Prediger Johannes Leppich Das Maschinengewehr Gottes

Er wütete, er schrie, er beleidigte sein Publikum - und die Menschen liebten ihn dafür. In den Fünfzigern begeisterte Jesuitenpater Johannes Leppich mit cholerischen Predigten Tausende.


"Komm her, du Schweinehund, als Priester geniere ich mich nicht, dir an die Gurgel zu springen!" Auch wenn der schmalbrüstige Jesuitenpater mit der kecken Stirnlocke äußerlich unscheinbar wirken mochte - die Dinge, die er bei seiner Tour im Jahr 1954 in Hallen und auf Festwiesen überall in Deutschland von der Bühne schrie, klangen alles andere als pastoral.

Bald eilte Johannes Leppich sein Ruf voraus - und die Zuschauer kamen in Scharen, um dem cholerischen Jesuitenprediger zuzuhören: In Fulda sprach Leppich vor 40.000 Menschen. In Bochum goss es in Strömen, der Platz war ein Meer aus schwarzen Regenschirmen - 22.000 Menschen hatten den Weg auf sich genommen.

Wie war es einem verschrobenen Jesuiten im grauen Ordenskleid nur gelungen, Abertausende Deutsche so mitzureißen?

"Verfettete Kirchgänger!"

Eigentlich haftete dem Geistlichen etwas Unheimliches an: Leppichs Physiognomie und seine steile Rhetorik erinnerten gar an Joseph Goebbels, bis hin zum Zungenschlag. Zudem brachte der großmäulige Prediger, der bei seinen Auftritten nie mit wüsten Beschimpfungen sparte, nicht einmal die frohe Botschaft; er wollte die Menschen zu Frömmigkeit und Keuschheit bekehren - mit drastischen Slogans wie "Die Brautzeit ist keine Warenprobe".

Politiker misstrauten ihm, denn er war unberechenbar und teilte mit Tiraden auf "die großen Kanonen, die in Bonn sitzen und etwas von der Unfehlbarkeit des Papstes für ihr politisches Blindgängertum profitieren möchten" nach allen Seiten aus. Selbst der Kirche, der er wieder Zulauf verschaffte, war der Missionar nicht geheuer. Er wetterte gegen feiste Bischöfe und "Limonaden-Christen" und fabulierte so fieberhaft von der "Bestie Sexualität", dass es selbst dem konservativen Klerus zu viel wurde: Mehrmals wurde Leppich von den Kirchenoberen aus dem Verkehr gezogen. Bändigen konnten sie ihn nicht.

So wetterte Leppich etwa nach dem Kennedy-Attentat in Cuxhaven anstelle einer Kondolenz: "Als ich die Witwe Kennedys sah, hab ich an die Witwe in Vietnam gedacht - an die ihr nicht gedacht habt. Mord bleibt Mord. Die Amerikaner haben gewusst, dass in Vietnam gemordet wurde." Seine Anhänger liebten ihn für diese drastische Ausdrucksweise - selbst, als er 1957 die Bonner Bürger als "katholische Landesverräter" beschimpfte oder als "Blindschleichen und verfettete Kirchgänger", nur weil die Stadt für seine Kundgebung kein Parkverbot erlassen hatte. Leppich trieb die schnoddrige Sprache des Mannes von der Straße auf die Spitze.

Das zweite Geheimnis seines Erfolges lag in seiner drastischen Botschaft: Ihr seid bequem, ihr seid feige, ihr habt keine Prinzipien und erst recht keinen festen Glauben. Wenn ihr in dieser speckgesichtigen Aufbaugesellschaft nicht vor die Hunde gehen wollt, müsst ihr euch schleunigst ändern.

"Sexuelle Wildschweine!"

Dabei hatte der Jesuitenpater seine Laufbahn weit weniger extrovertiert begonnen: 1945 hatte Leppich in Breslau als Seelsorger Frauen betreut, die Aufräumarbeit leisten mussten. Ein Jahr darauf meldete sich der 30-Jährige zum Dienst im Grenzdurchgangslager Friedland, wo 7000 Flüchtlinge aus dem Osten in Wellblechbaracken zusammengepfercht waren. Der Jesuit lebte fortan unter ihnen.

Dass ihn sein Weg in den Orden von der Hitlerjugend über den Reichsarbeitsdienst und die Wehrmacht geführt hatte, konnte Leppich später schwer verbergen - legte er doch den Jargon der Nazi-Jahre niemals richtig ab. So pflegte er noch in den Fünfzigern aus Wut über die ausufernden Schönheitskonkurrenzen zu poltern, wenn es nach ihm ginge, müsse jede Schönheitskönigin ins Arbeitslager.

Von 1948 an betreute Leppich kasernierte Arbeiter, überfüllte Gefängnisse und Armutsquartiere. Dort lernte er nicht nur die Sorgen der Massen kennen. Er gewann auch einen Einblick in den Alltag der arbeitenden Menschen. Daher rührte die spezielle Art der Sexualaufklärung, die er getrennt nach Männern und Frauen in abgeschlossenen Räumen praktizierte: Mit drastischen, anatomisch präzisen Schilderungen von Geschlechtskrankheiten und Drogenexzessen wollte er seine Anhänger zur Enthaltsamkeit verpflichten. Immer wieder schrie er bei Predigten: "Auch hier bei euch gibt es so ein paar sexuelle Wildschweine, ein paar Grauköpfe, die vor den Lehrmädchen im Betrieb am Montag die Schweinereien vom Sonntag erzählen."

Anspielung auf Edelhure Rosemarie

Leppich agitierte gegen einen Kapitalismus, der die Menschen hungern lässt, und gegen einen Klerus, der nur an seine Versorgung denkt - vor allem aber gegen dessen Konkurrenten auf dem Markt der Utopien: Er war ein glühender Antikommunist, der in jedem Liberalen einen "geistigen Fallschirmspringer aus dem Osten" sah. Später machte er selbst aus seinen Sympathien für Spaniens katholischen Diktator General Franco keinen Hehl.

Sicher: Leppich war ein Spinner, ein Poltergeist, ein Nervtöter. Maschinengewehr Gottes - so nannten sie ihn, in Anlehnung an den Spitznamen des radikalen US-Predigers Billy Graham. Aber er säuselte nicht und er versprach nichts. Er zeigte den Ungläubigen einen fremden Gott, der die Erde nicht liebte und die bösen Seiten der Menschen kannte. Einen Gott, der bei vielen besser ankam als die Verheißungen der Wohlstandsgesellschaft.

Was nicht bedeutet, dass Leppich Geld grundsätzlich abgeneigt gewesen wäre: 1963 verbot er sich bei einer Kollekte in Bad Mergentheim Spenden von weniger als zehn Mark, denn "die hätte die Nitribitt aus der Hand geschlagen". Eine Anspielung auf die 1957 ermordete Frankfurter Edelhure Rosemarie Nitribitt. Aber mehr am Herzen schienen ihm Sachspenden zu liegen: Einmal bat er um Anzüge für Umsiedler - und bekam sie: zehnmal mehr, als er haben wollte. Anhänger schenkten ihm hundert Paar Schuhe. In Würzburg bat er um ein Fahrrad für einen mittellosen Gemeindehelfer. Am nächsten Tag standen 22 am Pfarrhaus. Als er in Mainz um ein Motorrad für einen Arbeiter bettelte, der Probleme hatte, zu seiner neuen Fabrik zu gelangen, bekam Leppich sechs Motorräder.

Drohkulissen und Spitzel

Im Jahr 1957 schließlich sollten der religiöse Eifer Leppichs und die Folgsamkeit seiner Anhänger bedrohliche Maße annehmen - im Fall einer bayerischen Schulleiterin: Philumene Lehner, Oberstudiendirektorin des Deutschen Gymnasiums in Aschaffenburg, kritisierte in ihrer Klasse Leppichs Predigtstil, nachdem der auf der Großmutterwiese seine Zuhörer mit einer Rede über die indische Kultur aufgepeitscht hatte: Der Pater sei ein Demagoge und äußere sich "im Stil der Gosse". Und er lüge, wenn er behaupte, die "heidnischen Priester" Indiens ließen Leprakranke verhungern, weil sie aufgrund ihres Glaubens an die Wiedergeburt keine Veranlassung sehen würden, etwas für die Sterbenden zu tun.

Noch am selben Abend schlug Leppich vor 15.000 Zuhörern zurück: "Wenn sie das gesagt hat, muss sie weg." Und wenig später drohte er von der Kanzel der Stiftskirche: "Ich betrete Aschaffenburg nicht mehr, solange dieses Weib hier ist." Er behauptete, Frau Lehner habe ihren Schülern erklärt, die Inder könnten von ihr aus "doch verrecken". Natürlich entsprach das nicht den Tatsachen. Doch Leppich sorgte mit den örtlichen Jesuiten und der katholischen Jugend dafür, dass Flugblätter auftauchten, auf denen gefordert wurde: "Weg mit Dr. Lehner!"

Schon öfter hatte der örtliche Klerus Lehner zugesetzt, weil sie vor der Verquickung von Kirche und Parteipolitik gewarnt hatte. Doch noch nie hatte es solche Ausmaße angenommen: Ein Schüler offenbarte ihr, der lokale Jesuiten-Superior Heinrich Schulz habe ihn zusammen mit Pater Leppich aufgefordert, seine Lehrerin zu bespitzeln, um Material für eine Dienstaufsichtsbeschwerde zu bekommen. Als sich Lehner deshalb bei Schulz beschwerte, drohte ihr Leppich: "Ich werde dafür sorgen, dass Sie keine Minute mehr Ruhe haben."

Doch ihre eigenen Schüler eilten der Oberstudiendirektorin zu Hilfe: Eine Abiturklasse machte den Versuch Leppichs, sie zu Spitzeldiensten zu verpflichten, öffentlich und distanzierte sich von den Lügen des Paters über die Lehrerin. Die zuständige Dienststrafkammer bedachte die mutige Oberstudienrätin dennoch mit einer "Warnung". Sie hatte allerdings auch den damaligen Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß als "dick und fett" bezeichnet und moniert, dass ihm "die Sinnlichkeit aus den Augen schaut".

Leppich hingegen schadete die Affäre nicht. Selbst als 1966 bekannt wurde, dass seine engste Mitarbeiterin langjähriges NPD-Mitglied war, regte sich keiner mehr auf. Am Ende war es der unermüdliche religiöse Wüterich selbst, der aus dem Rampenlicht trat: 1971 gab das cholerische "Maschinengewehr Gottes" bekannt, künftig keine Massenpredigten mehr halten zu wollen - nachdem er einen Herzinfarkt erlitten hatte.

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Richard Heinen, 13.07.2014
1.
Ich glaube, Pater Leppich war auch zu Besuch an meiner Schule, es kann auch sein, dass es einer seiner Wanderpredigerkollegen war. Wir haben uns köstlich amüsiert, insbesondere über seine Wortschöpfung "Wupptizität", was immer das sei. Der beabsichtigte Eindruck blieb aus. Der Schuss ging also nach hinten los.
Micahel Kallenberger, 13.07.2014
2.
Aber doch wohl angeschnitten wegen der Introhnisation des netten Herrn Wölki zur kölner Bischofmacht. Diese ganze Kirche ist ein Mega-Schwindel. Das haben kritische Theologen und Historiker schon zur Genüge bewiesen. Den Apostel Paulus gab es niemals, die Autoren der Evangelien lebten Jahrhunderte nach Jesus und ob es Jesus wirklich gab, daran bestehen auch berechtigte Zweifel. Aber viele Leute glauben an diese Fiktion. "Jesus hat mein leben verändert" hört man von vielen dieser Irregeleiteten. Sie wären wohl besser zum Psychiater gegangen, um ihr Leben nachhaltig und wirkungsvoll zu verändern.
Alexander Graf Lambsdorff, 13.07.2014
3. Lieber das Original lesen
Leppichs Ansichten waren auch für die damalige Zeit illiberal und wurden scharf polemisch formuliert. Er wollte das so. Meine sind es nicht. Doch der in diesem Artikel erweckte Eindruck, Leppich sei eine Art Alt-Nazi, der im Jesuitenorden, hier als quasi logische Fortsetzung von NS-Organisationen angelegt, Unterschlupf fand, ist nicht nur ebenso polemisch - er ist auch verletzend und einfach falsch. Nur zwei kleine Details: Leppich trat schon mit 20 Jahren (also ca 1935) in den Orden ein und wurde später wegen "Wehrunwürdigkeit" aus der Wehrmacht ausgeschlossen - eben, weil er Jesuit war. Der Spiegel brachte 1954 eine Titelgeschichte über Leppich, die diese kontroverse Gestalt aus der Frühgeschichte der Bundesrepublik erheblich besser, differenzierter und fairer erfasst als dieser Text hier, der sich zwar ausgiebig in der ursprünglichen Spiegelgeschichte bedient, leider aber die Überheblichkeit des Nachgeborenen spüren lässt (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-28954975.html). Da wird sein angeblicher "Nazi-Jargon" kritisiert, Leppich wolle "Schönheitsköniginnen ins Arbeitslager" stecken - in Wahrheit sprach er vom "Arbeitshaus", das etwas vollkommen anderes und eher dem Jargon von Weimarer Republik und Kaiserreich zuzuordnen ist (die Idee war trotzdem Quatsch). Der im Original-Artikel beleuchtete Gegensatz zu Lombardi scheint an keiner Stelle auf und auch nicht, dass ihn Unternehmer als "roten Priester" vor dem Fabriktor fürchteten. Gerade Letzteres zeigt, dass er vor allem eines war: Unbequem, und zwar für alle. Fazit: Lieber das Original lesen, einmal, weil ein Mann wie Leppich besser verstanden werden kann, aber auch, weil einem das Klima der frühen Jahre dort unverfälscht entgegentritt.
Georg Schmidt, 13.07.2014
4. alos, ich habe
Pater L selber erlebt.live und in Echt, man kann sagen, nach seinen Predigten haben die Menschen waschkorbweise gespendet, das war unglaublich, man kann diese Massenhysterie kaum verstehen- aber Angst ist/war ein gutes Druckmittel und natürlich ein schelchtes Gewissen, beides zusammen ergibt ja was ? Schmidt Georg, Lollar!
Georg A. Wolf, 13.07.2014
5. 1966? in Wiesbaden
Schon aus der katholischen Kirche ausgetreten, begeisterte mich trotzdem Pater Leppich. Besonders in Erinnerung ist mir sein Schimpfen auf die Spießer, die im sonntäglichen Kirchenbesuch die Erfüllung ihres Christendaseins sahen. Sein Eintreten für Randgruppen der Gesellschaft seh ich erst heute in der katholischen Kirche durch den jetzigen Papst glaubwürdig vertreten. Daher halte ich Leppich eher für Jemanden der das Christentum würdig vertreten hat und seiner Zeit voraus war.
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