Fleischskandale damals Verzehr mir nichts vom Pferd

Fleischskandale damals: Verzehr mir nichts vom Pferd Fotos
Ullstein Bild

Es galt, einen kollektiven Ekel zu überwinden: Mit allen Mitteln versuchten Pferdefleisch-Fans im 19. Jahrhundert die Bevölkerung auf den Geschmack zu bringen. Sogar Festmähler wurden veranstaltet. Am Ende halfen schon damals nur dreiste Tricks, um das Skandalfleisch unter die Leute zu bringen. Von

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Ein großes Bankett zieht im Januar 1903 hunderte Berliner an. Weit mehr, als die Organisatoren erwartet hatten. Ein Fotograf der "Berliner Illustrirten Zeitung“ hält das üppige Mahl in Bildern fest: Vor einer malerischen Wanddekoration biegen sich die Tische unter den gewaltigen Mengen an Würsten und Schinken. Alle Erzeugnisse stammen vom Pferd. Eingeladen hat der Berliner Tierschutzverein.

Mit dem Essen verfolgen die Tierfreunde eine Mission: Sie wollen ihre Gäste vom Geschmack des Vierbeiners überzeugen. Pferdefleisch galt bis dahin als Arme-Leute-Essen. Von wohlhabenderen Berlinern wurde es kaum gekauft. Die Veranstalter wollen das nun ändern.

Ihre etwas verschrobene Idee dahinter: Manch armer Gaul fristete als Zug- und Lasttier ein erbärmliches Leben. Da wäre es nur gnädig, wenn ihm ein schneller Tod vergönnt wäre - in der Schlachterei, verarbeitet zu Wurst und Schinken.

Die Berliner Tierschützer waren nicht die ersten, die den Deutschen das Pferdefleisch schmackhaft machen wollten - und dabei mit cleveren Vermarktungsstrategien zu Werke gingen. Die Pferdefleisch-Propagandisten hatten eine schwierige Aufgabe vor sich: Sie mussten kollektiven Ekel überwinden.

Das Wort des Papstes

Schon einige Jahrzehnte vor dem gut besuchten Bankett in Berlin hatten sogenannte Hippophagen-Vereine die Bevölkerung zu opulenten Festmahlen gelockt, etwa in Königsberg in Preußen, wo sich laut einer Zeitungsmeldung am 21. Mai 1841 "eine Gesellschaft von 60 Personen zu einem Mittagsmahle versammelt" hatte, "dessen Hauptgänge aus verschieden zubereitetem Pferdefleische bestanden. Die ungewöhnliche Speise schien allen Anwesenden sehr wohl zu munden."

Die Hippophagen, zu deutsch: Pferdefleischesser, waren eine kulinarische Bewegung für den breiten Genuss von Pferdefleisch. Vordergründig ging es ihnen um die Linderung der allgemeinen Not. Denn in Deutschland ging zu dieser Zeit das Elend um: In den Mietskasernen vegetierten die Industriearbeiter, die von harter Arbeit und geringem Lohn leben mussten. Das Pferd als mobile Fleischreserve - mit dieser Taktik, so argumentierten die Hippophagen, hatten die Horden Dschingis Khans einst die halbe Welt erobert. Da lag es nahe, auch die sozialen Probleme der Zeit auf diese Weise zu lösen.

Doch so einfach war das nicht. Mitunter schlug den Hippophagen Verachtung entgegen, sie mussten sich als "Pferdefresser" beschimpfen lassen. Mit zunehmender Verzweiflung forschten die Aktivisten der Bewegung nach den Wurzeln der Ablehnung - und wurden im frühen Mittelalter fündig. Papst Gregor III. hatte im Jahr 732 unmissverständlich festgestellt, dass man als Christ dieses Fleisch unter allen Umständen zu meiden habe. Es sei "unrein und verabscheuungswürdig", verursache obendrein Aussatz und vergifte das Blut. Die Tötung, Verwertung und Entsorgung alter und kranker Pferde musste fortan der Abdecker übernehmen.

Für einen "kernigen Gliederbau"

Noch im 19. Jahrhundert galt Pferdefleisch als die Nahrungsgrundlage der unzivilisierten Völker. Nicht nur die sagenumwobenen Skythen, für die der Begriff "Hippophagen" ursprünglich geprägt worden war, sondern auch zahlreiche Völker der Gegenwart würden genüsslich das Fleisch des Pferdes essen - so hielten es zu dieser Zeit zahlreiche Reiseberichte in einem Tonfall amüsierten Erstaunens fest.

Für die wissenschaftsgläubigen Hippophagen des 19. Jahrhunderts allerdings stand fest: Der Ekel vor dem Verzehr von Pferden beruht auf einem Vorurteil. Der Geschmack eines gemästeten Pferdes stände dem eines Rindes in nichts nach, und auch sonst gäbe es keine rationalen Gründe, das Ross aus den Kochtöpfen der Menschen zu verbannen. Im Gegenteil: Angehörige pferdefleischessender Völker, so notierte Tierarzt Dr. Koch in einer Werbeschrift, zeichneten sich durch "einen kernigen gesunden Gliederbau" aus, "der sie zu Anstrengungen jeder Art fähig macht".

Und nicht nur das: Koch behauptete auch, dort "weit mehr geistiges Volksleben" zu beobachten, wo weniger Kartoffeln, dafür aber mehr Fleischgerichte auf den Tisch kämen. Ein Kollege Kochs, der Tierarzt Höhing, meinte sogar, den Grund für den Sieg der Germanen im Teutoburger Wald gefunden zu haben: Hatten sich diese nicht mit Pferdefleisch gestärkt?

Kadaver auf Bestellung

Die Überwindung der Vorurteile gegenüber dem stigmatisierten Fleisch schien daher Fortschritt auf allen Ebenen zu versprechen: Bei der Linderung der Nahrungskrisen, der Versorgung aller Klassen und Schichten mit Fleischprodukten, selbst bei der Hebung von Moral und Leistungsfähigkeit der Arbeiterschicht! Wirklich durchsetzen konnten sich die Freunde des Pferdefleisches mit diesen Argumenten allerdings nicht.

Zu stark war die Verbundenheit der Menschen mit dem Pferd. Ein Lexikoneintrag aus der Mitte des 19. Jahrhunderts hielt fest, "daß das Schlachten dieses klugen und edlen Thieres das Gefühl beleidigt".

Viel änderte sich daran nicht. Ein Blick auf die Konsumentwicklung zeigt: Pferdefleisch war ein Gericht für Zeiten der Not und der knappen Lebensmittel. In den Hungerjahren des Ersten Weltkriegs war in Ostpreußen ein regelrechter Versandhandel für das Fleisch von im Einsatz getöteten Pferden entstanden. Nach Kriegsende schlachtete man 400.000 Pferde in einem Jahr - weil sie an der Front nicht mehr gebraucht wurden. Zugleich kehrte sich das Preisverhältnis um: Als einzige nicht rationierte Fleischsorte war das Pferd wohl zum ersten und einzigen Mal in der Geschichte teurer als das Rind.

Der Pferdefleischskandal dieser Tage zeigt: Die Abneigung der Konsumenten blieb - allen Argumenten zum Trotz. Allenfalls Täuschung und Betrug konnten die Distanz verringern. So griff man bereits um 1900 zu den Tricks, die dieser Tage Europa in Aufruhr versetzen: Da Pferdefleisch stets billig zu haben war, wurde munter umdeklariert und beigemengt. Selbst in Delikatessengeschäften erwarben Wohlhabende für viel Geld billige Wurst aus Pferdefleisch - die wenigsten werden es gemerkt haben. Nur ein Drittel der in Berlin geschlachteten Pferde sollen im Jahr 1901 tatsächlich auch als Pferdefleisch verkauft worden sein. Deutschland, ein Land der unfreiwilligen Hippophagen? Tierärzte wie die erwähnten Koch und Höhing hätte es wohl gefreut.

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1.
Bettina Hammer 24.02.2013
Pferdefleisch ist heutzutage aber keineswegs günstig, es gilt als Delikatesse. In vielen Ländern Europas ist der Verzehr Pferdefleisches durchaus normal - z.B. in Österreich, Deutschland, wo gerade in Bayern Pferdemetzger noch tätig sind, auch in der Schweiz, also außerhalb der EU, aber innerhalb Europas ist Pferdefleisch sehr beliebt und keineswegs günstig. Wenn also pferdefleisch beigemengt wurde, so ist anzunehmen, dass es sich hier um minderwertiges Fleisch handelte. Und das wollen auch die Pferdefleischrfreunde nicht haben. Es wäre insofern nett, wenn mal außerhalb des "puh, Leute wollen keine Pferde essen" und "Pferde sind halt billig" berichtet werden würde, und zwar themenbezogen. Das hieße: Den Betrug in den Vordergrund stellen statt ihn Falschetikettierung zu bezeichnen als habe man aus Versehen mal den falschen Aufkleber genutzt; auch zu thematisieren, dass Pferdefleisch nicht günstig ist, eine Beimengung also nur heißen kann, dass es hier um minderwertiges Pferdefleisch geht; aber auch zu thematisieren, dass nicht darüber berichtet wird, dass es sich um gesundheitsgefährdendes Fleisch handelt. Das alles fehlt derzeit -a uch bei den historischen Betrachtungen, die mit "Skandalfleisch"' auf machen
2.
Gerhard Zimmek 24.02.2013
scheint ja schon traurige Tradition zu haben, dass sogenannte Tierschutzvereine in Deutschland Tierquälereien unterstützen, aktuell mit dem Label des Deutschen Tierschutzbundes für Wiesenhof.
3.
kai ferch 24.02.2013
Haben sie denn schon mal einen Pferdebraten oder Roulladen gegessen? Ist verdammt lecker. Abr günstig, das sehe ich anders, ist fast doppelt so teuer wie Rind.
4.
wolfgang ellmenreich 24.02.2013
wenn der Wunsch der Vater des Gedankens.../ Pferdefleisch wurde immer schon gegessen, und auch immer mal wieder Würsten beigemischt: zur Verbesserung der Qualität!
5.
Eric Wolzenburg 24.02.2013
Ich bin nicht sicher, ob der Artikel ein gutes Fachlektorat durchlaufen hat - Rheinischer Sauerbraten wird gar nicht erwähnt, obwohl das Rezept ursprünglich auf Pferfefleisch beruht - und auch heute noch so hergestellt werden kann.
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