Picture-Discs Wenn Vinyl im Dunkeln glüht

Picture-Discs: Wenn Vinyl im Dunkeln glüht Fotos
Benjamin Maack

Abspielbare Stoffservietten, singende Postkarten, eine Country-Single in der Form von Texas: Wenn Peter Bastine seine Schallplatten-Schatzkammer öffnet, staunen selbst Phono-Fanatiker. Denn er sammelt kunterbunte Bildplatten statt schnöder schwarzer Scheiben - einestages zeigt die schönsten, witzigsten, skurrilsten Stücke seiner Vinyl-Kollektion. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 4 Kommentare
    3.0 (1019 Bewertungen)

Routiniert tanzen die Finger des 56-Jährigen Peter Bastine durch die Reihen seiner Sammlung. Eine Scheibe nach der anderen flappt nach vorne und gibt den Blick auf immer kuriosere Schallplatten frei. Manchmal hält er kurz inne, zieht ein Exemplar heraus, hält es vor sich hin und lächelt zufrieden. Das ist der Moment, in dem die Scheibe dem begeisterten Spezialisten ihre Geschichte preisgibt.

Bastines Leidenschaft sind Schallplatten der etwas anderen Art: knallbunte Scheiben, oft in bizarren Formen - Bildplatten, bei denen das Cover unter das Vinyl gedruckt ist wie ein übergroßes Tattoo. Und Bastine kann zu ihnen Storys erzählen von jahrelangen Nachforschungen, endlosen Briefwechseln und Reisen um die ganze Welt. Geschichten über längst vergessene Plattenlabels oder Chemiker, die an der Erfindung des Vinyls beteiligt waren. Und Geschichten, bei denen er in immer abgefahrenere Details abdriftet - und dabei gar nicht merkt, dass sein Gegenüber schon lange nicht mehr mitkommt. Dann lacht er kurz in sich hinein und sagt: "Naja, das sind dann so die Geschichten, die man sich eher unter Sammlern erzählt."

Kinderbuch auf dem Plattenteller

Und es gibt viele feine Unterschiede. Der wichtigste ist der zwischen "Picture-Discs" und "Picture-Records": Discs sind aus Vinyl und drehen mit 33 oder 45 Umdrehungen ihre Runden auf dem Plattenspieler. Picture-Records sind aus Pappe, seltener aus Schellack und kreiseln 78 Mal in der Minute auf dem Teller eines Grammophons. Die "78er-Ära", wie Bastine sie nennt, beginnt schon 1904 mit abspielbaren Postkarten und endet in den späten fünfziger Jahren mit der Erfindung der Schallplatte aus Vinyl.

Mit seinen eigenen Picture-Discs - "Kill 'em All" von Metallica oder einer "Iron Maiden"-Scheibe mit Zombie Eddy, dem Band-Maskottchen - kann man Bastine nicht beeindrucken. Zu der Zeit sei es nur noch darum gegangen, PR für Künstler zu machen. "Richtig interessant wird es erst bei den früheren Sachen, wo es noch um Erfindungsgeist ging, wo die Platten einem noch Geschichten erzählt haben", sagt Bastine.

Dann durchforstet er seine Kisten mit noch mehr Elan nach noch spektakuläreren Raritäten: Kinderbücher von 1948, die man lesen oder einfach gleich komplett auf das Grammophon legen und abspielen konnte - ein Audiobook des Analogzeitalters. Oder die "Magic Mirror Movies" aus den Fünfzigern: ein kleines Spiegelkarussell, das man auf die Platte stellte und welches eine auf den Tonträger gedruckte Bildfolge in einen Ultrakurzfilm verwandelte.

Die Herstellung des in Sammlerkreisen legendären "Medusa"-Samplers - einer Punk-Compilation von 1978, die im Dunklen leuchtete und einen Discokugel-Effekt erzeugte - war so kompliziert, dass sich das Album kein Punk-Fan leisten wollte. Dann hält Bastine die einzige Schellack-Picture-Record, die jemals in Deutschland hergestellt wurde, in den Händen: Eine schlichte Scheibe mit einer Ansicht der alten Salzstadt Lüneburg darauf - unscheinbar, aber eben mit einer tollen Geschichte. "Das ist doch besser als fünf Iron-Maiden-Platten!", sagt er dann, oder: "Die würde man doch niemals gegen ein Dutzend von Metallica eintauschen wollen!" Er hat natürlich Recht.

Pilgerstätte Bambus-Bar

Was Bastine angefixt hat? Eine Scheibe, die strenggenommen gar keine Picture-Disc war - eine Single der französischen Rockgruppe "Telephone", rot und in der Form eines Fernsprechers. Solche Platten nennen Kenner "unrund" oder "shaped". "Das war '79, als gerade die große Picture-Disc-Welle aus Großbritannien nach Deutschland rüberschwappte", erinnert sich der Rekordsammler. "Von da an habe ich mein ganzes Geld für Picture-Discs ausgegeben. Und eigentlich ist das bis heute so."

Das Kapital dafür verdiente er früher als Promoter und Konzert-Veranstalter, er hat für Uriah Heep, Frank Zappa oder AC/DC gearbeitet. Heute betreibt er in einer Seitenstraße in der Hamburger Neustadt eine Bar namens "Bambus" - zu der Sammler aus den USA, Brasilien, Italien, Kanada oder Japan pilgern, um sich seine Sammlung anzusehen, Stücke zu tauschen und zu kaufen. Oder sich einfach nur Bastines Geschichten anzuhören. Denn weder im Internet noch in Bibliotheken findet man viel zur Historie der kunterbunten Tonträger - wer etwas darüber wissen will, muss Aficionados wie Bastine fragen.

Das würde der Sammler gerne ändern. Seit zehn Jahren schon arbeitet er an einem Buch über die Geschichte der Bildplatte, von den ersten abspielbaren Postkarten bis zur Iron Maiden mit dem Zombie Eddy drauf. "Das werden wahrscheinlich so 400 bis 500 Seiten. Aber ich weiß wirklich nicht, ob das jemals fertig wird. Und selbst wenn, weiß ich ehrlich gesagt nicht genau, wer das lesen soll. Vieles davon sind ja eher so Geschichten, die man sich unter Sammlern erzählt", sagt er, schüttelt den Kopf und zieht eine weitere Platte aus einer Kiste.


Noch mehr interessante Themen finden Sie hier auf der Homepage von einestages!

Artikel bewerten
3.0 (1019 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Friedemann Wachsmuth 20.02.2008
Auch wenn meine Seite nicht fertig oder besonders hübsch ist, kann ich mit http://www.peaceman.de/inhalt/platten/kurioses/ doch einiges ähnlich kurioses und seltenes beitragen. Mein Sammeltrieb gilt weniger den Picturedisks als den Schallfolien, und meine Sammlung umfasst eher um die Hundert als ein paar Tausend Stücke. Ich biete dort desweiteren Hörproben -- und kann auch Licht in die Geschichte des 1000DM-Scheines bringen. Sobald die Zeit es mir erlaubt, werde ich dieses Online-Museum mal weiter ausbauen und auch endlich den Fingerphonen Tribut zollen -- ich habe dutzende davon und kaum einer scheint sie zu kennen... schön zu merken, dass das Thema aber noch andere interessiert :-)
2.
Tanja Krienen 20.02.2008
Schön vor geraumer Zeit, habe ich einen kleinen Teil meiner Sammlung ins Netz gestellt. Einige der kuriosesten Stücke sind hier zu sehen - http://www.campodecriptana.de/blog/2006/05/07/529.html
3.
Henning Petersmann 21.02.2008
Während der Britpop-Welle in den Neunzigern ahtte ich ein Abo der englischen Musikzeitschrift "Q". Ich bin mir sicher mich an eine dort gestellt Leserfrage nach der ersten Picturedisc erinnern zu können. Ebenso meine ich, die Antwort sei gewesen, es sei eine Platte aus den Dreißiger Jahren auf der Adolf Hitler abgebildet sei. Es handele sich um eine Sammlund diverser bei Propagandaveranstaltungen populärer Märsche. Ist meine Erinnerung richtig oder kann jemand diese AUssage bestätigen? Leider habe ich bei einem Umzug vor einigen Jahre meine gesamte Sammlung an "Q"s vernichtet, daher aknn ich diesen Artikel nicht mehr nachschlagen.
4.
Roland Schunk 05.01.2011
Es gibt zum Thema ein gutes Buch mit 600 Abbildungen: "Gimmix-Book of Records", Edition Olms, 1981
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH