Pink Floyds Jahrhundertalbum Die dunkle Seite des Menschen

Pink Floyds Jahrhundertalbum: Die dunkle Seite des Menschen Fotos
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Sinn statt Drogen: Anfang der siebziger Jahre hatten Pink Floyd keinen Bock mehr, mit ihrer Musik den Soundtrack für Zugedröhnte zu liefern - und schrieben "The Dark Side of the Moon". Das Album mit menschelnder Message wurde zum Millionenseller. Nicht alle in der Band kamen damit klar. Von Oliver Klatt

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Alles begann dort, wo Tag für Tag in hitzigen Diskussionen viele großartige Ideen geboren und genauso schnell wieder vergessen werden: am Küchentisch. Im Dezember 1971 saßen die Bandmitglieder von Pink Floyd im Haus von Schlagzeuger Nick Mason im Nordwesten von London beisammen - und schauten allesamt ausgesprochen ratlos drein. Der Grund für die Trübsal: Alle vier hatten das Gefühl, musikalisch in einer Sackgasse angekommen zu sein. Auf Konzerten spielte man immer noch Stücke, die Gründungsmitglied Syd Barrett geschrieben hatte, obwohl der die Band bereits 1968 aufgrund seines exzessiven Drogenkonsums verlassen musste. Auch verstrickte man sich während der Live-Auftritte immer mehr in ausufernde Improvisationen, die Gitarrist David Gilmour im Rückblick als "Rumgenudel" bezeichnen sollte.

In jener Küche in Camden Town kam Roger Waters schließlich die zündende Idee, wie man das ungeliebt gewordene Image einer Band abschütteln könnte, die mit ihrem psychedelischen Space Rock nur noch den Soundtrack für Drogenerfahrungen zu liefern schien. Ihr nächstes Album, so Waters, sollte sich ganz der Wirklichkeit zuwenden. Anstatt sich in phantastischen Welten zu verlieren, erklärte er, wäre es viel zeitgemäßer, sich mit jenen Zwängen auseinanderzusetzen, die Menschen auf der ganzen Welt davon abhalten, glücklich zu sein. Die Bandkollegen waren begeistert.

Das Album sollte "Ausdruck eines politischen, philosophischen und menschlichen Mitgefühls" sein, erinnert sich Waters in der 2003 erschienenen Dokumentation "The Making of the Dark Side of the Moon". Und tatsächlich gelang es ihm, in den folgenden Monaten eine Reihe von Songtexten zu schreiben, die weltumspannende Themen wie Krieg, Isolation, die Herrschaft des Geldes und die Hektik der Gegenwart zu seinen eigenen, zutiefst persönlichen Erfahrungen in Beziehung setzten.

Krieg, Geld und Wahnsinn

In dem Song "Us and Them" etwa, der auf einer Komposition von Keyboarder Richard Wright beruht, die dieser ursprünglich für Michael Antonionis Film "Zabriskie Point" geschrieben hatte, behandelt Waters die Ursachen militärischer Konflikte. Er selbst hatte seinen Vater verloren, als dieser im Alter von 30 Jahren im Zweiten Weltkrieg ums Leben kam und litt noch immer darunter. In der Single "Money" wiederum macht sich Waters, dessen Eltern beide Kommunisten gewesen waren, über die Allmacht des Geldes lustig - wohl wissend, dass er und seine Bandkollegen sich nichts sehnlicher wünschten, als mit ihrer Musik reich und berühmt zu werden. "Brain Damage" schließlich ist ein Lied für die Verrückten dieser Welt. Traurige Inspiration für den Song lieferte der zunehmende geistige Verfall seines Freundes und ehemaligen Bandleaders Syd Barrett.

Auch musikalisch beschritten die Mitglieder von Pink Floyd mit "The Dark Side of the Moon" neue Wege. So wurde das Album zunächst als Live-Performance konzipiert, ehe man die Aufnahmen in den legendären Londoner Abbey Road Studios in Angriff nahm. Bereits Ende 1971 hatte die Band damit begonnen, das neue Material in einer heruntergekommenen Lagerhalle, die den Rolling Stones gehörte, zu schreiben und zu proben. Bei anschließenden Auftritten wurde das Album unter dem Namen "Eclipse" in voller Länge vor Publikum aufgeführt und in den folgenden Monaten während weiterer Sessions und Konzerte verfeinert.

Die meisten der Songs saßen daher perfekt, als die Band am 1. Juni 1972 ins Studio ging. Toningenieur war der damals erst 23-jährige Alan Parsons, der schon für die Beatles am Mischpult gesessen hatte und später für seine Arbeit an "The Dark Side of the Moon" mit einem Grammy geehrt wurde. Angeregt von der Experimentierfreunde des Beatles-Albums "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" sollte auch das neue Pink-Floyd-Werk mehr werden als eine gewöhnliche Rock-Platte. Die Bandmitglieder - allen voran Schlagzeuger Nick Mason - schlugen daher vor, die bereits fertigen Songs mit Alltagsgeräuschen und allerlei Klangspielereien anzureichern.

"Das Abmischen des Albums war eine Performance"

Am Anfang der blueslastigen, im ungewöhnlichen 7/4-Takt komponierten Single "Money" etwa klimpern Münzen und klingeln Registrierkassen. Was heute dank Sampler und Computertechnik ein Kinderspiel ist, war damals aufwendige Bastelarbeit: Tonbänder mit den gewünschten Geräuschen mussten auseinander geschnitten und zu präzise auf das Tempo des Songs abgestimmten Klangschleifen neu verklebt werden. Während Waters also rauchend an einem frisch ausgepackten Synthesizer stand und versuchte, dem neuen Spielzeug nie gehörte Töne zu entlocken, versuchten seine Kollegen, nicht über mitunter quer durch das Studio gespannte Tonbandschlaufen zu stolpern.

Die Bandmitglieder wurden nicht müde, mehr und mehr Instrumente und Gesangsspuren hinzuzufügen, um "The Dark Side of the Moon" voller und erhabener klingen zu lassen. So viel Spaß an der Zusammenarbeit hatte man bis dahin im Studio noch niemals verspürt. Sängerinnen und Gastmusiker wurden eingeladen, und oftmals mussten sämtliche Bandmitglieder Parsons unter die Arme greifen, um die Regler des Mischpults zeitgleich zu bedienen und die vielen Tonspuren von vierfach übereinander gelegten Gitarrenriffs oder Chorstimmen in den Griff zu bekommen. "Damals war das Abmischen eines Albums eine Performance", erinnerte sich David Gilmour. Und Tontechniker Parsons musste später zugeben, dass er zu sehr mit den täglich komplizierter werdenden Aufnahmen beschäftigt gewesen war, um mitzubekommen, worum es bei "The Dark Side of the Moon" eigentlich ging.

Dennoch handelte es sich bei all dem nicht um bloße Effekthascherei. Jedes der noch nie zuvor auf einer Platte festgehaltenen Klangexperimente von "The Dark Side of the Moon" unterstreicht die von Roger Waters angesprochenen Themen: Der Herzschlag, der zu Beginn und am Ende des Albums zu hören ist, verdeutlich auf simple Weise seinen Wunsch, etwas über den Zustand des Menschen zu sagen. Das Ticken und Klingeln der Uhren am Anfang von "Time" ruft dem Zuhörer das unaufhaltsame Ablaufen der eigenen Lebenszeit ins Bewusstsein. Das irre Gelächter in "Speak to Me" und "Brain Damage" steht für den Wahnsinn, in den derjenige abzudriften droht, der den Anforderungen der Gesellschaft nicht mehr gewachsen ist. Und die rasende Synthesizersequenz, die Schritte und Flugzeugmotoren in "On the Run" sind Ausdruck einer allgegenwärtigen Schnelllebigkeit - können aber auch als schlichter Hinweis auf Waters' Flugangst interpretiert werden.

Der Anfang vom Ende?

Darüber hinaus hatte Waters den Roadies der Band und Angestellten der Abbey Road Studios interviewt. "Hast du Angst vor dem Sterben?", fragte er sie. Oder: "Wann warst du das letzte Mal gewalttätig?" Ihre Antworten hielt er auf Tonband fest. Darunter waren teils verblüffende Aussagen wie "Ich habe keine Angst vor dem Tod. Der kann jederzeit kommen" und "Ich habe so lange für Bands gearbeitet, dass ich darüber den Verstand verloren habe". Die rauen Stimmen von Abbey-Road-Pförtner Gerry O'Driscoll und Roadie Roger "The Hat" Manifold, die immer wieder aus der Musik auftauchen, stehen im Kontrast zur perfekten Produktion des Albums. Sie repräsentieren wohl "die Stimme des kleines Mannes", von dem in Waters' Texten immer wieder die Rede ist.

Als "The Dark Side of the Moon" im März 1973 schließlich erschien, eroberte es innerhalb weniger Monate die Welt. Das lag nicht zuletzt an einer teueren Werbekampagne des Labels, die Pink Floyd auch in Amerika zu großer Bekanntheit verhalf. Es folgten ausverkaufte Konzerte in Sporthallen und Stadien. David Gilmour beklagte sich später einmal darüber, dass die neu gewonnene Berühmtheit dazu geführt habe, dass bierselige Fans während ruhigerer Passagen der Konzerte lautstark nach "Money" verlangten. Oder sich unterhielten, während das Publikum bei früheren Tourneen andächtig der Musik gelauscht hatte.

In dem von John Harris verfassten Buch "Pink Floyd und The Dark Side of the Moon" wird Roger Waters, der die Band 1985 verließ, mit den Worten zitiert: "Dermaßen erfolgreich zu sein, ist das Ziel jeder Gruppe. Und wenn man es erreicht hat, ist alles vorbei." Zwar nahm Pink Floyd in den kommenden zwei Jahrzehnten noch sechs weitere Studioalben auf - darunter das von den Fans verehrte "Wish You Were Here" und das Doppelalbum "The Wall" - doch der schöpferische Zenit der Band war nach Waters' Auffassung bereits überschritten.

Wahnsinn ist zeitlos

Von "The Dark Side of the Moon" wurden bis heute weltweit mehr als 50 Millionen Alben verkauft, alleine eine Million in Deutschland. Es machte die Bandmitglieder steinreich. Nach Michael Jacksons "Thriller" und "Back in Black" von AC/DC hat sich kein Album häufiger verkauft. In den amerikanischen Billboard-Charts hielt sich "The Dark Side of the Moon" ganze 14 Jahre, ein Kunststück, das keiner anderen Band bisher gelungen ist.

Warum sich "The Dark Side of the Moon" bis heute derart gut verkauft, stellt selbst die Band vor ein Rätsel. "Ich kann wirklich nicht sagen, warum es sich im Vergleich zu den anderen großartigen Platten, die es gibt, so lange gehalten hat", sagt Gilmour in der Pink-Floyd-Biografie von Nicholas Schaffner. Vielleicht ist es das Covermotiv, das einen Lichtstrahl zeigt, der sich in einem Prisma bricht, das längst zu den bekanntesten Plattencovern der Welt gehört. Oder die Tatsache, dass "The Dark Side of the Moon" unter Hi-Fi-Fans benutzt wird, um ihre sündhaft teuren Stereoanlagen zu testen. Auch die Musik selbst klingt kaum gealtert. Schließlich nahm das Album durch den Einsatz von Klangschleifen und Synthesizerloops Techniken vorweg, die erst Jahrzehnte später zur Selbstverständlichkeit wurden.

Der eigentliche Grund, warum "The Dark Side of the Moon" nach wie vor zeitlos ist, ist vermutlich die Entscheidung, die Pink Floyd in Nick Masons Küche trafen: ein Album zu machen, das sich mit den Problemen der Welt auseinandersetzt. Und das sämtliche von Roger Waters in Texten zu "Time", "Us and Them" oder "Brain Damage" angesprochenen Probleme heute von einer Lösung genauso weit entfernt sind wie vor vierzig Jahren. Es lohnt daher, sich die bombastische Lightshow auf den Konzerten, die audiophilen Mehrkanal-Spielereien und den unvorstellbaren Verkaufserfolg wegzudenken und "The Dark Side of the Moon" als das zu sehen, was es ist: ein glasklarer Blick auf die dunkle Seite des Menschseins.

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1.
Mathias Völlinger 24.03.2013
Das war wohl die erste Platte, die ich mir für meinen vom ersten selbstverdienten Geld angeschafften Stereotower auch noch KAUFTE (Es gab ja noch Chromdioxid-MCs und Radiosendungen). Wahrscheinlich wegen dem ansprechenden Cover und weil die Platte drin so schön grün war. Aber die Stereoeffekte, gerade mit Kopfhörer, waren schon genial.
2.
Hans Hass 24.03.2013
Ein Text voller Platitüden. Pink Floyd machten also ein "Album, das sich mit den Problemen der Welt auseinandersetzt"... gut, dass wir das jetzt erfahren haben. Sehr peinlich auch, dass uns ein Bild "Pink Floyd heute" aus dem Jahr 2006 vorgesetzt wird. Rick Wrigth ist seit mittlerweile fünf Jahren tot!
3.
Stefan Blanck 25.03.2013
Wer verzapft so einen schwachsinnigen ersten Absatz? 1979 wissen die Bandmitglieder nicht, wohin die musikalische Reise hingehen soll und konzipieren dann 8 Jahre früher Dark Side of The Moon?
4.
Harald Engels 24.03.2013
Ich war nie ein großer Fan von "Dark Side of the Moon" aber es ist schon erstaunlich wie modern dieses Album immer noch klingt. Und ja, die Produktion ist einfach Spitzenklasse, so viel Liebe zum Detail findet man heute nur noch selten.
5.
Stefan Blanck 25.03.2013
Auch wenn der Autor des Artikels wohl eher "Ende der sechziger Jahre" meinte, ist das etwas effektheicherisch übertrieben. Das Schaffen der Band in jener Zeit gestaltete sich durchaus eher als kontinuierlicher Prozess, denn als Sinnkrise nach dem Motto: "Wir müssen jetzt mal etwas ganz anderes machen." Dazu höre und sehe man sich einfach auch mal Pink Floyd live in Pompeji an. Und auch mit sozialkritischen Songs haben sie nicht erst bei Dark Side of the Moon begonnen.
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