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Pannen im Kalten Krieg Atombombe auf Abwegen

Pannen im Kalten Krieg: Atombombe auf Abwegen Fotos
DPA

Die Sowjets griffen zwar nie an - amerikanische Bomben fielen trotzdem: Nervosität und technische Fehler führten permanent zu Pannen beim Wettrüsten - und brachten die Menschen im Kalten Krieg mehrfach an den Rand der Katastrophe. Womöglich verhinderte ein Russe einen Dritten Weltkrieg nur, weil er der Technik seiner Heimat misstraute. Von

Fast hätte der romantische Mondschein den Weltuntergang ausgelöst. Am 5. Oktober 1960 schlug das US-Frühwarnsystem in Thule auf Grönland Alarm. Das Radar meldete den Anflug sowjetischer Atomraketen. Der Kalte Krieg schien ein heißer zu werden - und in der Logik der gegenseitigen Vernichtung hätte dies einen automatischen Gegenschlag auf die Sowjetunion bedeutet.

Doch Techniker auf Grönland entdeckten noch rechtzeitig einen Fehler im Computersystem. Folge: Zwei Nullen waren von der Anzeige des Radarschirms verschwunden, so dass es so aussah, als ob der vermeintliche Angriff nur 2500 Meilen entfernt stattfand. In Wirklichkeit zeigte das Radar aber eine Mondspiegelung in 250.000 Meilen Entfernung.

Zu diesem Zeitpunkt war die Menschheit bereits mehrmals knapp an Katastrophen vorbeigeschrammt. Mensch und Technik versagten immer wieder seit dem ersten dokumentierten schweren Unfall, als 1950 eine B-36 bei einer Militärübung abstürzte und vorher eine Atombombe über dem Pazifik abwerfen musste.

Fast wäre Ost-England eine Wüste geworden

In einer US-Waffenfabrik für Plutonium brach Feuer aus, Lastwagen mit Atomwaffen rutschten in Straßengräben, Atom-U-Boote sanken, Raketen wollten sich selbst starten. Auf dem US-Stützpunkt im britischen Lakenheath stürzte 1956 eine B-47 in ein Lager mit Atomwaffen und explodierte. "Es ist möglich, dass ein Teil von Ost-England eine Wüste geworden wäre", sagte Jahre später ein beteiligter General. Angeblich soll sich aber damals kein nuklearer Kern in den Bomben befunden haben.

Auch in Deutschland kam es immer wieder zu Zwischenfällen auf den Stützpunkten der Westmächte. In Böttingen auf der Schwäbischen Alb fiel ein Atomsprengkopf bei Wartungsarbeiten auf den Boden, im nordrhein-westfälischen Brüggen rutschte eine Atombombe beim Verladen von einem Laster, vermutlich bei Münster stürzte ein Hubschrauber mit Atomwaffen ab.

Vielleicht ist es bezeichnend für eine derartige Pannendichte, dass der sowjetische Oberstleutnant Stanislaw Petrow heute im Westen als Held verehrt wird - weil er der Technik seiner Heimat misstraute: Ein Satellit hatte ihm 1983 den Abschuss amerikanischer Atomraketen gemeldet. Petrow blieben nur wenige Minuten, um zu entscheiden, ob der Bericht korrekt war und er den Alarm weiterleiten musste. Intuitiv wertete der Offizier - wie jeder Russe von leidigen Alltagspannen in der Sowjetwirtschaft geprüft - den Vorfall als technischen Fehler. Er wendete dadurch womöglich einen Dritten Weltkrieg ab.

Immer wieder fielen unbeabsichtigt Bomben vom Himmel

Auf dem Siedepunkt der Nervosität in den sechziger Jahren häuften sich die schweren Unfälle. Das lag auch daran, dass führende Militärs den US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower überzeugten, Flugzeuge mit Atombomben ununterbrochen in der Luft kreisen zu lassen - damit die Herren im Kreml gar nicht erst auf den Gedanken kämen, ungestraft angreifen zu können. Mindestens zwölf Flieger waren seit Anfang der Sechziger permanent im Einsatz - 24 Stunden täglich. Die Sowjets griffen nie an, aber die amerikanischen Bomben fielen dennoch - ungewollt, oft unbemerkt, nicht immer folgenlos.

Zum Beispiel am 24. Januar 1961 in Goldsboro in North Carolina. Eine B-52 stürzte ab und verlor zwei Atombomben. Eine landete unversehrt mit einem Fallschirm, die andere krachte ungebremst in die Erde und zerbrach. Der Kern aus Uran wurde trotz intensiver Suche nie gefunden. Noch bedenklicher: Fünf von sechs Sicherheitssperren, die etwa bei einem Flugzeugabsturz eine versehentliche nukleare Explosion verhindern sollten, hatten versagt. "Nur eine einzige Sperre", behauptete später ein Atomphysiker, "verhinderte, dass die Bombe detonierte und Feuer und Vernichtung über ein weites Gebiet gebracht hätte."

Solche Einschätzungen sind jedoch umstritten. Offiziell galt: Eine unabsichtliche Nuklear-Explosion ist technisch-physikalisch nahezu ausgeschlossen, selbst wenn der konventionelle Sprengstoff explodiert, der den radioaktiven Kern umgibt.

1966 passierte genau das. Über dem spanischen Festland sollte eine B-52 in der Luft betankt werden - aber das Routinemanöver schlug fehl: Beide Flugzeuge fingen Feuer, und mit ihnen fielen vier Wasserstoffbomben vom Himmel. Eine landete unversehrt in einem Flussbett, eine weitere versank im Mittelmeer und wurde Monate später geborgen, die anderen beiden explodierten nahe dem andalusischen Dorf Palomares.

Vielleicht war es Glück, vielleicht griffen die Sicherheitsmaßnahmen - es detonierte jeweils nur der konventionelle Sprengsatz, eine Kernfusion blieb aus. Dennoch wurde Plutonium freigesetzt. Die USA trugen 1400 Tonnen kontaminierten Boden ab. Nur zwei Jahre später mussten sie sogar über 10.000 Tonnen verseuchtes Eis und Schnee entfernen, nachdem im grönländischen Thule eine B-52 mit vier Bomben abgestürzt und komplett ausgebrannt war.

Bis heute sind längst nicht alle Fälle bekannt - am wenigsten weiß man über sowjetische Unglücke.

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