht zuletzt aufgrund der enormen Baukosten von mindestens 750 Millionen DDR-Mark.

Überall lauerten Spitzel

Im großen Saal wurde etwa die populäre Fernsehsendung "Ein Kessel Buntes" aufgezeichnet. Im Foyer konnte man sich an Wochenenden mit Blasmusik, Tanz oder Modenschauen die Zeit vertreiben. Dazu gab es ein Theater, mehrere Restaurants, Bars und Cafés, einen Jugendtreff mit Diskothek und eine Bowlingbahn.

Diese Vielfalt zog viele Leute an, denn der Alltag in der DDR war kulturell eher monoton. Udo Jeschke machte um den Palast der Republik trotzdem einen großen Bogen. "Allein schon die Spiegelfassade war mir nicht geheuer", sagt er. "Ich hatte immer den Eindruck, jemand beobachtete mich von innen, ohne dass ich ihn sehen konnte. Im Café oder Restaurant konnte man ziemlich sicher davon ausgehen, dass am Nebentisch jemand mithörte. Man wusste, dass es gerade dort von Stasi-Informanten nur so wimmelte."

Auch Elke Baars-Margeit, damals Lehrkraft an einer Bezirksgewerkschaftsschule, war in den Achtzigerjahren häufig im Palast der Republik. Sie und ihre Kollegen wurden als "Platzfüller" zu Gewerkschaftskongressen geschickt - fürs Fernsehen sollten möglichst keine Sitze im Saal frei bleiben. "Wir hatten einen Aufpasser dabei, der darauf achtete, dass wir immer anwesend waren", sagt sie. "Das Spektakuläre waren die Büfetts. Es gab Bananen und viele andere Sachen, die man draußen nicht im Geschäft kaufen konnte."

Claqueure für Honecker

Wenn Erich Honecker anrückte, musste Baars-Margeit mit anderen Gästen am Eingang stehen und zur Begrüßung klatschen. "Honecker demonstrierte Volksnähe, indem er den Leuten die Hand gab und über das Wetter redete. 'Die Sonne scheint ja!' - viel mehr hat er nie von sich gegeben."

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Die pompöse Innenausstattung gefiel Baars-Margeit nicht, ebenso wenig wie die monumentalen Gemälde von Willi Sitte im zweiten und dritten Stock. "Fleischschau, sagten wir über seine Bilder. Die Funktionäre wollten offensichtlich so einen Kitsch haben. Und die Kronleuchter waren eine riesige Energieverschwendung."

Nach der Wende haben weder Jeschke noch Baars-Margeit den Palast der Republik wieder betreten. 1990 wurde er wegen Schadstoffbelastung geschlossen, man hatte dort rund 5000 Tonnen Spritzasbest verbaut. Bis 2003 wurde er entkernt, schließlich zum Abriss freigegeben.

Im Schlauchboot durch den "Palazzo Prozzo"

In den folgenden Jahren liefen in der Ruine Kunstausstellungen und Theateraufführungen. Aufsehenerregend kurios war etwa das Projekt "Fassadenrepublik", bei dem im Herbst 2004 der Innenraum teilweise geflutet wurde: Besucher konnten Honeckers ehemaligen Palast in Schlauchbooten erkunden. Der mehrjährige Rückbau war erst am 2. Dezember 2008 beendet, als ein Bagger das letzte Treppenhaus dem Erdboden gleichmachte.

"Ich ging nicht zu diesen Kunstaktionen, weil ich es verwerflich fand, dass der Palast der Republik abgerissen wurde", so Elke Baars-Margeit. "Man hätte ihn als historisches Monument erhalten sollen. Mir schien es so, als sollten alle Spuren der DDR gezielt beseitigt werden."

Udo Jeschke sieht das ganz anders - er trauert dem "Palazzo Prozzo" nicht nach. Bald nach dem Konzert von Ten Years After geriet er wieder ins Visier der Staatssicherheit, nachdem er deren Mitarbeiter auf Flugblättern aufgefordert hatte, sich eine ehrliche Arbeit zu suchen. Er kam in Haft und wurde 1988 von der Bundesrepublik freigekauft. Nach dem Mauerfall kehrte er nach Berlin zurück, wo er den Rückbau des Palastes der Republik beobachten konnte.

"Es war gut, dass er irgendwann weg war", sagt Jeschke heute. "Ich brauche ja auch kein Lenindenkmal. Diese Diktatur hat sich für mich ein für allemal erledigt."

insgesamt 24 Beiträge
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johndo89, 02.12.2018
1. Und was soll uns der Artikel sagen?
Alles in de DDR war schlecht, nicht Lebenswert.... Genau solche Artikel sind es, die den Graben nicht schließen. Wir wissen, das nicht alles Gold war, vielleicht sollten wir mal zur Abwechslung auf den schlechten Dingen der Bundesrepublik Deutschland vor 1990 drauf rum reiten, immer und immer wieder. Wird aber wohl nie passieren, dafür werden die Medien schon sorgen.
Henning Boddin, 02.12.2018
2. Gedanken sind frei
Mein erster Gedanke, als ich den Retro-Bau des alten Stadtschlosses sah, war der, dass der Palst der Republik wesentlich schicker und architektonisch gelungener war. Die Menschen hatten durch die vielen, auch privaten, Veranstaltungen einen echten Bezug zu dem Gebäude. Dagegen sieht diese Beton-Version des alten Stadtschlosses als Königspalast mit den preußisch-militaristischen Verzierungen stinklangweilig und ideologisch gewollt aus. Es ging wohl nur darum, möglichst viele Erinnerungen an die DDR zu eliminieren.Peinlich das Ganze.
Olaf Behr, 02.12.2018
3. Der Spiegel ist eben kein Medium für Ostdeutsche
Vorweg: Ich habe wenig Symphatie für die Dummköpfe in Dresden und Chemnitz, die da auf der Straße rumrennen, sich von Rechten instrumentalisieren lassen und auf die Medien schimpfen. Aber mich kotzt die einseitige Berichterstattung der Westmedien mittlerweile auch nur noch an. Der Autorin kommt offenbar nicht mal eine Sekunde lang der Gedanke, dass der Palast für Millionen von Ostdeutschen eben auch ein Ort persönlicher Erinnerung und Identifikation war, politische Instrumentalisierung hin oder her, dass der Abriss als rein politisch motivierte Schändung empfunden werden könnte und dass man deswegen vielleicht ein wenig differenzierter an die Sache herangehen könnte. Nein, es wird die immer gleiche gähnende Botschaft verbreitet, er war Verschwendung, die Leute wurden darin bespitzelt, er war Ballast der Republik usw. usf. Nebenbei wird wie üblich hochnäsig das Leben in der DDR lächerlich gemacht und despektierlich über "Ehrich" und "Margot" berichtet, und der Abriss abschließend von einem Quoten-DDR-Regimegegner gutgeheissen. Ich kann es echt nicht mehr hören. Der Palast war ein herausragendes Bauwerk, ob ihn nun Hoecker befohlen hat oder nicht. Punkt. Und es hätte uns Deutschen gut zu Gesicht gestanden, aus ihm einen echten Palast des Volkes zu machen, statt ihn mit Millionenaufwand für eine dürftige Kopie eines Symbols des untergegangenen Kaiserreiches zu schleifen. Was mich ja wirklich mal interessieren würde: Kommt die Genüsslichkeit von Leuten wir Kolbe auch daher, dass der Westen ein Haus des Volkes wie den Palast trotz seiner Wirtschaftskraft nie zustande gebracht hat?
Thomas Storck, 02.12.2018
4. Den hätte man auf keinen Fall abreißen dürfen ...
und wenn es keiner Nutzen mag, dann als lost place erhalten das Plattmachen war ein Deja-Vu der Treuhand 10 Jahre später ... so wird man dann endgültig zum Besserwessi Und wer will denn bitte so ein, gääähn, neu aufgebautes Barock-Schloß
Ümit Degirmenci, 02.12.2018
5. Siegerjustiz in Gebäuden
sage ich als Wessi, was haben wir uns für historisch belastete Gebäude erhalten und den Palast der Republik als Monument der Zeitgeschichte beseitigte der Kapitalismus nach seinem Sieg einfach. Falls man mal ein Beispiel dafür braucht, weshalb Ostdeutsche sich nicht genügend gewürdigt fühlen: voila!
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