Pin-up-Kunst Ein Bild von einer Frau

Pin-up-Kunst: Ein Bild von einer Frau Fotos
Corbis

Kess, kokett und knapp gekleidet: In den dreißiger Jahre eroberten gemalte Schönheiten die Titelseiten der Herrenmagazine an Amerikas Zeitungsständen. Manchmal schockten auch nackte Covergirls das prüde Publikum - dabei waren selbst die im Vergleich zu heute die pure Unschuld. Von

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Sie kniet vor dem Tannenbaum und hängt eine Weihnachtskugel auf. Sie zwinkert uns zu, den rot geschminkten Mund kess geöffnet und mit eingezogenem Bauch, so dass die Rippen hervortreten. Eine rote Mütze mit weißem Bommel sitzt schräg auf ihren schwarzen Locken - ansonsten ist Bettie Page auf dem Foto, das 1955 in der Januar-Ausgabe des "Playboy" erschien, völlig nackt. Aber das störte das Playmate der ersten Stunde nicht. Schließlich laufe sie ja zu Hause auch herum, wie Gott sie schuf, sagte sie dem "Playboy" im Interview. Denn "Gott hat nichts gegen Nacktheit", so Page, "Adam und Eva waren im Garten Eden ja auch nackt. Und wenn sie sich nicht mit dem Teufel eingelassen hätten, wären sie das auch für alle Zeit geblieben."

Bettie Page wurde in den Fünfzigern von Künstlern und Fotografen gleichermaßen gefeiert. Sie war als Fotomodell so berühmt wie die Filmstars Jayne Mansfield und Marilyn Monroe. Trotzdem markierten Bilder wie dieses das Ende der Unschuld. Fotografie und nackte Tatsachen verdrängten das klassische Pin-up, das seinen Namen der Tatsache verdankte, dass US-Soldaten im Zweiten Weltkrieg ihre Spinde mit den leichtbekleideten Damen schmückten. Rangierten diese gemalten Pin-ups noch kess an der Grenze zwischen Kunst und Erotik, war die neue Pin-up-Generation Ausdruck des immer härter werdenden Konkurrenzkampfs an den Kiosken. 20 Jahre zuvor sah das noch völlig anders aus.

Viele Kurven und noch mehr Bein

Es war 1933, als die Macher eines gänzlich neuen Magazintyps den damals freischaffenden Künstler George Petty engagierten. Er erhielt den Auftrag, ein kleines Cartoon zu zeichnen mit einem überschlanken und für die damalige Zeit ausgesprochen erotischen Mädchen. "Esquire", das erste Männermagazin, schlug im Zeitungsmarkt ein wie eine Bombe und machte Petty weltbekannt.

Bald lieferte der Maler nicht mehr nur Cartoons ab, sondern prägte mit seinen Bildern von leicht bekleideten Mädchen, die unschuldig mit ihren Reizen kokettierten, das klassische Pin-up. Die sogenannten Petty-Girls und fast alle nachfolgenden Pin-ups waren schlank, hatten überlange Beine, eine üppige Oberweite und tendierten zur Wespentaille. Petty malte ihnen anfangs noch einen Hauch von Kleidung auf den makellosen Körper, später hüllte er sie nur noch in Badeanzüge oder knappste Hosen. So räkelten sie sich auf Liegen, telefonierten, tanzten, hockten und zeigten viele Kurven und noch mehr Bein - immer lachend, kokett, nett.

Nur eines, das machten die klassischen Pin-ups der dreißiger bis fünfziger Jahre nie: Mit schleiereulendem Blick und laszivem Schmollmund um die männliche Aufmerksamkeit buhlen. Pin-ups waren kein Porno. Sie waren idealisierte Darstellungen des netten Mädchens von nebenan, das unbeholfen und manchmal ein wenig tollpatschig wirkte und gerade dadurch die Männer bezauberte.


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Die "Vergötterung des amerikanischen Mädchens"

Die gesamten dreißiger Jahre lang beherrschten George Pettys Bilder im "Esquire" die Pin-up-Ästhetik. 1940 trat dann Alberto Vargas die Nachfolge von Petty bei dem berühmt-berüchtigten Männermagazin an. Die Varga-Girls, wie seine Pin-ups genannt wurden, sollten allerdings weit mehr von der Welt sehen als ihre Vorfahren - zumindest in gemalter Form. Denn die hübschen Herrenträume dienten vielen Soldaten des US Army Air Corps als Vorlage, wenn es darum ging, die "Nasen" ihrer Flugzeuge zu verzieren. Mit der "Nose Art" schwärmten die Pin-ups im Zweiten Weltkrieg in die ganze Welt aus. Fern der Heimat spendeten ihnen die Mädchen mit ihrem lang-bewimperten Augenaufschlag Trost und waren bald weit mehr als einfach Erotik: Pin-ups stärkten die Moral der US-amerikanischen Truppen.

Das "Esquire" und die Varga-Girls bestimmten über Jahre hinweg den Markt der Männermagazine und zogen wie einen Kometenschweif eine ganze Reihe von Nachfolgern hinter sich her. "Beauty Parade", "Eyeful", "Whisper" und "Flirt" waren Zeitschriften, die mit viel Haut und wenig Stoff um die Pennys der Arbeiter, Soldaten und Bürohengste warben. Die Slogans der Magazine waren eindeutig: "Die reizendsten Mädchen der Welt" titelte die "Beauty Parade", "Flirt" versprach "ein freches Magazin", "Eyeful" die "Vergötterung des amerikanischen Mädchens".

Vom Pin-up- zum Hollywood-Star

Sex sells - das hatten die Verlage erkannt. Und auch die Werbung scheute sich bald nicht mehr, die hübschen Mädchen für ihre Zwecke einzusetzen. Der Coca-Cola-Konzern, der schon seit Ende des 19. Jahrhunderts mit Limonade trinkenden Frauen geworben hatte, ging in den vierziger Jahren noch einen Schritt weiter: Die Mädchen auf den Werbeplakaten ließen sich das klebrige Kaltgetränk fortan im Bikini kredenzen. In den vierziger und fünfziger Jahren kam kaum jemand an dem Phänomen Pin-up vorbei: Leicht bekleidete Mädchen zierten bald alle erdenklichen Untergründe, posierten auf Kosmetikverpackungen und Kalenderblättern oder lächelten von Leuchtreklamen und Plakatwänden herunter. Selbst Hollywoodsternchen warben in bester Pin-up-Manier für ihre neuesten Kinostreifen.

Und nicht nur das: Mancher Star hätte es ohne die Pin-up-Künstler nie bis nach Hollywood geschafft, so der Pin-up-Kenner Thomas Wilkerling, der eine der größten frei zugänglichen Webseiten zum Thema betreibt. Als beispielsweise der Pin-up-Maler Earl Moran 1946 ein 20-jähriges, schüchternes Mädchen portraitierte, ahnte er noch nicht, wie berühmt die junge Schauspielerin einmal werden sollte. Doch seine Bilder sollten der aufstrebenden Actress entscheidend bei ihrem Durchbruch helfen: Marilyn Monroe wurde das Sex-Symbol der fünfziger Jahre.

Hatte Marilyn noch bei Moran Modell gesessen, um sich malen zu lassen, posierte sie wenige Jahre später überwiegend vor den Linsen der Fotografen. Dem technischen Fortschritt hatten Pinsel und Palette nichts entgegen zu setzen. Der Markt verlangte einen steten Strom neuer Bilder, ein Gemälde kostete mehr Zeit und vor allem weitaus mehr Geld als eine Fotografie. Zudem machten pornografische Bilder den klassischen Pin-ups den Markt streitig.

Die Ära der gemalten Pin-ups währte nur knapp drei Jahrzehnte. Doch während die erotische Bilderflut der Folgezeit in die Beliebigkeit abdriftete und heute längst vergessen ist, haben sich die gedruckten Gemälde schlanker Mädchen in leichter Bekleidung zu Ikonen der amerikanischen Popkultur gemausert, die von Künstlern zitiert und von Sammlern verehrt werden.


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