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100. Todestag von Pius X. "Apostel des Friedens" war gar nicht so friedlich

100. Todestag von Pius X.: "Der Papst billigt ein scharfes Vorgehen gegen Serbien" Fotos

Wenige Tage nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs starb Papst Pius X. Der Vatikan kolportierte, der Krieg habe ihm das Herz gebrochen. Was den Pontifex aber wirklich bewegte, wussten enge Vertraute. Von

Neben zahlreichen militärischen Nachrichten war in der Abendausgabe des "Berliner Tageblatts" vom 20. August 1914 diese Meldung zu lesen: "In einer Zeit einer allgemeinen Weltenwende ist Papst Pius X. dahingegangen - ein Ereignis, das in jedem anderen Augenblick die allgemeine Aufmerksamkeit auf Rom konzentriert hätte, und das heute, wo alles wankt und alles neu wird, nicht ganz so tief wirkt." Das Oberhaupt der katholischen Kirche war in der Nacht zuvor im Alter von 79 Jahren einer schweren Bronchitis erlegen.

Für gewöhnlich löst ein Papst-Tod ein gewaltiges, weltweites Medienecho aus - doch im August 1914 starb der Pontifex weitgehend unbeachtet, denn ein anderes Ereignis nahm das volle Interesse der Öffentlichkeit ein: Seit gut drei Wochen tobte in Europa der Erste Weltkrieg. Während Pius X. in Rom mit dem Tode rang, lieferten sich deutsche und französische Truppen in Elsass-Lothringen heftige Grenzschlachten, die tausenden Soldaten das Leben kosten sollten, und in Ostpreußen unterlagen die Deutschen der vorrückenden russischen Armee in der Schlacht bei Gumbinnen, die in wenigen Stunden mehr als 30.000 Tote forderte.

Noch am 2. August hatte Pius X. die Katholiken aufgerufen, mit einem "Feldzug von Gebeten" die Eskalation des Krieges zu verhindern. "Ich will leiden, ich will für die Soldaten auf den Schlachtfeldern sterben", soll das Kirchenoberhaupt nach Vatikanangaben ausgerufen haben. Der Erzbischof von Pisa Kardinal Pietro Maffi nannte Pius X. nach seinem Tod denn auch den "ersten Märtyrer" des Krieges. Aus damals geheimen und später veröffentlichten Diplomatenberichten geht allerdings hervor, dass der Papst im heraufziehenden Weltkrieg keineswegs unparteiisch war und Österreich-Ungarn sogar zu einem scharfen Vorgehen gegen Serbien ermunterte.

Der "österreichische" Papst

Papstwahl damals: Das letzte Veto

Papstwahl damals: Das letzte Veto

Pius X. war 1835 als Giuseppe Sarto in dem Dörfchen Riese als Sohn eines Postboten geboren worden. Zu dieser Zeit gehörte die norditalienische Region Venetien zum Habsburgerreich, weshalb er später auch als der "österreichische Papst" bezeichnet wurde. Als Sarto 1903 zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt wurde, verdankte er seine Wahl indirekt dem Veto des Kaisers und Königs von Österreich-Ungarn Franz Joseph I., der den aus seiner Sicht zu frankreichfreundlichen Favoriten blockierte.

Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges lagen die Sympathien des Papstes auf Seiten der Doppelmonarchie und seines kirchentreuen Monarchen. Dem Kardinalstaatssekretär soll er anvertraut haben: "Auf Kaiser Franz Joseph, der sein ganzes Leben lang dem Heiligen Stuhl gegenüber loyal und treu ergeben war und der derzeit einen gerechten Krieg führt, kann ich keinen Druck ausüben." Der bayerische Geschäftsträger am Heiligen Stuhl hatte schon am 26. Juli 1914 nach München telegraphiert: "Der Papst billigt ein scharfes Vorgehen Österreichs gegen Serbien." Wenngleich die Österreicher nie von der Notiz Kenntnis erhielten, gibt sie Aufschluss über die Gedankenwelt Pius' X.

In einem Gesprächsprotokoll des österreichischen Gesandten mit dem Kardinalsstaatssekretär vom 27. Juli hieß es fast gleichlautend: "Im Verlaufe der letzten Jahre hat Seine Heiligkeit mehrmals das Bedauern geäußert, dass Österreich-Ungarn es unterlassen habe, seinen gefährlichen Nachbarn an der Donau zu 'züchtigen'". Noch am Todestag des Papstes hatte der Vatikan diese Meldung als "tendenziös" dementieren lassen. Allerdings hatte auch der russische Gesandte im Vatikan zur gleichen Zeit an seinen Außenminister telegrafiert, dass Pius X. in Österreich-Ungarn den letzten "Hort des Katholizismus" sehe und deshalb auf dessen Seite stehe.

Apostel des Friedens

Mit dessen Kriegsgegnern wie etwa Frankreich jedenfalls verbanden Pius X. keine besonderen Sympathien, weil die Republik in seiner Amtszeit als eines der ersten Länder eine strenge Trennung von Staat und Kirche durchgesetzt hatte. In Serbien sah er lediglich einen Vasallen des orthodoxen Russland, dessen Expansionsbestrebungen Österreich-Ungarn Einhalt gebieten müsse.

Die Medien aber würdigten den Papst in ihren Nachrufen als "Apostel des Friedens". Denn nach seinem Tod wurden eine Vielzahl vermeintlicher Papstzitate und Anekdoten gestreut, die Pius X. in einem anderen Licht erschienen ließen. So hieß es offiziell aus dem Vatikan, dass der Pontifex die Bitte des österreichischen Botschafters, den Feldzug der Donaumonarchie zu segnen, mit den Worten: "Ich segne den Frieden, nicht den Krieg!" abgelehnt habe. Schon zeitgenössische Historiker zweifelten allerdings die Authentizität dieser Aussage.

Als sich in der Julikrise der unheilvolle Mechanismus von Mobilmachungen und Kriegserklärungen in Gang setzte, soll der Papst verzweifelt ausgerufen haben: "Meine armen Kinder, meine armen Kinder! Ach, dieser Krieg, dieser Krieg, ich fühle, er wird mein Ende sein!" Der Tod des Papstes geriet so auch in den Strudel der medialen Kriegspropaganda. Der englische "Daily Mirror" erklärte Pius X. zu einem "Opfer des Krieges" und machte Wilhelm II. direkt für seinen Tod verantwortlich. Das Herz des Papstes sei auch gebrochen, weil er vergeblich gegen die "Verehrung des Antichristen durch seinen heuchlerischen Sohn" protestiert habe - gemeint war hier kein geringerer als der österreichische Kaiser Franz Joseph I.

Ein Heiliger

Der unbeachtet gebliebene Tod des Papstes zu Beginn des Ersten Weltkrieges sollte Jahrzehnte später noch ein öffentliches Nachspiel haben und das 1914 ausgebliebene Medienereignis quasi nachholen. 30 Jahre nach seinem Tod wurde Pius X. exhumiert und im Rahmen seines Seligsprechungsverfahrens in einer Seitenkapelle des Petersdom aufgebahrt.

Der Seligsprechung 1951 folgte nur drei Jahre später die Heiligsprechung - erstmals während einer Freiluftmesse auf dem Petersplatz und live im Fernsehen übertragen. Anschließend ging der Kristallsarg mit dem Leichnam Pius' X. auf Tournee durch Italien. Die zweifelhaften Auffassungen des Pontifex am Beginn des Ersten Weltkrieges spielten da längst keine Rolle mehr.

"Ich würde gerne mein Leben hingeben, wenn ich damit den Frieden Europas erkaufen könnte", sollen seine letzten Worte auf dem Sterbebett in der Nacht zum 20. August 1914 gewesen sein. Doch der mörderische Krieg, die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, hatte damals gerade erst begonnen. Der Papst hatte sie nicht verhindern können - oder wollen.

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insgesamt 6 Beiträge
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1. sicher auch ein interessantes Buch
Ulrich Schnitzler, 20.08.2014
Aber muss bei SPON alles zu AMAZON verlinkt werden?
2. Verlogen
Mark Lange, 21.08.2014
Danke für den Artikel. Ein weiteres gutes Beispiel für die Verlogenheit der Kirche.
3. Kirche und Krieg
Wayne Schlegel, 21.08.2014
Da kann ich nur ,,Kirche und Faschismus" mit Karlheinz Deschner empfehlen. Kann man wunderbar anhören, wenn man gerade am PC arbeitet. https://www.youtube.com/watch?v=fwOYhE7pii4
4. Herrscher der Finsternis
Klaus Redweik, 21.08.2014
Der Zweck heiligt die Mittel. Dieser Spruch ist Programm bei allen Religionen. Besonders die Geschichte des Christentums der christlichen Kirche ist eine Folge von Lügen, Fälschungen, Morden, Völkermord usw. Es gibt wohl kein Verbrechen, dass die Kirche nicht im Namen des Glaubens begangen hat.
5.
Zeljko Klaric, 21.08.2014
Der Vatikan hat also damals Tatsachen zurückgehalten und verändert zum eigenen Vorteil. Das ist ja ganz was Neues...
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