Skandalautorin Colette Geliebt, gehasst, bewundert

Nackttänzerin, Lebefrau, kontroverse Schriftstellerin: Kaum ein Tabu, das Colette zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht brach. Die katholische Kirche setzte die Bücher der Französin auf den Index - nun wird sie mit einem Film geehrt.

akg-images/ Fototeca Gilardi

Von


Der Vorhang hebt sich um 10.45 Uhr. Auf der Bühne des Moulin Rouge in Paris thront Colette als ägyptische Mumie, bekleidet mit einem edelsteinbesetzten Büstenhalter. Ein Archäologe im Anzug nähert sich - es ist die transsexuelle "Missy", Colettes Geliebte. Nichts bringt die beiden Frauen aus der Ruhe, weder die Pfiffe noch die "Nieder mit den Lesben"-Rufe.

Stoisch spielen sie weiter an diesem 3. Januar 1907. Schon wirft das Publikum mit Orangenschalen und Knoblauchzehen, Münzen, Bonbondosen und Sitzkissen. Der Tumult erreicht den Höhepunkt, als der Archäologe seine Mumie zum Leben erweckt und mit einem langen, echten Kuss bedenkt. Ein Schemel fliegt auf die Bühne, die Polizei muss die pöbelnden Horden bändigen.

Colettes Reaktion? "Ich bin etwas enttäuscht über die Feigheit all dieser Leute", sagt sie einem Journalisten nach der Premiere und verspricht: "Ich werde wieder spielen." Willkommen in der Welt der Sidonie-Gabrielle Claudine Colette, kampflustigstes Enfant Terrible der Belle Époque. Wo sie war, regierte das Spektakel, knisterte die Luft, verfielen Menschen in Schnappatmung.

Fotostrecke

25  Bilder
Skandalautorin Colette: "Ich will machen, was ich will"

"Colettes Leben. Skandal auf Skandal. Und dann nimmt alles eine neue Wendung, und sie wird zum Idol": So umriss der Künstler Jean Cocteau die rauschhafte Vita einer Frau, die Frankreich zu Beginn des 20. Jahrhunderts elektrisierte wie keine zweite. Weil sie, in Wort und Tat, kaum je ein Tabu ausließ.

Rotzfreche Claudine

Nie zuvor hatte ein Mitglied der feinen Pariser Gesellschaft so konsequent auf Konventionen gepfiffen. Und nie zuvor eine Autorin gewagt, so klar - und zugleich stilvoll - über die weibliche Sexualität zu schreiben. "Es ist ihr gegeben, die Unerforschlichkeiten des weiblichen Denkens im Kunstwerk zu enthüllen", so Schriftstellerkollege Marcel Proust.

Während die katholische Kirche Colettes Bücher auf den Index setzte, verschlangen junge Französinnen mit roten Ohren und wachsendem Appetit ihre ab 1900 veröffentlichten "Claudine"-Romane. Endlich jemand, der ihre Sehnsüchte in Worte fasste!

Dass Colette die Figur des rotzfrechen, sinnlichen Teenagers Claudine erfunden hatte, wusste zunächst kaum einer. Zu Beginn ihrer Karriere publizierte die Schriftstellerin unter dem Pseudonym ihres ersten Ehemanns Henry Gauthiers-Villars, genannt "Willy".

"Rasch, mein Kind, rasch"

Der Salonlöwe und Schwerenöter litt unter notorischen Schreibblockaden, weshalb er in Paris eine Art Literaturwerkstatt unterhielt. Zu seinem Ghostwriter-Trupp gehörte auch Colette, eine blutjunge Schönheit vom Lande mit blauen Katzenaugen und rollendem "r".

Zeitweise dieselbe Geliebte geteilt: Willy und Colette (1902)
Getty Images

Zeitweise dieselbe Geliebte geteilt: Willy und Colette (1902)

Geboren 1873 in einem Dorf im Burgund, wäre Colette nach eigenem Bekunden am liebsten Seemann geworden. Mit Schriftstellerei hatte das wilde Mädchen mit den knielangen Zöpfen nie etwas am Hut - bis es in den Strudel der Pariser Bohème geriet.

"Rasch, mein Kind, rasch, es ist kein blanker Groschen mehr im Haus": Mit diesen Worten habe Ehemann Willy sie zum Schreiben angetrieben, so Colette. "Irgendwelche pikanten Erinnerungen an die Schulzeit" solle sie aufs Papier bringen.

Eingesperrt und ausgebeutet

Täglich schloss der Verlegersohn seine Frau vier Stunden lang im Arbeitszimmer ein. Willy presste ihr Buch um Buch ab, schlug sie, erniedrigte sie sexuell, beutete sie finanziell aus - so weit die von Colette befeuerte Legende, eindrücklich umgesetzt im Hollywood-Biopic mit einer grandiosen Keira Knightley in der Hauptrolle.

Auch wenn es sich in einem #MeToo-Drama aus dem Jahr 2018 prächtig macht: Dass Colette tatsächlich eingesperrt wurde, bezweifeln ihre Biografinnen einstimmig - selbst die Schriftstellerin verneinte dies am Ende ihres Lebens in einem Interview.

Fest steht: Die historische Colette war es bald gründlich leid, von dem Mann unterjocht und betrogen zu werden, mit dem sie sich zeitweise gar dieselbe Geliebte teilte. 1907 rebellierte die Schriftstellerin in der Wochenzeitung "La Vie parisienne":

"Ich habe es satt. Ich will machen, was ich will. (...…) Meinetwegen nackt tanzen (...…) Ich will traurige und keusche Bücher schreiben, in denen es nur Landschaften gibt, Blumen, Kummer, Stolz und die Unbefangenheit der Tiere."

Faun, Kätzchen, Gigolo

Entschlossen warf Colette ihre Fesseln ab, um fortan ohne Rücksicht auf Verluste ihr persönliches Glück zu suchen. Nach der Trennung von Willy firmierte die Schriftstellerin unter eigenem Namen, nahm Pantomime-Unterricht und sorgte, spärlich bekleidet, als Faun, Kätzchen, Gigolo für Furore.

"Einfach nur eine Frau werden": Colette 1906 in Paris
Getty Images

"Einfach nur eine Frau werden": Colette 1906 in Paris

Jahrelang unterhielt Colette eine Beziehung zur transsexuellen Marquise de Belboeuf, schlief mit Frauen wie Männern und sogar dem eigenen Stiefsohn. "So viele Frauen möchten verdorben werden, aber nur wenige sind auserwählt!", schrieb Colette in ihrem Roman "Diese Freuden".

Selbst von der Mutterschaft wollte sich diese Freiheits-Frau nicht einengen lassen: Bel-Gazou kam 1913 zur Welt - und wurde mit acht Jahren ins Internat abgeschoben. "Mein Schuss Männlichkeit", schrieb Colette 100 Jahre vor Entdeckung des "Regretting Motherhood"-Phänomens, "rettete mich vor der Gefahr, die dem zum glücklichen und zärtlichen Elternteil gewordenen Schriftsteller droht: ein mittelmäßiger Autor zu werden."

Peitsche und Harem für die Suffragetten

Das Mittelmaß war Colettes Sache nie - doch auch um die ganz großen Visionen scherte sie sich nicht. Allgemeine Ideen, pflegte Colette zu sagen, seien wie baumelnde Ohrringe: Sie stünden ihr einfach nicht. Zwar protestierte Colette gegen Sexismus in der Kunstwelt und förderte das weibliche Schreiben. Aber eine Frauenrechtlerin war sie nie, anders als im US-Film angedeutet.

"Wissen Sie, was die Suffragetten verdienen?", schleuderte Colette 1910 einem Journalisten entgegen: "Die Peitsche und den Harem!" Frauen seien nicht geeignet, politische Ämter zu bekleiden, sagte sie 1927 ihrem Interviewpartner Walter Benjamin. Weil sie jeden Monat zwei bis drei Tage lang "überreizt, unbeherrscht, unberechenbar sind".

Die Frau, die so offen über vorgetäuschten Orgasmus, Anorexie und Vielgeschlechtlichkeit schrieb, vertrat politisch (wenn überhaupt) konservative Ansichten. Ihre Tochter engagierte sich während des Zweiten Weltkriegs im Widerstand - Colette hatte kein Problem damit, in antisemitischen Hetzblättern zu publizieren. Und gleichzeitig ihren dritten Ehemann, den jüdischen Perlenhändler Maurice Goudeket, vor den Nazis zu verstecken.

Vergebens: Im Morgengrauen des 12. Dezember 1941 holte die Gestapo Goudeket ab. Abgemagert kam er nach sieben Wochen Lagerhaft frei. Colette, mittlerweile knapp 69 Jahre alt, hatte sich mit Kollaborateuren wie Deutschen getroffen, um ihren Mann lebendig zurückzubekommen. "Das Herz hat keine Falten, nur Narben", schrieb die Frau, die ein Leben lang dem Glück nachjagte - und doch auf Fotos nie lächelte.

"Mit wütendem Eifer"

Ihre letzten Bücher musste Colette liegend verfassen - eine Arthrose in beiden Hüften fesselte sie nach Kriegsende mehr und mehr ans Bett. Die alternde Schriftstellerin, längst eine hochdekorierte Ikone des Literaturbetriebs, schrieb weiter, immer weiter, dem eigenen Motto treu: "Mit wütendem Eifer sein Innerstes zu Papier bringen".

Mythos mit Strubbelhaar: Colette und Audrey Hepburn 1951 beim Proben für die Broadway-Komödie "Gigi"
Getty Images

Mythos mit Strubbelhaar: Colette und Audrey Hepburn 1951 beim Proben für die Broadway-Komödie "Gigi"

Am Abend des 3. August 1954 hörte das "menschlichste Herz der modernen französischen Literatur" (Marcel Proust) für immer auf zu schlagen. Die katholische Kirche verweigerte der Skandalautorin eine Bestattung. Dafür erhielt Colette, die der Ansicht war, "der Tod sollte nie etwas Öffentliches sein", ein pompöses Staatsbegräbnis - als erste Französin überhaupt.

Mehr als 6000 Menschen, zumeist Frauen, defilierten an ihrem Sarg im Ehrenhof des Palais Royal vorbei. Lautlos, wie der "Figaro" erstaunt notierte: "Was sich hier ausdrückte, zeugte von mehr als der Sympathie zu einem Werk - es war die Liebe zu einer Frau."


Zum Weiterlesen:
Judith Thurman: Colette. Roman ihres Lebens, Berlin 2001

insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
R. Detzer, 02.01.2019
1. Sofort
wiederbeleben, in die Gegenwart beamen und den Feminismus der Gegenwart bereichern.
Wolf Lauenroth, 02.01.2019
2. Eine...
wirklich emanzipierte Frau die das gelebt hat, was andere nur propagieren, eine Frau mit eigenen Vorstellungen, unbeirrt vom „das ist unangebracht“ der Möchtegerns.
Alexander Kurth, 02.01.2019
3. Sie kam, sah und ... machte!
Erstaunlich, wie das klappen kann! Frau kann was. Frau macht was. Frau ist einfach sie selbst und wird aktiv. Das war nie Feminismus, es waren ganz einfach gelebte Ideale. Im Kontrast dazu steht der aktuelle "Feminismus", der kreischig, plump und beifallsheischend den puren Aktionimus bedient. "Macherfrauen" beeindrucken mich ganz genauso mit Fachwissen, Cleverness oder Talent wie "Machermänner". Danach nur zu schreien, reicht jedoch nicht.
Alexander Engel, 02.01.2019
4.
Schlicht und einfach eine emanzipierte Frau: Sie fragt und bittet nicht, sondern "macht" einfach! "Politisch" vollkommen inkorrekt, und weder für die einen noch für die anderen "brauchbar". Sie hat eigentlich nur den Anspruch auf Freiheit, die Freiheit ihr Leben zu führen, wie sie will. Die Zeiten waren damals natürlich nicht besser, als sie es heute sind. Aber man kann es drehen und wenden, wie mal will: Sie ist einfach nur beeindruckend... schlicht als Mensch! Sich emanzipieren, heißt wahrscheinlich letztendlich Mensch werden! Auch "menschlicher"... Emanzipation ist wahrscheinlich eine lebenslange Arbeit, auch als Mann...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.