Planung des World Trade Center "Große, böse Gebäude"

Planung des World Trade Center: "Große, böse Gebäude" Fotos
Courtesy of the National Building Museum/Image by Lee Stalworth

Seit 9/11 wird das World Trade Center von der Welt schmerzlich vermisst. Als es geplant wurde, waren die beiden Riesentürme von Bürgern und Architekturkritikern ungeliebte Kolosse - für sie wurde ein ganzes New Yorker Traditionsviertel dem Erdboden gleichgemacht. Von Marc Pitzke

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Langsam wand sich die Prozession durch die Straßen Lower Manhattans. Ein Dutzend Demonstranten folgte einem halboffenen, schwarzen Sarg, in den sich ein Mann gelegt hatte, die Augen geschlossen. "Hier ruht Mr. Kleinunternehmer", stand auf einem Pappschild.

In der Greenwich Street setzten sie den Sarg ab, vor dem Elektronikgeschäft "Oscar's Radio", und der Mann kletterte heraus. "Dieses Projekt nutzt Banken, Versicherungskonzernen, Brokern, Leuten im internationalen Handel", rief er durch sein Megafon. "Warum sollten wir uns für so etwas aus dem Markt drängen lassen?"

Es war Freitag der 13., ausgerechnet, ein heißer Julitag im Jahr 1962. Bei dem Mann im Sarg handelte es sich um Oscar Nadel, den Besitzer von "Oscar's Radio" und Präsidenten der Downtown West Businessmen's Association, einer Vereinigung von Einzelhändlern. Und bei dem Projekt, gegen das er wütete, handelte es sich um das damals größte Bauvorhaben in der Geschichte der USA - das World Trade Center.

325 Geschäfte dem Erdboden gleichgemacht

Die Gestalt dieses Mammutbaus war zu jener Zeit zwar noch unklar. Fest stand aber, dass er auf dem Gelände der "Radio Row" entstehen würde, einem historischen Geschäftsviertel an der Südspitze Manhattans, das dafür komplett dem Erdboden gleichgemacht werden sollte.

Der Abriss betraf 325 Geschäfte - Elektronik, Haushaltswaren, Juweliere, Kramläden. Ein Stück Geschichte würde sterben: Hier waren einst die ersten Röhrenradios verkauft worden. Die staatliche Hafenbehörde Port Authority (PA) bot jedem Händler eine Ablösesumme von 3000 Dollar, was heute einem Gegenwert vor rund 21.000 Dollar entspricht. Doch viele wehrten sich und zogen vor Gericht.

Sie hatten keine Chance. Die Politik siegte. Am 26. März 1966 kamen die Abrissbagger.

Erste Idee im Zweiten Weltkrieg

Die nostalgische Verklärung des World Trade Center am zehnten Jahrestag der 9/11-Anschläge lässt vergessen, dass der Bau ein umstrittenes, ungeliebtes Gebäude war - schon lange vor dem ersten Spatenstich. Jahrzehnte in der Planung, angefeindet, oft verworfen und oft wiederbelebt, hatte es eine der turbulentesten Entstehungsgeschichten im Städtebau - eine abenteuerliches Hin und Her aus Politik-, Finanz- und Privatinteressen.

Die Idee reicht zurück bis zum Zweiten Weltkrieg. 1942 wurde ein Mann namens Austin Tobin Direktor der Port Authority (PA). Tobin war ein kleiner, strammer Jurist, der sich in der damals noch bescheidenen Behörde hochgearbeitet hatte. Er würde der PA 30 Jahre lang vorstehen und die staatliche Hafenbehörde in eine profitorientierte Gesellschaft verwandeln, die das Gesicht New Yorks prägte.

So ließ Tobin den Lincoln Tunnel und die George Washington Bridge vergrößern und den JFK-Flughafen erbauen. Sein Herzensprojekt aber war ein "Welthandelszentrum" - eine Art neues Rockefeller Center, das Weltkonzerne anlocken sollte. Bereits 1946 segnete das Parlament des Bundesstaats New York den Bau eines solchen World Trade Centers ab.

Der erste große Entwurf

Der in Österreich geborene Architekt John Eberson erstellte erste Entwürfe. Eberson war für seine Art-déco-Kinopaläste bekannt, etwa das legendäre Loew's Paradise Theater in New York. Sein Plan für das WTC sah einen Komplex aus fast zwei Dutzend Gebäuden vor, für rund 150 Millionen Dollar. Doch die Vision war nur kurzlebig, die Regierung legte sie 1949 auf Eis.

Der Milliardär David Rockefeller holte das Projekt Mitte der fünfziger Jahre wieder aus der Versenkung. Der Banker, dessen Vater das Rockefeller Center gebaut hatte, verbündete sich mit befreundeten Finanzhaien, PA-Chef Tobin und Robert Moses, New Yorks oberstem Stadtplaner, um die Downtown zum neuen, globalen Handelsplatz zu machen.

Rockefeller hatte für seine Pläne ein 53.000-Quadratmeter-Areal an den südlichen Hafendocks des East River, ein paar hundert Meter westlich des späteren Standorts des WTC, im Auge. Als Architekten beauftragte er die Großfirma Skidmore, Owings and Merrill (SOM) - ironischerweise dieselbe Firma, die derzeit das "One World Trade Center" am Ground Zero baut.

"Katalytische Größe", nannte Rockefeller das damalige Mega-Design, das er 1960 präsentierte. Es sah einen kastenförmigen, bis zu 70 Etagen hohen Wolkenkratzer im Stil der Uno-Zentrale vor, eine Messehalle, Geschäfte, Restaurants und Theater. Auch sollte die New Yorker Börse von der nahen Wall Street ans Ufer umziehen. Die PA zeichnete das 335-Millionen-Dollar-Projekt im März 1961 ab.


Auf YouTube: "Building The World Trade Center" - eine Dokumentation der Port Authority von New York

Aber wieder klemmte es. Die Port Authority wurde von den Regierungen New Yorks und New Jerseys gemeinsam kontrolliert. Diesmal bockte New Jerseys Gouverneur Robert Meyner, weil das WTC auf Manhattans East Side entstehen sollte und nicht auf der West Side, wo es nahe an seinem Bundesstaat läge. Meyner sorgte sich vor allem um die Vorortzuglinie Hudson and Manhattan Railroad (H&M), die unter dem Hudson nach Manhattan führte. Die H&M war in den fünfziger Jahren Pleite gegangen und von der Port Authority übernommen worden. Ein Megaprojekt wie das World Trade Center sollte ihre Wiedereröffnung rentabel machen.

Meyners Nachfolger Richard Hughes handelte einen Kompromiss aus: Das WTC sollte nun am südlichen Westufer Manhattans entstehen. Am 22. Januar 1962 wurde der Pakt besiegelt - und die H&M wieder in Betrieb genommen. Der Radioverkäufer Oscar Nadel erfuhr während eines Urlaubs in Florida davon.

Monstertürme im Windkanal

Die PA beautragte den japanischen Architekten Minoru Yamasaki mit dem neuen Entwurf. Der ersann zwei Zwillingstürme, die jedoch erst nur 80 bis 90 Stockwerke hoch sein sollten. Die PA bestand aber auf einer Maßgabe von fast einer Million Quadratmetern Bürofläche. Yamasaki spielte mehr als 100 verschiedene Varianten durch, um diese gigantische Fläche unterzubringen, bis er sich für die je 110 Etagen hohen Twin Towers entschied, an einer Plaza umgeben von mehreren kleineren Gebäuden. Die Idee, die Türme zu den höchsten der Welt zu machen, kam aus der Marketingabteilung der Port Authority.

Das Timing war perfekt: Der blinde Glaube Amerikas an Technolgie und Größenwahn erreichte in jenen Jahren seinen Höhepunkt.

Trotzdem galten 110 Stockwerke als statisch waghalsig. Yamasakis Ingenieure wandten neue, innovative Bauweisen an, um die Statik zu optimieren. Die Wetterfestigkeit wurde mit Modellen getestet, in drei Windkanälen in den USA, in Kanada und in Großbritannien.

Am 18. Januar 1964 wurde Yamasakis Entwurf vorgestellt. David Rockefellers Bruder Nelson, seit 1959 Gouverneur von New York, leitete die Zeremonie im Hilton, deren Mittelpunkt ein zweieinhalb Meter hohes Modell der Türme war. Die PA pries das WTC als einen Ort, der "Regierungs- und Privataktivitäten im Import-Export-Feld vereinen" werde. Vor dem Hilton protestierten 50 Demonstranten, an ihrer Spitze Oscar Nadel.

Boeing-Absturz einkalkuliert

Auch anderswo gab es weiter scharfe Kritik - zum Beispiel in der Immobilienszene. Baumogul Lawrence Wien organisierte eine Kampagne gegen das WTC: Es sei viel zu groß und würde den New Yorker Markt für Geschäftsimmobilien kaputtmachen. Wien hatte noch eine andere Motivation: Er besaß damals das Empire State Building, das mit dem Bau seine Krone als höchstes Gebäude der Welt verlieren würde.

Andere bemängelten die Sicherheit im Fall einer Explosion oder eines Flugzeugabsturzes auf den Komplex. WTC-Chefstatiker Leslie Robertson hatte einen Absturz aber einkalkuliert. Er zog für seine Berechnungen eine Boeing 707 in Betracht, den seinerzeit populärsten Linienjet. Robertsons Fazit: Sollte der sich im Nebel verirren und in die Türme jagen, würde sich der Sach- und Personenschaden in Grenzen halten.

Die Kritiker verstummten trotzdem nicht. "Wer hat Angst vor den großen, bösen Gebäuden?", lästerte Ada Louise Huxtable, die Architekturkritikerin der "New York Times" - und gab die Antwort gleich selbst: "Jeder." Denn es gäbe bei diesem gigantischen Bauvorhaben so viele Aspekte, die man nicht vorausberechnen könne. Der Stadthistoriker Lewis Mumford nannte die Towers "Aktenschränke aus Glas und Metall".

Es half nichts. Grundsteinlegung für das World Trade Center war am 5. August 1966 - unweit der Stelle, wo zuvor "Oscar's Radio" stand.

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    Seite 1    
1.
Ruben Mahrla 25.08.2011
http://www.youtube.com/watch?v=hZEvA8BCoBw&feature=player_embedded#! Welcher große, böse Terrorist diese ?großen, bösen Gebäude? wohl wirklich auf dem Gewissen hat? Wann die Presse und die Medien wohl ihrer Verantwortung, der Wahrheit nachzugehen, gerecht werden?
2.
Ralf Bülow 26.08.2011
Zum Artikel sei ergänzt, dass Max Frisch das World Trade Center in seinem "Tagebuch 1966-1971" erwähnt, im März 1971: "Zum WORLD TRADE CENTER im Bau, 432 Meter hoch, ist auch nicht viel zu sagen, obschon es vor dem Fenster steht; es holt 85000 weitere Pendler herein, Leute, die ihre Lebenskraft im täglichen Verkehr verbrauchen. Wer sollte das verhindern können?"
3.
Michael Ort 26.08.2011
"Wann die Presse und die Medien wohl ihrer Verantwortung, der Wahrheit nachzugehen, gerecht werden? " Al-Jazeera gewährte Khaled Scheich Mohammed und Ramzi Binalshibh 2002 ein ausführliches Interview, in dem beide deatailliert über die Planung, Vorbereitung und Durchführung der 9/11-Anschläge auspackten. Alle diese Details passten nahtlos in das, was das BKA in Hamburg und das FBI in den USA eremittelt haben. Und dieses Interview war (meist gar ungekürzt) weltweit in allen Medien nachzulesen...und zwar schon 2002 ! Die Frage ist wohl eher, wann die Verschwörer-Front dieses endlich mal zur Kenntnis nimmt und sich dadurch wenigstens ein winziges bisschen den Anschein gibt, sie wäre an "Wahrheit" interessiert...bisher sind die nur durch Ignorieren, Verbiegen und hoch-albernen Lügen-Konstrukte aufgefallen.
4.
Michael Linke 26.08.2011
Mich hätte interessiert was aus 'Oscar's Radio' geworden ist ...?!
5.
Horst Jessner 30.08.2011
Also von mir werden die TwinTowers nicht schmerzlich vermisst. Und ich kenne bestimmt noch hundert Leute denen das genauso geht. Nur mal so - wegen "Welt" und so.
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