Papst in Israel Kreuzflug nach Jerusalem

Papst in Israel: Kreuzflug nach Jerusalem Fotos
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Stromausfälle, Festnahmen und am Ende ein Triumphzug zwischen Natodraht: Bereits vor 45 Jahren brach ein Papst ins gelobte Land auf. Paul VI. wandelte als erster Pontifex der Kirchengeschichte auf den Spuren Jesu - ein Jahrhundertereignis. Doch fast wäre die päpstliche Pilgerfahrt zum Debakel geraten. Von René Schlott

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Etwas gelangweilt lauschten die im Petersdom versammelten Bischöfe und Kardinäle der Rede von Paul VI. Höflich applaudierten sie am Ende der Ansprache, mit der er die zweite Sitzungsperiode des II. Vatikanischen Konzils am 4. Dezember 1963 abschloss. Plötzlich erhob der Papst eine Hand und stoppte den Beifall, um eine im Redetext nicht vorgesehene Ankündigung zu machen: "Wir haben nach reiflicher Überlegung und nicht wenigem Gebet entschieden, persönlich eine Pilgerfahrt in das Land unseres Herrn Jesu zu unternehmen. Wir wünschen im Januar 1964 nach Palästina zu gehen, um persönlich die heiligen Stätten zu ehren, wo Christus lebte und starb. Wir werden das Gelobte Land sehen, von wo Petrus auszog und wohin nicht einer seiner Nachfolger zurückkehrte."

Die Ankündigung war ein Paukenschlag. Zwar liefen schon seit einigen Monaten geheime Vorbereitungen für die päpstliche Reise, doch nichts davon war nach außen gedrungen. Und nun sollte Paul VI. in nur vier Wochen in das Heilige Land aufbrechen. Nur zögerlich erhob sich Applaus in der Konzilsaula. Die Zeitungsschlagzeilen des nächsten Tages aber feierten die Entscheidung des Papstes als historische Sensation, denn die geplante Pilgerreise war ohne Beispiel in der 2000-jährigen Kirchengeschichte. Und das gleich in mehrfacher Hinsicht: Nie zuvor hatte ein Papst seit dem Apostelfürsten Petrus die Wirkungsstätten Jesu wiedergesehen. Seit über 150 Jahren waren die Päpste überhaupt nicht mehr außerhalb Italiens gereist. Und zum ersten Mal sollte das Oberhaupt der katholischen Kirche nun ein Flugzeug besteigen.

Als Paul VI. am frühen Morgen des 4. Januar 1964 vom römischen Flughafen Fiumincino mit einem eigenen Flugzeug startete, waren zu seiner Verabschiedung der Staatspräsident Italiens und der Premierminister am Rollfeld erschienen. Mit an Bord der päpstlichen Maschine, die von acht Düsenjägern der italienischen Luftwaffe eskortiert wurde, waren ausgewählte Pressevertreter aus aller Welt. Ein nie dagewesenes Medienaufgebot begleitete Paul VI. auf seiner Reise. 1400 Sonderkorrespondenten und Fotografen von Zeitungen und Zeitschriften waren zur Berichterstattung in das Heilige Land bereits vorausgeschickt worden. Die staatliche italienische Fernsehanstalt RAI hatte sich für heute umgerechnet 3 Millionen Euro die Fernsehexklusivrechte gesichert. Der Aufwand war enorm: Mehrere Tonnen an technischer Ausrüstung mussten im Vorfeld der Reise durch die italienische Flotte nach Israel verschifft werden, das selbst noch kein Fernsehen hatte.

In höchster Gefahr

Um nach Jerusalem, an das wichtigste Ziel seiner Pilgerreise zu gelangen, musste der Papst zunächst nach Jordanien fliegen. Denn die heilige Stadt der Juden, Christen und Moslems stand damals unter jordanischer Kontrolle. In der Hauptstadt Amman hieß König Hussein den Pontifex mit 21 Salutschüssen willkommen. Im Anschluss an die Begrüßungszeremonie machte sich die päpstliche Autokolonne auf den Weg nach Jerusalem. Von einem Hubschrauber aus koordinierte der jordanische König persönlich seine Polizei- und Armeeeinheiten, die auf der Strecke durch das Jordantal für die Sicherheit des hohen Gastes sorgen sollen.

Nach einem kurzen Zwischenstopp am Jordan, an der Stelle, an der Johannes einst den Gottessohn getauft haben soll, erreichte Paul VI. am späten Nachmittag Jerusalem. Am Damaskustor waren kurze Ansprachen vorgesehen, bevor der Heilige Vater dann durch die Altstadt den Kreuzweg Christi entlang in die Grabeskirche pilgern wollte, um in dem Gotteshaus eine Messe zu lesen. Es galten strengste Sicherheitsvorkehrungen. Schon am Vorabend des Papstbesuches war die Altstadt praktisch militärisch besetzt worden. Posten hatten auf den Dächern und in den Gassen Stellung bezogen. Auf dem von Sultan Suleiman dem Prächtigen errichteten Damaskustor hatte man ein Maschinengewehr installiert.

Bereits Stunden zuvor hatten sich Tausende Menschen vor dem Tor versammelt. Doch als der Tross Pauls VI. endlich vorfuhr, ließ sich die Masse nicht mehr halten. Die Menschen stürmen auf den Papst zu, der seinen Wagen nicht verlassen konnte. Zwanzig Minuten lang war Paul VI. in seinem Auto gefangen, "weil er von Menschen umlagert war, die sogar auf seinem Wagendach lagen", heißt es in einem Augenzeugenbericht des mitgereisten "FAZ"-Korrespondenten. "Die Soldaten hieben zuerst mit den Palmwedeln, dann mit Stöcken und Gewehrkolben in die Menge. Auf die Empfangsreden musste verzichtet werden."

Kurzschluss in der Grabeskirche

Die folgenden noch chaotischeren Szenen in der Altstadt glichen einem Straßenkampf. Es gab Dutzende Verletzte. Der Papst selbst war inzwischen ganz von seinem Gefolge getrennt worden. Er versuchte Haltung zu bewahren und an den Kreuzwegstationen Christi in der Via Dolorosa zu beten. Doch nur unter dem Einsatz massiver Gewalt konnte dem an Leib und Leben bedrohten Pontifex ein Weg durch die Masse gebahnt werden. "Papst Paul VI. taumelte leichenblass, Schweiß im Gesicht gegen einen Begleitoffizier. Mit Knüppelhieben schlug sich ein arabischer Legionär zum Heiligen Vater durch, der von einer tobenden Menschenmenge eingekeilt war. Die Schläge trafen auch Kleriker", berichtete ein Augenzeuge im SPIEGEL. Ein anderer will gehört haben, wie Paul VI. verzweifelt betete: "Herr, ich bin der großen Gnade nicht würdig, dort zu sterben bestimmt zu sein, wo du gestorben bist."

Endlich in der Grabeskirche angelangt, feierte der erschöpfte Pontifex die Heilige Messe vor dem Felsengrab Jesu Christi. Doch die Lage hatte sich noch immer nicht vollständig beruhigt. Mehr und mehr Menschen drängten in das ohnehin schon überfüllte Gotteshaus, als plötzlich der Strom ausfiel und die Kirche im Dunkeln lag. Brandgeruch lag in der Luft. Funken sprühten von der Decke direkt auf den Altar. Zwei Fernsehkabel hatten sich entzündet und einen Kurzschluss verursacht. Es drohte eine Massenpanik. Ein beherzter orientalischer Bischof versuchte den Brand mit seinem Hirtenstab zu löschen. Paul VI., von dem geschichtlichen Augenblick tief bewegt, las die Messe wie in Trance bei Kerzenschein weiter. Kurze Zeit später war ein Feuerlöscher herbeigeschafft worden, so dass der Brand gelöscht werden konnte und auch das elektrische Licht funktionierte wieder.

An den folgenden Stationen der Pilgerreise sollten sich die chaotischen Szenen von Jerusalem nicht wiederholen. Als Paul VI. am nächsten Tag für zwölf Stunden nach Israel weiterreiste, hatte die dortige Regierung ihre Sicherheitsvorkehrungen noch verschärft. Elitesoldaten wurden zum Schutz des Papstes eingesetzt. Allein in Nazareth, der Heimatstadt Jesu, wo Paul VI. nur kurz Station machte, waren im Vorfeld des Papstbesuches 300 Personen festgenommen worden. Höhepunkt des päpstlichen Aufenthaltes in dem jüdischen Staat war ein Gebet am See Genezareth. Paul VI. trat an das Ufer des biblischen Sees und benetzte Hände und Gesicht mit dem Wasser, auf dem Jesus einst gelaufen sein soll.

Friedenskuss mit dem Patriarchen

Nachdem Paul VI. noch spät am Abend des gleichen Tages nach Jerusalem zurückgekehrt war, kam es zu einer wahrhaft historischen Begegnung des Papstes mit dem Patriarchen von Konstantinopel. Wegen interner Streitigkeiten zwischen den orthodoxen Kirchen war bis zuletzt unklar geblieben, ob das religiöse Gipfeltreffen zwischen Abendland und Morgenland überhaupt stattfinden konnte. Immerhin hatten sich Papst und Patriarch 1054 gegenseitig exkommuniziert. Und 1439 waren die Führer der Ost- und der Westkirche zum letzten Mal zusammengetroffen. Ein 20-minütiges Vieraugengespräch mit dem Patriarchen Athenagoras beendete nun "fünf Jahrhunderte Schweigen" (Paul VI.) zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche. Nach einer herzlichen Umarmung tauschten Papst und Patriarch den Friedenskuss aus und beteten gemeinsam das "Vater Unser".

Bevor Paul VI. schon am nächsten Tag nach Rom zurückkehrte, besuchte er am frühen Morgen Bethlehem, die Geburtsstadt Jesu. Zu Zwischenfällen kam es nicht mehr, denn auch die Jordanier hatten aufgerüstet. Zwischen dem Wagen des Papstes und den Schaulustigen waren nun mächtige Stacheldrahtrollen ausgelegt worden. Schon um sechs Uhr morgens feierte Paul VI. die Heilige Messe in der Geburtskirche. Von dort aus richtete er in einer live übertragenen Rundfunkansprache einen flammenden Friedensappell an die Völker der Erde. 224 Telegramme mit der päpstlichen Botschaft wurden noch von Bethlehem aus an die Staatsoberhäupter der ganzen Welt und an die Internationalen Organisationen verschickt.

Die Friedensbotschaft aus Bethlehem verhallte ungehört. Doch als Erfolg seiner Reise konnte Paul VI. eine neue Dynamik im Dialog zwischen den Religionen verbuchen. Für das Verhältnis zwischen Christen und Juden und für die Verständigung der katholischen mit der orthodoxen Kirche hatte er wichtige Entspannungssignale gesetzt. Ein Jahr nach seiner Reise, im Oktober 1965 verabschiedete das II. Vatikanische Konzil eine historische Versöhnungserklärung mit dem jüdischen Volk und im Dezember 1965 hoben Patriarch und Papst die wechselseitigen Bannflüche auf. Bei seiner Rückkehr nach Rom am Abend des 6. Januar 1964 wurde er von einer Millionen Menschen begeistert empfangen. Aus Freude und Dankbarkeit über ihren unversehrt zurückgekehrten Bischof läuteten alle Glocken der Ewigen Stadt.

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