Pioniere der globalen Kommunikation Kabelanschluss für die Neue Welt

Pioniere der globalen Kommunikation: Kabelanschluss für die Neue Welt Fotos
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4200 Kilometer lang, 9000 Tonnen schwer: In einem Höllenritt über den Atlantik verlegten Ingenieure das erste Tiefseekabel von England nach Amerika. Doch der heiße Draht hielt gerade einmal 400 Nachrichten lang: Nach einem Stromstoß von 2000 Volt war wieder Stille im Ozean. Von

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Es muss ein bizarrer Anblick gewesen sein: 1833 spannten zwei Erfinder Drähte über die Dächer von Göttingen. Die Zeitgenossen guckten irritiert, aber die Wissenschaft jubelte - und feierte die erste elektrische Nachrichtenübermittlung über eine längere Distanz. Als im gleichen Jahr Samuel Morse den ersten, einfachen Übermittlungscode ("Morsecode") erfand, war der Siegeszug der elektrischen Telegrafie nicht mehr aufzuhalten. Telegrafenmasten wurden aufgestellt, ganze Länder verkabelt. In den Hafenstädten dieser Welt war jedoch Schluss, Kabel im Meer gab es nicht. Die schnellen Nachrichten wurden hier auf langsame Schiffe verladen und von Kontinent zu Kontinent transportiert.

Alle Versuche, Kabel auch unter dem Meer zu verlegen, sei es in gläsernen Röhren oder aber mit Schellack geschützt, scheiterten. Erst um 1846 glimmte ein erster Hoffnungsschimmer auf. Händler hatten von der Insel Sumatra einen milchartigen Saft mitgebracht: Bei einer Temperatur von 50 Grad wird aus dem Harz des Guttapercha-Baumes eine weiche und knetbare Masse - das erste Isoliermaterial für Erd- und Seekabel war gefunden.

Ein Jahr später entwickelte Werner Siemens die sogenannte "Extrusionspresse", eine Maschine zur Ummantelung von Kabeln. Diese Erfindung führte 1847 nicht nur zur Gründung der Telegrafenbauanstalt "Siemens & Halske", die sich zu einem deutschen Industriegiganten entwickeln sollte - sie bildet bis heute die technische Grundlage für das Ummanteln von Kabeln.

Eine Nachricht an Napoleon, dann war das Kabel kaputt

Andere Firmen entwickelten ebenfalls ähnliche Maschinen - auf einmal schien die größte Hürde auf dem Weg zur Vernetzung der Kontinente aus dem Weg geräumt. Bereits 1850 begannen wagemutige Geschäftsleute um den britischen Nachrichtentechniker Jacob Brett, auf dem Boden des Ärmelkanals ein erstes Telegrafenkabel zu verlegen. Dieses erste Unterseekabel hielt genau einen Tag und war kurz nach dem Absenden einer Nachricht an Napoleon für immer verloren.

Trotzdem wurde das gebrochene Kabel als Erfolg gefeiert. Sofort machten sich die gleichen Techniker daran, ein neues zu verlegen. Es verfügte nun über eine zusätzliche Armierung, einen Mantel einzelner Strahlkabel, der die isolierten Kupferleiter schützte. Diese Maßnahme hatte Erfolg: Ab dem 13. November 1851 verband dieses Kabel für 36 Jahre Frankreich und England - zwei historisch verfeindete Nationen näherten sich durch das Kabel zumindest kommunikationstechnisch wieder einander an.

Der größte Wunsch der Geschäftsleute an den Börsenplätzen in London und New York war jedoch die Einrichtung einer Telegraphenverbindung zwischen der Alten und der Neuen Welt. Nur: Wie sollte man im stürmischen und unberechenbaren Nordatlantik ein Tausende Kilometer langes Kabel verlegen? Es brauchte unverbesserliche Optimisten, um das scheinbar Unmögliche möglich zu machen. Cyrus W. Field (1819-1892), ein junger New Yorker Geschäftsmann, war so ein Mensch. Mit Papierhandel hatte er es schnell zu großem Wohlstand gebracht. Er war Visionär genug, ein so waghalsiges Projekt zu unterstützen: ein Kabel von Neufundland bis nach Europa! Über ein unterseeisches Plateau sollte es in etwa 1000 Metern Tiefe von Valencia Island in Südwestirland bis nach St. Johns in Neufundland verlaufen.

Ein Stromstoß von 2000 Volt zerstört das Unterwasserkabel

Bereits ein Jahr nach den ersten Planungen wurde im Sommer 1857 das Kabel geliefert. Es hatte ein enormes Eigengewicht und musste daher auf zwei Schiffe verteilt werden, die jeweils 2000 Kilometer Kabel aufnahmen. Fields erste Versuche erwiesen sich jedoch als Fehlschlag. Immer wieder riss das Kabel und sank auf den Grund. Erst der fünfte Versuch brachte am 5. August 1858 den Erfolg. Die Verbindung zwischen Europa und Nordamerika stand - Field und seine Partner wurden euphorisch gefeiert.

Es sollte ein kurzer Triumph werden. Von Tag zu Tag wurde das Signal immer schwächer. Schon die gegenseitigen Glückwunschtelegramme der britischen Königin Victoria und des amerikanischen Präsidenten Buchanan quälten sich 16 Stunden durch die Leitung. Die häufigste Mitteilung war ziemlich schnell: "Können Sie die Nachricht wiederholen?" Verzweifelt versuchten Techniker, die immer schwächer werdenden Signale zu entschlüsseln, dann fasste einer der leitenden Ingenieure einen fatalen Entschluss: Er ließ die Stromspannung erhöhen, in der Hoffung, so das Signal zu verstärken. Bereits der erste Buchstabe - ein Stromstoß von 2000 Volt - zerstörte das erste funktionierende Transatlantikkabel. Nach nur vier Betriebswochen lag es nun verschmort auf dem Grund des Nordatlantiks.

Weniger als 400 Depeschen hatten es in der kurzen Zeit über das Kabel geschafft. Fields, der zuvor quasi über Nacht zum Star geworden war, wurde nun als Scharlatan verschrien. Böse Zungen behaupteten gar, dass Kabel hätte nie existiert, alles wäre nur ein schlechter Scherz geldgieriger Spekulanten gewesen. Währenddessen startete die Konkurrenz eine Kabelverlegung zwischen Alaska und Sibirien, um die Kontinente auf diesem Wege miteinander zu verbinden. Hier war zwar die Gesamtlänge des Kabels deutlich höher, dafür musste lediglich eine vergleichsweise kurze Strecke von 60 Kilometern im Wasser der Beringstraße überbrückt werden.

Tödliche Unfälle vor dem Stapellauf

Doch Fields gab nicht auf, im Gegenteil: Angespornt durch die unerwartete Konkurrenz und die Kritiker dies- und jenseits des Atlantiks, verfolgte er sein Ziel nur noch ehrgeiziger. Er verbesserte die Technik, reiste über 30 mal nach Europa, organisierte neue Geldgeber - sogar die Queen zeichnete Anteile an seiner neuen Firma. Das Kabel wurde technisch verbessert und sollte nun aus einem Stück bestehen. Doch welches Schiff könnte ein mehr als 7000 Tonnen schweres Kabel transportieren?

Während einer seiner Europareisen fiel sein Blick auf die Great Eastern. Ein gigantisches Passagierschiff, mit Platz für 4000 Passagiere und 15.000 Tonnen Kohle, welches sowohl über Schaufelräder, als auch Schiffsschraube, als auch über Segel angetrieben wurde und als einziges Schiff seiner Zeit ohne Zwischenstopp die Welt umrunden konnte. Da aber damals derartige Passagierkapazitäten gar nicht benötigt wurden und die Great Eastern aufgrund mehrerer tödlicher Unfälle während Bau und Betrieb zudem noch als Unglücksdampfer galt und kaum gebucht wurde, dümpelte sie nach nur wenigen Passagierreisen ungenutzt im Hafen herum. Fields jedoch sah sofort ihr Potenzial als Kabelleger und erwarb das Schiff für kleines Geld.

Nachdem die Kabeltanks in die Great Eastern eingebaut waren, dauerte es allerdings noch einmal fünf Monate, bis das gigantische, mehr als 5100 Kilometer lange Kabel geladen war. Als die Great Eastern mit der Verlegung begann, schrieb man bereits das Jahr 1865. Mit fünf Seemeilen pro Stunde ging es auf die Fahrt in Richtung Westen nach Neufundland. Es sollte jedoch wieder eine Reise ohne Erfolg werden. Das Kabel riss und war verloren. Die Herbststürme beendeten dieses Abenteuer und erst bei einem erneuten Anlauf verlief im Sommer des darauffolgenden Jahres alles reibungslos. Am 9. September 1866, acht Jahre nach der ersten Übertragung, gab es wieder eine Verbindung zwischen den USA und England.

Der Beginn grenzenloser Kommunikation

Als die Konkurrenz von der funktionierenden Verbindung hörte, wurde der Bau des Alaska-Sibirien-Kabels eingestellt, denn auch hier hatte man mittlerweile mit Problemen zu kämpfen: Indianer schnitten immer wieder Kilometer lange Kabelstücke aus der Verbindung und bauten daraus Hängebrücken. Mehr als zehn Jahre hatten Field und seine Mitstreiter ihrem Traum hinterher gejagt. Einem Traum, der nun Wirklichkeit geworden war und Telegrafie zwischen Kontinenten in Echtzeit mit sieben Worten pro Minute ermöglichte. Es war der Beginn grenzenloser Kommunikation.

Als Cyrus W. Field im Sommer 1892 verstarb, hatte längst eine neue Ära begonnen. Ab 1890 experimentierte der italienische Physiker Marconi mit der drahtlosen Telegrafie über Funkwellen. Ihm gelang am 12. Dezember 1901 die erste transatlantische Funkübertragung zwischen England und Kanada. Dieser Kommunikationsweg war bis in die fünfziger Jahre hinein die einzige Möglichkeit, von Europa aus mit den USA zu telefonieren. Erst 1956 ging mit dem TAT-1 Kabel das erste transatlantische Unterwasserkabel für Telefonie in Betrieb. Anfangs konnten 36 Gespräche gleichzeitig über diese Kabel erfolgen. In den folgenden Jahrzehnten vervielfachte sich die Kanalanzahl und bereits 1970, als Telefon und Fernschreiber den Morsecode längst ersetzt hatten, standen über das analoge TAT-5-Kabel 845 Telefonkanäle zur Verfügung.

In der Telekommunikation der Gegenwart hat die digitale Technik die meisten alten analogen Kupferkabel längst abgelöst. Moderne Glasfaserkabel, wie das 2001 in Betrieb genommene TAT-14-Kabel, würden heutzutage allen Einwohnern einer Großstadt wie Köln einen gleichzeitigen Anruf in die USA ermöglichen. Eines ist jedoch geblieben, auch wenn sich die Materialien geändert haben: Auch heute noch sind es sind die Unterseekabel, die schnelle Kommunikation ermöglichen. Ihre Gesamtlänge schätzen Experten auf etwa 300.000 Kilometer.

Noch heute sind Seekabel am schnellsten

Während die Verlegung der Kabel im 19. Jahrhundert noch einem Abenteuer glich und in der Gegenwart längst Routine ist, so sind die Risiken auf dem Meeresboden nahezu gleich geblieben und trotz der modernen Technik bleibt es auch heute nicht aus, dass wir davon etwas mitbekommen: Wenn die Internet-Seite aus Japan zum Beispiel ungewöhnlich langsam auf den heimischen PC kommt, dann könnte es daran liegen, dass ein Erdbeben in der Tiefsee vor Tokio gerade ein wichtiges Seekabel zerstört hat oder irgendwo auf dem Meer vor Hawaii ein Fischer seinen Anker auf einen Hunderttausende Doller teuren unterseeischen Kabelverstärker geworfen hat.

Und wenn das Surfen im Internet überhaupt keinen Spaß mehr bringt, weil die aufgerufenen Seiten trotz eines schnellen DSL-Anschlusses nur noch so eintröpfeln, dann kann es sein, das man eine Satellitenverbindung erwischt hat. Erst dann merken wir, wie wichtig die schnellen Seekabel sind. Satelliten sind auch heute keine besonders gute Alternative. Die Wegstrecke in den Orbit und zurück ist weit und die verfügbaren Bandbreiten sind teuer und begrenzt. Sie werden daher oft nur bei Ausfall mehrerer Seekabel benutzt. Dann, wenn eigentlich gar nichts mehr geht oder wenn vielleicht gerade eine Internet-Verbindung aus einem chilenischen Bergdorf benötigt wird, dort, wo der nächste Internet-Anschluss an der Küste 200 Kilometer weit weg ist.

Hier, im pazifischen Ozean, finden sich übrigens auch Spuren aus der Zeit des Cyrus W. Field. Es kann durchaus vorkommen, dass unter unseren modernen Glasfaserkabeln noch ein altes Telegraphenkabel liegt, denn noch immer durchziehen Tausende Kilometer stillgelegter Leitungen die Tiefsee, geschützt von Guttapercha. Das Isoliermaterial von einst wird heute übrigens nur noch von Zahnärzten benutzt - zur Versiegelung von Wurzelkanälen.

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1.
Daniel Giebel, 12.08.2008
Guter, langer Artikel zu diesem Thema: http://origin.www.wired.com/wired/archive//4.12/ffglass.html?topic=&topic_set=
2.
Charles Buffner, 12.08.2008
Sehr interessanter Artikel, mit Spannung (!) erzählt. Leider bekomme ich beim Lesen der Stromspannungs-Terminologie eine Gänsehaut. Spannung wird in Volt gemessen, Strom in Ampere. Daher gibt es keine 2000 Volt Stromstösse. Genausowenig gibt es ein Wort wie "Stromspannung".
3.
Jürgen Jaskolla, 12.08.2008
Sehr gutes Buch zum Thema: "Rausch" von John Griesemer.
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