einestages

Pannen bei James Bond

Lizenz zum Leiden

Viele Verletzte und ein Todesfall: Seit 1962 setzen James-Bond-Filme den Standard in Sachen Action - Darsteller und Stuntmen kriegen dabei regelmäßig etwas auf die Knochen. einestages hat die spektakulärsten Set-Unfälle gesammelt - von "James Bond jagt Dr. No" bis "Ein Quantum Trost".

Von und Siegfried Tesche

Mittwoch, 05.11.2008   19:57 Uhr

James Bond rast auf Skiern den Berg hinunter. Dicht auf seinen Fersen: vier Killer mit Maschinengewehren. Ein treibender Soundtrack peitscht aus den Boxen. Fast hat der Geheimagent seine Verfolger abgehängt. Doch dann naht das Ende der Piste, vor 007 gähnt eine bodenlos tiefe Schlucht, hinter ihm lassen Gewehrsalven den Schnee aufspritzen.

Dann geschieht das Unglaubliche: Bond rast ungebremst über die Kante. Die Musik setzt aus. Stille. Totenstille. Bond verliert seine Skier, strampelt mit den Beinen, er fällt, fällt, fällt. Das muss das Ende sein. Dieses Mal kann er sich nicht aus der Affäre ziehen. Nach dieser Szene aus "Der Spion, der mich liebte" muss es endgültig aus sein mit dem smartesten Geheimagenten der Erde.

Dann öffnet sich Bonds Fallschirm. Er trägt die Farben der britischen Flagge. Und die legendäre 007-Melodie setzt ein - da-da - da-dahhh! Wieder einmal hat der Geheimagent dem Tod ein Schnippchen geschlagen, wieder einmal hat er seine Widersacher alt aussehen lassen, wieder einmal haben die Zuschauer einen der spektakulärsten Stunts der Filmgeschichte gesehen.

1100 Meter ins Leere

James Bond, das sind seit jeher coole Gadgets, atemberaubende Frauen und exotische Settings. Aber eben auch halsbrecherische Action-Szenen, die bei jedem neuen Bond-Film die Grenzen des Machbaren ausloten. Da stürzen Menschen ohne Fallschirm aus einem Flugzeug ("Moonraker"), da liefern sich unzählige Taucher eine gigantische Unterwasserschlacht ("Feuerball") oder der Agent rauscht auf Skiern durch eine Bobbahn ("In tödlicher Mission"). Und oft vergisst man dabei, dass all diese Szenen lange vor dem Zeitalter computeranimierter Effekte entstanden sind.

Bei Bonds Sturz in die Schlucht fiel also wirklich einer aus allen Wolken. Sein Name ist Rick Sylvester. Der Berg, von dem er sich stürzte, war der Mount Asgard, eine schroffe Felsnadel von über tausend Metern Höhe, auf der Baffininsel in Kanada. Tagelang mussten der Stuntman und das Filmteam mit vier Kameras und einem Helikopter auf der schneebedeckten Bergspitze campieren und auf geeignetes Wetter warten. "Die Stimmung war angespannt", erzählte Sylvester später in einem Interview, "jeden Tag riefen Leute aus London an und fragten: 'Hat er es schon gemacht?'" Denn die Kosten schossen in die Höhe.

Dann endlich, nach zwei Wochen, ging es los. Der Stuntman schnallte sich Skier und Fallschirm um, rauschte auf die Klippe zu und stieß sich ab - unter ihm 1100 Meter Leere. "Du fliegst da runter und denkst, dass du gerade mit ziemlicher Sicherheit das irrste tust, was irgendeiner der Milliarden Menschen auf diesem Planeten in diesem Moment macht." Sylvester fällt, fällt, fällt.

Von der Explosion durch die Luft geschleudert

Dann endllich öffnete sich der Fallschirm. Und wer genau hinsieht, kann erkennen, dass der Sprung beinahe in einer Katastrophe geendet wäre. Denn einer der Skier schoss nur wenige Meter an dem Schirm vorbei. Hätte er ihn getroffen - Sylvester wäre zu Tode gestürzt. An die Substanz war der Stunt trotzdem gegangen. "Als Rick unten ankam", erinnert sich John Glen, der Regisseur bei dieser Wahnsinnsaktion, "war sein Gesicht so grün, er sah aus, als wäre er gerade vom Mars gelandet".

Beim neuen Bond-Film "Ein Quantum Trost" macht 007-Darsteller Daniel Craig alle seine Stunts selbst. Dabei hat er schon einiges abbekommen. Er prellte sich die Rippen, eine Wunde in seinem Gesicht musste geflickt und eine Fingerkuppe wieder angenäht werden. "Wenn man hier nichts abkriegt", kommentierte Craig nur trocken, "macht man den Job nicht richtig."

Eigentlich sind Informationen über Set-Unfälle so geheim wie die wahre Identität von Bonds Chefin "M". Selten rutscht einem Schauspieler im Interview ein Detail über die gefährlichen Dreharbeiten heraus, selten bricht ein Stuntman sein Schweigen und berichtet, dass bei den Sprüngen, Stürzen und Explosionen doch nicht alles so einfach war, wie es später auf der Leinwand aussieht. Wenn doch mal einer plaudert, klingt das nicht wie Berichte von Dreharbeiten, sondern wie Szenen aus einem Actionfilm. Beim Dreh von "Sag niemals nie" wurde Sean Connery von der Druckwelle einer Explosion durch die Luft geschleudert, bei "Leben und sterben lassen" biss ein Krokodil seinem Dresseur in den Fuß und bei "Octopussy" brach sich ein Stuntman die Hüfte beim Sturz von einem fahrenden Zug.

Bissige Krokodile, abstürzende Helikopter

Dann gibt es noch die Kategorie von Unfällen, die so schwer sind, dass kein PR-Profi auf der Welt sie verheimlichen könnte. So wurde der Kameramann Johnny Jordan bei den Dreharbeiten zu "Man lebt nur zweimal" vom Rotorflügel eines vorbeifliegenden Hubschraubers so schwer am Bein verletzt, dass es später amputiert werden musste. Und der "Liebesgrüße aus Moskau"-Regisseur Terence Young stürzte bei den Dreharbeiten mit seinem Helikopter ab und fiel ins Wasser. "Wir knallten in den anderen Hubschrauber und kamen aus 12 Meter Höhe herunter", berichtete Young später, "ich blieb etwa eine Minute unter Wasser, weil sich mein Sicherheitsgurt nicht öffnete."

Der bis heute tragischste Unfall am Set passierte am letzten Drehtag von "In tödlicher Mission". Es geschah bei einer der irrsinnigsten Verfolgungsjagden der Filmgeschichte: Bond versucht auf Skiern einen bewaffneten Motorradfahrer abzuhängen und flüchtet kurzerhand in eine Bobbahn - in der gerade ein Viererbob unterwegs ist. Bei den Dreharbeiten sollte der Riesenschlitten an einer bestimmten Stelle ungebremst von den Stuntmen über den Rand aus der Bobbahn hinausgelenkt werden. Doch die vier trug es einige Meter zu früh aus dem Eistunnel, und ihr Gefährt knallte frontal in einen Baum. Der italienische Stuntman Paolo Rigon starb bei dem Crash.

Trotzdem versucht noch immer jeder Bond-Film, den vorherigen in Sachen Action zu übertreffen. Bei "Ein Quantum Trost" werden die Fans nun ganz genau hinschauen, ob sich der kompromisslose körperliche Einsatz von Daniel Craig gelohnt hat. Oder ob es klüger gewesen wäre, es bei den Actionszenen mit Roger Moore zu halten. Als dieser einmal gefragt wurde, ob er seine Stunts selbst mache, spöttelte er nur: "Sind sie verrückt? Ich würde nicht einmal die erste Szene überleben."

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