Phantom der Fußballgeschichte Die Bomben-Mannschaft

Phantom der Fußballgeschichte: Die Bomben-Mannschaft Fotos
Ralf Klee

Ihr Torverhältnis war 117:13. Mitten im Zweiten Weltkrieg klaubte ein fußballverrückter Flak-Oberst ein Team aus kickenden Luftwaffensoldaten zusammen. Zwischen Tod und Trümmern fegte die Wirbelwind-Elf alle deutschen Traditionsclubs vom Platz. Dann war ganz plötzlich Schluss. Von Ralf Klee

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 4 Kommentare
    3.2 (685 Bewertungen)

Im Herbst 1942 erstellte Luftwaffen-Oberst Fritz Laicher, Kommandeur der Flak-Artillerie in Hamburg, eine ungewöhnliche Liste. Der sportbegeisterte Generalstabsoffizier notierte die Namen all jener Fußballstars, die als Soldaten im "Luftgau XI", der sich von Göttingen bis Dänemark erstreckte, dienten. Laichers Liste hatte es in sich: Mehrere Nationalspieler fanden sich darauf, etwa der Verteidiger Reinhold Münzenberg von Alemannia Aachen, Karl Miller vom Hamburger FC St. Pauli, auch ein Defensivmann, und Jakob Lotz vom 1. FC Schweinfurt 05.

Wenig später wurden die drei Kicker nach Hamburg abkommandiert. Ihre Mission: eine konkurrenzlose Spitzenmannschaft zu formen und den deutschen Fußball aufzurollen.

Am 8. Dezember 1942 versammelten sich hochrangige Luftwaffenoffiziere, voran Oberst Laicher und General der Flieger Ludwig Wolff, Kommandeur des "Luftgaus XI", im Besenbinderhof in Hamburg, um den "Luftwaffen-Sportverein Groß-Hamburg" zu gründen. Um eine Begründung für ihr mitten im Krieg seltsam anmutendes Steckenpferd waren sie nicht verlegen: Von "Volksbetreuung der schwer geprüften Bevölkerung" war die Rede, ebenso davon, dass man mit der eigenen Elf "seinen Beitrag im deutschen Sport während des schicksalhaften Ringens des deutschen Volkes zu leisten" gedenke.

"Eine Bomben-Mannschaft"

Nur knapp zwei Jahre sollte der an diesem Tag aus der Taufe gehobene Verein existieren. Doch in dieser kurzen Zeit wirbelten die Luftwaffen-Kicker mit dem Adler auf der Brust das deutsche Fußballwesen mächtig durcheinander. Aus dem Nichts kommend deklassierte die Elf 1943/44 so gut wie jeden Gegner, ihr Torverhältnis am Saisonende betrug sagenhafte 117:13 Treffer. Aus dem Stand erreichte die zusammen gewürfelte Mannschaft das Pokalfinale wie das Meisterschaftsendspiel.

Dann verschwanden die Blitzaufsteiger wieder, so plötzlich, wie sie gekommen waren. Der LSV Hamburg taucht in den einschlägigen Statistiken als Vizemeister und Pokalfinalist auf - doch sonst weiß man kaum etwas über ihn. Während zu jedem mehr oder weniger erfolgreichen deutschen Verein heute inflationär Vereinschroniken erscheinen, scheint eine Soldatenmannschaft der Nazis ein zu heißes Eisen zu sein - und so ist der Luftwaffen-Sportverein Hamburg bis heute das Phantom der deutschen Fußballgeschichte.

Bereits zwei Tage nach der Gründung im Besenbinderhof bestritt das Team am 10. Dezember sein erstes Spiel. Gegner war der Hamburger Polizeisportverein. Eine Zeitung berichtete, das erste Treffen "des am Dienstag aus der der Taufe gehobenen Luftwaffensportvereins Groß-Hamburg" sei ein "voller Erfolg" gewesen. Zwar hatten sich nur knapp 500 Personen - meist Soldaten und Schutzmänner auf den Stehtraversen der Polizei-Kampfbahn verloren. Doch wer dabei war, wird es nicht vergessen haben - denn die "Bombenmannschaft" der Luftwaffe hatte 6:1 gesiegt und dabei den Erstligisten Polizei über 90 Minuten vorgeführt.

Scherz oder Verschwörung?

Umgehend machte sich der LSV daran, im Vereinspokal abzuräumen. Gegner im Pokalfinale in Stuttgart war der First Football Club Vienna. Die Wiener, bei denen mit Richard Dörfel und Rudi Noack zwei Hamburger spielten, galten als Favorit, hatten sie im Halbfinale doch Altmeister Schalke 04 eindrucksvoll mit 6:2 demontiert. Die Luftwaffe ging daher mit Akribie an die Vorbereitung. General Wolff stellte seine Ju-52 zur schnellen Anreise zur Verfügung; bereits zwei Tage vor dem Finale flog das Team gen Südwesten.

Im Stuttgarter Hotel "Viktoria" allerdings ging es weniger ruhig zu, als sich Trainer Karl Höger erhofft hatte: Pressevertreter gingen ein und aus, ebenso Funktionäre und die Sportprominenz - alle waren neugierig auf die Luftwaffenelf. Die LSV-Kicker saßen gerade beim Abendessen, als plötzlich Schiedsrichter Emil Schmetzer am Tisch auftauchte. "Hör mal Karl, Du glaubst doch nicht etwa, das Du mit dem Soldatenhaufen den Pokal gewinnst?", habe Schmetzer den LSV-Trainer Höger angeraunzt, erinnerte sich später Ersatztorwart und Trainersohn Karlheinz Höger. "Lass uns am Sonntag spielen, dann sehen wir, wer gewinnt", sei die Antwort seines Vaters gewesen. "Das kann ich dir jetzt schon sagen!", habe der Schiri prompt zurückgeschossen.

Ein Scherz unter alten Sportsfreunden? Oder eine Verschwörung gegen den unbeliebten Soldatenverein? Man kann Emil Schmetzer nicht mehr befragen. Der renommierte Schiedsrichter, 1954 noch bei der WM in der Schweiz im Einsatz, starb 1988. Fest steht, dass viele seiner Entscheidungen umstritten waren. In der 49. Minute verhängte er einen Strafstoß, mit dem Wien zum 1:1 ausglich - "eine Entscheidung die allgemein Kopfschütteln erregte", so "Kicker/Fußball". Und als Willi Gornick den LSV in der 80. Minute mit einem Tor, "wie man es schöner und vollendeter nur selten sieht" (so ein Sportjournalist) wieder in Führung brachte, winkte Schiedsrichter Schmetzer ab: Handspiel. Andere dagegen waren sicher, dass Gornick "den Ball mit dem Bauch und keineswegs mit der Hand mitgenommen" habe. In der Verlängerung hatten die Wiener die größeren Reserven und wurden durch einen Treffer von Rudi Noack in der 113. Minute deutscher Pokalsieger.

Dienstverpflichtete Ausländer als Liga-Kicker

"Die zivilen, alteingesessenen Vereine Hamburgs werden darin vielleicht so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit sehen", schrieb die "Fußball-Woche" süffisant, dass gerade der ehemalige HSVer den 'vernichtenden' Streich gegen den LSV geführt hat." Solche Schadenfreude war verbreitet, denn die anderen Vereine sahen sich in einem ungleichen Wettkampf. Das Wehrmachtsteam zog Spieler nach Belieben per Befehl von anderen Klubs ab und konnte viermal in der Woche auf der mondänen Anlage des Poloklubs in Klein-Flottbek unter professionellen Bedingungen trainieren.

Bei vielen Traditions-Clubs dagegen hatte der Bombenkrieg tiefe Spuren hinterlassen; es mangelte an Sportanlagen, Bällen, Stiefeln, Trikots, die oftmals als Stoffspende der Wehrmacht geopfert wurden. Vor allem fehlten Spieler. Neben Jugendlichen griff man sogar auf dienstverpflichtete Ausländer zurück - ab 1942 liefen in Hamburg eine Reihe von Dänen, Belgiern und Holländern für Vereine wie den HSV auf. Doch auch mit Dick Been von Ajax Amsterdam und Marinus Visser vom Haarlemsche FC konnten die Rothosen dem LSV die Gaumeisterschaft nicht streitig machen - gnadenlos fertigte der seine Gegner ab: 7:1 den FC St. Pauli, 8:1 den mehrmaligen "Gaumeister" Eimsbütteler TV, 14:0 gar die Kriegssportgemeinschaft St. Georg-Sperber. Lediglich der HSV nahm den Kickern in Uniform mit einem 2:2 den einzigen Punkt der Spielzeit ab - unter minutenlangem Jubel der HSV-Anhänger.

Andererseits entwickelte das Publikum auch eine Art Hassliebe zu dem Soldatenverein. Man hielt zwar zu den Traditions-Clubs und bejubelte jeden Treffer gegen den LSV frenetisch. Doch dass "Vereinsführer" Laicher die Einnahmen aus dem Pokal-Halbfinale den bombengeschädigten Hamburger Fußballklubs spendete, half dem Image der Elite-Kicker. Vor allem aber bewunderten die Zuschauer insgeheim die Spielkunst der Soldaten. Tausende ließen sich so bei deren Auftritten von Tod und Trümmern ablenken: Spitzenfußball als große Show - und als Narkotikum. Dass die Hamburger auch das Finale um die deutsche Meisterschaft gegen das Team des Dresdner SC um Nationalspieler Helmut Schön (später Bundestrainer und Weltmeister 1974) mit 0:4 verloren, machte sie in den Augen vieler Fußballfans fast schon sympathisch. Kurz vor dem Anpfiff im Berliner Olympiastadion hatte die LSV-Mannschaft von einem schweren Luftangriff auf Hamburg erfahren.

Das letzte Spiel

Doch im Herbst 1944 war Schluss. Sämtliche Luftwaffensportvereine wurden per Weisung verboten. Fritz Laichers Gegner im Offizierskorps jubelten; für sie war der Oberst ohnehin nur ein geltungssüchtiger Schöngeist, der mit seinem Fußballhaufen die Wehrkraft schädigte. Am 26. September absolvierte der erfolgverwöhnte Verein sein letztes Spiel auf einem kleinen Grandplatz im Hamburger Stadtteil Veddel; ein standesgemäßes 5:0 gegen die Kriegssportgemeinschaft Hermania-Komet.

Im Tor stand damals Karlheinz Höger. "Wir gingen nach dem Spiel einfach auseinander, ohne große Feier, ohne großes 'Auf Wiedersehen'", ", erinnert er sich." Ein Teil der Mannschaft wurde unmittelbar danach an die Front versetzt." Fritz Laicher, der Erfinder des LSV Hamburg, wurde Kommandeur der 2. Flakdivision an der Westfront und geriet im April 1945 in Gefangenschaft. Von seinen Spielern, glaubt Karheinz Höger, hätten die meisten den Krieg überlebt: "Laicher war unsere Lebensversicherung", sagt er heute.

Artikel bewerten
3.2 (685 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Julia Zorn, 15.04.2008
Ein sehr schöner Beitrag- diese Mannschaft war mir bisher nur vom Hörensagen her bekannt. Hat das Team jemals gegen die 'Roten Jäger' von/mit dem Brilliantenträger Hermann Graf gespielt?
2.
Markwart Herzog, 16.04.2008
Ein gut recherchierter Beitrag! Gratulation an Ralf Klee! Antwort auf die Frage: Der LSV Hamburg hat zweimal gegen die Roten Jäger gespielt: am 16.1.1944 siegten die Roten Jäger 3:2, und am 19.3.1944 gelingt dem LSV die Revanche mit 5:1.
3.
Renate Franz, 18.06.2008
Sehr schöner informativer Artikel! Ich wollte im Nachgang jetzt auf ein Fußballspiel zwischen deutschen Kriegsgefangenen und englischen Soldaten in Ägypten 1947 hinweisen, sehe aber jetzt, daß der Artikel, den ich dazu las, auch von Ralf Klee stammt ;) Doppeltes Kompliment!
4.
Joachim Pichert, 26.07.2009
Guter Artikel! Mein Vater,Albert Pichert,verst.1998,war Mitspieler in der 1.Mannschaft bei der Luftwaffe(oder Lufthansa)Besitze noch 2Bilder von ihm mit Trikot.Wer kann mir helfen etwas mehr zu erfahren,er selbst sprach fast nichts über diese Zeit.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH