Paris-Dakar "Ein Riesenabenteuer"

1980 gewann Freddy Kottulinsky die zweite Rallye Paris-Dakar. Hier erzählt der heute 76-jährige, wie es sich anfühlt das härteste Rennen der Welt zu gewinnen - und warum er Verständnis dafür hat, dass Dakar in diesem Jahr nicht statt findet

Sven Janssen

Als ich das erste Mal gefragt wurde, ob ich Paris-Dakar fahren will, habe ich "Nein" gesagt.

Audi und VW wollten mit vier VW Iltis die Rallye bestreiten. Roland Gumpert leitete das Team und wollte mich unbedingt als Fahrer dabei haben. Doch ich war kein Wüstenspezialist. Ich war zwar damals seit zwei Jahren Werksfahrer für Audi und bin '79 und '75 einige WM-Läufe gefahren. Gumpert habe ich damals aber eigentlich nur als Mechaniker geholfen, die vier "Iltisse" für das Rennen vorzubereiten. Gedanken die Rallye selbst mitzufahren habe ich keine gehabt.

Er fragte mich dann, was ich dafür verlangen würde, wenn ich trotzdem mitkomme. Doch sie konnten sich das nicht leisten. Erst kurz nach Weihnachten, also wenige Tage vor dem Start der Rallye, kam Gumpert dann doch noch auf mich zu und engagierte mich. Damit war besiegelt, dass ich an Paris-Dakar teilnehmen würde. Schon einen Tag später bin ich nach Ingolstadt gefahren, habe das Auto übernommen und weiter ging es nach Paris.

Ohne Helm und Schlafsack

In Frankreich angekommen machten wir halt in einer kleinen Werkstatt, dort wurden die Startnummern auf die Wagen geklebt. Einen Tag darauf, am 01. Januar fuhren wir die erste Etappe in Frankreich, mit der die Startaufstellung für den nächsten Tag in Algerien bestimmt wurde. Ich landete auf Platz 35. Allerdings hatte auf dem Weg zur Fähre nach Algerien unser Begleitfahrzeug, ein Lastwagen mit Ersatzteilen, ein Problem. Sie fragten mich über Funk, ob ich ihnen helfen könne. Das tat ich, mit der Folge, dass ich eine halbe Stunde zu spät am Ableger ankam. So konnte ich erst als 60. oder 70. starten.

Die erste große Überraschung war dann die erste Nacht in Algerien. Niemand hatte mir gesagt, dass man ein Zelt und Schlafsack dabei haben sollte. Also musste ich die Nächte im Iltis schlafen, quer über die vordere Sitzbank. Zu allem Übel hatte ich auch nur Sommerkleidung eingepackt. Ich dachte, dass es bei einer Wüstenrallye ohnehin immer heiß ist. An die Minusgrade, die nachts in der Wüste herrschen, hatte ich gar nicht gedacht.

Ich hatte nicht mal einen Renn-Overall dabei. Wie die meisten anderen Teilnehmer fuhr ich nur in T-Shirt und kurzer Hose. Eine Helmpflicht gab es auch nicht. Am Anfang hatte ich noch einen, aber den habe ich ziemlich bald einem Motorradfahrer gegeben, den es furchtbar hingehauen hatte. Er war kräftig im Gesicht verletzt und sein Helm war auch hinüber. Also habe ich ihm meinen gegeben. Mit dem ist er dann am Ende auch durchs Ziel gefahren. Bereut habe ich das nie. Die zwei Male, die mein Co-Pilot Ernst Löffelmann und ich uns überschlagen haben, waren eher ein Umkippen des Autos. Da brauchte man nicht unbedingt einen Helm.

Probleme mit der Orientierung

Ernst Löffelmann und ich haben uns dann so langsam im Feld nach vorne gearbeitet. Das war schwierig. Denn Ernst war erst 19 und noch nie in einem Rallye-Auto mitgefahren. Also konnte er auch nicht das Roadbook lesen, nach dem wir vom Start bis zum Ziel jeder Etappe navigieren mussten. Wir hatten also große Probleme mit der Orientierung und haben uns des Öfteren verfahren. Zum Ziel haben wir aber trotzdem immer gefunden.

Die längste Etappe dauerte 18 Stunden. Da ist man am morgen mit einer Sonderprüfung gestartet und danach kam eine Verbindungsetappe von zusätzlich 800 oder 1000 Kilometern. Das war schon anstrengend. Aber ich war ja noch relativ jung, 48, und hatte mit der Hitze in der Sahara keine größeren Probleme. Ich konnte bei den Temperaturen, die dort waren, mit einem Liter Wasser auskommen, wo andere drei oder vier Liter brauchten. Und auch die körperlichen Anstrengungen waren für mich erträglich. Obwohl wir auf dem Weg immer wieder Leute gesehen haben, die einfach vom Motorrad gefallen sind und die Maschine nicht mehr aufheben konnten, weil sie zu fertig waren.

"Plötzlich war ich vor meinen Team-Kollegen"

Nach ungefähr der halben Rallye war ich dann plötzlich vor meinen Teamkollegen. Da war natürlich viel Glück dabei. Es lag aber auch daran, dass ich sehr viele Teile im Auto hatte. Einfach alles, von dem ich dachte, dass es kaputtgehen könnte, hatte ich dabei. Einerseits war das viel Zusatzgewicht, aber was wir dadurch an Leistung verloren haben, haben wir wieder gut gemacht, wenn es auf der Strecke etwas zu reparieren gab. Denn wir sind nie liegen geblieben und mussten auf den Service-LKW warten. Während des Rennens sind die Spurstange und einmal die Antriebswelle gebrochen - ich hatte alles dabei.

Das wir auf einmal führten, war aber auch ein Problem. Denn eigentlich war ausgemacht, dass ich als Wasserträger fahre. Jean Ragnotti, ein bekannter französischer Rallye-Fahrer, hatte einen Prototypen des VW Iltis mit mehr Hubraum und mehr PS. Und die anderen drei Wagen waren hauptsächlich dazu da, zu helfen das Rennen zu gewinnen. Und das ist auch so gelaufen. Wenn Ragnotti irgendwo stecken blieb oder ein Problem hatte, ist immer einer von uns bei ihm geblieben und hat geholfen, den Wagen wieder startklar zu machen.

Erst hat man dann überlegt, mich zurückzupfeifen. Aber weil sie wussten, dass Ragnotti soviel schneller war, haben sie gedacht, das macht der wieder gut. Das ist dann aber nicht so gekommen. Und irgendwann, so nach drei Vierteln der Rallye, lag ich ungefähr zwei Stunden vor dem nächsten Auto, hatte also einen großzügigen Vorsprung herausgefahren.

Großes Pech, größeres Glück

Doch dann passierte es. Es war in Mali, die Etappe von Kolokani nach Nioro. Wir hatten uns furchtbar verfahren und sind schließlich in einem Flussbett stecken geblieben. Ich werde diesen Ort nie mehr vergessen. Nur mit den Händen mussten wir das Auto wieder ausgraben. Dabei haben wir fast zweieinhalb Stunden verloren und waren plötzlich dritter. Glücklicherweise mit einem Abstand von nur wenigen Minuten zu den Vorderleuten. So bin ich dann auf der vorletzten Etappe wieder in Führung gegangen und habe am Ende mit zehn, zwölf Minuten Vorsprung gewonnen.

Die Rallye Paris-Dakar war ein Riesenabenteuer, zweifelsohne. Ich möchte diese Erfahrung nicht missen. Trotzdem: als ich ein Jahr darauf ein großzügiges Angebot von Japanern bekommen habe noch mal zu fahren, habe ich "Nein danke" gesagt. Bei der Paris-Dakar spielt, anders als bei anderen Rallyes, Glück eine große Rolle. Es können so viele unvorhersehbare Probleme auftauchen. Allein in Sachen Orientierung. So viel Glück zu haben, bei der ersten Teilnahme an einer solchen Rallye nicht nur anzukommen, sondern auch noch zu gewinnen, hat man normalerweise nicht. Nachdem ich aber das Glück hatte und auch wusste welche Strapazen das Rennen mit sich gebracht hat, habe ich abgelehnt und es nie bereut.

"Man muss jedes Jahr mit Toten rechnen"

Das ist jetzt fast 30 Jahre her. Meine Leidenschaft für Motorsport ist aber bis heute nicht verloschen. Ich bin jetzt 76 Jahre alt und fahre nach wie vor Rennen. Zwischen 2000 und 2002 habe ich dreimal in Folge mit einem Lotus Elan den Oldtimer-Grand-Prix auf der Nordschleife des Nürburgrings gewonnen. Ich fahre aber auch moderne Autos. Gerade habe ich mir einen Audi RS4 zugelegt. Mit dem werde ich in Schweden die diesjährige Langstreckenmeisterschaft mitfahren.

Die Rallye Dakar habe ich natürlich bis heute jedes Mal vor dem Fernseher verfolgt. Dass sie dieses Jahr nicht stattfinden kann, tut mir wirklich Leid für all die Fahrer, die sich ein Jahr auf das Rennen vorbereitet haben. Andererseits muss man bei Dakar auch ohne Terroranschläge jedes Jahr mit Toten rechnen. Da finde ich es verständlich und gut, dass die Veranstalter dieses zusätzliche Risiko nicht eingehen.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.