Olympia-Ikonen 1968 Der Dritte im Bild

Bei den Olympischen Spielen 1968 entstand ein spektakuläres Foto. Zwei Läufer auf dem Siegertreppchen reckten die Faust zum Black-Power-Gruß und wurden berühmt, der Dritte blieb unbekannt. Wer war Peter Norman?

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Den Blick zum Boden, die Faust zum Himmel. Das Foto ist ikonisch, die Geschichte dahinter oft erzählt: Bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko-Stadt gewinnt der US-Amerikaner Tommie Smith Gold im 200-Meter-Lauf, sein Landsmann John Carlos holt Bronze. Als bei der Siegerehrung die amerikanische Nationalhymne ertönt, nutzen die beiden schwarzen Sportler den Moment für ihre heute berühmte Geste.

Die emporgestreckten Fäuste in schwarzen Handschuhen, der Black-Power-Gruß. Es ist ein Protest gegen den Rassismus in den USA, ein Bekenntnis zur schwarzen Bürgerrechtsbewegung, ein politisches Statement im Sport. Ein Affront. Smith und Carlos werden ausgepfiffen, aus dem US-Olympiateam ausgeschlossen und auf Lebenszeit für die Olympischen Spiele gesperrt. So weit, so vertraut.

Doch zurück zum Foto. Wenn man sagt, seine Geschichte sei oft erzählt worden, so gilt das nur für zwei Drittel des Bilds. Der elegante, einer Freiheitsstatue gleiche Smith, der lässige Carlos mit der offenen Trainingsjacke - die Posen der beiden Amerikaner wirken auf das Auge wie ein Magnet. Man muss sich zwingen, seine Aufmerksamkeit auf den Mann im grünen Trainingsanzug, den Dritten im Bild, zu richten.

Der Dritte im Bild ist der Zweite auf dem Siegertreppchen: Der Australier Peter Norman hat im 200-Meter-Rennen Silber geholt. Er sieht nicht, was hinter ihm passiert, steht vor Smith und Carlos, die Hände an der Hosennaht, geradeaus nach vorne blickend, scheinbar teilnahmslos. Nur wer ganz genau hinsieht, kann erkennen, dass Peter Norman sehr wohl Teil des Protests ist.

Soldat der Heilsarmee

Wie Smith und Carlos trägt auch Norman einen Anstecker, etwas kleiner als ein Bierdeckel, auf der linken Seite seiner Trainingsjacke. Die Aufschrift darauf: "Olympic Project for Human Rights", der Name einer Organisation schwarzer US-Sportler, die ein Jahr zuvor gegründet wurde und gegen Rassismus im Sport und in der amerikanischen Gesellschaft kämpft. Norman, der sich den Button kurz zuvor vom US-Ruderer Paul Hoffman hat geben lassen, solidarisiert sich mit Smith und Carlos. Und bleibt zugleich im Hintergrund.

"Ihm war es immer wichtig, dass Tommie und John an erster Stelle kamen", sagt Peter Normans Neffe, der Filmemacher Matt Norman. In seinem Film "Salute" erzählt er die Geschichte seines Onkels: wie es zum Protest in Mexiko-Stadt kam und was ihn dieser Protest kosten sollte.

Peter Norman wuchs in einem Arbeiterviertel von Melbourne auf, als Kind einer Familie, die der Heilsarmee, einer sozial sehr engagierten Freikirche, angehörte. 1956 fanden die Olympischen Spiele in Melbourne statt und Norman, damals 14 Jahre alt, verkaufte im Stadion Kuchen. "Er war durch und durch ein Kind der Arbeiterklasse, die Familie war sehr arm", sagt sein Neffe Matt. "Vor den Olympischen Spielen in Mexiko arbeitete er als Metzger."

Es ist dieser Hintergrund als Arbeiterkind und Spross einer tief religiösen Familie, der Norman mit einem starken Gerechtigkeitssinn ausstattet, einem Glauben an die gleichen Rechte für alle Menschen. Im Film seines Neffen erzählt Peter Norman von einer chinesischen Familie, die während seiner Kindheit in der Nachbarschaft wohnte. "Der Junge aus dieser Familie war mein Kumpel", sagt er. "Mir war nicht klar, wie jemand einen anderen wegen seiner Hautfarbe hassen konnte." Er sagt das nicht mit Empörung, sondern mit einem naiven Staunen; so als müsse man über Rassismus und Ungleichheit wie über unerklärliche Phänomene aus einer anderen Galaxie sprechen.

Die Kosten trägt Norman

Dass Peter Norman überhaupt Sprinter wurde, war Zufall. In der Jugend trainierte er als Hoch-, Weit- und Dreispringer. Dann fiel in der Laufmannschaft jemand aus, und Norman sprang ein. Als letzter Läufer in der Staffel rettete er seiner Mannschaft, die weit zurück lag, den Sieg. Es zeigte sich: Norman war so schnell, dass er beim Sprint blieb.

Er schaffte die Qualifikation für Olympia und nahm als unbekannter 26-Jähriger an den Spielen in Mexiko-Stadt teil. Dort wurde man auf ihn aufmerksam, als er in einem der Vorläufe den olympischen Rekord einstellte. Im Finale brach er dann die Dominanz der haushohen Favoriten aus den USA, indem er John Carlos auf den letzten Metern überholte und Zweiter wurde.

Smith, Carlos und Norman werden nach der Siegerehrung Freunde. "Für Peter waren Tommie und John immer wie Brüder", sagt Matt Norman. Doch die Erfahrungen, die die drei Sportler nach ihrem Protest machen, sind unterschiedlich.

Für Tommie Smith und John Carlos gibt es nach den Olympischen Spielen Pfiffe und Verachtung - aber auch Ruhm und Bewunderung: Sie werden zu Ikonen der Menschenrechtsbewegung im Sport, sind Jahrzehnte später noch gefragte Redner, werden nicht nur vom schwarzen Amerika als Helden verehrt.

Peter Norman trägt nur die Kosten. Denn nicht nur die amerikanische Gesellschaft hat Ende der Sechzigerjahre ein Rassismusproblem, sondern auch die australische. Das "White Australia"-Programm des Landes soll die Einwanderung und Einbürgerung von Nicht-Weißen verhindern. Australiens Ureinwohner werden diskriminiert. Viele Kinder von Ureinwohnern werden ihren Familien entrissen und zur Adoption durch Weiße freigegeben. Sie gehen als "Stolen Generation", als "Gestohlene Generation", in die Geschichte ein.

In diesem politischen und gesellschaftlichen Klima macht sich Peter Norman durch seinen Protest zur Unperson. "Zu dieser Zeit machte man sich in Australien unbeliebt, wenn man für irgendetwas Schwarzes einstand, erst recht für schwarze Amerikaner", sagt Matt Norman.

"13-mal qualifiziert - aber sie ließen mich lieber zu Hause"

In seinem Film "Salute" erinnert sich sein Onkel Peter: "Ich brachte die Mächtigen in der australischen Leichtathletik gegen mich auf." An den nächsten Olympischen Spielen, 1972 in München, darf Peter Norman nicht teilnehmen. Das australische Olympische Komitee wird bestreiten, dass sein Protest bei der Siegerehrung in Mexiko-Stadt der Grund für seine Nichtteilnahme in München sei. Doch Norman bleibt bis zu seinem Lebensende davon überzeugt. Schnell genug, um teilzunehmen, war er in jedem Fall: "Ich hatte mich 13-mal für die 200 Meter und fünfmal für die 100 Meter qualifiziert, aber sie ließen mich lieber zu Hause, als mich dort teilnehmen zu lassen."

Peter Norman stirbt 2006 an einem Herzinfarkt. Tommie Smith und John Carlos halten die Grabrede und helfen, seinen Sarg in die Erde herunterzulassen. Noch Jahre nach Normans Tod - und Jahrzehnte nach der Siegerehrung - spricht John Carlos bei öffentlichen Auftritten über ihn, nennt ihn seinen "Bruder von einer anderen Mutter".

Auch für Norman war der Protest bei den Olympischen Spielen in Mexiko-Stadt einer seiner größten Augenblicke. "Ich muss sagen: Ich war sehr stolz, ein Teil davon zu sein", sagt er in "Salute". "Ohne den Protest an diesem Tag wäre es einfach nur eine Silbermedaille gewesen."

Und doch spricht vieles dafür, dass sein Protest ihn sportlich viel gekostet hat. Tommie Smith rannte die 200 Meter von Mexiko-Stadt in 19,83 Sekunden - damals Weltrekord. Peter Norman brauchte 20,06 Sekunden - bis heute australischer Rekord. Auch 1972 in München hätte er mit dieser Zeit Silber geholt.



insgesamt 15 Beiträge
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Klaus-Peter Eichele, 19.08.2016
1. Wieder nur Silber
Bei Olympia 1972 in München gewann Valeri Borsow die 200 Meter mit exakt 20,00 Sekunden. Peter Norman hätte mit seiner Mexiko-Zeit also wieder die Silbermedaille geholt, nicht etwa Gold.
Tomás Saupe, 19.08.2016
2.
uhm, wenn man schon so gut abschreibt (Der Artikel erschien in ähnlicher Form vor zwei Wochen online wonanders) , dann hätte man auch anmerken können, das Norman erst nach seinem Tod vollständig von der autralischen Regierung (2010?) rehabilitiert wurde.
gerd progel, 19.08.2016
3. Kann mich noch erinnern
wie die dt. Massenmedien damals schäumten und geiferten. Ein mutiger und konsequenter Schritt der Sportler, die sich missbraucht fühlten und gegen den alltäglichen Rassismus in den USA und den Vietnam-Krieg protestieren wollten.
hans roland, 19.08.2016
4. Der Artikel ist gut.Erinnerungen wurden wach.
Trampte 1971 vor Darwin nach Adelaide und weiter nach Sydney.Australien und die Leute empfand ich als engstirnig,einfach als unangenehm.Erinnere mich auch an die Verachtung der Aborgines und der Rücksichtslose Umgang mit Flora und Fauna.Ich küsste bei meiner Ankunft in Manila beinahe den Boden.Australien lag hinter mir ! Vielleicht hat sich die Australische Gesellschaft gewandelt ? I
Thomas Bruder, 19.08.2016
5. Wie heute
Wer heute protestiert (wie Stepanowa) - gegen Doping - wird auch ausgeschlossen. Das IOC und Bach stehen in keiner Weise für die Olympische Idee, so wie Peter Normann es ganz überzeugend vorgemacht hat. Früher war Rassismus die treibende Kraft, heute Korruption.
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