Pazifikinsel Nauru Mist, waren die reich!

Pazifikinsel Nauru: Mist, waren die reich! Fotos

Villen, Autos und Koffer voller Geld: Die Bewohner Naurus lebten in den Siebzigerjahren in Saus und Braus. Die Pazifikinsel war das reichste Land der Erde - dank Bergen von Vogelkot, der zu Phosphat geworden war. Doch was nach dem Paradies klingt, war nur Teil einer großen Tragödie. Von

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Irgendwann reinigte der Staat auch noch auf seine Kosten die Toiletten seiner Bürger. Und spendierte den abendlichen Kinobesuch.

Nicht, dass das noch jemanden gewundert hätte auf der winzigen Pazifikinsel Nauru. In einem Land ohne Sorgen. In dem in den siebziger Jahren viele Menschen sechs Autos besaßen und sich nicht ärgerten, wenn ihr Jeep eine Panne hatte. Sie ließen ihn einfach am Straßenrand liegen und kauften sich einen neuen. Steuern? Fehlanzeige. Strom, Wasser, Medikamente? Alles kostenlos. Arbeitslosigkeit? Nicht vorhanden. Jedenfalls nicht im klassischen Sinne. Wer arbeitet schon, wenn er im Geld schwimmt?

"Paradiese, gibt's die?" fragte 1973 die "Bild"-Zeitung - und gab mit leicht neidischem Unterton selbst die Antwort: "Eines bestimmt. Es liegt 2900 Kilometer nordöstlich von Australien, mitten im blauen Pazifik, heißt Nauru. Auf dieser Insel braucht man keinen Finger zu rühren."

Das war keine der üblichen Übertreibungen des Boulevards. Und doch irrte die "Bild". Nauru war nie ein Paradies. Sondern ein menschengemachter Alptraum. Die heute nahezu vergessene Geschichte des drittkleinsten Staats der Erde klingt wie ein groteskes kulturelles Missverständnis. In dem nur 21 Quadratkilometer großen Eiland lassen sich wie durch ein Brennglas zentrale Entwicklungen des 19. und 20. Jahrhunderts erkennen. Die Gier des Kolonialismus. Das Grauen zweier Weltkriege. Die Absurdität der Globalisierung.

Ein Schatz als Türstopper

"Die Geschichte Naurus könnte frei erfunden sein, wie ein Gleichnis oder eine Fabel", schreibt der französische Journalist Luc Folliet, der jahrelang zu dem Thema recherchierte und dessen Buch ("Die verwüstete Insel") jetzt auf Deutsch erschienen ist. "Leider ist dem nicht so."

Die Kette verhängnisvoller Ereignisse trat der Australier Henry Denson los, Kapitän der britischen Handelsgesellschaft Pacific Island Company. 1896 fand er während eines Landgangs auf Nauru einen seltsamen Stein, der wie versteinertes Holz aussah. Drei Jahre lang, so will es zumindest die Legende, benutzte Denson das Fundstück lediglich als Türstopper in seinem Büro, bis ein Arbeitskollege auf den Stein aufmerksam wurde und ihn analysieren ließ.

Das Ergebnis war eine echte Sensation, die das Schicksal Naurus radikal verändern sollte: Der Stein bestand aus fast reinem Phosphat, einem der wichtigsten Bestandteile für Düngemittel, der zeitweilig fast so wertvoll wie Gold eingeschätzt wurde. Denson hatte versehentlich einen Schatz gehoben - und ihn ausgerechnet in das Büro der Pacific Island Company geschleppt. Die hatte schon seit Jahren mit nur wenig Erfolg nach Phospat für die kargen Böden Australiens gefahndet.

"Sie sieht aus wie Scheiße"

Doch jetzt war es fast zu spät. Inzwischen hatte das deutsche Kaiserreich, ohne etwas von dem gigantischen Reichtum zu ahnen, Nauru zu seinem Schutzgebiet erhoben. Damit wurde die kleine Insel erstmals zum Zankapfel der Großmächte. Und das im Grunde nur wegen uralten Kots von Millionen Seevögeln. Im Verlauf von Jahrtausenden hatten sie ihre Brutinsel meterhoch mit ihrem Dung, Guano genannt, überzogen. Durch eine chemische Reaktion mit den Kalkböden der Insel und der tropischen Witterung war daraus fast reines Calciumphosphat geworden.

Der versteinerte Vogelmist, er sollte in den nächsten Jahrzehnten die Weltpolitik mitbestimmen. "Nauru ist eine Insel aus Scheiße", sagte einmal ein australischer Anwalt über das Eiland. "Sie sieht aus wie Scheiße, und sie riecht wie Scheiße, aber wenn Sie Geschäftssinn haben, können Sie in diesem Land ganz schnell eine ganze Menge Schotter verdienen." Das war die Leitlinie, die jahrzehntelang das Schicksal der Tropeninsel bestimmte.

Erst waren es die Briten, die Anfang des 20. Jahrhunderts in zähen Verhandlungen die deutschen Kolonialherren über den Tisch zogen: Die britische Phosphatgesellschaft, Nachfolger der Pacific Island Company, sicherte sich das Recht zum Phosphatabbau; die Deutschen ließen sich mit einer Dividende für die Förderung abspeisen - und die Nauruer profitierten gar nicht von dem Deal.

Ein Rohstoff wird zum Fluch

Dann waren es die Australier, die im Ersten Weltkrieg die Insel einnahmen. Das deutsche Kaiserreich musste laut Versailler Vertrag sämtliche Ansprüche auf seine Kolonien abgegeben. Jetzt rangen Australien, Großbritannien und Neuseeland um das Phosphat. 1919 wurde ein kompliziertes Abkommen gefunden, von dem alle drei Staaten profitierten. Nauru wurde britisches Mandatsgebiet, aber von Australien verwaltet. Nur die Inselbewohner gingen erneut leer aus. Grundbesitzer erhielten als Entschädigung für den Abbau unter ihrem Land kümmerliche 0,009 australische Dollar pro Tonne.

Und für die Nauruer wurde der Rohstoff, an dem sie nichts verdienten, langsam zum Fluch. Denn aus Phosphat lässt sich auch Sprengstoff herstellen, und Phosphat brachte ihnen erneut den Krieg. Im Dezember 1940 zerschossen deutsche Kriegsschiffe von der See aus die Förderanlagen und versenkten australische und neuseeländische Frachtschiffe. Zwei Jahre später eroberten Hitlers japanische Waffenbrüder kampflos Nauru; die australischen Truppen waren zuvor geflohen.

Die Japaner bauten nun eine Landebahn, zogen binnen weniger Monate Dutzende Bunker hoch und machten die Insel zu einem wichtigen Vorposten für die Nachschubversorgung ihrer Kriegsschiffe. Als die USA begannen, das Eiland zu bombardieren, deportierten die Japaner fast die gesamte Inselbevölkerung auf das Hunderte Kilometer entfernte Chuuk-Atoll in Mikronesien. Nauru wurde zum kleinsten Schlachtfeld des Kriegs.

Die alten Verträge blieben gültig

Die Rückkehr wurde für die 1200 Deportierten 1946 zum Schock. "Wir erkannten Nauru nicht wieder", berichtet eine Zeitzeugin dem Journalisten Folliet, der die Insel für seine Recherchen mehrmals besuchte. "Hunderte von Bäumen waren gefällt worden, Granattrichter entstellten die Landschaft. Die Japaner hatten alles stehen und liegen gelassen: Waffen, Geschütze, Jeeps."

Geld für den Wiederaufbau war eigentlich genügend da, denn die Inselbewohner saßen nach wie vor auf einem gigantischen Schatz. Doch nach wie vor waren auch die alten Verträge gültig: Das Monopol am Phosphatabbau gehört der britischen Phosphatgesellschaft - und das Geld floss an deren drei Aktionäre: England, Australien und Neuseeland.

Und die Gewinne waren atemberaubend: Anfang der sechziger Jahre war eine Tonne Phosphat rund 40 australische Dollar wert - und im Jahr wurden rund eine Millionen Tonnen aus dem Inneren der winzigen Insel gesaugt. Das Düngemittel aus Nauru machte die europäischen Äcker fruchtbar, während der Raubbau die einst grüne Tropeninsel langsam in eine gespenstische Mondlandschaft verwandelte.

Ein Land feiert eine Dauerparty

Dennoch hatte das Land am 31. Januar 1968 Grund zum Feiern. Nach einem jahrzehntelangen Rechtsstreit, der bis zu den Vereinten Nationen geht, gelang es dem ehemaligen Kriegsdeportierten Hammer Deroburt, Nauru die Unabhängigkeit zu erkämpfen. Jetzt verfügte der drittkleinste Staat der Welt plötzlich über den Reichtum einer Großmacht - allerdings auf Zeit. Denn schon 1968 war klar, dass das Phosphat in spätestens 30 Jahren erschöpft sein würde.

Der Mini-Staat, der in diesem Zeitraum fast ununterbrochen von Präsident Deroburt geführt wurde, hätte seinen Reichtum klug anlegen können: Allein 1974 nahm er aus dem Phosphatabbau 450 Millionen australische Dollar ein. Stattdessen feierte das Land eine Dauerparty. Die Nauruer reisten um die Welt, kauften im Ausland die teuersten Boote, Autos und Hifi-Anlagen und bauten sich immer größere Villen. Aus Langeweile kurvten sie in ihren teuren Jeeps immer wieder um eine Insel, die schon nach wenigen Minuten umrundet war.

"Es war haarsträubend", erinnert sich Violette McKay an die siebziger Jahre auf Nauru, in denen die Insel, gemessen an ihrer Fläche, das reichste Land der Welt war. "Manchmal liefen die Leute mit Aktenkoffern voller australischer Dollar herum, nur um ein Familienfest beim China-Restaurant an der Ecke zu bezahlen. Sie kannten keine Grenzen mehr." Auf Partys seien sogar Dollarscheine als Klopapier benutzt worden.

Ein Paradies - für Briefkastenfirmen

Es war der Staat, der seinen Bürgern das dekadente Haushalten vorlebte und erst ermöglichte. Er zahlte fast alles, schuf unzählige gut dotierte Stellen, die niemand brauchte und stellte Hunderte Polizisten ein, obwohl es kaum Kriminalität gab. Allein die Verwaltung der Regierung verschlang jährlich 50 Millionen Dollar - eine stolze Summe für eine Zwergrepublik.

Damit nicht genug: Nauru schwang sich nun zur Großmacht auf. Es kaufte in Australien sündhaft teure Hotels und ganze Stadtviertel, baute 1977 in Melbourne den höchsten Büroturm und investierte weltweit Milliarden in dubiose Finanzgeschäfte. Die staatliche Linie Air Nauru wurde mit aller Macht zur wichtigsten Fluggesellschaft im Pazifikraum gemacht, selbst wenn ihre Maschinen oft fast völlig leer blieben. Und für vier Millionen finanzierte sich Nauru 1992 sogar ein eigenes Musical am renommierten Londoner Strand Theatre, dessen Handlung so abstrus war, dass es nach wenigen Wochen wieder abgesetzt wurde.

Ähnlich abrupt stürzte Ende der neunziger Jahre das ganze Land ab, als die Phosphatreserven fast erschöpft waren. Nauru war faktisch bankrott und suchte nun verzweifelt nach anderen Einnahmequellen: Die Insel mauserte sich zum Paradies für Briefkastenfirmen und Steuerflüchtlinge. Allein die russische Mafia soll dort 70 Milliarden Dollar gewaschen haben. Für 30 Millionen Dollar nahm Nauru sogar Hunderte afghanische Boatpeople auf, die Australien nicht in seinen Auffanglagern haben wollte.

Angeblich verkaufte Nauru sogar Pässe für jeweils 15.000 Dollar - auch an zwei mutmaßliche Terroristen. Das vermeintliche Paradies, von dem die "Bild" 1973 noch so geschwärmt hatte, stand drei Jahrzehnte später plötzlich auf der Liste der "Schurkenstaaten"; der einst reichste Staat der Welt war zum Entwicklungsland abgesunken. Seine Bewohner mussten sich wieder von der Fischerei ernähren. Ihre Villen verfielen, die Autos verrosteten.

Der kurzfristige Wohlstand hatte sie nicht glücklich, sondern fettleibig und krank gemacht. Bis heute leidet jeder Dritte an Diabetes.

Zum Weiterlesen:

Luc Folliet: "Nauru, die verwüstete Insel - Wie der Kapitalismus das reichste Land der Erde zerstörte". Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2011, 137 Seiten.

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1.
Jan Rocho 14.05.2011
Die Fotografin Eileen Rahn hat auch eine Dokumentation über das heutige Leben auf der Insel angefertigt: http://www.eileenrahn.de
2.
Markus . 14.05.2011
Nicht der Kapitalismus sondern einzig und allein Dummheit der Regierenden und die der Bevölkerung hat die Insel kaputt gemacht.
3.
Herbert Luig 13.05.2011
Ich habe die Insel in den siebziger Jahren bereist und sie auch als Knotenpunkt für die anderen Inseln im Pacific benutzt. Alles war subventioniert. Hotel und Supermarkt kleine Preise. Für den Flughafen wurde die Hauptstrasse gesperrt und dann gelandet. Die Leute waren so schweinereich, sie führen mit den dicksten Autos plus Musikboxen hinten drauf um die Insel. Dann hatten die Naurobosse dicke Reichtümer in Australien. Dort wurde viel Geld angelegt. Mn kann es kaum glauben, das der Wandel die Insel zu einem Mafianest gemacht hat.
4.
Bert Unwichtig 14.05.2011
Afghanische Boatpeople? Afghanistan hat nicht mal einen Meter Küste!
5.
Peter Braun 13.05.2011
Hochinteressanter Artikel. die Insel faszinierte mich seit "national Geographic" mal einen Artikel mit einem ähnliche Aufmacherphoto hatte. Die Überschrift war: "The World's Richest Nation - all of it!" Am faszinierendsten sind die Uraltphotos, ich bin wirklich überrascht, wie schon es da mal war. Was die aus Australienm ausgelagerten Flüchtlinge anbelangt, die heutige Labour-Regierung wollte diese nach Ost-Timor verlagern. nachdem sich die Regierung dort aber die Aufnahme verweigerte, arbeitet man derzeit an Malaysia.
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