Patrick Stewart wird 75 Mein Captain

Die Rolle des Jean-Luc Picard machte Patrick Stewart zum Star. Über Jahre reiste er mit dem Raumschiff Enterprise durchs All - und veränderte dabei das Publikum. Eine Liebeserklärung zum 75. Geburtstag. Energie!

imago/teutopress

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Mir ist kotzübel. Auf dem Schreibtisch häufen sich die Papierchen, daneben die aussortierten Bilder. Sobald ich ein neues der kleinen Päckchen öffne, riecht es nach Plastik und Zucker. Meine Hände sind klebrig von dem Zeug, das wir in uns hineinstopfen. Ich habe mittlerweile einen Kloß im Hals, aber ich muss weiteressen. Damit ich ein Bild von ihm bekomme. Von dem kleinen Mann mit Halbglatze in einem roten Spandex-Anzug. Und irgendwo in einer dieser verdammten Kaugummipackungen muss er drin sein.

Es ist 1991. Durch die Lamellen vor den Scheiben von Jonas Kinderzimmer dringt helles Sommerlicht. Jonas ist mein bester Freund. Ich bin 8, er 9. Eigentlich schleichen wir uns um diese Jahreszeit immer in den Garten der Nachbarin - Rhabarber klauen.

Seinen Plastik-Kommunikator hat der Autor immer noch. Der Tricorder ging im Nordsee-Urlaub verloren.

Seinen Plastik-Kommunikator hat der Autor immer noch. Der Tricorder ging im Nordsee-Urlaub verloren.

Jetzt sitzen wir im Haus seiner Eltern und fressen, man kann das nicht anders sagen, ein Kaugummi nach dem nächsten. Denn in den Packungen sind Sammelbilder der Serie "Raumschiff Enterprise - Das nächste Jahrhundert" eingerollt. Die Kaugummis verlieren nach zwei Sekunden ihren Geschmack. Ich spucke sie in den Papierkorb. Jona hat angefangen, sie runterzuschlucken. Uns ist schlecht, aber wir können nicht aufhören. Wir grinsen, sortieren, kauen. Und irgendwann halte ich sein Bild endlich in den Händen: Jean-Luc Picard, Captain der USS-Enterprise NCC-1701-D - mein größtes Idol.

Der erste Kontakt

Der Autor im Juli 1991; 8 Jahre alt
privat

Der Autor im Juli 1991; 8 Jahre alt

"Ich wollte diesen Job wirklich nicht", hat Patrick Stewart Jahre später in einem Interview über seine berühmteste Rolle gesagt. "Ich war mir ganz sicher, was mich erwartete. 'Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert' würde ein kompletter Reinfall werden, und ich würde in ein paar Monaten wieder auf dem Weg nach England sein. Ich würde zum ersten Mal in meinem Leben etwas Geld verdienen, mich etwas bräunen und nach Hause fahren."

Nicht nur Patrick Stewart ist Ende der Achtziger skeptisch angesichts der Neuauflage von "Star Trek", die beinahe 20 Jahre nach den originalen Abenteuern von Kirk und Spock auf Sendung gehen soll. Auch die alten Fans zieren sich. Und James Doohan, der in der ersten Serie den Techniker Scotty gespielt hatte, schnaubt empört, ohne die originale Besatzung sei "Star Trek" überhaupt nicht denkbar. Selbst Serienschöpfer Gene Roddenberry glaubt nicht, dass ausgerechnet dieser Brite, seit seinem 19. Lebensjahr wegen einer genetischen Erkrankung glatzköpfig, wirklich einen neuen Aufbruch zu den Sternen anführen konnte.

Picards schönste Momente
Sternzeit 43930.7
"Die Damen Troi"
Staffel 3, Episode 24

Ein Ferengi verliebt sich in die Mutter der Schiffsberaterin Deanna Troi und entführt sie. Um sie aus den Fängen des Aliens zu retten, spielt Picard den eifersüchtigen Rivalen, rezitiert ein Sonett von Shakespeare und droht, aus enttäuschter Liebe das Ferengi-Schiff zu sprengen.

Sternzeit 45944.1
"Das zweite Leben"
Staffel 5, Episode 25

Mittels einer implantierten Halluzination durchlebt Jean-Luc Picard 40 Jahre einer alternativen Realität im Sekundenflug. Dort hat er eine Familie und führt ein erfülltes Leben fernab der Sternenflotte. Aus dem Traum gerissen, bleibt ihm nur die Flöte, die er in seinem Traum zu spielen gelernt hat.

Sternzeit 46682.4
"In der Hand von Terroristen"
Staffel 6, Episode 18

Normalerweise ist Picard ein Mann des Wortes, doch als Terroristen das Kommando auf der Enterprise übernehmen, wird der Franzose zum Guerillakämpfer. Er baut Sprengfallen, kriecht durch die Lüftungsschächte und erledigt einen der Angreifer mit dem Vulkanischen Nackengriff.

Sternzeit 43745.2
"Picard macht Urlaub"
Staffel 3, Episode 19

Selbst ein Captain braucht mal Entspannung. Widerwillig beginnt er seinen Landurlaub auf dem Planeten Risa. Dort hat er nicht nur mit glänzender Unterwäsche zu kämpfen, sondern auch mit der Archäologin und Grabräuberin Vash.

Sternzeit 45245.8
"Wiedervereinigung (2)"
Staffel 5, Episode 8

Auf dem Planeten Romulus treffen Captain Picard und der Android Data (Brent Spiner) auf den legendären Spock (Leonard Nimoy) auf diplomatischer Mission. Nach getaner Arbeit erlaubt Picard, Spock mit seinem Geist zu verschmelzen, um ein letztes Mal Kontakt mit seinem Vater zu haben.

Sternzeit 46360.8
"Geheime Mission auf Celtris III (2)"
Staffel 6, Episode 11

In einer Hommage an "1984" wird der Captain von den Cardassianern entführt und psychisch sowie körperlich gefoltert, um Verteidigungscodes der Föderation preiszugeben. Doch Picard widersetzt sich den Versuchen, seinen Willen zu brechen, bis zuletzt.

Sternzeit 46125.3
"Besuch von der alten Enterprise"
Staffel 6, Episode 4

Auf der originalen "Enterprise" war Montgomery "Scotty" Scott (James Dohan) der Schiffsingenieur. Die Autoren der nächsten Generation froren ihn kurzerhand in Stasis ein – und schickten ihn zu Besuch bei Captain Picard, mit dem er über Pflicht und Freundschaft diskutierte.

Sternzeit 45047.2
"Darmok"
Staffel 5, Episode 2

Der Kontakt zu fremden Spezies ist zentral für die Handlung aller "Star Trek"-Serien. Hier strandet Picard auf einem Planeten mit dem Alien Darmok, dessen Rasse ausschließlich in Metaphern kommuniziert. Gegen ein Monster gestellt, müssen die beiden ihre Sprachbarrieren überwinden.

Sternzeit 44741.9
"Gefangen in der Vergangenheit"
Staffel 4, Episode 20

Das allmächtige Wesen Q ist von Beginn der Serie an der undurchschaubare Widersacher von Picard. In dieser Episode versetzt er seinen Gegenspieler in ein Robin-Hood-Szenario, um Picard und seine alte Flamme erneut zu verkuppeln – nur um am Ende selbst mit ihr zu verschwinden.

Sternzeit 43989.1
"In den Händen der Borg"
Staffel 3, Episode 26

In einer der spannendsten Episoden der Serie wird Jean-Luc Picard vom Kollektiv der Maschinenwesen Borg entführt und zu einem der ihren gemacht. Am Ende der Episode bedroht er als Drohne Locutus seine Freunde und Kollegen – und hinterlässt ein schockiertes Publikum.

Für mich gilt all das nicht. Im Jahrhundert nach den Ereignissen in "Star Trek" erforscht Captain Picard mit der Crew der neuen Enterprise unsere Galaxie. Mit Warp-Antrieb rast das Raumschiff durch die unendlichen Weiten, besucht fremde Welten und Kulturen, kämpft mit ganz alltäglichen Problemen - und gegen Aggressoren wie das Kollektiv der Borg. Patrick Stewart lebt auf dem Bildschirm meinen Traum von den Sternen. Und ich? Telefoniere mit meinem Plastik-Kommunikator in den Nachthimmel. Und untersuche mit meinem Plastik-Tricorder den Rhabarber der Nachbarin, statt ihn zu essen. Immer mit der Stimme im Ohr, die vor jeder Folge die Mission von Picard beschrieb:

"Der Weltraum - unendliche Weiten. Wir befinden uns in einer fernen Zukunft. Dies sind die Abenteuer des neuen Raumschiffs Enterprise, das viele Lichtjahre von der Erde entfernt unterwegs ist, um fremde Welten zu entdecken, unbekannte Lebensformen und neue Zivilisationen. Die Enterprise dringt dabei in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat."

Energie!

Egal welche Abenteuer die Besatzung der Enterprise erlebt, das Zentrum der Serie ist ihr Captain. Eine moralische Instanz mit einer Tasse Earl Grey in der einen und einer "Hamlet"-Ausgabe in der anderen Hand. "Star Trek"-Schöpfer Gene Roddenberry war schon immer Humanist durch und durch. Im Gegensatz zu vielen Dystopien der Achtziger ist auch seine neue Serie eine optimistische Zukunftsvision. Und Patrick Stewart verkörpert diesen Humanismus wie kein zweiter Charakter des "Star Trek"-Universums.

Vor seinem Einsatz auf der Brücke des Raumschiffs hatte Stewart lange Jahre in Großbritannien mit der Royal Shakespeare Company auf der Bühne gestanden. Für eine Sci-Fi-Rolle bringt er eine ungewöhnliche Schwere mit - und verleiht dem Franzosen Picard einen unnachahmlichen britischen Akzent. Im Gegensatz zum Frauenheld und Draufgänger Kirk ist Stewarts Picard Verstandesmensch und Vaterfigur zugleich.

"Es ist Showbusiness", sagt Stewart über seine Rolle. "Aber ich habe mein ganzes Leben lang gehofft, dass wir darüber hinaus noch die winzige bescheidene Ambition hatten, die Welt zu verändern."

Seine größten Kämpfe ficht Picard folgerichtig auch nicht gegen abstrakte Bösewichte aus, sondern gegen Intoleranz, Rassismus und Gender-Vorurteile. Er macht sich stark für die, die anders sind. Auch, wenn er dafür gegen die Oberste Direktive der Föderation, das Prinzip der Nichteinmischung in die Entwicklung fremder Spezies, verstoßen muss. Und doch verstecke ich meine Liebe zu Picard und seiner ergebenen Crew - denn "Trekker" sind uncool. Sie leben in einer Märchenwelt, bevölkert von Leuten in peinlichen Kostümen. Behaupteten jedenfalls die Leute, die in Buffalos auf dem Schulhof stehen und rauchen.

Das Picard-Manöver

Meinen Kommunikator zeige ich niemandem. Den Tricorder habe ich im Urlaub an der Nordsee verloren. Ich hätte heulen können, aber wem sollte ich davon erzählen? Die Serie bedeutet mir alles - und doch spreche ich nicht über "Star Trek". Bis zur Oberstufe, als Holger an meine Schule kommt. Holger sagt spitz "Jean-Luc" und rückt sein T-Shirt zurecht. Wie beim Picard-Manöver. So nennen Fans die Bewegung, mit der Patrick Stewart vor jeder Großeinstellung in der Serie seine widerspenstige Uniform wieder gerade rückt. Wir vergöttern ihn - dabei ist sein Picard zutiefst menschlich. Ein Charakter mit Brüchen und Verletzungen. So wie Stewart selbst.

Der Schauspieler war im englischen Mirfield als Sohn eines Offiziers der britischen Armee aufgewachsen. Schon früh hatte Stewart mitansehen müssen, wie der Vater, ein Veteran des Zweiten Weltkriegs, seine Mutter schlug. Ein Erlebnis, das ihn nachhaltig verändert habe, wie er bei einem Fan-Treffen erklärte.

Als Picard stellt sich Stewart immer wieder gegen die Unterdrückung Unschuldiger. Genau wie abseits der Bühne als Schirmherr der britischen Hilfsorganisation Refuge, die missbrauchten Frauen zur Seite steht.

Die Queen hat ihn vor fünf Jahren zum Ritter geschlagen. Für seine Verdienste um die Schauspielkunst. Er ist mehrfacher "sexiest man on television", hat einen Stern auf dem Walk of Fame, und war Kanzler der Universität in Huddersfield. Was Millionen von "Star Trek"-Fans aber viel wichtiger ist: Er hat dem Kampf gegen Ungerechtigkeit und Vorurteile Gestalt gegeben. Mit Taten und Worten. So vielen weisen Worten.

Machen Sie es so!

"Jemand hat mir mal gesagt, die Zeit würde uns wie ein Raubtier ein Leben lang verfolgen", sagt Captain Picard im Film "Treffen der Generationen". "Ich möchte viel lieber glauben, dass die Zeit unser Gefährte ist, der uns auf unserer Reise begleitet und uns daran erinnert, jeden Moment zu genießen, denn er wird nicht wiederkommen. Was wir hinterlassen, ist nicht so wichtig wie die Art, wie wir gelebt haben."

Obwohl er auch als MacBeth auf der Bühne brilliert oder als Professor X in den "X-Men"-Filmen - der Mann, der Picard über 15 Jahre ein Gesicht und eine Stimme gegeben hat, wird für mich immer mit dieser einen Rolle verschmolzen sein. Als bester Captain der Sternenflotte. Als wandelnder Wertekanon in roter Spandex-Uniform. Er selbst hätte wohl keine Probleme damit. "Wenn die Welt heute Nacht unterginge, und man sich nur für diese Serie an mich erinnern würde, wäre ich glücklich damit", sagt Patrick Stewart. Ich habe Lust, Kaugummis zu essen, bis ich platze.

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insgesamt 63 Beiträge
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Seite 1
Peter Rosenstein, 13.07.2015
1.
Schöne Liebeserklärung. Nur ist Picard nicht klein, sondern zwei Meter groß. Wird in irgendeiner Folge mal erwähnt. Das denkt die Tatsache konsequent weiter, dass die nächste Generation durchschnittlich höher wächst als die vorangegangene. Und Spandex-Uniformen trägt ebenfalls niemand bei Star Trek:TNG
Peter Steidel, 13.07.2015
2.
Ja, TNG war einfach klasse. Habe mir neulich die Komplette Serie als DVD Box gekauft. War einfach ein Muss! Und Herr Neeb, mir geht es noch schlechter als Ihnen! Ich bin nämlich "Trekker", der auch noch Star Wars liebt! Und das geht ja angeblich gar nicht! ;-)
Jan Schäfer, 13.07.2015
3. Danke!
Vielen Dank für diesen emotionalen Beitrag! The Next Generation und Patrick Stewart sind auch in mir fest verankert als Wegweiser und wunderbare Erinnerungen, die ich zum Glück immer wieder mal anschauen kann! Ein herausragender Mann sowie Serie!
Urs Kinzelbach, 13.07.2015
4. verschlagenheit und
Hollywood Arroganz pur sprechen aus dem Gesicht ich mag den nicht.
Nils Peer Clasen, 13.07.2015
5. Mir...
...war die Rolle des Picard zu spiessig (wie überhaupt die New Generation zu brav war).
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