Noch eine kleine Frage Wie aus Peter Falk Columbo wurde

Der eigenwillige Schauspieler Peter Falk interessierte sich vor allem für Kunst, Politik und radikales Independent-Kino. Sein Durchbruch als Columbo war purer Zufall.

imago/ Universal

Von Uwe Killing


Alle sitzen vor einem Kamin, im einzigen Raum des Schlosses, der beheizt ist. Überquellende Aschenbecher. Schweiß und Männergespräche. Neben Peter Falk stehen die dreckigen Stiefel, die er den ganzen Tag getragen hat. Am Set des Filmes "Das Schloss in den Ardennen" kämpft man mit dem serbischen Winter. Allabendlich dann das gleiche Ritual: Im Anwesen nahe der Stadt Novi Sad vergnügt sich die Crew beim Pokern und Whisky trinken, unter ihnen auch Burt Lancaster. Es gibt sonst keine Ablenkung in der einsamen, frostigen Gegend.

Das Jahr 1968 beginnt für den 40-jährigen Schauspieler Peter Falk, der es im Kino bis dahin auf einige Nebenrollen gebracht hat, hinterm Eisernen Vorhang in Jugoslawien - den man dort für westliche Devisen etwas gelockert hat. Regie führt Sidney Pollack. Der spätere Oscargewinner experimentiert noch. Ein Gemetzel aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs liefert ihm die Vorlage für einen Antikriegsfilm voller grotesker Zuspitzungen. Der reale, schmutzige Krieg, den die Amerikaner zur gleichen Zeit in Vietnam führen, treibt weltweit die zornige Jugend auf die Straßen.

In Paris und Berlin werden bald die ersten Barrikaden brennen. In den USA eskalieren die Unruhen angesichts der Attentate auf Martin Luther King und Robert Kennedy. Und auch Peter Falk, der Literatur und Politik studiert hat, ist aufgewühlt von den 68er-Ereignissen. Er zweifelt, dass seine Zukunft im Hollywoodkommerz liegt - trotz eines hoffnungsvollen Starts mit zwei Oscarnominierungen. Ihm steht eher der Sinn nach Veränderung.

Vierte Wahl

Das Angebot, für ein paar Monate in Europa abzutauchen, kam da gerade recht. Der in New York geborene Sohn jüdischer Einwanderer aus Russland und Polen empfindet eine starke Verbindung zur Kultur des Alten Kontinents. Der Prager Frühling interessiert ihn in jenen Tagen stärker als das, was dem untersetzten Schauspieler mit Silberblick in der Regel angeboten wird: skurrile Mafiosi- oder überdrehte Slapstick-Rollen.

Vor den Dreharbeiten im kommunistischen Tito-Reich hatte Falk für den US-Sender NBC noch den Krimi "Mord nach Rezept" abgedreht. Eine Rolle, an die er mit viel Glück geraten war. Sie basierte auf einem Theaterstück, das 1962 bei einer US-weiten Tournee große Erfolge feierte: Ein selbstgerechter Psychiater, der glaubt, den perfekten Mord ausgeführt zu haben, gerät an einen brummigen, tollpatschigen Ermittler, der komische Fragen stellt. Joseph Cotten war als Star für die Mörderrolle verpflichtet worden. Doch Thomas Mitchell als Darsteller des unterschätzten Ermittlers namens Columbo stahl dem eitlen Cotten die Show.

Die Autoren des Stücks, William Link und Richard Levinson, inzwischen etabliert beim Fernsehen, planten mit dem 69-jährigen Mitchell eine Filmversion. Doch der grandiose Charakterkopf - der den Vater von Scarlett O'Hara in "Vom Winde verweht" verkörpert hatte - starb an Krebs. Dann verhandelten sie mit Bing Crosby. Der wollte aber lieber Golf spielen. Erst nach einer weiteren prominenten Absage - die von Lee J. Cobb - kam Falk ins Spiel. Den empfanden die Produzenten mit Anfang 40 zunächst als zu jung, wollten es aber mit ihm versuchen.

Lieber zeichnen oder Theater spielen

Peter Falk mochte die ungewöhnliche Columbo-Rolle: "Mich faszinierte die Vorstellung eines Polizisten, der völliger Durchschnitt ist. Er könnte auch an der Supermarktkasse stehen und dir beim Einpacken der Einkaufstüten helfen. Und anderseits hat er dieses brillante Gehirn", schrieb Falk in seiner 2006 erschienen Autobiografie. Dennoch: Im Gefühl, nur vierte Wahl gewesen zu sein, und angesichts seiner anderen Ambitionen glaubte er nicht, dass sich aus dieser Sache mehr ergeben könnte.

Auf dem Filmschloss in Jugoslawien langweilen Peter Falk die pokernden Männerrunden bald. Er zieht sich lieber auf sein Zimmer zurück, um zu zeichnen. An seiner Seite: Susanne Widl, eine junge Künstlerin aus Wien. Die beiden hatten sich ein paar Jahre zuvor kennengelernt. Die rebellische Widl tummelt sich in der Avantgardeszene des Wiener Aktionismus. In Peter Falk erlebt sie einen Schauspieler, der nicht den gängigen Vorstellungen eines Hollywoodschauspielers entspricht - kulturell gebildet, respektvoll, charmant, neugierig: "Er zeigte sich interessiert an Malern wie Egon Schiele und Gustav Klimt, schwärmte von dem Burgschauspieler Oskar Werner."

Am Sidney-Pollack-Set erreicht Falk ein Telegramm des Filmemachers John Cassavetes, den er flüchtig aus New York kennt. Cassavetes, einer der zornigsten Gegner des Hollywoodsystems, bietet Falk eine Rolle in seinem neuen Film "Ehemänner" an. In Ensemblearbeit sollen die meisten Szenen vor Ort in London improvisiert werden.

Falk sagt sofort zu. Er ist im Künstlerviertel von Greenwich Village groß geworden, wo der linke Theatermann Erwin Piscator einer seiner Lehrer war. Im Frühsommer 1968 reist er nach Rom weiter, um dort Cassavetes zu treffen.

Ein Charakter, der ihm nahe stand

Gemeinsam mit dem Schauspieler Ben Gazarra erarbeiten sie erste Ideen für den Film - und besiegeln in exzessiven römischen Nächten eine Männerfreundschaft fürs Leben. "Dieser Kerl hat alles aus mir herausgeholt", sagt Falk über Cassavetes. Falks Zukunft scheint nun ganz im aufblühenden Independent-Kino zu liegen. Doch es kommt anders.

Während Falk sich noch als trauriger GI durch den Schnee in Serbien mühte, war am 20. Februar 1968 im US-Fernsehen der Krimi "Mord nach Rezept" ausgestrahlt worden - ein phänomenaler Erfolg. Die Zuschauer wollen mehr von diesem schrullig-genialen Columbo in seinem allerweltsgrauen Regenmantel sehen. So erhält Falk bei seiner Rückkehr nach Los Angeles das Angebot, in Serie zu gehen.

Peter Falk hat die Rolle seines Lebens gefunden. Und schon bei den Vertragsverhandlungen ist er sich seiner Machtposition bewusst. Er lässt sich zusichern, den Columbo-Charakter - der ihm persönlich sehr nahe stand - beim langen Marsch durch die Institutionen der Unterhaltungsindustrie nach seinen Vorstellungen ausgestalten zu dürfen.

Ein Polizist ohne Schusswaffe. Friedfertig, etwas schlampig, verschroben, klug, gewitzt, einfühlsam und zutiefst menschlich: Der Geist von 1968 hatte gesiegt.

Zur Person
  • Privat
    Uwe Killing, Jahrgang 1961, früherer Chefredakteur des Magazins "Max", widmet sich als freier Journalist und Buchautor vor allem den Themen Film und Popkultur. Er lebt in Berlin und schreibt u.a. für Playboy, SZ-Magazin und die Berliner Zeitung. Sozialisiert mit den US-Serien der Siebzigerjahre war Killing schon als Jugendlicher ein großer Fan von "Columbo". 2016 veröffentlichte er im Osburg Verlag die Biografie "Peter Falk oder Die Kunst, Columbo zu sein".
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insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
Michael Waldher, 11.04.2016
1. Absoluter Fan
Columbo wird ja mom. auf ZDF Neo wiederholt. Ab und zu kommt sogar noch eine Folge, die ich noch nicht kenne...für mich das Highlight des Abends! Vor kurzem kam (denke ich) die erste Folge von Columbo, bei der die deutsche Syncro Columbo mit "u" aussprach, herrlich!
Hans Christian Kommenter, 11.04.2016
2. Tja
Zu rechten Zeit am richtigen Ort. Oder: Glück. Oder: Können Rutherford als Miss Marple, Savalas als Kojak, Falk als Columbo. Wenn die jeweilige Rolle von einem anderen Schauspieler gespielt wird / werden würde, wäre / ist der Zuschauer zu recht enttäuscht. Kein anderer bringts.
Helmut Weiß, 11.04.2016
3. Schreibfehler
"hinterm Eisernen Vorgang in Jugoslawien" Das sollte wohl "Eisernen Vorhang" heißen?
Michael Kempter, 11.04.2016
4. Columbo - ein Genuss
wie der daherdackelte...den Reichen und Mächtigen immer schön auf die Füße tretend. Und die Konzeption, den Mord samt Mörder/in zuerst zu zeigen, tat der Spannung keinen Abbruch. Einfach weil es gute Drehbücher waren. Kein Vergleich was zu dem flachen Niveau was uns jeden Sonntag abend präsentiert wird.
Thomas Kraus, 11.04.2016
5. Ein Muss für Krimi-Fans
Geniale Serie, vor allem die Folgen der 70er Jahre! Das ermitteln steht im Vordergrund und auch wenn der Täter von Anfang an bekannt ist, geht die Spannung niemals flöten!!
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