Pilgerstätte Skatopia Freistaat feiern

Pilgerstätte Skatopia: Freistaat feiern Fotos
Richie Wireman

Mitte der neunziger Jahre gründete eine Handvoll Lebenskünstler in den USA ein Paradies für Aussteiger, Skater und rebellische Teenies. Sie schufen einen utopischen Mini-Staat, geführt von einem tätowierten Diktator und CIA-Agenten, die Autos anzündeten. Von

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Die Hügel im Umland von Rutland, Ohio, sehen aus wie ein Kriegsschauplatz: Pulverdampf durchzieht den Nachthimmel. Silvesterraketen erleuchten schiefe Bretterbuden, Wohnwagen, Skateboard-Rampen und Tausende Flaschenscherben im Gras. Motorengeräusche und Donnern hallen durch die Luft. Zwei Männer lassen sich auf einer Holzplanke von einem Jeep durch den Matsch ziehen. Sie trinken Dosenbier dabei.

Aus einer rosabemalten Scheune beschallt eine Punkrockband das Anwesen in den Hügeln. Der bis auf einen String-Tanga und seinen mit Dildos geschmückten Helm nackte Sänger brüllt wie im Todeskampf ins Mikro - während sich das Publikum selig lächelnd herumschubst. Eine Stripperin tanzt auf der Veranda der Scheune, rutscht von ihrer Stange ab und plumpst auf den Boden. Mit einem Flammenwerfer steckt ein Tätowierter einen Berg aus Autowracks in Brand. Die Masse drängt sich wie um ein Lagerfeuer. Einige springen auf die brennenden Wracks und dreschen mit Äxten und Skateboards auf sie ein. Plötzlich ertönt über dem Chaos eine Stimme durch ein Megafon: "Hey Nachbarn! Wir haben mehr Spaß als ihr!"

Es ist die Stimme des "Diktators", wie Brewce Martin sich selbst nennt. 1995 kam er nach Rutland, einer 420-Seelen-Gemeinde, in der große Ländereien die Farmhäuser voneinander trennen und sich keiner wirklich darum schert, was der Nachbar macht. Der ideale Ort, um Martins Kindheitstraum zu verwirklichen: eine abgetrennte kleine Welt zu erschaffen, in der Skateboarder so wild, laut und betrunken sein dürfen wie sie wollen. Er und ein paar Freunde kauften günstig 36 Hektar Land in einer der ärmsten Gegenden von Ohio. An diesem Ort, so schworen sie sich, werde eines Tages der größte Skatepark der Welt entstehen. Ein Mekka, zu dem Rollbrettfahrer aus aller Herren Länder pilgern würden, um zu feiern. Und sie rammten jenes Schild in den Boden, das noch heute an der Einfahrt zum Grundstück steht: "Skatopia. Betreten auf eigene Gefahr."

"Ich kam heim, und es waren 200 Kids im Garten"

Martin ist ein Mann in den Vierzigern, aber er wirkt jünger. Vielleicht liegt es an den blonden Surfersträhnen, die in sein sonnengegerbtes Gesicht hängen. Vielleicht auch an den Tätowierungen, die seine muskulösen Arme zieren. Oder einfach an der überbordenden Energie, mit der er ständig, schnell und laut redet. Besonders gerne über sich selbst: Im "Rolling Stone" verglich er sich 2008 mit Robin Hood, Nietzsche, Sokrates und Stephen Hawking. Hawking zog er dabei nur deshalb Einstein vor, "weil er in einem Rollstuhl sitzt, und genau da werde ich auch eines Tages landen". Sein liebstes Alter Ego aber ist der Mongolenherrscher Dschingis Khan. Jeder brauche ein Oberhaupt wie Dschingis Khan, so Martin, und er sei schon immer ein Anführer gewesen.

Und vor allem hasste Martin Regeln. In den siebziger Jahren war er als Teenager in die kalifornische Stadt Buena Park gereist. Hunderte Kilometer hatte der begeisterte Skateboarder zurückgelegt, um in den berühmten Beton-Skatepark des Ortes zu fahren - und wurde bitter enttäuscht. Im Dokumentarfilm "Skatopia: 88 Acres of Anarchy" erinnert sich Martin: "Man musste bezahlen, um reinzukommen. Man musste volle Sicherheitsmontur tragen. Man durfte sich nicht betrinken. Es war kein '-opia' in diesem Ort."

Seine Mutter Pat Martin sagt, Brewce sei damals eine echte erzieherische Herausforderung gewesen: Er nagelte Möbel zusammen und bastelte daraus eigene Skateboard-Hinderniskurse im Keller des Hauses. Auch den Garten baute er mit Rampen zu. "Und dann fingen die Partys an!", erinnert sie sich. "Manchmal, wenn ich von der Arbeit kam, tummelten sich 200 Kids in meinem Garten." Sie fuhren Skateboard, tranken, tanzten zu Punkbands, die auf improvisierten Bühnen spielten. Doch Pat Martin machte gute Miene zum bösen Spiel, ihrem Sohn zuliebe: "Brewce hatte als Teenager ein Gewaltproblem. Das Skateboardfahren half ihm, seine Aggressionen zu kanalisieren". Darum habe sie ihn sogar ermutigt, weiterzumachen.

Verwandlung in ein anderes Wesen

Und das tat Brewce: Nachdem er von zu Hause ausgezogen war, tingelteg er ein Jahrzehnt durch verschiedene Orte und hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, während er ständig neue und bessere Rampen baute. Nicht, ohne damit anzuecken. Also mieteten er und ein paar Freunde 1994 ein Grundstück in einer ländlichen Gegend von West Virginia und bauten dort eine riesige Halfpipe. Sie feierten, fuhren nackt Skateboard und hörten laute Musik, bis die Eigentümerin sie von ihrem Land jagte. Innerhalb von nur sieben Tagen mussten sie den selbsterbauten Skatepark wohl oder übel wieder abreißen. Und so entschieden sie, selbst Grund zu kaufen - in einer noch entlegeneren Gegend.

Angesichts der Herausforderung, den weltgrößten Skatepark ohne jedes Budget bauen zu wollen, entpuppte sich Brewce Martin als echter Marketing-Stratege: Er gründete eine Organisation der Skatopia-Unterstützer. Und taufte sie auf den Namen "CIA" - als Kürzel für "Citizens Instigating Anarchy", Bürger, die zur Anarchie anstiften. Mitglieder der Organisation durften sich verschwörerisch als "Agenten" bezeichnen. Brewce und seine Freunde druckten "CIA"-Logos auf billige Shirts und verkauften sie als exklusives Agenten-Accessoire für 100 Dollar pro Stück. Sie brachten ein eigenes Schuhmodell heraus, suchten Werbesponsoren, kauften Schrottwagen auf, zerlegten sie und verkauften die Einzelteile weiter. Vor allem aber kam Martin eine Idee, wie sie den Skatepark weitestgehend ohne Geld bauen konnten: Wer auch immer nach Skatopia kommt, um dort zu feiern, zu trinken und zu skaten, muss sich auch heute noch verpflichten, mindestens eine Stunde mitzuarbeiten.

Und die Leute kamen in Scharen: Vor allem im Sommer, während des jährlichen "Summer Bowl Bash"-Skateboard-Wettbewerbs, verwandelt sich die Farm in eine Art Skatepunk-Woodstock. MTV schickte "Jackass"-Star Bam Margera ins Dörfchen Rutland - der Gerüchten zufolge panisch wieder vom Gelände floh. Mittlerweile reisen Leute aus allen Teilen der Welt an, um in der bizarren Skateboard-Kommune auszurasten. Für viele Leute sei das so etwas wie ein Urlaubsresort, erklärt Martin. Die Menschen kämen hierher, um sich zu entspannen, sich mit Silvesterraketen zu beschießen, Sex mit Fremden zu haben, zu skaten und sich dabei das Bein zu brechen: "Was auch immer es ist, das sie glücklich macht - hier können sie es ausleben".

Blut und Chaos

So sehr der Wunsch nach einem Ausbruch aus dem geregelten Alltag sie eint, so verschieden sind die Menschen, die nach Skatopia pilgern: Da sind die Punks, die in Unterhose im Dosenbierregen Pogo tanzen. Oder alternde Skateboarder, die noch einmal die wilden Zeiten aufleben lassen wollen. Es kommen Hippies wie der wandernde Banjospieler Micah, der auf den Bäumen des Anwesens herumklettert und ständig von seiner "spirituellen Reise" quasselt. Oder Aussteiger wie der Alkoholiker Nick, der betrunken einen Autounfall baute, bei dem sein Freund starb - und der nach einem Gefängnisaufenthalt als Mechaniker für Schrottautos in Skatopia Fuß fasste. Und natürlich sind es Scharen Halbwüchsiger, die in Skatopia endlich die ihnen von der Erwachsenenwelt auferlegten Regeln sprengen wollen.

Das geht natürlich längst nicht immer gut: 2008 etwa wurde Nathan Priest vom Gelände geworfen, ein kleiner Junge, gerade 13 Jahre alt. Mit einer Axt hatte er den Wagen eines anderen Besuchers zertrümmert - in der Annahme, das sei okay so in Skatopia. Es geht rau zu in diesem Paradies, in dem man Schönheit vergeblich sucht, das stattdessen nur hässlich, laut und zügellos ist. Und immer wieder sieht man Blut: Das mit Dreck vermischte Blut an den Ellenbogen beim Tanzen Hingefallener. Das frische und tiefrote Blut, das durch das schmutzige T-Shirt quillt, das sich ein Skater nach einem Sturz als improvisierten Verband um den Kopf gebunden hat. Und das verkrustete Blut auf den Rücken Betrunkener, die sich längst nicht mehr an die Verletzung erinnern.

Doch das vielleicht Erstaunlichste an diesem Ort ist, dass all dieses Chaos aus Blut, Exzess und Anarchie auf eine seltsame Weise zu funktionieren scheint. All die Jahre gab es keine Toten, keine Vergewaltigungen, keine Schwerverletzten. Denn so martialisch diese seltsame, utopische Welt auf einem Acker in Ohio auf den ersten Blick auch wirkt - was sie ihren Bewohnern wirklich gibt, hat nichts mit Krieg zu tun. Im Gegenteil: Sie finden Frieden.

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1.
Alfons Huber 11.01.2011
Na sowas. Die machen einfach Anarchie, und es funktioniert! Daß das mal keine Schule macht ;)
2.
Arne Polzer 11.01.2011
Nun ja; vollkommen klar, dass mit jedem Tag die Chance steigt, dass tatsächlich jemand all das mit dem Tod bezahlt. Trotzdem sollte man für diese Einrichtung etwas spenden - vorausgesetzt die Klientel bleibt lebenslang dort.
3.
Alfons Huber 11.01.2011
Nun ja; bei allem Respekt. Auch bei Ihnen steigt mit jedem Tag die Chance, daß Sie tatsächlich das Leben mit dem Tod bezahlen. Und die von Ihnen hier anscheinend verachtete Klientel ist mir persönlich 1000x lieber, als ein frustrierter und vom Leben überforderter Durschnittsbürger aus dem örtlichen Schützenverein :)
4.
Lennard Störmer 11.01.2011
Also ich persönlich bin selber Skater und tue dies mit höchster Leidenschaft und ich finde, dass sowas Deutschland auch mal ganz gut tun würde. In meiner Heimatstadt Minden gibt es einen 'Skatepark' der mittlerweile komplett fürn ... ist, da sich die Stadt nicht um diesen kümmert oder ihn in Stand hält. Wenn wir uns dann aber selbst um dieses Problem kümmern, dann wird das Obstacle (z.B. Rampe) sofort abgebaut. Mit der Begründung, dass sie nicht mehr sicher sei, weil wir Hand angelegt haben. Ebenso herrscht hier so gut wie Skateverbot in der Innenstadt, was aber mittlerweile (zum Glück) ignoriert wird, da die Cops einen nicht mehr sofort anzeigen, wenn man nur mit Board unterm Arm durch die Stadt läuft, welches zwischenzeitlich der Fall war. Mittlerweile ist ein altes Kriegerdenkmal vom 1. Weltkrieg zu unserem Auflaufpunkt geworden und durch hunderte Male Skateboarding beschädigt worden. Die Einwohner hier sehen das natürlich als negativen Zug von uns, da wir ja angeblich alles kaputt machen usw. Aber da frage ich mich: Warum gibt uns die Stadt keinen vernünftigen Park, so dass wir nicht mehr an Denkmal geschützten Häusern und in Parkhäusern zwischen Autos fahren müssen? AW vom Bürgermeister: "Es gibt kein Geld." Hmm...komisch. Vor 3 Jahren wurde hier eines der modernsten Krankenhäuser Europas gebaut und in den nächsten Jahren soll ein großes Einkaufszentrum in der ganzen Innenstadt gebaut werden. Aber für nen kleinen Park fehlt das Geld??? Was ist das für eine Politik??? Meine Meinung ist also, dass das Skaten in Deutschland Ernst genommen werden sollte und die Politik auch mal auf die Wünsche von Jugendlichen hören sollte (nicht auf reiche Ladenbesitzer, die den Aufsichtsrat besetzen) und zumindest nicht immer mit Strafen auf uns zu kommen sollte.
5.
Liam Stern 08.10.2014
Unglaublich! In ihrer Stadt wird tatsächlich ein Krankenhaus anstelle eines Skateparks gebaut! Die Zeiten werden immer schlechter. :) nicht böse gemeint, aber das ist wirklich nicht vergleichbar.
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