Windsurf-Pioniere Ziiiiisch!

Mal eben über den Ärmelkanal surfen? Kein Problem! Anfang der Siebziger war Deutschland im Windsurf-Fieber - dank eines Werbers und zweier kauziger Zwillinge. Ein Treffen mit den Männern, die das Lebensgefühl einer Generation prägten.

Archiv Manfred und Jürgen Charchulla

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Da, irgendwo beim Schuppen, muss dieses Ding liegen, so hat es ihnen ein Freund verraten. Es ist schon Nacht auf Sylt, und die beiden Männer sind aufgeregt. Die Kegel ihrer Taschenlampen kreisen durch den Garten, das Haus ist dunkel. Niemand da.

Dann entdecken sie es.

Im Licht schimmert matt ein überdimensioniertes, spitz zulaufendes Bügelbrett - mit Segel. So etwas haben die Zwillinge Jürgen und Manfred Charchulla, in den 15 Jahren, in denen sie gemeinsam zur See gefahren sind, noch nie gesehen. Dass es Windsurfbrett heißt, ahnen sie nicht einmal. Ebenso wenig, wie dieses seltsame Gerät ihr Leben verändern würde - und dass sie bald als "die Surf-Zwillinge" zu den erfolgreichsten Pionieren eines neuen Trendsports aufsteigen würden.

"Unsere erste Reaktion damals war: Das Ding müssen wir unbedingt nachbauen!", erinnert sich Jürgen Charchulla 43 Jahre später auf der Insel Fehmarn, wo sie beide eine Surf-Schule leiten, und sein 15 Minuten älterer Bruder Manfred ergänzt: "Ja, unbedingt!" Dann brechen die langhaarigen Seemänner mit ihren dicht gekräuselten Vollbärten und wettergegerbten Gesichtern gleichzeitig in ein Lachen aus, so tief und grollend wie eine Brandung bei Sturm.

Es ist die Vorfreude auf das, was die 76-Jährigen nun im schnellen Wechsel erzählen werden - die Geschichte eines einfachen Plans, der grandios scheiterte. Ihre stechend blauen Augen strahlen dabei die gleiche Vitalität aus, die Brüder tragen das gleiche Karo-Hemd, darüber eine bunte Peru-Jacke. Der eine beginnt einen Halbsatz, der andere beendet ihn. Dazwischen donnernde Lachsalven, während der Wind dunkle Wolken über Fehmarn treibt.

Noch in jener Nacht im Jahr 1972, als die Brüder das seltsame Surfbrett zum ersten Mal sahen, hatten sie grob Maß davon genommen. Schon am nächsten Tag besorgten sie sich auf Sylt ein normales Surfbrett zum Wellenreiten. In wochenlanger Tüftelarbeit schraubten sie einen Gabelmast darauf, schnitten Segeltuch zusammen - fertig war das Windsurfbrett.

Dachten sie.

"Alles war furchtbar ausbalanciert", erzählt Manfred Charchulla, "zudem sog sich das Baumwollsegel tonnenschwer mit Wasser voll. Wie sollte ich das hochkriegen?" Ihm erschien das alles unlogisch: Ein Boot, bei dem der Mast zum Start aus dem Wasser gezogen werden muss? "Das widersprach allen Prinzipien des Segelns", sagt Jürgen Charchulla. "Wir sind auf großen Schiffen ausgebildet worden, der Mast war immer das Beständige. Der kippt nicht einfach um!"

Erste Versuche - bei Windstärke sieben

Trotz aller Rückschläge tüftelte Manfred weiter an seinem Eigenbau. Er verlängerte das Board, baute zur Stabilisierung zwei Ausleger dran, testete das Ganze in der Nähe seines Wohnorts am westfälischen Möhnesee. Am Ende hatte er eher eine Jolle, langsam und behäbig. Damit war er weit entfernt von der Faszination des Sports, die er später in einem Wort zusammenfasst: "Zischen! Über alles hinwegzischen, alles vergessen."

Ein ähnliches Erlebnis hatte etwas früher Calle Schmid. Der Besitzer einer Sylter Segelschule brachte im April 1972 die ersten beiden Windsurfbretter nach Deutschland. Zufällig hatte er einen dürren Fachartikel über das Windsurfen gelesen, das der US-Amerikaner Jim Drake in den Sechzigern erfunden hatte. Schmidt war sofort fasziniert. Ein mobiles Segelboot, das man unter den Arm von Strand zu Strand tragen konnte? Perfekt für die ständig wechselnden Windverhältnisse auf Sylt!

Calle Schmidt

Windsurf-Regatta in Los Angeles, 1969

Also rief er bei dem Unternehmer Hoyle Schweitzer an, der das Patent für das Windsurfen von Drake erworben hatte, überwies ihm 500 US-Dollar - und stand kurz danach als erster Deutscher auf einem Windsurfbrett. Ein paar Millisekunden zumindest. Bei Windstärke sieben.

"Ich dachte, so viel Wind wären ideale Bedingungen", erzählt der heute 75-Jährige schmunzelnd. "Das wurde eine sehr schmerzhafte Erfahrung." Von den ständigen Stürzen holte er sich Striemen und Prellungen, damals hatten die Bretter noch scharfe Kanten und Schrauben. Er rieb sich dagegen mit Franzbranntwein ein, probierte es noch einmal. Vergeblich.

Am nächsten Tag ein weiterer Versuch. Die See war spiegelglatt, der Wind hatte nachgelassen. "Plötzlich fing ich an zu gleiten. Irre. Ich jubelte und schrie vor Glück." Vielleicht ein wenig Sylt-typisch, dass ihn dabei ein Prominenter beobachtete: Martin Böttcher, Komponist der Karl-May-Filmmusik, war so begeistert, dass Schmidt sofort seinen ersten Auftrag als Surfbrett-Importeur hatte.

Das Surf-Virus breitet sich aus

Auf solche Zufälle wollte er sich künftig nicht verlassen, um Windsurfen populär zu machen. Medienwirksam schipperte der gelernte Werbefachmann über die Hamburger Alster und zog im rasanten Tempo ein dichtes Netz an Surf-Schulen hoch. Sein Prinzip war so einfach wie clever: Damit ungeübte Windsurfer den jungen Sport durch Unfälle nicht in Misskredit brachten, schulte Schmidt zunächst - und verkaufte seine Bretter erst dann. Jeder frisch begeisterter Surfer konnte danach für ihn als Zwischenhändler weitere Schulen eröffnen.

So verbreitet sich das Surf-Virus in der ganzen Republik. Verirrten sich zur ersten Regatta Europas im September 1972 nur zwölf Surfer nach Sylt, lotste Schmidt ein Jahr später zur ersten Europameisterschaft schon 130 Sportler auf seine Heimatinsel. "Ich habe im Windsurfen sofort eine große Zukunft gesehen", berichtet er, "aber nie mit dieser Lawine gerechnet, die ich losgetreten habe."

Alexander Maucher

Erste Windsurf-EM, Sylt 1973

Besonders gut lief es 1973 auf der Düsseldorfer Messe "boot". Regelmäßig warf der Hallenmeister eine Windmaschine an. "Dann zog ich meine Socken aus, stieg in Anzug und Krawatte auf mein Brett und drehte im Hallenbecken locker ein paar Runden. Die Leute klatschten und standen nachher bei mir Schlange." 300 Bretter verkaufte er allein auf der Messe, 2000 im ganzen Jahr.

Zu Schmidts ersten Zwischenhändlern gehörten die Charchulla-Zwillinge, die inzwischen ihre Eigenkonstruktion verworfen hatten. Jürgen kümmerte sich um die Region Bremen, Manfred um den Möhnesee. Er besorgte sich einen ausgedienten Krankenwagen und wandelte ihn in eine mobile Surf-Schule um, mit der er von Strand zu Strand fuhr. "Auf Norderney haben wir jeden Tag etwa 20 Leute ausgebildet", erzählt Jürgen. "Nach drei Monaten hatten wir die Taschen voller Geldbündel."

Jetzt schien alles möglich. Warum nicht auch Australien, wo das Wellenreiten sehr populär war, begeistern? Manfred Charchulla wurde 1974 dort schnell zum Liebling der Medien: ein gutaussehender Surf-Missionar, der so gar nicht zum Klischee des verstockten Deutschen passt und mit Pfeife im Mundwinkel über das Wasser saust. Doch der Funke sprang nicht über. "Die Australier guckten nur dösig und fragten sich, was das mit diesem Segel sollte." Nur sieben Bretter verkaufte er, dann reiste er ab. Australien blieb zunächst Windsurfer-Entwicklungsland.

Gefährliche Rekordjagd

In der Bundesrepublik aber boomte der Sport, und die Charchullas wurden als kauzige Spaßmacher zu den Stars der Szene. Abends am Strand waren sie die ersten, die mit ihren Gitarren Gassenhauer anstimmten. "Meine Kunden haben sich erst über die beiden totgelacht, und nach ein paar Bier mitgegrölt", erinnert sich Schmidt.

Gleichzeitig setzten die Zwillinge aber auch sportliche Rekorde. 1975 surften sie auf einem Tandembrett in acht Stunden als Erste über den dicht befahrenen Ärmelkanal. Das sei "ein Kinderspiel" gewesen im Vergleich zu ihrer Fahrt zwei Jahre später von Dänemark nach Norwegen über den Skagerrak. "Die Wellen haben uns alle fünf Minuten vom Brett geschmissen", erzählt Jürgen Charchulla, "wir hatten ja damals keine Fußschlaufen." Nach 14 Stunden hatten sie 122 Kilometer zurückgelegt - und bekamen an Land mächtig Ärger, weil sie ohne Pässe eingereist waren.

Irgendwann wurden selbst diese wilden Surf-Pioniere etwas bürgerlicher und ließen sich wegen der günstigen Windverhältnisse auf Fehmarn nieder. "Die Einheimischen haben uns anfangs nur geduldet", sagt Manfred. "Sie sagten: Ihr vertreibt mit euren Plastikbrettern doch nur die Fische!" Für die Insel aber war es ein Segen, dass die Brüder blieben. Mit dem Trendsport kam das Geld, Fehmarn galt bald als "Hawaii des Nordens". Bis heute betreiben die Brüder hier erfolgreiche ihre Schulen. Alles wunderbar, wäre es nicht so kalt.

Die Karibik auf Fehmarn

Manfred Charchulla hat versucht, das zu ändern. Jetzt zeigt er von der Terrasse seiner Surf-Schule stolz auf grüne Palmen, krächzende Papageien und Delfine, die aus dem Wasser springen. Er malt so gerne wie er surft, also hat er die gesamte Außenwand seiner Surf-Schule in leuchtende Farben getaucht - und Fehmarn samt seiner berühmten Brücke künstlerisch in die Karibik verlegt.

Genau dorthin fliehen die Zwillinge jeden Winter. Manfred nach Venezuela, Jürgen nach Panama. Draußen senkt sich die Dämmerung über die Ostsee. Drinnen, in Manfreds Atelier, lächeln die Zwillinge auf seinen Ölgemälden mit perlweißen Zähnen und surfen gemeinsam vor einer glutroten Sonne. Haben sie keine Angst vor dem Alter? Vor dem Moment, in dem sie ein anderes Leben führen müssen?

Manfred zögert, dann sagt er bestimmt: "Die See hat uns jung gehalten. Wir werden einfach immer weiter surfen."



insgesamt 6 Beiträge
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vorname nachname, 17.06.2015
1. Heute
Super Artikel! Ein Bild, wie Windsurfen mit heutigem Hightech-Material aussieht, hätte die Sache abgerundet. Viele denken noch immer, Windsurfen gehe mit schwerem, weissen Riesenbrett und Dreieckssegel..
mm2112, 17.06.2015
2. Früher war alles besser...
...als man nach einem langen Tag auf der BOOT noch Abends mit Robby Naish und Pete Cabrinha in der 'Pille' (Kneipe in der Düsseldorfer Altstadt) gehockt hat und im Geiste die Duck-Jibe gefahren ist. Seufz. So unkompliziert - und un-kommerziell - wirds wohl nie wieder..
Jan Peer Stellmann, 17.06.2015
3. Danke!
Selbst Jahrgang 73 bleibt mir an dieser Stelle nur "Danke!" zu sagen. Danke für Euren Pioniergeist, der mir unzählige Stunden des Wasser Schluckens und mindestens ebenso viele des Glücks und "Ziiiiisch" geschenkt hat. Ihr seid wahre Helden!
Ingo Meyer, 18.06.2015
4. Mein Nickname kommt vom Segeln, weil ich eine Rennjolle in den
.. 70er Jahren so benannt habe. Als meine Frau dann als Vorschoter oder Fockaffäffin keine Lust mehr hatte, musste etwas her, dass bei richtig Wind ( über 5 Beaufort ) solo funktionierte! Es war mein bester Sport, bis ich ihn krankheitshalber mit 70 Jahren aufgab. Ein Surfseminar in Coche, Venezuela rundete meine Powerhalsen ab. Irgendeines Abends saß ich mit einer schönen Frau zusammen und schwärmte über das Surfen, mit dem Vergleich, das Surfen besser sei als Sex. Darauf erwiderte sie, ich verstünde wohl nichts von Sex und ich zu ihr: Und Sie nichts vom surfen. Ich habe sie geheiratet und ihr das Surfen beigebracht! Heute schaue ich bewundernd ohne Neid den Kite-Surfern nach. Dass zwei Kollegen damit aus der kleinen Mörderrepublik herausgekommen sind, war für mich eine der besten Surfgeschichten. Übrigens: Surfen und Alkohol Gin gar nicht. Die Anforderungen an das Gleichgewichtsgefühl sind sehr hoch!
Bernd Banken, 21.06.2015
5. aus der Erinnerung heraus….
handelt es sich bei dem ersten Foto um einen Windsurfer Rocket. Zurückgesetztes Schwert und am Heck Doppelfinnen. Hat nichts genutzt, die Welle der (selbstgebauten) Funboards aus PU- oder Styrodurschaum schwappte auch in Deutschland auf's Wasser und die schweren PE-Boards hatten schnell Anfängerstatus. Ein geiler Sport, faszinierende Synthese aus Segeln und Mono-Wasserski. Und dies bei mir seit 1973……..
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