Perestroika-Fotograf Daniel Biskup "Ich will zeigen, warum Putin erfolgreich ist"

Wie kein Zweiter dokumentierte Daniel Biskup den Zerfall der Sowjetunion. Der Fotograf erinnert an den einstigen Freiheitsdrang der Russen - und erklärt den Aufstieg von Putins autoritärem Regime.

Daniel Biskup/ Salz und Silber

Ein Interview von


Zur Person
  • Fabian Matzerath
    Daniel Biskup, Jahrgang 1962, ist gelernter Postbote und einer der wichtigsten zeitgenössischen Fotojournalisten. Während der Wende 1989/1990 erlebte der Autodidakt seinen Durchbruch als Fotograf. Mit Unterstützung der Körber-Stiftung hat er seit 2010 immer wieder Fotos für ein Porträt von Hamburgs Partnerstadt Sankt Petersburg geschossen. Zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution 1917 ist sein Bildband "St. Petersburg - Kontraste" erschienen. Er kann beim Verlag Salz und Silber bestellt werden.

einestages: Vor 25 Jahren ist die Sowjetunion untergegangen. Sie waren - als einer von wenigen westlichen Fotografen - in Moskau. Woran erinnern Sie sich?

Biskup: Die Gesellschaft war gespalten: Ich war jung und habe vor allem junge Leute kennengelernt. Die große Mehrheit war voller Zuversicht. Ich erinnere mich an eine junge Frau, Swetlana aus Kaliningrad. Sie studierte damals Deutsch und knüpfte schnell erste Kontakte in den Westen. Heute ist sie eine bekannte Journalistin und moderiert eine Kochsendung im russischen Fernsehen. Sie hat den Wandel damals genutzt. Wer damals aber 30 Jahre oder älter war, für den kam die jähe Veränderung oft zu schnell.

einestages: Sie haben einen Bildband herausgebracht, die Aufnahmen sind zwischen dem Ende der Achtzigerjahre bis zu Wladimir Putins Amtsantritt im Jahr 2000 entstanden. Warum haben Sie diese Epoche ausgewählt?

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25  Bilder
Russland - Perestroika bis Putin: Misswahlen und Papp-Gorbis

Biskup: Der Zusammenbruch der Sowjetunion liegt jetzt ein Vierteljahrhundert zurück. In Russland wird dieses Jubiläum nicht begangen. Das Ende des Kommunismus gilt dort inzwischen als größte Katastrophe. Andererseits bin ich überzeugt: Die Neunzigerjahre waren das freieste Jahrzehnt in der Geschichte Russlands. Daran will ich erinnern. Diese Zeit ist aber auch ein Schlüssel, um das heutige Russland besser verstehen zu können. Ich will zeigen, warum Putin so erfolgreich ist.

einestages: In Russlands kollektives Bewusstsein sind die Neunzigerjahre als großes Chaos eingegangen.

Biskup: Wir im Westen haben keine Vorstellung davon, wie tiefgreifend die Veränderungen in Russland vor 25 Jahren waren, wie stark die russische Gesellschaft erschüttert wurde. Generationen sowjetischer Bürger hatten sich 70 Jahre lang auf dem richtigen Weg gewähnt. Lehrer und Wissenschaftler sind ein gutes Beispiel. Zu Sowjetzeiten galten sie als Avantgarde der Gesellschaft, dann aber verarmten viele. Sie gehörten - fast von einem Tag auf den anderen - zu den Verlierern. Die Lebenserwartung russischer Männer stürzte ab. Sie lag zeitweise nur noch bei 57 Jahren, weil viele mit dem Umbruch nicht klarkamen.

einestages: Sie sind Ende der Achtzigerjahre das erste Mal nach Moskau gereist. Wie sah der Alltag damals aus?

Biskup: In Moskau gab es praktisch kaum Geschäfte. Wenn aber an einer Ecke ein Lastwagen hielt, wurde auf der Ladefläche schnell eine Verkaufsfläche eröffnet. Es gab auch lange keine Blumenläden. Dann kamen aber die allerersten Blumenhäuschen auf: Frauen, die nicht mehr als fünf Nelken auf eigene Rechnung verkauften. Das war der erste Privathandel.

einestages: Sie wurden in Bonn geboren, im Herzen Westdeutschlands. Als Gorbatschow seine Perestroika verkündete, waren Sie Mitte 20. Wieso haben Sie sich für den Osten interessiert?

Biskup: Ich habe damals Geschichte und Politik studiert. Ich hatte immer Interesse an Osteuropa, meine Mutter stammt aus Danzig, mein Vater aus Schlesien. Wir hatten noch ältere Verwandte dort. Als Familie haben wir sie besucht, man fuhr mit dem Auto einige Stunden nach Osten und war in einer komplett anderen Welt, in der es aussah, als sei der Krieg noch nicht lange Vergangenheit. Mit 15 Jahren habe ich in Ostberlin Fotos geschossen, nicht professionell, sondern einfach für mich. 1988 kam eine Studienreise dazu, Gorbatschow war damals in aller Munde, und mich trieb die Neugierde, zu erfahren: Was macht das mit dem Osten?

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15  Bilder
Starfotograf Daniel Biskup: Das Auge der Revolution

einestages: Sie wollten den Wandel dokumentieren?

Biskup: Nein. Ich habe zunächst einmal für mich selbst getan. Damals gab es kein Google, kein Twitter. Man musste hinfahren, und das hat damals kaum jemand gemacht. Ich bin nicht in den Osten gefahren, weil ich Fotos machen und vermarkten wollte. Ich hab lediglich gespürt: Das ist eine besondere Zeit.Ich bin los, weil ich wissen wollte, was dort passiert. Wie sieht der Alltag der Menschen aus? Alles Weitere hat sich dann eher mit der Zeit ergeben.

einestages: Sie waren im August 1991 dabei, als Hardliner aus der Kommunistischen Partei und dem Geheimdienst KGB gegen den Reformer Gorbatschow putschten. Wie kamen Sie überhaupt nach Moskau?

Biskup: Ich hatte nicht einmal ein Visum und keine Einladung. Im russischen Konsulat hat mir aber ein Mitarbeiter irgendeinen Stempel in den Pass gesetzt. "Das müsste gehen", hat er gesagt. Ich bin also ohne Visum nach Russland gereist. Heute wäre das unvorstellbar, in den chaotischen Tagen damals aber möglich.

einestages: Die Bilder der Panzerkolonnen in der russischen Hauptstadt gingen damals um die Welt.

Biskup: Moskau hatte damals zwei Gesichter: Die Menschen haben für Gorbatschow gekämpft, vor der Geheimdienstzentrale am Lubjanka, vor dem Parlamentsgebäude. Ein paar Meter entfernt ging das Leben seinen gewohnten Gang weiter: Ich habe Mädchen fotografiert, die in einem italienischen Restaurant an einer Misswahl teilgenommen haben, während des Putsches. Am Bolschoi Theater saßen die Menschen in der Sonne, während ein paar Hundert Meter weiter Barrikaden errichtet wurden. Ich fühlte mich wie in einer Filmkulisse.

einestages: Gorbatschow ist heute vielen Russen verhasst. Wer hat ihn damals verteidigt?

Biskup: Auf einem Bild kann man einige sehen: Es zeigt Männer mit einer Kalaschnikow, die Verteidiger des Weißen Hauses: ein Kosake, ein Nationalist, daneben ein junger Mann mit Lockenschopf und Lederjacke, eine sehr bunte Allianz.

einestages: Auf einem Ihrer Fotos ist ein Bus mit englischer Aufschrift zu sehen.

Biskup: Darauf stand: Soviet-American Joint Venture "Success". Der Bus wurde als Barrikade verwendet. Die USA spielten zu dem Zeitpunkt eine zentrale Rolle für die Menschen in der Sowjetunion. Sie waren Vorbild: Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs war für die Russen von einem Tag auf den anderen die amerikanische Lebensweise sichtbar geworden. Sie war aber nicht von heute auf morgen erreichbar.

einestages: Wann ist das Verhältnis zu Amerika gekippt? Mit Putins Amtsantritt im Jahr 2000?

Biskup: Damals habe ich das nicht gespürt. Putin suchte ja auch zunächst die Nähe zu Washington und dem Westen. Das war, denke ich, nicht bloßes Taktieren, weil der Ölpreis niedrig war und Russland schwach. Der Wendepunkt kam später, vielleicht 2003/2004. Der Irakkrieg begann und in der Ukraine die erste Revolution.

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Daniel Biskup:
Russland – Perestroika bis Putin

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einestages: Heute sprechen viele von einem neuen Kalten Krieg. Konnten Sie sich damals vorstellen, dass es noch einmal zu einer solchen Konfrontation zwischen West und Ost kommen würde?

Biskup: Nein. Aber der Westen hat Fehler im Umgang mit Russland gemacht. Mit den Jahren und den Problemen in den Neunzigerjahren hat sich bei vielen Russen der Eindruck verfestigt, als Verlierer hervorgegangen zu sein aus dem Kalten Krieg. Bei den Russen hat sich der Eindruck verfestigt, das Ausland habe die Füße an Russland abgestreift, als das Land am Boden lag. Das ist so natürlich auch nicht richtig, aber der Westen hätte sicherlich mehr tun können, um Russland einzubinden. Stattdessen hat der scheidende US-Präsident Barack Obama Russland als Regionalmacht bezeichnet.

einestages: Wieso finden Sie das falsch?

Biskup: Ich habe die Russen immer als gastfreundlich kennengelernt, aber auch als stolz. Sie wollen nicht vorgeführt, sondern auf Augenhöhe behandelt werden. Das ist nie richtig geschehen. Auf der anderen Seite trägt Putins Außenpolitik auch nicht dazu bei, Skeptiker im Westen zu überzeugen. Es ist ein Teufelskreis.

einestages: Lässt sich das Verhältnis zwischen Ost und West wieder kitten?

Biskup: Ich glaube, die Russen lieben den Westen noch immer. Aber es geht ihnen wie manchen Bürgern der ehemaligen DDR, die das Gefühl haben, keine Gegenliebe erfahren zu haben. Die daraus entstehende Proteststimmung ist einer der Gründe dafür, warum Bewegungen wie Pegida und AfD heute im Osten viel mehr Zulauf haben.

einestages: Ihr Buch endet mit Wladimir Putins Ankunft im Kreml im Jahr 2000. Ist er ein schwieriges Fotomodell?

Biskup: Im Gegenteil, er ist umgänglich. Ich hatte ihn nach dem ersten Interview um einige Minuten für das Fotoshooting gebeten. Das war sehr angenehm. Putin hat gefragt: Was soll ich machen? Wo soll ich mich hinstellen? Das ist bis heute so geblieben. Beim letzten Mal habe ich ihn beim Eishockey fotografiert. Ich brauchte noch ein weiteres Foto, also ist sein Pressesprecher zu ihm aufs Eis und hat ihn noch einmal hergeholt.

Eine Ausstellung der Russland-Fotografien von Daniel Biskup ist vom 21. Februar bis 7. Mai 2017 im Augsburger Schaezlepalais zu sehen.

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insgesamt 9 Beiträge
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Urs Gfeller, 05.12.2016
1. weit und breit keine Hilfe in Sicht
Auf Augenhöhe sein oder auf Augenhöhe wollen ist nicht daselbe. Das eine muss man sich verdienen den gratis gibt es nichts. Ein herabziehen ist leichter als ein heraufziehen. Der Westen ist leider nicht im Stande das Richtige zu tun. Insofern ist der Westen ebenso hilflos und unmündig wie der Osten. Beide brauchen Hilfe. Aber woher.
Zelda Hut, 05.12.2016
2. Putin ist zu lange an der Macht...
Das große Problem ist leider, dass Putin die demokratie nach und nach abbaut. Das ist gefährlich nicht unbedingt für das Ausland aber vor allem für die Freiheit des Volks. Ich stimme ebenfalls zu, dass Russland in den 90er Jahren ebenfalls Unterstützung verdient hätte. Gut in Deutschland waren wir mit der Wiedervereinigung mehr als genug beschäftigt. Aber Russland hätte man beispielsweise ebenfalls in die Nato aufnehmen können bzw. müssen. Eventuell hätte man das Bündnis anpassen müssen und den Bündnispartnern gleiche Mitspracherechte geben müssen.
G. K., 05.12.2016
3.
Wie soll man jemanden auf Augenhöhe begegnen für den Demokratie, Meinungsfreiheit und Menschenrechte nur ein lästiges Übel sind? Jemandem der sein Volk ausbeutet um sich und seine Getreuen zu bereichern. Jemand der lügt und droht, Verträge und Wort bricht wenn es ihm nützlich erscheint, der Angriffskriege führt und der Krankenhäuser und Schulen bombardiert und Propagandakriege gegen die Demokratie führt. Begegnet man so jemandem auf Augenhöhe, anstatt ihm Grenzen zu setzen, fördert man dessen diktatorische Bestrebungen. Nette Worte und Schmeicheleien haben Diktatoren noch nie gestoppt.
Fred Raab, 05.12.2016
4. eine Demokratie
die nie existierte, kann man nicht abbauen. Die Russen wissen deshalb auch nicht, was Demokratie ist. Die Sehnsucht nach einem starken Führer war schon immer sehr groß.
Tina Jackson, 06.12.2016
5. ...sehr nüchtern...
Ein nüchterner und relativ objektiver Beitrag, doch man erkenntauf Anhieb, die Geschichtsaufnahmen gelingen dem Autor wesentlich besser, als die wörtliche Beschreibung des Miterlebten.
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