Phänomen Schumacher König kompromisslos

Phänomen Schumacher: König kompromisslos Fotos
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Comeback des Titanen: Mit Michael Schumacher kehrt der erfolgreichste Fahrer aller Zeiten zurück in die Formel 1. Niemand fuhr so perfekt, aber manchmal auch rücksichtslos wie der Weltmeister aus Kerpen. Nur einmal in seiner Karriere verlor er die Kontrolle über sich - auf einer Pressekonferenz. Von Hartmut Lehbrink

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"Schumacher: Ist er der Größte?" titelt die angesehene englische Fachzeitschrift "Autosport" in ihrer ersten Novemberausgabe 2006.

Die Frage mutet merkwürdig an, zumindest provokant und eigentlich rhetorisch. Das Monument Michael Schumacher, komplett seit dem Großen Preis von Brasilien desselben Jahres, ist schließlich gezimmert aus Rekorden über Rekorden: sieben Championate, 91 Siege und 1369 WM-Punkte, 68 Pole-Positions, 75 schnellste Runden, 24.061 Kilometer an der Spitze, mehr als einem Drittel seiner insgesamt 66.170 Rennkilometer in der Formel 1. Es hätten 75.134 sein können, wären nicht 23 Unfälle und 29 Defekte dazwischengekommen.

Noch nie hat ein Sportler seine Sparte so sehr und so lange beherrscht wie der Kerpener. Für junge Leute im Abiturientenalter hieß der potentielle Sieger im Grand Prix am nächsten Sonntag immer Michael Schumacher.

Das Genie und seine dunkle Seite

Aber da gibt es eben auch, geprägt und eingebürgert auch von "Autosport", das böse Wort vom flawed genius, vom mit Makeln behafteten Genie. Ganze Sündenlisten kursieren, stets gekoppelt an die Frage, warum so einer wie er seinem überragenden Können und seinem sprichwörtlichen Glück im Falle eines Falles denn nachhelfen muss.

Die drei Paradebeispiele sind unbestritten. 1994 zementiert er seine erste Weltmeisterschaft in Adelaide, indem er seinen Rivalen Damon Hill kurzerhand aus dem Rennen rempelt. In Jerez drei Jahre später widerfährt WM-Konkurrent Jacques Villeneuve die gleiche rüde Behandlung, nur dass der Kanadier seine Fahrt fortsetzt und Champion wird, während der Täter auf der Strecke bleibt und ihm vermittels einer FIA-Sanktion sämtliche Punkte in der Fahrerwertung 1997 aberkannt werden. In der Schlussphase des Qualifyings zum Grand Prix von Monaco 2006 vereitelt er eine sich abzeichnende Bestzeit von Weltmeisterschaftsanwärter Fernando Alonso durch einen offensichtlich gefälschten kleinen Ausrutscher, nach dem sich sein stehender Ferrari dem nachfolgenden Verkehr als zusätzliche Schikane in den Weg stellt.

Wie Michael Schumacher dergleichen selbst sieht? Er habe es nie darauf angelegt, sich Freunde auf der Piste zu machen, blickt er beim großen Ferrari-Jubelevent in Monza Ende Oktober 2006 trotzig zurück. Geschenke habe er keine zu verteilen gehabt. Und schließlich: Wenn die anderen Fahrer ihn kritisierten, sei das lediglich ein Indiz dafür, dass er alles richtig gemacht habe. Vorzuwerfen habe er sich gar nichts.

Ein Formel-1-Wagen als Rammbock

Ein herzhafter Fahrstil war allerdings auch früheren Weltmeistern keineswegs fremd. Bereits Altvater Dr. Giuseppe ("Nino") Farina, eigentlich ein Aristokrat am Volant, ging durchaus hemdsärmelig zur Sache, wenn er das für richtig erachtete. Jack Brabham, der "stille Australier", setzte Konkurrenten in seinen Rückspiegeln gern gezieltem Steinschlag aus, indem er das Kiesbett aufwirbelte. Auch Ayrton Senna benutzte seinen McLaren als Rammbock und kündigte seine berüchtigte Attacke gegen den Rivalen Alain Prost in Suzuka 1990 sogar vorher im Freundeskreis an.

Merkwürdig - dem Brasilianer nimmt man seine Verfehlungen weniger krumm. Sie richteten sich allerdings auch fast durchweg gegen Erz-Widersacher Prost, während Schumacher seine Handgreiflichkeiten demokratischer verteilte. Selbst Bruder Ralf kann ein Lied davon singen.

Vielleicht ist es die Perfektion Schumachers, die seine Verfehlungen so sehr hervorstechen lässt, die außergewöhnlichen Leistungen, die er erbracht hat. Die Art, wie er in den letzten elf Jahren seiner Karriere mit der Kultmarke Ferrari bis hin zum Synonym verschmolzen ist. Michael Schumacher ist Ferrari, Ferrari ist Michael Schumacher. Wie er es geschafft hat, das Team auf sich einzuschwören, einer für alle, alle für einen, selbst seine Fahrerkollegen durften nie mehr sein als Wasserträger und mussten im Zweifelsfall Platz machen für ihn auf der Rennpiste.

Schumacher konnte sein Auto fühlen wie kein anderer

Da sind weiterhin seine exemplarische Fitness und Professionalität, gespeist durch seine immer währende Leidenschaft für diesen Sport. Er besitzt die Gabe, sich vollständig die Komplexität eines modernen Formel-1-Rennwagens einzuleben und dessen elektronische Rückmeldungen lesen und schlüssig deuten zu können.

Da ist seine unfassbare Fahrzeugbeherrschung auf regennasser Piste, dem ultimativen Test für den Grand-Prix-Piloten. In der grauen Waschküche des Großen Preises von Spanien 1996, vielleicht seinem größten Rennen, nimmt er den anderen mit dem mittelprächtigen Ferrari F310 bis zu vier Sekunden pro Runde ab.

Und der Mensch Michael Schumacher? Der bleibt hinter dem Rennfahrer und in der sorgsam eingefriedeten Idylle seines Luxusheims zu Vufflens-le-Château, Kanton Wadt, Schweiz, weitgehend verborgen. Aber er gewährt Einblicke. Seine Freude nach einem Erfolg, untermalt durch artistische und clowneske Einlagen und die Schumi-Faust auf dem Podium, ist ganz echt und herzerwärmend anzuschauen, nach dem ersten wie nach dem 91. Grand-Prix-Sieg. Bei Fahrern wie Kimi Raikkönen und Fernando Alonso hingegen ist häufig nicht auszumachen, ob sie das Rennen nun verloren oder gewonnen haben.

Tränen bei der Pressekonferenz

Bei der Pressekonferenz nach dem Gran Premio d'Italia 2000 erwischen ihn die Kameras in einem Augenblick sprachloser Rührung in Tränen. Jemand hat ihn just daran erinnert, er habe mit 41 Siegen bislang gerade mit dem verstorbenen Ayrton Senna gleichgezogen. Wie bewegend, als ihn Mika Häkkinen da kurz und kameradschaftlich an sich zieht.

Wer ihn der Arroganz bezichtigt, wird bei Formel-1-Impresario Bernie Ecclestone auf energischen Widerspruch stoßen. Das sei so unfair - Schumacher sei warmherzig, fürsorglich und nachdenklich, er bringe es nur nicht herüber zu den Menschen. Weitgehend verborgen bleibt nicht zuletzt seine karitative Seite, nicht unähnlich Senna, der im Geheimen so viel Gutes tat. Nur einmal gerät der mildtätige Michael Schumacher in die Schlagzeilen, als er den Opfern des Tsunami im Dezember 2004 spontan die generöse Summe von zehn Millionen Dollar spendet.

Über 15 Jahre bewahrt er sich eine stupende Konstanz und Leistungsdichte, kein mählicher Aufstieg wie beim Kollegen Mika Häkkinen, kein schmähliches Abgleiten in die Bedeutungslosigkeit wie einst bei Graham Hill.

Als sich im August 1991 zum ersten Mal die Eau Rouge-Kurve des Grand-Prix-Kurses von Belgien vor ihm auftut wie die Eiger Nordwand - da ist er mit dem Fahrrad unterwegs, um den Kurs von Spa von der Pike auf zu lernen -, ist der 22-jährige schon seit 18 Jahren in Dynamik und Variabilität des Driftwinkels bewandert, ein Mann mit Vergangenheit vom Kart bis hin zum Gruppe-C-Rennwagen des Joint Ventures von Sauber und Mercedes-Benz.

Schützenhilfe von Bernie Ecclestone

Im "Fliegenden Klassenzimmer" der Marke mit dem Stern biegt man ihm nicht zuletzt sprachlichen Feinschliff und viel von seinem perfekten Englisch bei, unverzichtbares Handwerkszeug im Umgang mit den Medien, die künftig auf ihn einstürmen werden, wo immer er auftaucht. Kaum je unterläuft ihm dabei ein grober Schnitzer, schon allein deshalb, weil er stets die Deckung oben und dahinter kühlen Kopf behält.

Dass sich mit seinem Erscheinen die Götterdämmerung anbahnt, trotz der Überlegenheit der Williams Renault Anfang der Neunziger und trotz der lastend-autoritären Präsenz des alten Meisters Senna, wird sofort spürbar. Spa 1991 - plötzlich taucht während der Qualifikation auf den Bildschirmen im Pressezentrum sein Name ganz oben auf, die anderssprachigen Journalisten suchen verwundert Rat bei den deutschen: Wie zum Teufel spricht man das aus?

Bereits beim nächsten Rennen in Monza verhandeln sein Teamchef Eddie Jordan auf der einen und die Benetton-Männer Flavio Briatore und Tom Walkinshow auf der anderen Seite um die Dienste von Schumacher, moderiert wird das Gespräch von F-1-Boss Bernie Ecclestone, der das Talent von Schumacher sofort erkannt hat und in Sorge ist, dass es beim Jordan-Rennstall verkümmern könnte.

Immer auf Angriff gepolt

Den leicht verwirrten eigentlichen Helden hat der Grand-Prix-Papst längst ins Bett geschickt: Wenn du morgen aufwachst, bist du Benetton-Pilot. Schumacher dankt's auf seine Weise, mit Punkten in den folgenden drei Läufen. Da sieht Teamgefährte Nelson Piquet auf einmal ganz alt aus, überstrahlt und überschattet wie all die anderen, die sich künftig mit und an ihm messen müssen, Martin Brundle, Riccardo Patrese, JJ Lehto, Jos Verstappen, Johnny Herbert, Eddie Irvine, Rubens Barrichello und Felipe Massa.

Ein wenig wild geht er anfänglich schon noch zur Sache, so dass ihn FIA-Chefarzt Sid Watkins nach seinem Unfall beim Training zum Finale 1991 in Suzuka zur Brust nimmt: Er sei ein hübscher Kerl, aber wenn er so weitermache, werde er demnächst eine hübsche Leiche abgeben.

Da ist sein erster Sieg schon in Sicht, einer von sechs auf dem Schumi-Schicksalskurs von Spa, wo sonst. Der nächste stellt sich in der folgenden Saison in Estoril ein. Und obwohl es 1994 endlich zu der Traumehe zwischen Ayrton Senna und dem Williams-Rennstall kommt, kann sich niemand des Eindrucks erwehren, der frühe Schumacher sei bereits schneller als der späte Senna, wohl auch der Brasilianer selbst nicht.

Am 1. Mai wird die Sache auf schlimme Weise in Imola entschieden. Fotos von den wenigen Runden vor dem tödlichen Unfall von Senna dokumentieren eine Drohgebärde: der Williams von Senna vorn, Schumachers Benetton leicht versetzt dahinter, sein Pilot voll auf Angriff gepolt. Dann fliegt der brasilianische Formel-1-Gott Senna vor Schumachers Augen von der Piste.

Der Tod Sennas beschert Schumacher seinen ersten Formel-1-Titel, der den Rest der Saison außer Konkurrenz fährt. 1995 folgt der zweite WM-Titel im Benetton, ab 1996 sieht der Mann Michael Schumacher Ferrari-Rot - mit dem bekannten Ergebnis. "Wenn wir mit ihm nicht gewinnen", sagt Fiat-Boss Gianni Agnelli bei der offiziellen Ankündigung der Partnerschaft 1995 in Monza, "dann sind wir selbst schuld."

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insgesamt 2 Beiträge
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1.
Ingo Cernohorsky, 31.07.2009
Bild 7/12: Es war nicht der erste Sieg seit Jahren. Bereits in den Jahren 1994 und 1995 gelang es Gerhard Berger bzw. Jean Alesi jeweils einen Sieg für Ferrari in der Formel 1 zu erfahren.
2.
Thomas Wiedemann, 02.08.2009
"Und obwohl es 1994 endlich zu der Traumehe zwischen Ayrton Senna und dem Williams-Rennstall kommt, kann sich niemand des Eindrucks erwehren, der frühe Schumacher sei bereits schneller als der späte Senna, wohl auch der Brasilianer selbst nicht." Falsch!!! Die Überlegenheit des 92/93er Williams kam daher, weil sie eine computergesteuerte Aufhängung hatten, die die geniale Aerodynamik von Adrian Newey immer im optimalen Winkel in den Fahrtwind stellte. 1994 wurde diese Aufhängung verboten. Williams hatte grosse Probleme den Williams mit konventionneler Aufhängung stabil zu halten. Schliesslich stimmten sie den Wagen sehr tief und bretthart ab. Das hatte aber grosse Nachteile auf welligen Pisten. Höchstwahrscheinlich verunfallte Senna deshalb, weil sein Wagen mit der Bodenplatte in der Tamburellokurve auf einem Buckel aufsetzte. Der 94er Williams war schwer zu fahren, der 94er Benetton hingegen ein grosser Wurf. Senna war seinen Teamkollegen weit überlegener als Schumacher ! Er nahm Alain Prost im Training bis zu 2 Sekunden ab ! Und im Verhältniss zu den gefahrenen Rennen hohlte Senna viel mehr Pole-Positionen. In Monaco fuhr er Prost so weit davon, dass es schon peinlich war!! Senna ist der wahre König der Formel 1.
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