Peinliche Plattencover Hülle, Hülle, Hülle!

Peinliche Plattencover: Hülle, Hülle, Hülle! Fotos

Monster-Motorräder, tanzende Einhörner und Werwölfe mit Dauerwelle: Kein Musikstil hat mehr absurde, geschmacksverirrte und lächerliche Albumhüllen hervorgebracht als der Metal. einestages zeigt die albernsten Cover der Rockgeschichte. Von

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Setzen Sie sich einmal, schließen Sie für einen Moment die Augen und versuchen Sie, sich das peinlichste Plattencovermotiv auszumalen, das die Welt je gesehen hat. Möglicherweise sehen sie vor Ihrem geistigen Auge das hier: Ein vollverchromter Muskelprotz mit Engelsflügeln reckt kämpferisch seine Stahlfaust in den lilafarbenen Himmel. Er fliegt - und zwar auf dem Rücken eines Motorrads mit Klapperschlangenschwanz, Drachenkopf und Headbanger-Mähne sowie Kreissägeblättern anstelle von Rädern. Dahinter glüht ein dramatischer Airbrush-Sonnenuntergang über einer Stadt, die in Lava versinkt. Unmöglich, dass ein solches Cover existiert? Von wegen - es ziert sogar einen echten Genre-Klassiker: Judas Priests "Painkiller" von 1990.

Möglicherweise stellen Sie sich auch das hier vor: Eine junge, blonde und blauäugige Dame vor azurblauem Himmel blickt Ihnen tief in die Augen. Durch ihre wilden Locken klettern kleine Teufelchen mit Irokesenhaarschnitt, während sich ein an ihr ebenmäßiges Antlitz gefesselter winziger Engel in Agonie windet - das war "Angels Never Die" von Doro Pesch (1993).

Von Anfang an hat Metal sich mehr als andere Musikstile in die ganz großen Gesten verliebt: bedrohliche Gesten, rebellische Gesten, Gesten voller Pathos. Und genau deshalb ist Metal auch so oft wie kaum eine andere Musikrichtung zum Klischee seiner Selbst geworden und ins Lächerliche gekippt.

Reichlich nackte und/oder zerfetzte Haut

Bei so peinlichen Geschmacksverirrungen auf den Albumhüllen vergisst man fast, dass kaum eine Musikrichtung im Laufe ihrer Geschichte für mehr öffentliche Aufregung gesorgt hat als Metal - jene Ausgeburt der Hölle, die sich in den siebziger und achtziger Jahren von Großbritannien aus für eine Weile die Musikwelt Untertan machte. Bands wie Black Sabbath und Judas Priest versprühten mit ihrem brachialen Sound aus übersteuerten Gitarren, donnernden Drums und aggressiven Vocals ein Lebensgefühl der Rebellion gegen das Establishment.

Und das reagierte empört - nicht nur über die Musik selbst, sondern vor allem über das Drumherum: die langen Haare, die Metal-Jünger zu noch längeren Gitarrensoli schüttelten. Die Hände, die sie zum Teufelsgruß in die Luft reckten. Und natürlich auch: die Plattencover, die mit Höllengestalten, umgedrehten Kreuzen sowie reichlich nackter und/oder zerfetzter Haut ganz bewusst gegen alle Regeln des Anstands zu verstoßen schienen.

Schon das 1970 erschienene, selbstbetitelte Debüt von Black Sabbath, oft als erste Heavy-Metal-Platte überhaupt bezeichnet, sorgte für einen Skandal. Denn auf der Innenseite des an einem Freitag dem 13. veröffentlichten Albums prangte ein umgedrehtes Kreuz. Nach einem Aufschrei der Kirchen und Beschuldigungen der Anstiftung zum Satanismus erschien das Album in den USA nur in einer bereinigten Version ohne das anstößige Motiv.

Plattenhüllen vor Gericht

Eine Reaktion, die aus heutiger Sicht unverständlich drastisch wirkt - mit all dem im Gedächtnis, was in den folgenden 40 Jahren noch an viel kontroverseren Cover-Motiven folgen sollte. Schnell entwickelte sich zwischen Metal-Bands und Sittenwächtern ein eingespielter Kreislauf des Provozierens und Prozessierens, dem so manche Plattenhülle radikale Überarbeitungen und so manche Band den entscheidenden PR-Schub verdankte: etwa Guns'n'Roses, die die Roboter-Vergewaltigungsszene auf dem Umschlag ihres Erstlings "Appetite for Destruction" durch eine harmlose Tattoo-Grafik ersetzen mussten. Oder die Scorpions, die das Covermotiv von "Virgin Killer" - ein nacktes, minderjähriges Mädchen in lasziver Pose - gegen ein Bandfoto austauschen mussten. Selbst die Saubermänner der demonstrativ christlichen Metal-Band Stryper waren vor Beschwerden nicht gefeit: So wurde das Cover des Albums "To Hell with the Devil" zensiert, obwohl es die Bandmitglieder in Engelsgestalt zeigte, die den Teufel in einen feuerspuckenden Erdspalt warfen. Der Stein des Anstoßes: In einer Ecke des Covers war halb verdeckt ein kleines Pentagramm zu sehen.

Unendlich viele Skandale rankten sich in der Vergangenheit um unendlich viele Plattencover, doch aus heutiger Sicht scheint diese Aufregung schon unendlich weit weg zu sein. Wenn Altkanzler Schröder seine Lieblingsband, die Scorpions, zur Expo nach Sevilla einfliegen lässt, ja, wenn selbst der christdemokratische Ministerpräsident Schleswig-Holsteins, Peter Harry Carstensen, beim Metal-Open-Air in Wacken die Hand zum Teufelsgruß in die Kameras hält, ist klar: Heavy Metal ist längst selbst Teil des Establishments geworden. Die Prozesswelle um anstößige Cover hat sich gebrochen, die Empörung ist abgeebbt und alle Sünden vergeben.

Zu unrecht. Wie etwa die Cover von Judas Priest und der Metal-Braut Doro Pesch beweisen. Nur eben nicht, weil all die Umschlaghüllen mit ihrer Teufelssymbolik, all den blutigen Ausweidungsszenen und all den leichtbekleideten Amazonen in Wirklichkeit doch zu Satanismus und Frauenhass verführen würden und deshalb verboten gehörten. Nein, die wahre und unverzeihliche Ursünde des Heavy Metal ist, dass er so unfassbar viele Plattencover hervorgebracht hat, die einfach total verboten aussehen.

einestages hat den ultimativen Geschmacksalptraum zusammengestellt: die 40 peinlichsten, lächerlichsten, schlechtesten Metal-Covermotive aller Zeiten. Aber seien sie gewarnt: Vieles von dem, was Sie erwartet, ist wirklich einfach ... zu hart.

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insgesamt 52 Beiträge
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    Seite 1    
1.
Tom H 26.11.2009
Unfassbar! Hier werden gleich zwei Werke des Künstlers Louis Royo als geschmacklos verunglimpft! Nir. 3 und Nr. 27
2.
Matthias Schill 26.11.2009
Es macht wirklich Spass eine so interessante Kollektion von alten Plattenhuellen zu betrachten, ich finde es nur ausserordentlich schade dass so viel Kreativitaet so anmassend und ueberheblich hier abgewertet wird. Schoenheit liegt im Auge des Betrachters. Urteile reflektieren nur den Urteilenden, nicht das Subjekt. Ich bin sicher viele dieser Alben haben vielen Menschen durch Schwierigkeiten in ihrem Leben geholfen, etwas was man von diesem Artikel wohl kaum sagen werden kann. Warum kann der Spiegel Themen nicht ohne so drastische Meinungsmache publizieren?
3.
Ulf Mätzig 26.11.2009
Wenn schon ein Judas Priest Cover hier genannt werden muss, dann bitte Defenders of the Faith (das - genau wie Painkiller - jedoch ein echter Klassiker des Genres ist). Insgesamt macht mir die Liste den Eindruck, als wolle man Heavy Metal als Musik für Idioten hinstellen. Das ist weder besonders originell noch entspricht es in dieser Absolutheit der Wahrheit.
4.
Jan Berger 26.11.2009
Zugegeben, manche der Cover sind gewöhnungsbedürftig, aber meine Güte es sind nur Cover. Wichtig ist doch die Musik, die dahinter steckt. Im Übrigen möchte ich mich TOM H anschließen, Royo-Motive mögen für den Pop-Liebhaber befremdlich wirken, aber er ist nicht umsonst einer der bekanntesten Zeichner in diesem Genre. Bilder von Louis Royo sind wirkliche Kunst, anders als beispielsweise ein verpackter Reichstag oder ein Roter kreis auf weißem Grund.
5.
Frank Nießen 26.11.2009
Nicht nur das ... Aber zugegeben: Da sind ein paar ziemlich unterirdische Motive dabei, wobei jedoch einige sicher bewusst trashig und humorig bis selbstironisch gestaltet sind. Das ist nunmal Geschmackssache. Sich aber mit so einem Mini-Artikel zum Richter über den guten/schlechten Geschmack aufzuspielen geht vielleicht auch ein wenig am Konzept von "Eines Tages" vorbei, oder? Gesellschaftliche Aspekte wie Zensur o.ä. werden nur alibihaft angeschnitten. So was kann man mit null Recherche mal eben runtertippen ...
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