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Kultmoderator Peter Lustig "Ich war Kennedy wirklich ziemlich nah"

Moderator Peter Lustig: Abschalten! Fotos
ZDF/Christiane Pausch

Peter Lustig kennen alle als Erklär-Onkel der ZDF-Sendung "Löwenzahn". Seine Fernsehkarriere begann hinter der Kamera: Er hielt das Mikrofon bei Kennedys berühmtester Rede - war aber im entscheidenden Moment ziemlich abgelenkt. Ein Interview von

Zur Person
Peter Lustig moderierte 1979 bis 1980 die ZDF-Sendung "Pusteblume". Von 1981 bis 2005 erklärte er den Kindern bei "Löwenzahn" die Welt. Er starb am 24. Februar 2016 im Alter von 78 Jahren. Das Interview mit ihm führte einestages im August 2015.

einestages: Herr Lustig, 25 Jahre lang waren Sie mit "Löwenzahn" für Kinderfernsehen mit Verstand zuständig. Ihre erste Begegnung mit einem Filmteam hatten Sie aber schon viel früher, bei einem Spaziergang mit ihrer Mutter in den Fünfzigerjahren…

Lustig: Stimmt, das war ein wichtiger Moment. Ich war augenblicklich fasziniert, wie die Männer da mit ihrem Übertragungswagen auf der Straße standen und die Kamera und das übliche Gedöns rausholten. "Mama, ich will zum Fernsehen", rief ich. "Na klar, dann machen wir das", sagte sie. Als Rundfunk- und Fernsehtechniker habe ich als Lehrling in Hamburg angefangen - und ich war zufrieden.

einestages: Diese Lehre führte dazu, dass Sie für ein ganz besonderes Mikrofon zuständig waren. Nämlich jenes, das die berühmte Rede von John F. Kennedy in Berlin aufzeichnete…

Lustig: Ja, das war im Schöneberger Rathaus. Damals war ich Tontechniker beim American Forces Network in Berlin und hatte alle Hände voll zu tun. Ich stand auf einem Gerüst, das förmlich von der Begeisterung der Menschen vor dem Rathaus vibrierte. Ich hatte Angst, runterzufallen.

einestages: Haben Sie denn keine Gänsehaut bekommen?

Lustig: Nee, ehrlich gesagt gar nicht. Ein Tontechniker darf kein Gänsehautgefühl haben. Aber es stimmt schon, ich war Kennedy wirklich ziemlich nah. Was er gesagt hat, habe ich aber kaum gehört. Das Weiße Haus achtete ja darauf, dass nicht zu viele ein Mikrofon vor dem Präsidenten aufbauten. Die befürchteten Anschläge. Ich saß also vor ihm und sah zu, dass die Rede gut zu meinem Sender rauskam. Ein anstrengender Tag. Aber ein wenig gefallen hat mir der Satz "Ich bin ein Berliner" natürlich schon. So ganz taub ist man dann ja doch nicht.

einestages: Das Vor-der-Kamera-Stehen war in Ihrem Leben aber gar nicht geplant, oder?

Lustig: Bei einem Dreh für die Band "Ton Steine Scherben" hat der Regisseur zu mir gesagt: "Jetzt komm mal vor die Kamera, du kannst so gute Sprüche machen. Sag was Komisches." Da stand ich plötzlich und habe, glaube ich, ein Ei auf meinem Kopf zerschlagen und gesagt: "Fernsehen ist scheiße." Wurde natürlich nie gesendet, aber seitdem galt ich beim Sender als fernsehtauglich.

einestages: Wie ging es weiter?

Lustig: Als sie im ZDF mit einer eigenen Kindersendung nach der Sesamstraße nachziehen wollten, hieß es: "Ach, nehmen wir den Lustig, der ist doch Ingenieur und kann sich vor der Kamera bewegen."

einestages: Hatten Sie sofort das Gefühl, das ist der richtige Platz für Sie?

Lustig: Nein, ich wollte ja nie eine Rolle spielen und bei "Löwenzahn" so authentisch wie möglich sein. Einschmeicheln wollte ich mich nie, auch nicht bei den Kindern vor dem Fernseher. Wie die mich finden, darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht.

einestages: Wie viel Mitspracherecht hatten Sie?

Lustig: Zum Glück viel! Ich hätte ja auch nie was gesagt, hinter dem ich nicht gestanden hätte. Auch meine Sprache war mir immer wichtig. Meine Worte sind meine Worte.

einestages: Wie haben denn Ihre kleinen Zuschauer darauf reagiert?

Lustig: Ein Kind wollte mich als Papa haben und schlug mir vor, dass ich seine Mama kennenlernen solle. Ein anderes schrieb mir: "Du, hast du gesehen, wir haben frisch tapeziert im Wohnzimmer." Ich war durch den Fernseher dort so präsent, dass ich ein Teil der Familie war. Ein Junge sagte auch einmal etwas sehr Schönes: Er gucke so gerne "Löwenzahn", denn dann habe er keine Angst mehr.

einestages: Wie war denn Ihre eigene Kindheit in Breslau?

Lustig: Meine eigene Kindheit und Jugend war so lecker nicht. Da war der Krieg gerade zu Ende. Wir waren arm, die Zeit war entbehrungsreich. Aber ich hatte einen wahnsinnig guten Großvater und eine Großmutter. Die waren sehr liebevoll. Und mein Großvater war der größte Bastlertyp, der hat mir einiges vererbt. Er war Oberstraßenbahnfahrer, Steinmetz, Maler, der konnte quasi alles - den Rest hat er ertüftelt.

einestages: "Löwenzahn" wurde ja oft als ökologische Sendung verstanden. Hatten Sie eine Mission?

Lustig: Das Grüne habe ich eigentlich nie als Fahne vor mir hergetragen. Ich wollte auch keine politische Richtung propagieren. Nur, dass Kinder auch Respekt vor der Natur haben. Ich war nie ein Müsli-Esser und habe auch nicht dauernd Sandalen an. Ein romantischer Aussteigertyp war ich auch nicht. Nur für den Dreh habe ich aus Bequemlichkeit mal im Bauwagen übernachtet.

einestages: Bei all den Drehs müssen doch sehr viele unvorhergesehene Sachen passiert sein?

Lustig: An eine Situation erinnere ich mich besonders: Als ich im Freiluftballon war, hatte ich Todesangst. Wir waren gestartet und ich war mit der Ballonfahrerin alleine. Dann kam eine dunkle Wolke und wir wussten gar nicht mehr, wo wir waren. Ich hatte auf jeden Fall einen riesigen Bammel. Aber es ist ja zum Glück gut gegangen und wir sind sicher gelandet.

einestages: Was erinnert bei Ihnen daheim an die Zeit bei "Löwenzahn"?

Lustig: Klaus-Dieter, die sprechende Ukulele. Er ist mein treuer Kompagnon. Der hängt bei mir an der Wand im Wohnzimmer. Es sollte damals einen Mitspieler in "Löwenzahn" geben. Ich allein sei zu wenig, hieß es. Da war ich wohl ein bisschen eifersüchtig und eitel und habe zu meinem Regisseur gesagt, ich mache mir den Klaus-Dieter selber.

einestages: Auch Ihr Nachbar, der Gartenzaunspießer Paschulke, gehörte zu jeder "Löwenzahn"-Sendung dazu…

Lustig: Mit Paschulke war es toll. Wir waren ja auch mal wirklich Nachbarn, da haben wir uns oft gesehen. Wir hatten beide eine Finca auf Mallorca und haben uns da immer super verstanden, ganz anders als in der Sendung.

einestages: Gucken Ihre Enkelkinder eigentlich Ihre Sendungen?

Lustig: Sie gucken schon, und die Sendungen werden ja jetzt sonntags auch im ZDF wiederholt. Ihre Bewunderung hält sich aber in Grenzen. Eine meiner Enkelinnen, die Nina, hat mal nach dem "Löwenzahn"-Schauen bei uns im Wohnzimmer hinter dem Fernseher hervorgeguckt und gesagt: "Opa, du kannst jetzt rauskommen."

einestages: Gefällt es Ihnen, dass manche von der Generation "Löwenzahn" sprechen?

Lustig: Ich fühle mich gebauchpinselt und denke, da soll ich nun schuld an allem sein, was schiefläuft? Nein, im Ernst: Hauptsache, die Kinder hatten ihren Spaß - ich hatte meinen auf jeden Fall.

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insgesamt 30 Beiträge
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1.
Michael Stephan, 17.08.2015
"Nein, im Ernst: Hauptsache, die Kinder hatten ihren Spaß - " Ja, das hatten wir .. und haben wir immer noch!
2.
Johnathan Wuk, 17.08.2015
Ich war ein bisschen traurig, als Peter Lustig eines Abends vor dem Kamin sass und berichtete, dass er aufhöre.
3. Hat er nicht
Sebastian Teichert, 17.08.2015
Gesagt er hasst Kinder?^^
4. Lustig...
micha fripan, 17.08.2015
... Fand ich dit als kind allemal... sogar heute schau ich mir die Sendung mit meiner Tochter gerne noch an...der nach dem Lustig kam war und ist nich wirklich so der bringer... Da kommen mir beim Herrn Lustig viele Kindheitserinnerungen wieder...
5.
Karbon Ator, 17.08.2015
In einem anderen Artikel heute geht es ja um aktuelle "Stars" von Kindern und Jugendlichen. Peter Lustig war wohl einer der Stars meiner jungen Jahre. :) Ich denke, die jungen Leute von heute würden das genausowenig nachvollziehen können wie ich ihre heutigen Stars...
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