DDR-Wohnungsnot Glücklich in der Platte

Wer eine Wohnung bekam, entschied das SED-Regime: Zehn Jahre lang wurde Siegfried Wittenburg vertröstet, dann bekam er 1983 endlich eine eigene Bleibe - mit Telefonanschluss! Auf einestages zeigt er Fotos seines Wohn-Panoramas der DDR.

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Siegfried Wittenburg

Im Sommer 1983 nahm ich erstmals das mächtige Gebäude wahr: die SED-Bezirksleitung Rostock. Die schweren Türen des Haupteingangs waren ebenso wie die Fenster des unteren Geschosses mit Gittern versehen. Meine Frau und ich traten ein. Im düster wirkenden Foyer prangten das Konterfei des Generalsekretärs und das ovale Zeichen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, flankiert von der Staatsflagge der DDR und der roten Arbeiterfahne. Die abgestandene Luft roch nach Bohnerwachs.

Der Pförtner verlangte die Personalausweise und griff zum Telefon. Kurz darauf erschien ein sportlich wirkender Mann mit graumelierten Haaren und begrüßte uns freundlich: der Abteilungsleiter für Wohnungspolitik der SED-Bezirksleitung. Er führte uns die breiten Treppen ein Stockwerk hinauf in sein Büro. An den Wänden standen braune Holzregale mit Akten und Büchern. Eine schwere Gardine verhinderte den Blick in den Park - oder umgekehrt.

Der SED-Genosse bot uns taktvoll einen Platz in der kleinen Sitzecke an, setzte sich zu uns und legte einen Hefter auf den Tisch: meine mit Schreibmaschine getippte Eingabe. Die Vergabe von Wohnungen befand sich in der DDR fest in staatlicher Verfügungsgewalt. Schon vor zehn Jahren hatte ich meinen Wohnungsantrag bei der Wohnungskommission gestellt, von Jahr zu Jahr war ich vertröstet worden. Nun hatte ich mich in meiner Verzweiflung an den 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung gewandt.

Zusammen 16 Quadratmeter - bei den Eltern

Ich hatte mir jedes einzelne Wort gut überlegt. Der Brief sollte nicht devot wirken, aber auch keine gefährlichen Worte oder Gedanken beinhalten. Ich hatte geschrieben, dass meine Ehefrau, 25, und ich, 31 Jahre alt, zusammen über eine Wohnfläche mit zwei Zimmern von insgesamt 16 Quadratmetern mit Bad- und Küchennutzung verfügen - allerdings bei unseren jeweiligen Eltern. Und dazwischen, so hatte ich spitz formuliert, befänden sich vier Kilometer Buslinie.

Ich führte aus, dass wir beide berufstätig seien und ich mich zudem nebenberuflich gesellschaftlich engagiere. Dafür sei ich auch schon mehrfach ausgezeichnet worden, etwa mit dem Orden "Banner der Arbeit Stufe III" im Kollektiv. Wir könnten es nicht verstehen, so formulierte ich, dass es keine Möglichkeit gibt, eine eigene Wohnung zu beziehen, um eine Basis für unsere Arbeit, für unser Leben in der Gesellschaft und für eine Familie zu finden.

Wie könne es sein, schrieb ich zum Schluss, dass trotz jährlicher Übererfüllung des Volkswirtschaftsplanes und des Gegenplanes, wozu ich selbst täglich beitrage, keine Wohnung für meine Frau und mich zur Verfügung stehe? Immerhin schrieben wir das Jahr 34 nach Gründung des real existierenden Arbeiter- und Bauernstaats.

Traumwohnung in Rostock-Schmarl

Der Abteilungsleiter ergriff das Wort. Nach wenigen Sätzen war ich erstaunt, wie viele Kenntnisse er über unser Privatleben besaß. Er schlug uns einen komplizierten Wohnungstausch vor, der auch weitere Familienmitglieder einbezog. So solle verhindert werden, dass in der sozialistischen Gesellschaft die niedrigen, staatlich subventionierten Mietpreise ausgenutzt werden.

Es gebe viele Familien, so der Abteilungsleiter, wo die Kinder das Elternhaus inzwischen verlassen hätten und die zurückgebliebenen Eltern eine viel zu große Wohnung beanspruchen würden. Das bedeute eine Unterbelegung bei dieser, zugegeben, Wohnungsnot, die zum Ende des Jahrzehnts beseitigt sein werde. Wären die Wohnungen nicht staatlich subventioniert, so argumentierte der Genosse, wären diese Leute eher bereit, die großen Wohnungen aus Kostengründen gegen kleinere zu tauschen und das Wohnungsproblem wäre gelöst.

Der joviale Mann nannte eine Adresse, wo wir uns eine Wohnung ansehen könnten. Wir fuhren mit der S-Bahn nach Rostock-Schmarl und trauten unseren Augen nicht: Inmitten des Vorzeigegiebels des VEB Wohnungsbaukombinats entdeckten wir eine leere Wohnung. Wir waren völlig aus dem Häuschen. Die Wohnung hatte zwei Zimmer, war 60 Quadratmeter groß und verfügte über Fernheizung und fließendes Warmwasser.

Einbaumöbel aus Sprelacart

Der Grundriss war mit der Möbelindustrie genau abgestimmt: An einer langen Wand war Platz für die Möbelkombination vorgesehen, mit Steckdose und Antennenanschluss für den Fernseher. Die kleine Küche war mit genormten Einbaumöbeln aus Sprelacart (einem Kunststoff-Furnier) sowie einem dreiflammigen Elektroherd versehen. Weiterhin gab es ein geräumiges Schlafzimmer, ein Bad, eine winzige Abstellkammer und einen kleinen Flur - hier war sogar eine Telefonanschlussdose vorinstalliert.

Doch die Enttäuschung war groß, als wir erfuhren, dass ein Telefonanschluss in unserem Leben wohl nicht mehr realisiert würde. Die Warmmiete betrug 96 Mark der DDR, keine zehn Prozent unseres gemeinsamen Einkommens. Strom extra. Es gelang uns, alle Beteiligten zum Wohnungstausch zu überzeugen.

Bei einer Familienangehörigen gab es ein Problem: Sie besaß ein Telefon und wollte nicht darauf verzichten. Der SED-Abteilungsleiter sicherte ihr auch nach dem Umzug ein Telefon zu. So zogen wir um und waren glücklich, endlich in eigenen vier Wänden leben zu können.

"Arbeiterschließfächer" und "Fernsehhöhlen"

Ziehen die Mieter aus, so war es in der DDR üblich, dass die Nachmieter die Renovierung auf eigene Kosten übernehmen. Für die Renovierung mobilisierten wir unsere Freunde. Als Problem stellte sich der Möbelkauf heraus: Für die einzige Möbelkombination, die uns gefiel, gab es eine dreijährige Wartezeit.

Doch die Verkäuferin war eine nette Bekannte, daher mussten wir nur drei, vier Monate aus den Umzugskartons leben, bis die Möbel eintrafen - und monatelang Formaldehyd ausdünsten. Mir war klar, dass dafür andere Kunden länger warten müssen. Aber so funktionierte eben das System, auch mit vielen anderen Dingen. Die Wohnung wurde erst wieder zu klein, als unser Kind heranwuchs.

Nach dem Einzug lernten wir unsere neue Umgebung kennen. In der Plattenbausiedlung für 16.000 Einwohner sollte alles Notwendige vorhanden sein: Anschluss an die öffentlichen Verkehrsmittel, Kindergarten, Schule, Sporthalle, Kaufhallenkomplex mit Post, Kino, Stadtbibliothek und Kneipe, Arztpraxen, ein paar Telefonzellen, Grünanlagen, die "Sekundärrohstofferfassungsstelle" und Parkplätze für Trabant, Wartburg und Saporoshez.

Die genormten Balkone waren in verschiedenen Farben gestrichen, teilweise mit Balkonpflanzen geschmückt, die Haustüren überall gleich. Die Spaziergänge am Abend wurden mit der Zeit langweilig. Die Neubaugebiete blieben lange Zeit "Arbeiterschließfächer", auch "Fernsehhöhlen" genannt. Der später angeschaffte Fernseher empfing über ein Kabel zwei DDR-Sender, drei Programme aus dem Westen und eins aus Dänemark.

Fahnenschmuck an staatlichen Feiertagen

Besuch aus der Stadt kam relativ selten. Die Bevölkerung in den Plattenbauten war durchmischt. In unserem Aufgang wohnten mit ihren Familien etwa der Abschnittsbevollmächtigte der Volkspolizei, ein Grafiker, ein Stasi-Offizier, ein Hafenarbeiter sowie ein merkwürdiger Typ, den wir gar nicht einordnen konnten, der aber zu jedem Staatsereignis vorbildlich Schwarzrotgold mit Emblem aus dem Fenster hängte.

Die Hausreinigung ging reihum. Der Hausobmann, in diesem Fall der Abschnittsbevollmächtigte der Volkspolizei, mahnte zu den staatlichen Festtagen Fahnenschmuck an und bot uns für dringende Fälle die Nutzung seines Telefons an. Das Nichtflaggen erforderte etwas Mut, hatte aber keine Nachteile, jedenfalls nicht sofort und nicht augenscheinlich. Auf das Angebot, im Beisein der Volkspolizei private Telefongespräche zu führen, verzichteten wir und telefonierten bei einem anderen Nachbarn.

Wendezeit ab 1990: In das einstige Gebäude der SED-Bezirksleitung zog das Sozialamt ein. Es war die Zeit der Enthüllungen: Die erwähnte Familienangehörige mit dem Telefon fand darin ein Abhörmikrofon. Auch das Telefon unseres Nachbarn stand unter staatlicher Kontrolle - und private Informationen fanden den Weg in eine geheime Akte.

Zum Autor
  • Siegfried Wittenburg ist autodidaktischer Fotograf. In seinen Aufnahmen hielt der gebürtige Rostocker den Alltag in der DDR fest. 1986 wurde er als Leiter des Jugend-Fotoklubs "Konkret" entlassen, weil er sich einer Zensuraufforderung der SED widersetzte. Seit 2014 berichtet Wittenburg in Zeitzeugengesprächen mit Schülern vom Leben in der DDR.

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Karsten Schlawiano, 23.06.2014
1. Ein Segen
zu DDR-Zeiten bin ich im Altbau aufgewachsen. Handwerker und Baumaterial bekam man mit viel Glück, Vitamin B oder Bestechung. Als mal der halbe Putz von der Wand fiel als mein Vater ein Nagel in die Wand schlagen wollte, bekam der Maurer einen Schinken und etwas Westgeld. Um auf Ofenheizung auf Gas zu wechseln, fuhr mein Vater mit dem Zug nach Berlin und trug die Heizkörper auf den Rücken. Auto hatte er nicht. So lief das System. Ich stellte mich als Erwachsener Jahre lang an um eine Wohnung zu bekommen. Es gab keine ! Als ich mit einen Trick mir 1992 eine ergatterte war diese zumindest teilsaniert, hatte aber noch Ofenheizung. Ich musste zur Warmwasseraufbereitung mir einen Boiler kaufen. Egal wie sehr andere auf Platte schimpfen, Warmwasser aus der Wand, Zentralheizung, stabiles Mauerwerk das war purer Luxus. Andere wohnten Jahrzehnte in Höhlen.
Fred Gehlhar, 23.06.2014
2. Das deckt sich fast...
...mit unseren Erlebnissen. Nach einer Odysee durch diverse Altbauwohnungen (abbruchreif, ohne Warmwasser, Badnutzung unmöglich, etc.) hat meine Mutter vor Freude geweint, als sie 1981 das erste Mal in der uns zugewiesenen 2 1/2 Zimmer-Neubauwohnung stand. Vorausgegangen war ein zäher Kampf mit Eingaben und Beschwerden. Als mein Vater als Wahlboykottierer dann irgendwann einmal von seinem Generaldirektor mit der "fliegenden Wahlurne" aufgesucht wurde, und man das Problem an dieser Stelle besprach, siehe da, es dauerte nicht mal einen Monat bis zur Zuweisung. Zur SED Bezirkleitung fällt mir auch was ein: Sie war stark bewacht, niemand kam ohne Einladung o.ä. hinein. In Suhl gab es in ca. 2 km Entfernung davon eine Ausflugsgaststätte, die einen Esel hielt, der für die Leute zum Maskottchen wurde. Dieser büxte eines Tages aus und begab sich stracks zum besagten Gebäude, wo man für ihn den Schlagbaum öffnete. Das Ereignis wurde am nächsten Tag im "Freien Wort" ausführlich erläutert, sehr zum Gaudium der Suhler, die sich ihren Teil natürlich dachten...
Klaus Sander, 23.06.2014
3.
Die Neubauten hießen nicht nur "Arbeiterschließfächer" und "Fernsehhöhlen". Man nannte sie auch "Wohnregale". Aber mal abgesehen davon. Er hatte eine Zweizimmerwohnung. Das war ja gut. Bei uns erbeitetet damals jemand, die mit Mann und zwei Kindern eine Einraumwohnung hatte. Von der Fläche her auch nicht viel größer und die Toilette war (noch immer) außerhalb der Wohnung im Treppenhaus.
Gerd Schlamkow, 23.06.2014
4. Na Ja
Vieles im Artikel ist sicher richtig so, aber Fliesen gab es schon, vielleicht nicht unbedingt die schönsten, die gingen ja in den Export. Man musste sich dafür nur ggf. in der BHG anstellen, oder etwas zum Tauschen haben. Das Mikrofon im Telefonhöhrer hatten die Stasi aber nicht nötig, sie saß in den Fernmeldeämtern ja an der Quelle und wie sollte beim damaligen Stand der Technik eigentlich das abgehörte Gespräch über die 2 Drähte zur Stasi gelangen??
Daniel Walz, 23.06.2014
5. Trostlos und Depressiv
Die Bilder aus der DDR-Zeit haben für mich immer etwas tief depressives, in Schwarz-Weiß sind die noch eine ganze Stufe trostloser. Änhlich wie die aus Nordkorea heute. Aber der Mensch ist extem anpassungsfähig und versucht immer das beste aus seiner aktuellen Situation zu machen oder es sich zu mindest einzureden. Aber die schönen Gründerzeithäuser abreisen zu sehen und zu wissen dass dann später ein grauer uniformer Betonblock da steht, wäre für mich kaum erträglich gewesen, da hätte ich die Tatsache vor Augen, das diese Gesellschafts-Architektonischen-Staatsform keinen positiven Sinn und Zukunft hat.
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