Sammelkult Panini Für eine Handvoll Bilder

Sammelkult Panini: Für eine Handvoll Bilder Fotos

Das Eckige musste ins Eckige: 1974 eroberten die Panini-Bilder Deutschland. Jetzt erinnert ein Bildband an Sammelfieber, Schwarzmarkthandel und die legendärsten Kickerporträts. Alexander Siebert nahm das Werk zum Anlass für eine Reise in die Vergangenheit - zu den Wurzeln seines Sammelwahns. Von

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Ganze 576 Felder waren zu bekleben. 576 Aufkleber zu sammeln. Mannschaftsfotos, Wappen der Teams, Stadien, der Pokal - und natürlich die Spieler. Unglaublich, wie schnell sich das Stickeralbum gefüllt hat. Schon nach wenigen Tagen voller Ungeduld war das halbe Heft voll. Eines muss ich der Panini-Sammlung lassen: Die Zeit bis zum Eröffnungsspiel der Fußballweltmeisterschaft 2002 hat sie super verkürzt. Aber letztlich hat sie mir auch den letzten Nerv geraubt.

Ich war gerade elf geworden. Mein Geburtstag war nur wenige Wochen vor der Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea gewesen - und mein Opa hatte mir das heißersehnte Panini-Sammelheft geschenkt. Natürlich waren die ersten Päckchen mit Klebebildchen gleich dabei und die Sammlerei konnte sofort losgehen. Ich war praktisch machtlos dagegen. Segen oder Fluch? Das sollte sich erst in den nächsten Tagen und Wochen herausstellen. Denn was ist so ein Album schon, wenn es nur zur Hälfte gefüllt ist? Bald packte mich der Ehrgeiz, es bis zum Eröffnungsspiel unbedingt komplett haben zu müssen.

Vor allem ein Spieler durfte dabei nicht fehlen: Christian Ziege, Aufkleber Nummer 320. Er war zweifelsohne der Begehrteste in meinem ganzen Freundeskreis. Jeder hatte ein Album, jeder wollte ihn unbedingt in seiner Sammlung. Das lag aber weniger am Spieler selbst, sondern vielmehr an seinem damaligen Haarschnitt: Abrasierte Haare, nur in der Mitte ein Kamm, gefärbt in Schwarz, Rot und Gold. Ein Irokesen-Schnitt in den Farben der Deutschen Flagge. Ob er so auch auf dem Panini-Bild abgebildet war? Musste er ja eigentlich, aber ganz sicher wusste es niemand. Denn keiner von uns hatte die 320 in seinem Album.

Schwarzmarkt auf dem Schulhof

Am Anfang ging alles sehr schnell: Die ersten Klebebildchen gab es geschenkt, danach kostete ein Tütchen mit sechs Stickern 50 Cent. Glücklicherweise hatte unser Dorfladen die Dinger kiloweise vorrätig und schon nach wenigen Tagen hatte ich bestimmt die Hälfte aller 576 Aufkleber zusammen. Selbst ein doppeltes Bildchen war kein Problem, denn der Opa hatte mitgedacht und mein Bruder bekam auch ein Heft. Doppelte Aufkleber wurden dann einfach getauscht. Aber trotz allem ging es einfach irgendwann nicht mehr voran - und die vermeintlich günstigen Tüten gingen nun langsam aber sicher ganz schön ins Geld. Zum Glück hatte ich das Frühjahr über bei uns am Edersee Boote geputzt. Dabei hatte ich ein bisschen Geld ansparen und bei Seite legen können, eigentlich für Fußballschuhe. Aber man musste nun mal Prioritäten setzen.

Spätestens als der Stapel mit den doppelten, dreifachen oder gar vierfachen Stickerbildchen größer war als die Zahl derer, die ich im Heft kleben hatte, reichten die Deals mit meinem Bruder nicht mehr aus. Er hatte schließlich dasselbe Problem. Ich nahm mein Album und die doppelten Sticker mit in die Schule. Hatte ich früher jeden Abend mit Freunden Fußball gespielt, traf ich mich nun mit ihnen zum Tauschen und Handeln der Bilder. Was für uns in der Grundschule noch die Pokémon-Karten oder Diddl-Blätter gewesen waren, waren nun Panini-Sticker.

Der hartnäckige Bilderhandel zahlte sich aus: Langsam ging es wieder voran und mein Album füllte sich weiter. Allerdings lief das Tauschgeschäft auch nur, wenn man wieder neue Aufkleber nachlegen konnte. Der tägliche Gang zum Dorfladen blieb also nicht aus. Glücklicherweise lag der genau auf dem Weg zum Sportplatz. Wo wir uns früher vor dem F-Jugend-Training mit Fußballspielen in Stimmung gebracht hatten, war nun unsere wichtigste Tauschbörse neben dem Schulhof entstanden. Die Taktik schien aufzugehen - kurz vor Beginn der Weltmeisterschaft hatte ich fast alle Sticker zusammen. Diverse Teams waren komplett, sogar mit Mannschaftsfoto und Wappen. Selbst alle Stadien und den Pokal hatte ich schon an die passende Stelle geklebt. Die Lücken ließen sich mittlerweise an einer Hand abzählen. Und dennoch: Der schwarz-rot-goldene Irokesenschnitt von Christian Ziege schien unauffindbar.

Getrübte Siegesfreude

Beim Eröffnungsspiel zwischen Titelverteidiger Frankreich und WM-Neuling Senegal gelang den Afrikanern durch ihren 1:0-Sieg ein Sensationssieg. Mein eigener blieb leider aus: Ich hatte es nicht geschafft, mein Heft rechtzeitig voll zu kriegen. Christian Ziege und einige andere fehlten noch immer. Selbst als das Turnier beendet und Deutschland Brasilien im Endspiel 2:0 unterlegen war, blieben ein paar Lücken - und auch das Feld von Christian Ziege blieb leer.

Nach der WM neigten sich die Restbestände im Dorfladen langsam dem Ende entgegen. Es waren Sommerferien, und so lag auch der Schulhofhandel brach. Mein Bruder und ich hatten alles getauscht, was möglich war und auch in meiner Fußballmannschaft war nichts mehr zu holen. Einige hatten sogar ganz aufgehört zu sammeln. Das kam für mich aber nicht in Frage. Die paar Bilder, die mir fehlten, hätte ich sogar direkt über Panini bestellen können, aber das wollte ich nicht. Wäre ja auch irgendwie kein richtiges Sammeln gewesen.

Ob das Heft heute komplett ist, weiß ich nicht. Irgendwann habe ich es einfach nicht mehr verfolgt. Womöglich hat es meine Mutter sogar irgendwann weggeschmissen. Aus Ärger über mein ganzes gespartes Geld, die Streitereien zwischen meinem Bruder und mir oder einfach, weil es ständig im Weg rumflog. Mein Bruder hatte sein Heft ebenfalls nicht vollständig, das weiß ich. Doch einen Sieg hatte er errungen: Er hatte die Nummer 320 - Christian Ziege. Mit vollem Haar - und ohne "Deutschland-Iro".

Ein halbes Jahr später hatte mein Opa zu Weihnachten dann wieder tolle Geschenke für mich und meinen Bruder. Wir bekamen beide endlich neue Fußballschuhe.

Zum Weiterlesen:

Andreas Hock: "Das Buch der legendären Panini-Bilder". riva Verlag, München 2013, 96 Seiten.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon.

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1.
Guntram Blohm 19.08.2013
kostete ... 50 Cent Pokémon-Karten ... gewesen waren 1974 waren das wohl eher 50 Pfennig, und Pokemon gibt es seit 1996. Wer schreibt solche Artikel, und liest die überhaupt niemand gegen?
2.
Andreas Witte 20.08.2013
Die WM, um die es in dem Beitrag geht, ist die von 2002. 1974 ist nur das Jahr, in dem die Panini-Bilder in Deutschland erstmals auf den Markt kamen. Steht auch alles ziemlich deutlich drin, von daher sollte man mit Vorwürfen, dass die Redaktion den Artikel nicht gründlich gegenliest, nicht zu laut erhoben werden.
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