Papst-Wahl 1878 Der Pontifex, der den Pop entdeckte

Vernagelte Fenster und Türen, eigene Barbiere und Apotheker: Zur Papstwahl versammelten sich Ende Februar 1878 Kardinäle aus aller Welt in Rom. Als Rauch aufstieg, hatte die katholische Kirche ihren ersten Medien-Papst: Leo XIII. nahm Platten auf und verewigte sich auf einer der ersten Filmaufnahmen überhaupt.

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Mit dem Tod von Papst Pius IX. am Nachmittag des 7. Februar wurde der italienische Kardinal Vincenzo Pecci einer der wichtigsten Männer der katholischen Kirche. Als "Camerlengo" oder Kardinals-Kämmerer hatte er während der Sedisvakanz, der papstlosen Zeit, zahlreiche Aufgaben wahrzunehmen. Es galt, die Beerdigung des alten Papstes und die Wahl eines neuen Pontifex zu organisieren.

Nach den neuntägigen Trauerfeierlichkeiten sollte das Konklave am 18. Februar 1878 zusammentreten. Wegen der Spannungen mit dem Königreich Italien, das sich 1870 den Kirchenstaat einverleibt hatte, erwogen die Kardinäle, ihre Wahlversammlung auf die Insel Malta zu verlegen. Ihrer Meinung nach, war die Freiheit der Wahl und die dafür erforderliche öffentliche Ruhe und Ordnung durch den neuen Staat nicht ausreichend gesichert.

Italien bot die Ausreise der Kardinäle nach Malta an, verweigerte ihnen aber die Garantie für die Rückkehr des neuen Papstes nach Rom, so dass das Konklave letztlich doch in der Ewigen Stadt zusammentrat.

Frostiges Klima

Es war ein frostiges Klima in Rom in diesen Februartagen, als die Kardinäle aus aller Welt eintrafen. Der deutsche Rom-Reisende Ferdinand Gregorovius klagte in seinem Tagebuch: "...so fror ich hier in so kläglicher Weise, als ich mich seit langem nicht erinnern kann; auch bekam ich Frostbeulen wie bei meinem ersten Winteraufenthalt in Rom vor 25 Jahren".

Während die Fenster und Türen der Sixtinischen Kapelle vernagelt wurden, um das Konklavegeheimnis zu sichern, ergingen sich die italienischen Zeitungen in Spekulationen über die "papabili", die Favoriten unter den Kardinälen für den Stuhl Petri. Unter ihnen fiel immer wieder auch der Name des Camerlengo Pecci.

Vincenzo Gioacchino Pecci, 1810 in Carpineto Romano südlich von Rom geboren, hatte Kirchenrecht und Theologie studiert, bevor er als Diplomat in päpstlichen Diensten nach Brüssel geschickt wurde. Von 1846 bis 1878 war er Bischof von Perugia, 1853 erhielt er die Kardinalswürde. Erst kurz vor seinem Tod berief ihn Pius IX. als Camerlengo an die Kurie nach Rom.

Barbiere und ein Apotheker für das Konklave

Das rote Spesenbuch des Vatikans zur Sedisvakanz von 1878, das heute im vatikanischen Geheimarchiv lagert, verrät einiges über die ungeheuren Kosten des kirchlichen Großereignisses. Im Konklave versammelten sich ja nicht nur die Kardinäle, sondern auch ihre Mitarbeiter (die so genannten Konklavisti), zahlreiche Köche und Küchengehilfen, ein ganzes Ärzte- und Apothekerteam sowie ein Architekt.

Außerdem standen den Kardinälen vier "Barbieri" jederzeit zur Verfügung. Die Kosten für das Konklave lagen entsprechend hoch. Sie verschlangen fast 40.000 Lire, während die Beerdigung des alten Papstes und die Krönung des neuen Pontifex nur mit gut 15.000 Lire zu Buche schlugen. Die Barbiere bekamen 45 Lire, während die 110 Konklavisti (jeder Kardinal hatte das Recht, zwei seiner Mitarbeiter mit in das Konklave zu bringen) ein jeder 200 Lire erhielten. Am höchsten wurden jedoch die Ärzte mit jeweils 500 Lire entlohnt.

Einem ungeschriebenen Gesetz zufolge wurde der Camerlengo, der mächtigste Mann des Übergangs zwischen zwei Pontifikaten, nie selbst der neue Papst. Die Zeitungen erinnerten auch an die alte Weisheit, dass wer als Favorit unter den Kardinälen in das Konklave ging, als Kardinal wieder herauskommen werde - eine Regel die im Übrigen oft gebrochen wurde, zuletzt im April 2005, als der favorisierte Kardinal Joseph Ratzinger die Wahl gewann.

Tintenstriche auf großen Auszählbögen

Trotzdem sollte Pecci die Papstwahl im Februar 1878 für sich entscheiden. Der Verlauf des Konklaves lässt sich heute anhand dreier großer Auszählbögen nachvollziehen, die im Geheimen Archiv des Vatikans aufbewahrt werden. Auf ihnen sind die Namen aller Kardinäle abgedruckt und hinter ihrem Namen jeweils die Zahl der Stimmen mit schwarzen Tintenstrichen angegeben. Danach erhielt Pecci im ersten Wahlgang am Morgen des 19. Februar von den 59 abgegebenen Stimmen nur 19.

Der nächstplazierte Kardinal Bilio lag allerdings mit 6 Wählern weit hinter ihm. Alle anderen Voten verteilten sich auf 14 weitere Kardinäle. Für die Wahl zum Papst war die Zwei-Drittel-Mehrheit plus eine Stimme erforderlich, dass heißt 41 Stimmen. Sehr nahe kam Pecci dieser Zahl bereits im zweiten Wahlgang am Nachmittag, als er eine Stimmenanzahl von 34 auf sich vereinigen konnte, während Kardinal Bilio 9 Stimmen erreichte.

Am Morgen des 20. Februar erfolgte dann die dritte und entscheidende Abstimmung. Inzwischen waren zwei weitere Kardinäle in Rom eingetroffen, so dass 61 Stimmen abgegeben wurden. 42 Voten waren jetzt für die Wahl notwendig. Pecci konnte seine Wählerzahl gegenüber der letzten Abstimmung um 10 erhöhen und erreichte mit 44 Stimmen knapp die notwendige Mehrheit.

Weißer Rauch über dem Petersplatz

Weißer Rauch stieg über dem Petersplatz auf, alle Glocken der Ewigen Stadt begannen zu läuten. Um 13:05 Uhr wurde das "Habemus papam" verkündet und die Wahl Kardinals Peccis sowie sein Papstname Leo XIII. bekannt gegeben. "Ich warf mich in die nächste Droschke, nach dem St. Peter zu eilen. Die Stadt war in voller Bewegung dorthin, während von allen Seiten Freude kündend Glockenklänge erschallten... Ganz Rom schien nach dem St. Peter sich zu bewegen", berichtet Gregorovius in seinem Tagebuch.

Nun begann ein langes Warten auf das Erscheinen des neuen Papstes. Es war nicht sicher, ob er seinen ersten Segen im Inneren des Petersdomes oder von der äußeren Mittelloggia der Basilika erteilen würde. was als Zeichen der Versöhnung mit dem Königreich Italien und seiner Hauptstadt gegolten hätte. "Der St. Peter selbst war dicht gefüllt; denn auch dort wartete die Menge, und bald strömte sie, auf irgendein Gerücht, aus dem Dom auf die Treppe, bald wogte sie von dort wieder in die Kirche zurück", so Gregorovius. Erst vier Stunden nach der Verkündigung seiner Wahl erschien Leo XIII. im Inneren der Peterskirche und segnete die Menge, die in ein dauerndes, nicht enden wollendes "Evviva il Papa" ausbrach.

Der deutsche Papsthistoriker Joseph Schmidlin schrieb, dass Leo XIII. zum Zeitpunkt seiner Wahl, "ein kränklicher Greis von 68 Jahren gewesen sei" und die Kardinäle eher mit einem kurzen Übergangspontifikat gerechnet hätten. Doch der Pecci-Papst sollte ein Vierteljahrhundert an der Spitze der Kirche stehen und seine altehrwürdige Institution den Fragen der Moderne stellen.

Vatikanisches Filmarchiv
Der erste Medienpapst

1881 beendete Leo XIII. die Geheimniskrämerei um die Kirchengeschichte und öffnete das Vatikanarchiv für die historische Forschung. In der Enzyklika "Rerum Novarum" widmete er sich 1891 der sozialen Frage und begründete damit die kirchliche Soziallehre. Auch den dynamischen medientechnischen Entwicklungen der Jahrhundertwende stand der alte Papst aufgeschlossen gegenüber: Die 1896 von ihm aufgenommenen bewegten Bilder gehören zu den ersten Zeugnissen der Filmgeschichte.

1903 sprach Leo XIII. das "Ave Maria" in einen Chronographen. Das heute noch verfügbare Tondokument, ist das erste das die Stimme eines Papstes wiedergibt. Auf den Wunsch eines Audienzbesuchers er möge hundert Jahre alt werden, entgegnete Leo XIII. einmal scherzend: "Wir wollen der göttlichen Vorsehung keine Grenzen ziehen!" Er starb als ältester Papst der Kirchengeschichte am 20. Juli 1903 mit über 93 Jahren.



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