Papstwahl damals Das letzte Veto

Politische Ränkespiele in der Ewigen Stadt - Im Auftrag des Kaisers von Österreich-Ungarn sabotierte ein polnischer Kardinal die Papstwahl und verhalf damit Pius X. am 4. August 1903 zum Amt des Pontifex. Die dramatischen Geschehnisse sollten die katholische Kirche für immer verändern.

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Über dem hochsommerlichen Rom lag eine bleierne Hitze. Die angereisten Korrespondenten aus aller Welt erwarteten voller Ungeduld das Ende der langen Agonie von Papst Leo XIII. Doch der greise Pontifex, bereits 93 Jahre alt und seit über 25 Jahren im Amt, rang noch über zwei Wochen lang mit dem Tod. Als er dann am 20. Juli starb, machte sich Erleichterung breit und die Stadt löste sich aus der Erstarrung, mit der sie den vergeblichen Todeskampf im Vatikanpalast verfolgt hatte.

"Fünfhundert Maurer und Schreiner strömten in den Vatikan. In mehreren Innenhöfen wurden Sand-, Stein- und Kalkhaufen aufgeschüttet. Man arbeitete Tag und Nacht. In der Morgendämmerung des 31. Juli erreichten dann fast alle Mauern die vorgesehene Höhe. Sie sollten den Teil des Päpstlichen Palastes versperren, in dem die Kardinäle, ihre Mitarbeiter und das Konklavepersonal wohnten."

So schildert ein zeitgenössischer Beobachter, der französische Journalist Giuliani, den Beginn des Konklaves im Sommer des Jahres 1903. Giuliani war bereits Anfang Juli als Sonderkorrespondent nach Rom entsandt worden, als man nach einer schweren Erkrankung Papst Leos XIII. dessen baldiges Ende erwartete.

Rom im Konklavefieber

Nun stand das "Heilige Kollegium" an der Spitze der katholischen Kirche. Die tägliche Versammlung aller in Rom anwesenden Kardinäle begann mit den Vorbereitungen für die Beisetzungsfeierlichkeiten des alten Papstes. In den folgenden Tagen trafen die übrigen Kirchenfürsten aus ganz Europa - nur einer kam aus den USA - in der Ewigen Stadt ein. Unterdessen spekulierten die Zeitungen über die "papabili", die Favoriten für das Papstamt.

Am häufigsten wurde der Name des Kardinalstaatssekretärs Mariano Rampolla genannt, den sich Leo XIII. auch als Nachfolger gewünscht haben soll. Doch auch einige andere italienische Kardinäle waren im Gespräch. In Rom liefen die unterschiedlichsten Wetten und die verschiedensten Gerüchte machten die Runde. Über Tage beherrschte ein wahres "Konklavefieber" die Stadt, wie Giuliani berichtet.

"Es herrschte ein gigantisches Tohuwabohu. Ungefähr um vier Uhr nachmittags begannen die Kutschen der 62 Kardinäle den Petersplatz zu überqueren. Eine große Menschenmenge hatte sich dort versammelt, die beim Eintreffen jedes einzelnen Kardinals dessen Chancen für die Wahl diskutierte."

Schwarzer Rauch über dem Petersplatz

Am Abend des 31. Juli zogen die Kardinäle feierlich und unter Absingen des "Veni creator", einer Anbetung des Heiligen Geistes, in das Konklave ein. Über den genauen Verlauf der Wahlversammlung gibt das Tagebuch des Konklavesekretärs Merry del Val Auskunft, das heute im Vatikanischen Geheimarchiv aufbewahrt wird.

Dort lagern auch die großen Auszählzettel, die die genauen Ergebnisse der Abstimmungen wiedergeben. Danach erreichte der Favorit Rampolla in den ersten beiden Wahlgängen am 1. August mit Abstand die meisten Stimmen, aber nicht die notwendige Zweidrittelmehrheit. Schwarzer Rauch stieg aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle auf und signalisierte den Gläubigen auf dem Petersplatz, dass das Konklave zunächst ohne Ergebnis auseinander gegangen war.

Am Morgen des folgenden Tages, einem Sonntag, versammelte sich das Kardinalskollegium erneut, um zur Wahl zu schreiten. Dann passiert das Unerwartete. Der Augenzeuge Merry del Val berichtet in seinem Tagebuch, dass die Kardinäle bereits mit dem Ausfüllen der Stimmzettel beschäftigt waren, als sich plötzlich Kardinal Jan Puzyna erhob, und das Wort ergriff. Kurz und knapp erklärte er: "Im Namen und auf Geheiß seiner Apostolischen Majestät des österreichischen Kaisers und ungarischen Königs Franz Joseph spreche ich das ausschließende Veto gegen den Kardinal Rampolla aus." Im Konklave herrschte Aufruhr und Empörung. Manche Kardinäle riefen Puzyna zu: "Pudeat te! Pudeat te! - Schäm Dich! Schäm Dich!"

Stimmungsumschwung in der Sixtinischen Kapelle

Dabei hatte der Bischof von Krakau, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte, nur eine Weisung seines Landesherrn ausgeführt. Kaiser Franz Joseph hatte von einem althergebrachten, aber nie schriftlich festgehaltenen Recht Gebrauch gemacht, dass Frankreich, Spanien und Österreich-Ungarn für sich beanspruchten: Mit einem sogenannten Veto exclusio konnten die katholischen Monarchen dieser drei Länder die Wahl nicht genehmer Papstkandidaten blockieren.

Das Veto des österreichischen Kaisers traf Rampolla, weil er als Kardinalsstaatssekretär eine frankreichfreundliche Politik verfolgt hatte. Frankreich stand zu diesem Zeitpunkt dem Dreibund aus Österreich-Ungarn, Deutschland und Italien als außenpolitischer Kontrahent gegenüber. Der polnische Kardinal Puzyna nahm die Übermittlerrolle des Vetos wiederum ohne Zögern an, weil er von einem künftigen Papst Rampolla auch eine zu moderate Politik gegenüber dem mit Frankreich verbündeten Russland befürchtete.

Zunächst ließen sich die Kardinäle vom Einspruch gegen Rampolla nicht beeindrucken und in den beiden folgenden Wahlgängen blieb seine Stimmenanzahl stabil. Doch im Konklave deutete sich ein Stimmungsumschwung an. Nun begann sich eine Strömung durchzusetzen, die statt eines politisch umstrittenen, eher einen religiösen Papst wählen wollte. Der Kandidat dieser Richtung war der Kardinal Giuseppe Sarto. Der Patriarch von Venedig konnte seine Stimmenzahl vom ersten zum vierten Wahlgang fast vervierfachen und folgte nun mit 24 Wählern dicht auf Rampolla, der zuletzt 30 Stimmen erhalten hatte. Wieder gingen die Kardinäle ohne Ergebnis auseinander.

Die Glocken sangen Halleluja

Am dritten Wahltag wendete sich das Blatt im Konklave vollends gegen den vom Veto betroffenen Rampolla. Im sechsten Wahlgang gelang es Sarto seine Stimmenanzahl auf 35 auszubauen und Rampolla mit 16 Voten weit hinter sich zu lassen. Der siebte Wahlgang am vierten Tag des Konklaves sollte dann die Entscheidung bringen: Eine deutliche Mehrheit von 50 Kardinälen entschied sich für Sarto. Rampolla erhielt nur noch 10 Stimmen. Weißer Rauch stieg aus der Sixtinischen Kapelle auf.

Am 4. August 1903 um 11:45 Uhr wurde das "Habemus papam" verkündet. Als kurz darauf der neue Papst, der den Namen Pius X. gewählt hatte, im Petersdom seinen ersten Segen erteilte, wollten die "Evviva il Papa! - Es lebe der Papst!" - Rufe der Gläubigen kein Ende nehmen. Mit pathetischen Worten beschreibt Giuliani die Stimmung in der Ewigen Stadt: "Rom nahm die große Nachricht mit Enthusiasmus auf. Am Abend wurde alles in der Stadt erleuchtet, während die Glocken leidenschaftlich ein triumphales Halleluja sangen."

Von den dramatischen Stunden im Inneren der Sixtinischen Kapelle dringt vorerst nichts nach außen. Einige Tage später tauchten erste Gerüchte über das Veto in den Zeitungen auf. Sie bestätigten sich als der neue Papst wenige Monate nach seiner Wahl jede äußere Einmischung in das Konklave verbot und allen Kardinälen, die zukünftig ein Veto vorbringen würden mit der Exkommunikation drohte.

Pius X. regierte die Kirche in einem strengen und konservativen Regiment über elf Jahre. Er starb im August 1914, kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Papst Pius XII. erhob seinen Namensvorgänger 1954 zur Ehre der Altäre. Seitdem ruht der Heilige Papst Pius X. in einem Glassarg im Petersdom - als bisher einziger heiliggesprochener Papst seit dem 16. Jahrhundert, der seine Wahl ausgerechnet dem letzten Veto in der Kirchengeschichte zu verdanken hat.



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