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"Fernsehsender Paris" Wehrmachts-TV aus dem Eiffelturm

"Fernsehsender Paris": Deutsche Propaganda aus dem Eiffelturm Fotos
Association du Centre Historique de la Diffusion Radiophonique ACHDR

Die Wehrmacht besetzte Paris und übernahm damit auch den damals stärksten TV-Sender der Welt. Jetzt hat ein französischer Fernsehpionier unbekannte Bilder der längst vergessenen Programms entdeckt. Von Petra Truckendanner

Ende Juli 2014 genießt Stéfane France die letzten Tage Urlaub in seinem Ferienhaus, als ihn ein Anruf aus dem französischen Rundfunkarchiv in der kleinen Gemeinde Issoudun erreicht: "Ich habe hier etwas, das du dir ansehen solltest", meint der Kollege, der für den Verband ehemaliger Techniker und Ingenieure des einstigen nationalen Rundfunkkonzerns TDF arbeitet.

Wenig später hält France eine alte Kodak-Schachtel, gefüllt mit Bildern auf dünnen Glasplatten, in den Händen: "Fotos vom Fernsehen in Paris im Zweiten Weltkrieg". France, obwohl selbst ein Fernsehpionier und Mitbegründer des Pay-TV-Senders Premiere in Deutschland, ist ratlos. Noch nie hatte er etwas von der Sache gehört.

Die Geschichte des deutsch-französischen Okkupationsfernsehens in Paris ist kaum bekannt. Dieser "Fernsehsender Paris" sendete vom 7. Mai 1943 bis zum 16. August 1944 vom Eiffelturm aus ein mehrstündiges Programm. Bis heute gibt es davon nur wenige Dokumente in nationalen wie privaten Archiven. Dafür kursieren zahlreiche Anekdoten um die außergewöhnliche Geschichte des TV-Senders.

Ein absurder Befehl gab einst Anlass für das Projekt: Zuerst orderte der sogenannte Höhere Nachrichtenführer Frankreich, eine für Fernmeldewesen zuständige Dienststelle, im Mai 1941 an, die im Juni 1940 eroberten Eiffelturmsender zu demontieren, um deren Rohstoffe zu nutzen. Die mit dem Abbau befassten Ingenieure der Firma Telefunken fanden den Befehl aber sinnlos. Kurt Diels und Fritz Schröter setzten sich stattdessen für eine Nutzung des mit 30 kW damals stärksten Fernsehsenders der Welt ein, der unter einem Pfeiler des Eiffelturms untergebracht war.

Alfred Bofinger, Leiter der Gruppe Rundfunk der Propagandaabteilung des MBF, ließ sich von den beiden Technikern überzeugen. Er fand auch gleich einen passenden Intendanten für den Fernsehsender unter deutscher Leitung: Kurt Hinzmann, Mitglied der sogenannten Staffel K, einer Gruppe, die im Fall einer Annexion Großbritanniens die dortigen Rundfunkanlagen betreiben sollte. Hinzmann war zudem zuvor Sendeleiter des Berliner Fernsehens gewesen.

Mit dem Befehl 2688/42 legte das Oberkommando der Wehrmacht schließlich am 20. Mai 1942 die Wiederinbetriebnahme des Pariser Senders fest. Die von den Franzosen vor Ankunft der Deutschen funktionsuntüchtig gemachte Anlage musste erst repariert und von der französischen 455-Zeilen-Norm auf die deutsche 441-Zeilen-Norm umgestellt werden.

Zielgruppe sollten vor allem verwundete deutsche Soldaten in Pariser Spitälern sein. Zudem wollte man "deutsche Propaganda in die französische Bevölkerung tragen". Von Beginn an band man auch den französischen Rundfunk ein, der den Großteil des Personals stellte - zeitweise bis zu 120 Beschäftigte.

Propaganda aus einem edlen Tanzpalast

Sofort begann die Suche nach einem passenden Ort für die TV-Studios. Zunächst war das Theater Chaillot an der Place du Trocadéro im Gespräch. Wenig später galt der westliche Museumsflügel des Palais de Tokyo schon als beschlossene Sache. Am Ende fiel die Wahl aber auf "Magic City", einen ehemaligen, 2300 Quadratmeter großen Tanzpalast in der Rue de l'Université 176/180.

In dem Saal entstand ein modernes schallisoliertes Studio auf einer Fläche von 70 mal 35 Metern, mit einer erhöhten Bühne mit Klimaanlage, 3000 Lux starken Scheinwerfergeräten und stufenförmig ansteigenden Sitzreihen für etwa 300 Zuschauer. Als Büro und Verwaltungszentrum sollte eine dahinterliegende Familienpension dienen. Die beiden Gebäude wurden kurzerhand beschlagnahmt.

Bis zur Fertigstellung der Studios begannen im Sommer 1942 erste Versuchsprogramme im früheren Botschaftsgebäude der Tschechoslowakei. Als erstes Logo des Fernsehsenders schwenkte man die Kamera einfach zum Fenster und zeigte den nahen Eiffelturm. Später wurde das Realbild durch einen gezeichneten Eiffelturm ersetzt, umgeben von konzentrischen Wellen auf weißem Hintergrund.

Der "Fernsehsender Paris" übertrug zunächst dreieinhalb, später bis zu rund fünf Stunden TV-Programm. Zudem ließ man Radioprogramme des Deutschlandsenders über die Eiffelturmsender laufen. Dabei setzte man von Beginn an auf Zweisprachigkeit: Zwei Ansagerinnen kündigten die Sendungen jeweils zuerst auf Deutsch und dann auf Französisch an. Übertragen wurde direkt aus dem Studio mit bis zu vier Kameras, zudem zeigte man regelmäßig die Wochenschau sowie deutsche Kurz- und Spielfilme. Für die Sendung "Pariser Leben" waren Filmteams zu Ausstellungen oder Konzerten unterwegs.

Die Fotos auf den feinen Glasplatten, die Stéfane France im Sommer 2014 in den Händen hält, sind völlig ungeordnet und weder datiert noch beschriftet. Zwischen Bildern des französischen Nachkriegsfernsehens mischen sich Aufnahmen vom "Fernsehsender Paris" während der Besatzung. Auffällig ist eine pompöse Feier: Ein Militärorchester unterm Hakenkreuz spielt im "Magic City"-Studio auf.

Dabei hatten die Mitarbeiter des Senders stets bestritten, dass im Studio Parteiveranstaltungen stattfanden; die nun gefundenen Bilder könnten also die offizielle Eröffnungsfeier vom 30. September 1943 zeigen. Eine andere Aufnahme zeigt vermutlich das 24-köpfige sendereigene Orchester. Mehr Rätsel gibt Stéfane France dagegen eine Dame in Weiß auf, die singend vor einer deutschen TV-Kamera gezeigt wird: Bildvergleiche lassen vermuten, dass die Aufnahme wahrscheinlich den mittlerweile etwas in Vergessenheit geratenen Star Lina Margy zeigt, die vor allem mit dem Chanson "Ah! Le petit vin blanc" bekannt wurde. Paradoxerweise ist den meisten Franzosen dieses Lied heute eher als Volksschlager der Nachkriegszeit in Erinnerung geblieben.

Spionageattacke der Briten

Nach dem Vorbild des Berliner Fernsehens sollte auch in Paris ein Zirkus die Zuschauer in den Bann ziehen. Dabei kam es allerdings zu einem Zwischenfall mit einem Pferd, das man zum Voltigieren ins Studio holte. Nach einer gelungenen Vorführung vor laufender Kamera im ersten Stock weigerte sich das Tier, die Treppen wieder hinunterzusteigen - und musste von der Feuerwehr durch ein Fenster hinausbefördert werden.

Studio Harcourt/ Cognacq Jay
Zeitzeuge Kurz Hinzmann, einstiger Sende-Leiter, erinnert sich

Solche Aktionen zeigen, wie mitten im Krieg viel Aufwand für ein Fernsehprogramm betrieben wurde, das letztlich nur wenige sehen konnten. In den Lazaretten ließ man zwischen 350 und 400 Empfänger aufstellen. Privatpersonen, die in und um Paris wohnten und schon einen Fernseher besaßen, konnten das Programm verfolgen, mussten sich aber wegen der unterschiedlichen Zeilennorm mit einer schlechteren Bildqualität abfinden. Die Anzahl der Privatempfänger lag zwischen einigen Hundert bis etwa Tausend. Damit bestand das Publikum vorwiegend aus den eingeladenen Studiogästen.

Allerdings gab es noch ein paar ungebetene Zuschauer - weit von Paris entfernt: Einer englischen Radarüberwachungsstation in Beachy Head, Sussex, gelang es schon ab Sommer 1942, die Fernsehsignale aus dem über 240 Kilometer entfernten Paris zu empfangen. Man ließ sogar eine Spezial-Antennenkonstruktion in Spinnennetzform zwischen zwei Holztürmen in etwa 30 Metern Höhe errichten, um die schwachen TV-Signale zu verstärken. Das erste Bild, das die verblüfften Agenten sahen, war das Eiffelturm-Logo des Senders.

Höflich bis zum Untergang

Die Spionage-Attacke dürfte den Briten indes wenig über den Kriegsgegner verraten haben. Die Deutschen wussten, dass die Fernsehsignale theoretisch bis nach England reichten - und gaukelten in ihrem Programm die angeblich gute Verfassung Nazideutschlands vor. Aktuelles wurde nicht gesendet, sondern lediglich Unproblematisches: Im Dezember 1943 waren das Filme wie "In der Werkstatt des Weihnachtsmanns" oder "Französische Weihnachtsbräuche".

Selbst am 7. Juni 1944, am Tag nach der Landung der Alliierten, suggerierten die deutschen Fernsehmacher aus Paris noch harmlose Routine und Normalität: Das Programm begann um 10 Uhr mit dem Film "Floh im Ohr", und zur besten Sendezeit am Abend brachte man "Venezianische Hochzeit", gefolgt von "Barockstadt Dresden" und "Wiege des Waldes".

Um 21:42 Uhr, als die Kämpfe in der Normandie längst tobten, verabschiedete sich der "Fernsehsender Paris" höflich mit "Guten Abend, gute Nacht".

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1. Parteiveranstaltungen
Manfred Lange, 03.12.2014
... belegt das Foto nicht. Vielmehr ist im Hintergrund das vergrößerte Abzeichen der Polizei zu sehen (Adler im Eichenlaubkranz). Es handelt sich hier also (Parteiuniformen sind nicht erkennbar) um eine Veranstaltung mit Mitgliedern der deutschen Polizei, nicht aber einer Parteiorganisation.
2. Fehlerhafte Bildbeschriftung
Sir Viver, 04.12.2014
Zitat"Pompöse Feier: Das undatierte Foto zeigt wahrscheinlich die offizielle Eröffnungsfeier des deutschen "Fernsehsender Paris" im September 1943. Die Mitarbeiter des TV-Senders hatten stets bestritten, dass im Studio NS-Parteiveranstaltungen stattfanden - diese kürzlich gefundene Aufnahme könnte das nun widerlegen." Das Bild Nr 2 zeigt eindeutig eine Veranstaltung der Deutschen Polizei, wie auch die Dekoration mit dem Polizeiwappen eindeutig ausweist. Von Parteiveranstaltung kann also keine Rede sein. Im Text wird von einer Militärkapelle berichtet. Die im Bild 2 gezeigte Kapelle ist von der Polizei.
3. Quasi der Vorläufer von arte...
Lorenz Frank, 04.12.2014
...ein Deutsch-Französisches Projekt mit viel Aufwand für ganz wenige Zuschauer!
4. ...und es ist auch nicht in Frankreich
G Poetschke, 30.07.2015
Der Artikel ist mehr oder weniger um das Titelbild (= 2. Bild der Fotostrecke) konstruiert. Es zeigt aber kein "Wehrmachts-TV aus dem Eiffelturm", keine "Aufnahme vom Fernsehsender Paris" und beweist auch nicht "Propaganda aus einem edlen Tanzpalast". Es handelt sich schlicht um eine Übertragung aus dem Kuppelsaal des Reichssportfeldes in Berlin. Hier beispielhaft ein Vergleichsfoto: http://www.fussball.marco-bellini.de/images/pano.jpg Schöne Grüße GP
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