Johannes Paul II. Turbo-Heiligsprechung für den Rekord-Papst

Er sprach 1820 Menschen selig und heilig - mehr als all seine Vorgänger zusammen. Dafür lockerte Papst Johannes Paul II. die Regeln für das Verfahren, sorgte aber in vielen Fällen für heftige Empörung. Auch er selbst wurde im Rekordtempo heiliggesprochen.

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Warum nicht einfach Andreas Nguyen Kim Thong Nam? Heilig!

Oder Enrique de Ossó y Cervelló? Heilig! Paulina vom Herzen Jesu im Todeskampf? Die auch! Und natürlich: Tomas Hioji Rokuzayemon Nishi de San Jacinto.

Heilig! Alle.

100? 500? 1500? Egal. Irgendwann kam es der katholischen Kirche auf den einen oder anderen Seligen und Heiligen auch nicht mehr an. Sagte sich zumindest ein Mann, der am 27. April 2014 selbst heiliggesprochen wurde: Papst Johannes Paul II.

Päpstlicher Weltrekord

Kein anderer Papst hat auch nur ansatzweise so viele - oft völlig unbekannte - Menschen zu Seligen und Heiligen erhoben. Selbst Kirchenhistoriker verloren den Überblick, so dass unterschiedliche Zahlen kursieren. Laut Presseamt des Vatikans sollen es 1820 Fälle gewesen sein (1338 Selige und 482 Heilige) - mehr als alle Vorgänger seit Einführung eines klar geregelten Verfahrens dafür im Jahr 1588 zusammen selig- und heiliggesprochen haben.

Johannes Paul II. setzte also, überspitzt gesagt, einen Weltrekord in Weltfremdheit. Denn als solche empfanden auch gläubige Katholiken die krampfhafte Suche nach Wundern, zentrale Voraussetzung für Selig- und Heiligsprechungen.

In den allermeisten Fällen sind diese Wunder Genesungen angeblich unheilbar Erkrankter. Die strengen Regeln der Kurie verlangen dabei die Quadratur des Kreises: Das Übernatürliche muss mit den präzisen Instrumenten der Wissenschaft dokumentiert werden: So erkennt die in Rom zuständige "Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse" nur das als Wunder an, was Mediziner offiziell als "unerklärlich" einstufen. Nicht wenige riskieren mit den hoch dotierten "Wunder"-Gutachten ihren Ruf als seriöse Ärzte.

Die Heiligenfabrik läuft

Spötter nannten den Vatikan unter Johannes Paul II. schon bald eine "Heiligenfabrik". Doch was so planlos wirkte, hatte durchaus Kalkül: Im Zeitalter der Globalisierung wollte der Papst auch außerhalb des religionsmüden Europas leuchtende Vorbilder schaffen. In Lateinamerika und Afrika etwa, wo die Kirche noch wuchs und Begeisterung auslöste, sehnten sich die Menschen nach regionalen Helden - und bekamen sie: Roque González de Santa Cruz etwa, seit 1988 erster Heiliger von Paraguay. Oder Nimatullah al-Hardini, einer von nur drei Heiligen des Libanon.

Nur: Sollten die feierlichen Ernennungen eigentlich die katholische Welt einen und christliche Werte betonen, mündeten sie doch oft im Eklat.

Da war etwa die Kinderärztin Gianna Beretta Molla: Während sie schwanger war, entdeckten die Ärzte einen Tumor in ihrer Gebärmutter und rieten dringend zur Abtreibung. Molla wehrte sich gegen diese "Sünde", riskierte stattdessen eine gefährliche OP und starb im April 1962, kurz nach der Geburt ihres Kindes. Abtreibungsgegner hatten eine neue Ikone und feierten die Italienerin als "Märtyrerin der mütterlichen Liebe". Schon ihre Seligsprechung 1994 löste einen heftigen Streit zwischen dem Vatikan und der Uno über die richtige Familienpolitik aus. Unbeeindruckt sprach Johannes Paul II. Molla zehn Jahre später heilig.

Ein Antisemit als Vorbild?

Noch kontroverser war der Fall von Josemaría Escrivá, Gründer des ultrakonservativen Geheimbunds Opus Dei, dem ein verschwörerisches und sektenähnliches Gebaren unterstellt wird. Escrivá selbst hat zudem nie einen Hehl aus seiner Bewunderung des spanischen Diktators Franco gemacht. Noch kurz vor seinem Tod rechtfertigte er sogar den Sturz des chilenischen Präsidenten Allende durch den späteren Despoten Pinochet als "nötiges Blutvergießen".

Das waren keine Ausrutscher, sondern Kirchenpolitik. Ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten ließ Papst Johannes Paul II. auch seinen erzkonservativen Vorgänger Pius IX. (1792-1878) seligsprechen, der für das selbstgerechte "Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes" steht. Pius sei ein Unbelehrbarer gewesen, der den Fortschritt verdammt habe und antisemitische Haltungen an den Tag gelegt habe, protestierten jüdische Verbände, aber auch etliche katholische Kirchenhistoriker.

Der Papst hätte sich also viel Ärger ersparen können, wenn er sich an die Empfehlungen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) gehalten hätte, das den damals schon überbordenden Heiligenkalender strikt zusammenstreichen wollte. Johannes Paul II. wählte dagegen den entgegengesetzten Weg: Waren für Seligsprechungen einst vier Wunder zu bezeugen, so senkte der Pole diese Hürde 1983 drastisch auf ein Wunder herab.

Heiligsprechungen - "im Dutzend billiger"

Die komplexen, jahrzehntelangen Verfahren wurden auf diese Weise deutlich verkürzt. Opus-Dei-Gründer Escrivá konnte schon 27 Jahre nach seinem Tod 1975 heiliggesprochen werden - damals ein Rekord. Und das Seligsprechungsverfahren für Mutter Teresa wurde 1999 schon zwei Jahre nach ihrem Tod eingeleitet, obwohl kirchenrechtlich eigentlich eine Wartezeit von mindestens fünf Jahren vorgeschrieben gewesen wäre. "Eilig heilig", titelten Zeitungen gerne, wenn Johannes Paul II. wieder einen neuen Rekord brach. Besonders schnell ging es, wenn die Kirche christliche Märtyrer - im Mittelalter ermordete Missionare etwa - zu Heiligen erkor: Dann nämlich entfiel das sonst nur mit viel Aufwand und Kosten zu bezeugende Wunder.

Vielleicht sprach Johannes Paul II. auch deshalb gerne etliche Märtyrer gleichzeitig heilig, wie zum Beispiel 1984 die "103 Märtyrer von Korea". "Im Dutzend billiger", spottete einmal der "Weser-Kurier" über diese Praxis, denn jedes einzelne Verfahren kann allein gut 50.000 Euro für Gebühren und Gutachten kosten, die zum Teil von den Diözesen getragen werden müssen. Hinzu kommen die Kosten für die Zeremonie auf dem Petersplatz. Da ist eine Massenheiligsprechung, am besten im Ausland, schon fast ein Schnäppchen.

Auch Papst Franziskus hat daran offenbar Gefallen gefunden und im vergangenen Jahr 800 Märtyrer gleichzeitig heiliggesprochen. Zudem will er grundsätzlich die Kosten durch die Einführung fester Sätze etwa für die Gutachten senken. An der Zeremonie der so heiß ersehnten Heiligsprechung von Johannes Paul II. dürfte der Vatikan allerdings kaum gespart haben. Am 27. April erschienen rund eine Million Pilger - so viele wie nie zuvor. Wieder einmal ging der 2005 verstorbene Pole in die Kirchengeschichte ein: als der mit Abstand am schnellsten Heiliggesprochene der katholischen Kirche.

Und noch etwas war völlig anders: Der als "guter Papst" verehrte Johannes XXIII., der gleichzeitig mit Johannes Paul II. heiliggesprochen wurde, erhielt diese Erhebung, ohne dass dafür ein anerkanntes Wunder bezeugt wurde. Papst Franziskus hatte diese Ausnahme persönlich durchgesetzt. Vielleicht war dies das wahre Wunder vom 27. April.



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