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Fallschirmhunde im Zweiten Weltkrieg Angriff der königlichen Luftwuffe

Fallschirmhunde im Zweiten Weltkrieg: Angriff der königlichen Luftwuffe Fotos

Luftsprung, Landung, Leckerli! Im Kampf gegen Nazi-Deutschland setzte das 13. Fallschirmbataillon der British Army auf eine ungewöhnliche Waffe: Hunde als Fallschirmjäger. Trotz verführerischer Belohnungen, stürzten sich die vierbeinigen Helden nicht immer freiwillig aus dem Flieger. Von

Brian war ein tapferer Fallschirmjäger. Er trainierte hart für seinen Einsatz bei der British Army. In seiner Ausbildung lernte er Minenfelder zu erkennen, im Zweiten Weltkrieg beschützte er seine Kameraden - und sah ein paar von ihnen sterben. Am D-Day segelte er mit seinem Fallschirm unter heftigem Flakfeuer auf europäisches Festland. Er war dabei, als die Alliierten die Normandie befreiten, und sprang ein paar Monate vor Kriegsende erneut über Westdeutschland ab, um von dort bis zur Ostsee zu marschieren.

Für seinen "außergewöhnlichen Edelmut" wurde Brian knapp zwei Jahre nach Kriegsende ausgezeichnet. Doch die goldene Medaille war nicht das Einzige, was diesen besonderen Soldaten von einem Großteil seiner Kameraden unterschied: Brian, der tapfere Fallschirmjäger, war ein junger Schäferhund-Collie-Mischling.

Im Zweiten Weltkrieg startete das 13. Fallschirmbataillon der britischen Armee in seinen Vorbereitungen auf den D-Day ein abenteuerliches Experiment: Es setzte Hunde als Fallschirmjäger ein. Die sogenannten Paradogs, kurz für "parachuting dogs", fallschirmfliegende Hunde, waren speziell ausgebildete Vierbeiner und unter anderem zuständig für die Suche nach Minen sowie Bewachung und Warnung vor dem Feind. Ein bisschen waren sie außerdem Maskottchen der Truppe.

Hunde als "Leihgabe" für den Krieg

Auf den Hund gekommen war das Bataillon Anfang 1944 - "vermutlich weil einer der Unteroffiziere, Ken Bailey, eigentlich Tierarzt war", sagt Andrew Woolhouse. Der Hobby-Historiker hat fünf Jahre lang zu den Paradogs recherchiert - und dazu Kriegsnotizen diverser Bataillonsmitglieder aus der Zeit vor und nach dem D-Day ausgewertet.

Bailey fuhr damals im Auftrag seines Kommandeurs zur "War Dog Training School" nach Hertfordshire. 1941 hatte das britische Kriegsministerium Hundehalter per Radio dazu aufgerufen, ihre Schützlinge für den Kriegseinsatz auszuleihen. So erhielt die Hundeschule zuerst einen Schub Tiere - und wurde bald zu einer Sammelstelle für Hunde, die im Krieg von ihren Besitzern aufgegeben wurden.

Unter diesen Tieren war auch der zwei Jahre alte Brian. In sein Notizbuch schrieb Bailey im Januar 1944:

"Einer der Hunde in Hertfordshire war Bing, ein zwei Jahre alter Schäferhund-Collie-Mix. Bing wurde von seiner zivilen Besitzerin Betty Fetch eigentlich Brian genannt. Er war der schmächtigste aus seinem Wurf, und weil die Kriegsrationen so knapp waren, wurde er schlichtweg aufgegeben."

Neben Brian, der jetzt Bing hieß, nahm Bailey noch zwei weitere Hunde mit: Monty und Ranee, beide waren Schäferhunde. Diese drei wurden zu britischen Paradogs ausgebildet, Ranee wurde zur einzigen fallschirmspringenden Hundedame im Zweiten Weltkrieg.

"Sie waren unsere Augen und Ohren"

Das Training begann mit der Gewöhnung an große Lautstärken: Auf der Basis in der Garnison Larkhill setzten die Betreuer die Hunde stundenlang in die großen Transportmaschinen und ließen die Propeller durchdrehen. Außerdem machten die Ausbilder die Hundesoldaten mit den Gerüchen von Sprengstoff und Schießpulver vertraut - und mit möglichen Kampfszenarien, wie der Gefangenname der Herrchen, dem Anschleichen gegnerischer Soldaten oder Schusswechseln.

Etwa zwei Monate dauerten die Übungen am Boden, bevor es endlich zu der Trainingseinheit kam, die diese Vierbeiner von anderen Aufklärungshunden im Krieg unterscheiden sollte: die Fallschirmmanöver.

Für zwei Pfund Fleisch aus dem Flieger

Dass die Tiere so schmächtig waren, stellte sich dabei als Vorteil heraus. Denn so konnten sie bei ihren Testsprüngen Fallschirme nutzen, die eigentlich für den Abwurf von Fahrrädern genutzt wurden. Um die Hunde noch leichter zum Sprung aus dem Flugzeug zu bewegen, bekamen sie eine Weile vorher nichts zu essen und zu trinken. Ausbilder Ken Bailey erinnerte sich in seinen Notizen vom 2. April 1944 an den ersten Sprung des Schäferhund-Weibchens Ranee so:

"Ich trug das Hundefutter in meiner Tasche, rund zwei Pfund Fleisch, die Hündin bemerkte das natürlich. Wir hoben in Netheravon ab und näherten uns der Abwurfzone, die nur zwei Meilen entfernt war. Ich war Springer Nummer neun, die Hündin Nummer zehn. […]

In dem Moment, in dem das Flugzeug langsamer wurde und sich die Kameraden auf ihre Sprünge vorbereiteten, wurde die Hündin immer aufgeregter. […] Sobald das grüne Licht [als Signal zum Sprung] aufleuchtete, beobachtete sie neugierig, wie die Männer in dem Loch an der Flugzeugseite verschwanden - dabei blieb sie die ganze Zeit über artig auf seinem Platz hinter meinen Fersen."

Dann sprang Ken Bailey - offenbar im festen Glauben daran, dass zwei Pfund Fleisch den Hund dazu bringen würden, sich kopfüber aus einem Flugzeug zu stürzen. Er sollte recht behalten.

"Nachdem sich mein Schirm aufspannte, drehte ich mein Gesicht in Richtung des Flugzeugs; die Hündin war knapp 30 Meter von mir entfernt und noch ein bisschen über mir. Und sie guckte irgendwie verdutzt, aber nicht ängstlich. Ich rief ihren Namen, und sie schaute sofort zu mir runter und wackelte energisch mit dem Schwanz. Sie landete, etwa 25 Meter bevor ich den Boden erreichte. Ich […] rannte sofort zu ihr, machte sie los und gab ihr das Futter."

Luftsprung, Landung, Leckerli: Mit jedem weiteren Trainingssprung entwickelten die Hunde mehr und mehr Freude an ihrem Job, irgendwann ließen sich die Tiere bereitwillig von ihren menschlichen Kameraden aus dem Flugzeug werfen - oder sprangen sogar selbst aus der offenen Tür ins Nichts. Ihre Schirme öffneten sich dabei stets kurz nach dem Absprung automatisch.

Dann kam der Tag, für den die Hunde so lange trainiert hatten.

Hund im Baum

Am D-Day, den 6. Juni 1944, hob die Maschine des 13. Bataillons um 23.30 Uhr in Richtung Frankreich ab. Mit nur 30 Sekunden Verspätung kam die Fallschirmstaffel um 1.10 Uhr in der Normandie an, im Flugzeug: 20 Männer und ein Hund. Bing. Ranee und Monty waren auf andere Maschinen verteilt.

Alles schien wie gewohnt zu laufen - bis sich die Luke öffnete: Um das Flugzeug herum knallte und zischte es, Flaksalven blitzten grell auf und färbten den trüben Himmel gelb.

Ausbilder Bailey und sein Zögling Bing waren eigentlich die letzten Soldaten, die aus der Maschine springen sollten. Doch nachdem Bailey sich wagemutig aus der Luke gestürzt hatte, machte sein vierbeiniger Schüler kurz vor seinem Sprung kehrt - und verkroch sich in den Rumpf des Flugzeugs.

In den Aufzeichnungen der Truppe heißt es, dass der Absetzer an Bord, der für die Koordination des Absprungs zuständig ist, extra "sein Funkgerät ausstöpseln, den Hund fangen und ihn eigenhändig hinauswerfen musste". Auch Bings Flug sollte dieses Mal weniger sanft verlaufen als bei seinen Trainingssprüngen: Kurz bevor er das besetzte Europa mit seinen vier Pfoten betreten sollte, blieb Bing mit seinem Fallschirm in einem Baum hängen. Zwölf Stunden lang harrte der Hund inmitten des Geästs aus, bis ihn seine Kollegen fanden - mit ein paar tiefen Kratzern im Gesicht. Offenbar war er in deutschen Mörserbeschuss geraten.

"Sie retteten viele Leben"

Dennoch sollte er sich danach als "sehr nützlich erweisen", wie ein Soldat des 13. Bataillons später notierte, vor allem beim Entdecken von Minen oder Sprengfallen. Er "schnüffelte die Stellen aufgeregt für ein paar Sekunden ab, dann setzte er sich hin und sah seinen Ausbilder mit einer Mischung aus Selbstgefälligkeit und Erwartung an" - bis es eine Belohnung gab. Auch herannahende oder sich verschanzende deutsche Soldaten witterten Bing und seine vierbeinigen Kameraden oftmals lange bevor ein menschlicher Kamerad sie zu Gesicht bekam. "Sie retteten vielen Alliierten das Leben", schreibt der Soldat.

Ihr eigenes Leben konnten die Tiersoldaten nicht immer schützen: Monty wurde bei seinem D-Day-Einsatz schwer verletzt, Hündin Ranee verlor kurz nach ihrer Landung in der Normandie den Anschluss an das Bataillon und wurde nie wieder gesehen. Allerdings schlossen sich der Truppe später zwei fahnenflüchtige deutsche Schäferhunde an, die sich rasch mit Bing anfreundeten.

Bing überlebte - und erhielt für seinen Einsatz sogar einen Orden. Die Dickin Medal ist die höchste Auszeichnung für Tiere in Großbritannien. Vergeben wird sie von der People's Dispensary for Sick Animals, einer britischen Tierhilfsorganisation. Doch damit nicht genug der Ehrerbietung: Als Bing 1955 starb, wurde er auf einem Ehrenfriedhof für Tiere nordöstlich von London begraben. Bis heute steht im "Parachute Regiment and Airborne Forces Museum" in Duxford eine originalgetreue Nachbildung des vierbeinigen Helden - natürlich mit Fallschirm auf dem Rücken und Ehrenmedaille. "Für Tapferkeit", steht darauf. Und: "Auch wir dienen".

Zum Weiterlesen:

Andrew Woolhouse: "13 - Lucky for Some: The History of the 13th (Lancashire) Parachute Battalion". CreateSpace Independent Publishing Platform 2013, 622 Seiten.

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