Die Zeugen Paninis Leben und kleben
Gegen das Erwachsenwerden kann man sich nicht wehren. Aber man kann ein Leben lang Panini-Sticker sammeln. Genau das macht André Tucic - eine Zeitreise mit Fußballklebebildern von der WM 1986 bis zur EM 2016.
Ich bin 36 Jahre alt und süchtig nach Klebstoff aus Italien. Mein ganzes Leben schon. 1986 kaufte ich das gute Zeug aus Modena zum ersten Mal. Ziemlich teuer für einen Sohn jugoslawischer Gastarbeiter.
Meine Mutter beschloss, dass ich nur Panini-Sticker zu Welt- und Europameisterschaften sammeln durfte. Als weltgrößter Fan von Borussia Mönchengladbach, der einen Medizinballwurf vom Bökelbergstadion entfernt wohnte, wollte ich auch die Bundesliga-Hefte. Ich durfte aber nicht.
Das Sammelalbum zur WM in Mexiko war also mein erster Klebstoff. Ich kaufte, sammelte, tauschte. Jeden Tag, wie im Fieberwahn. In der Zwischenzeit passierte irgendwas in Tschernobyl, Gorbatschow erfand den Ostblock neu, die Challenger verchallengte sich, ein kleiner dicker Argentinier borgte sich eine Hand von Gott. Aber viel wichtiger: mein Panini-Sammelheft war fast voll, und Borussia übte schon wieder Fußballspielen.
In den Armen von Hans-Günter
Also marschierte ich zum Bökelberg. Michael Frontzeck, einziger Gladbacher im Mexiko-Album, sollte unterschreiben. Nur das Eisentor hinderte mich daran, die Jungs direkt vor der Kabine zu stalken. Alle Spieler kamen heraus, stiegen in ihre Autos und fuhren vorbei. Alle außer Frontzeck.
Also tat ich, was ein Sechsjähriger tut, wenn sein Wunsch nicht erfüllt wird: Ich heulte. Direkt vor den Augen von Hans-Günter Bruns. Er hielt an, hob mich auf seine Arme und hörte sich mein Dilemma an. "Mischa ist verletzt, der kommt heute nicht. Aber ich erzähle ihm, dass du hier warst", sagte er. Bruns zwinkerte mir zu, stellte mich zurück auf den Boden der Tatsachen und verschwand.
Ich bekam kein Autogramm von Mischa, aber ich war besänftigt. Und Hans-Günter Bruns wurde mein neuer Held, auch wenn er nicht in Mexiko war. Anders verhielt es sich mit Hans-Peter Briegel. Der war überpräsent. Ständig glotzte er grimmig aus den aufgerissenen Tütchen raus. Diese kleinen Locken, der große Mund, der Blick eines Jahrmarktboxers, der Charme eines Metzgers mit blutverschmierter Schürze.
Dieser Briegel! Überpräsent, untauschbar
Nichts gegen Briegel. Guter Mann eigentlich. Aber er wurde zur Last. Auch alle meine Tauschpartner auf dem Schulhof hatten Briegel, den Untauschbaren. Zwei Jahre später, zur EM 1988, wurde Paolo zum Hans-Peter. Maldini war viel hübscher, nervte aber trotzdem. Ich war nicht sicher, was schlimmer war: die Geiseldrama-Posse von Gladbeck, der Flugzeugabsturz von Ramstein oder mein Maldini-Problem.
Schlimm war auch, was mir mein Vater 1990 antat. Er wollte unbedingt nach Jugoslawien. Meinetwegen. Ist ja schön dort. Aber am Tag des WM-Finales losfahren? Bald könne ein Bürgerkrieg ausbrechen, wir müssen unsere Familie sehen, sagte er. Da zähle jeder Tag.
War mir doch egal. Mich interessierte nur die Revanche für die Pleite im Azteken-Stadion. Der kleine dicke Argentinier war fällig. Aber als in Rom gedribbelt, gegrätscht und aus Rudi Völler eine Schwalbe wurde, saß ich wutschnaubend auf der Rückbank unseres Ford Taunus - im Stau vor Zagrebs Toren. Weit bevor Andy Brehme jubelnd in den Nachthimmel von Rom sprang, fiel die Radio-Übertragung aus: gekappte Verbindung zu WDR 2 in Slowenien.
Gerd Rubenbauer schnurrrrrte wie ein Kätzchen, Maradona heulte wie ein Schlosshund, Kaiser Franz wandelte übers Spielfeld wie Jesus übers Wasser, Gianna Nannini schmetterte "Un'estate italiana". Bilder und Töne für die Ewigkeit. Und ich? Ich saß im verrauchten Taunus, atmete Ernte 23 und blätterte aggressiv im halbvollen Panini-Album. Am nächsten Tag las mir mein Vater aus der Frühausgabe vom "Jutarnji List" vor, dass ich Weltmeister war und dass dieser Milosevic demnächst Ärger machen wird.
Rot-weiß-karierte Höllenhunde
In den nächsten acht Jahren beschäftigten mich andere Dinge: das Abschlachten auf dem Balkan, der Tod meines Vaters und meiner Oma, Stefan Effenbergs Tigerkopf, das nahende Ende der Ära-Kohl und meine Pubertät, als ich erfolglos versuchte, Skater und Rapper zu sein.
Erst zur WM 1998 kaufte ich wieder Klebstoff. Dieses neugegründete Kroatien, dem ich laut Personalausweis nun angehörte, belegte den 3. Platz. Abgefahren! Die rot-weiß-karierten Trikots, lässiger als Gerhard Schröder und Joschka Fischer zusammen. Das 3:0 gegen Deutschland, bedeutender als die Lewinsky-Affäre. Ladic. Bilic. Asanovic. Boban. Suker. Blazevic. Geile Typen - deutlich cooler als Wörns, Jeremies, Jancker oder der Bundes-Berti.
Ich musste ein Autogramm ergattern. Da Zvonimir Soldo der einzige kroatische Nationalspieler in Diensten eines Bundesligisten war, bat ich die Pressestelle des VfB Stuttgart per Brief, das beiliegende Panini-Bild von Soldo unterschreiben zu lassen. Gefragt, getan. Und zack, klebte ich Soldo ins Sammelalbum.
Kurz vor der EM 2000 verließ ich Mönchengladbach Richtung Düsseldorf. Es war Zeit für eine größere Stadt, andere Eindrücke und neue Kioske mit Panini-Tütchen. Dass meine Klebstoffsucht zu Sex führen konnte, ahnte ich nicht. War dann aber so.
Fummeln mit Andrea
An Wochenenden jobbte ich für eine Event-Agentur. Einmal sollte ich Düsseldorfer Kunstinteressierte vor einer Galerie dazu bewegen, mit mir Gemälde-Memory zu spielen. Andrea, zehn Jahre älter als ich, spielte auffällig oft mit mir, bevor sie in der Galerie verschwand. Als sie wieder rauskam, beendete sie meinen Dienst und nahm mich mit auf eine Techno-Party.
Ein paar Rauschmittel später unterhielten wir uns über Pokémons, Rinderwahn, George W. Bush und machten uns lustig über Ribbeck und Stielike. Plötzlich sprach sie von Panini-Bildern, was ich sehr sexy fand und auch so sagte. Darauf Andrea: "Komm, wir gehen zu mir nach Hause, ich zeig dir meine Sammelalben." Machte sie dann auch. Erst danach fummelten wir rum.
Es vergingen zwei Jahre, Borussia stieg ab und auf, alle fanden den Irakkrieg doof, es liefen Elbe, Mulde, Havel und Donau über, ich arbeitete in einer Werbeagentur. Regelmäßiges Einkommen, WG-Zimmer mit gelber Wischtechnik, eine wachsende Sammlung von Borussia- und Kroatien-Trikots, Sneakers und LPs.
Mehrmals pro Woche verkleidete ich mich als Davor Suker und schoss viele Tore auf dem Kleinfeld. So viele, dass ich es verdiente, mit den Rot-weiß-Karierten nach Südkorea und Japan zu fahren. Da war ja noch Platz im WM-Kader, zumindest passte in mein Panini-Album noch ein Sticker auf die Doppelseite der Kroaten.
Miss Universe mag Lucien Favre
Also fotografierte mich mein Mitbewohner, photoshoppte mich ins Layout, druckte das Bild aus und klebte mich rein. Cooler move. So bin ich auf den WM-Zug aufgesprungen. Im Sturm natürlich. Überraschend nachnominiert. Meine Jungs waren beeindruckt, auch wenn es beim enttäuschenden Vorrunden-Aus nicht für einen Einsatz reichte.
Zu der Zeit hatte ich genug von so manchem: vom Agenturjob, von meiner damaligen Freundin, von Düsseldorf und Panini-Alben. Borussia spielte Jeff-Strasser-Fußball, Kroatien träumte immer noch von '98, Merkel war der neue Kohl und China plötzlich wichtig.
EM-Sticker: So bekommt man das Sammelalbum günstig voll
Ich studierte. Drei Jahre an der Weser. Ein Jahr am Limmat. Ein Jahr an der Spree. Viel neues Wissen, keine Kohle. Ich war arm, fand mich sexy, blieb in Berlin, schrieb für Zeitungen und zog mit Miss Universe zusammen. Noch wusste sie nichts von all den Panini-Alben. Die ungeschminkte Wahrheit wirkt manchmal abstoßend.
Kurz vor der WM in Südafrika spielte ich mit offenen Karten. Ich zeigte ihr jedes Album, alle Trikots und erklärte ausführlich, warum Borussia Mönchengladbach der geilste Klub der Welt ist. Ihre Gleichgültigkeit überraschte mich nicht. Also rannte ich zum Spätkauf, holte mir ein Heft und täglich Panini-Tütchen. Eifrig sortierte ich den Klebstoff, führte Listen mit meinen Doppelten, inserierte in einer Online-Tauschbörse, ging laufend zur Post und schickte Sticker durchs Land.
Funkloch in der Uckermark
Miss Universe fand das nervig, kommentierte es aber nicht. Die Relegationsspiele gegen Bochum wollte sie nicht mit mir gucken. Dafür fand sie Lucien Favre und Dante ziemlich cool und freute sich für mich über den Klassenerhalt.
Zwei Jahre später wohnte erst Wulff, dann Gauck in Bellevue, das Weiße Haus in Washington blieb schwarz, Kroatien hatte immer noch keine neuen Bobans und Sukers, Borussia spielte im Europapokal, ich arbeitete wieder für eine Werbeagentur und verzichtete auf Paninis. Das fand Miss Universe schade, wie sich kurz vor der WM 2014 zeigte. Also kaufte ich ein Sammelalbum. Sie wollte mir sogar beim Einkleben helfen, das wollte ich aber nicht. So weit kommts noch.
Kurz vor unserer Hochzeit knipste Poldi ein Selfie mit Angie, Erdogan machte auf Sultan, und mir fehlten nur noch drei Sticker. Wir packten unsere Sachen für ein dreitägiges Hochzeitsfest in der Uckermark.
Mit im Gepäck: meine Doppelten plus Briefmarken und -umschläge. Man weiß ja nie, wer wann online tauschen will. Allerdings meldete sich niemand. Ich hatte nicht einkalkuliert, dass Internetminister Dobrindt immer noch nicht das schnellste Netz der Welt klargemacht hat.
Die Hochzeit war trotzdem toll. So toll, dass wir zwei Jahre tagträumten und nicht viel mehr außer Liebe machten. Derweil wurde Favre zu Schubert, die EU schaffte sich ab, Deutschland bekam eine Alternative und die Welt ein Kalifat, Miss Universe und ich verdoppelten uns.
Logisch, dass ich im Geburtsjahr meiner Söhne wieder Panini-Bilder sammle.
- Wenn der Arbeitstag von einestages-Autor André Tucić (Jahrgang 1980) in einer Berliner Werbeagentur endet, nimmt er die Beine in die Hand und spurtet los. Zu Hause wechselt er die Windeln seiner beiden Söhne, singt selbstgedichtete Lieder und versucht, die beiden Jungs nicht mit allzu viel Fußball zu indoktrinieren.

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