Plattencover-Erfinder Alex Steinweiss gestorben Abschied vom Cover-Lover

Mit Farbklecksen zum Verkaufserfolg: 1939 verpasste der junge Grafikdesigner Alex Steinweiss Schallplatten zum ersten Mal farbig gestaltete Hüllen - und revolutionierte die Musikwelt. Nun ist der Erfinder des Plattencovers im Alter von 94 Jahren gestorben.

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Taschen Verlag

"Ich stellte mir eine bunte, plakatartige Gestaltung der Hüllen vor, die Aufschluss über die im Album enthaltene Musik gab" - mit diesen simplen Worten erklärte Alex Steinweiss seinen Geniestreich, der vor 72 Jahren die Musikwelt revolutionierte. Egal, ob man heute durch die Albenansicht auf dem iPod blättert oder sich durch alte Schallplatten auf einem Flohmarkt wühlt - was man sieht, ist das Erbe von Alex Steinweiss. Er kam als erster auf die Idee, Plattencover bunt und ansprechend zu gestalten.

Steinweiss war 1939 für das Label Columbia Records engagiert worden, um Pappaufsteller, Plakate und Werbebroschüren zu layouten. Doch schon bald ereilte ihn ein Geistesblitz: Was, wenn man nicht nur Werbemittel für Musik ansprechend gestaltete, sondern auch die Verpackung der Musik selbst? Die war bis dato nämlich eine ziemlich triste Angelegenheit: Wer damals Schallplatten kaufte, erhielt Schellackscheiben in graue Schutzhüllen, mnchmal zu einem Album zusammengebunden und, wenn es gut lief, mit einem Ledereinband versehen - im Volksmund hießen die derart verhüllten Tonträger nicht zu Unrecht "Grabsteine".

Und genau das wollte der junge Designer ändern - und stieß auf Widerstand bei seinen Bossen. Die glaubten nicht an die verkaufsfördernde Wirkung der Idee. Sie fürchteten vielmehr die Mehrkosten für den bunten Druck. Doch Steinweiss setzte sich durch. Und er behielt recht: Die neuen Farbkleckse im grauen Einerlei der Plattenregale wurden zum Verkaufsschlager. Seine Neugestaltung des schon lange erhältlichen Klassikers "Eroica" von Beethoven ließ die Verkäufe des Albums innerhalb kürzester Zeit um fast neunhundert Prozent steigen. Gerade mal Anfang 20, hatte Steinweiss als frischgebackener Art Director im Alleingang das Albumcover erfunden.

Gestaltungstalent in die Wiege gelegt

Dennoch kennen die wenigsten heute seinen Namen. Folgt man aber seiner Spur durch die Jahrzehnte, ist schnell klar, wie wichtig sein Schaffen für die Entwicklung der Musikindustrie war. Steinweiss hat in seiner Karriere mehr als 2500 Albumcover geschaffen. Mit Hochdruck bearbeitete er in der Anfangszeit bei Columbia an seinem provisorischen Zeichentisch in der Ecke einer zugigen Produktionshalle bis zu 50 Gestaltungsaufträge pro Woche.

Gleich das erste Werk des Verpackungsvisionärs wurde zum vielzitierten Klassiker. Für das Cover der "Smash Song Hits" der Broadway-Größen Richard Rodgers und Lorenz Hart fuhr er mit einem Fotografen zum Imperial Theater an der 45. Straße in New York. "Ich überredete den Besitzer, die Reklame eine Stunde lang so einzustellen, dass wir den Schriftzug 'Rodgers & Hart' fotografieren konnten." Hinter das Foto legte er auf dem Cover in roter Farbe die Rillen einer stilisierten Schellackplatte - wie eine Zielscheibe, die den Blick der Käufer auf sich ziehen sollte. Was heute undenkbar wäre: Seine Cover signierte der Plattenhüllenpionier stets wie selbstverständlich. Für ihn waren Bild und Ton zwei Kunstwerke, die Hand in Hand gingen.

Steinweiss wurde am 24. März 1917 in Brooklyn, New York, geboren. Das Talent zur Gestaltung hatte er geerbt. Sein Vater war ein Schuhdesigner aus Warschau, seine Mutter eine Schneiderin aus Riga. Seine während der Highschool-Zeit angefertigte Arbeitsmappe war so überzeugend, dass ihm ein Stipendium an der Parsons School of Design gewährt wurde.

Überholt von langhaarigen Typen

Während des Zweiten Weltkrieges musste er seine Tätigkeit für Columbia vorübergehend ruhen lassen und gestaltete für das Trainings- und Entwicklungszentrum der U.S. Navy Lehrmaterial und Hinweisschilder. Kaum aus dem Krieg zurück, revolutionierte er die Musikindustrie bzw. die Art, wie sie verpackte, ein zweites Mal.

Nachdem ihm Ted Wallenstein, Präsident von Columbia Records, als einem der Ersten den neuen, "Long-Play" ("LP") genannten Schallplattentyp vorgestellt hatte, sollte Steinweiss eine Verpackung dafür entwickeln. Er schuf daraufhin den bis heute gültigen Standard: eine dünne Papphülle, bunt bedruckt, in die die Vinylscheibe eingeschoben werden konnte.

Obwohl der Grafiker die Entwicklung persönlich vorantrieb, mithilfe seines Schwagers einen Hersteller fand, der gewillt war, rund 250.000 Dollar in die Bereitstellung des benötigten Maschinenparks zu investieren und Steinweiss sogar das Patent an seiner Erfindung besaß, hielt sich der finanzielle Erfolg für Steinweiss in Grenzen. Alles, was er während seiner Zeit bei Columbia erfand, gehörte, rechtlich gesehen, dem Musikkonzern.

1972 entschied sich der Design-Revolutionär im Alter von 55 Jahren zum Rückzug aus dem Geschäft. "Eines Tages wartete ich im Empfangsbereich einer Plattenfirma - ich im Anzug, neben mir lauter langhaarige Typen in fransigen Lederjacken. Da wurde mir klar, dass ich total altmodisch war und dass es Zeit wurde, das Handtuch zu werfen."

Der engen Verbindung von Musik und Motiv blieb Steinweiss dennoch treu. Unter dem Künstlernamen Piedra Blanca (die spanischen Begriffe für "Stein" und "Weiß") begann er, Gemäldeserien nach den Meisterwerken berühmter Komponisten zu malen. 1974 zog er mit seiner Frau Blanche nach Sarasota, Florida. Nach 71 Jahren Ehe starb sie vergangenes Jahr, am vergangenen Samstag ist auch Alex Steinweiss gestorben, wie erst jetzt bekannt wurde. Er wurde 94 Jahre alt. Er hinterlässt zwei erwachsene Kinder, sechs Enkelkinder und eine Idee, für die ihm die Musikfans auf der ganzen Welt auf ewig dankbar sind.

Zum Abschied von Alex Steinweiss zeigt einestages die stilprägendsten Plattenhüllen aus seiner Feder und die legendärsten Cover der Musikgeschichte.

Zum Weiterlesen:

"Alex Steinweiss: The Inventor Of The Modern Album Cover". Taschen Verlag, Köln 2009, 416 Seiten.

Mitarbeit: Benjamin Maack

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Ralf Lehmann, 21.07.2011
1.
großartig, dass die arbeit dieses mannes hier gewürdigt wird. grad jetzt, wo es kaum noch (neue) LP-cover gibt, wird deutlich, was er da losgetreten hat. danke dafür. weshalb allerdings warhol & zappa & konsorten zu diesem anlass hier gleich mitverbraten werden müssen: ???. vorschläge? das buch zum weiterlesen kostet bei amazon neu 500 ?. kann ich's auf den wunschzettel tun und den link hier posten? :D und schließlich: bild 9, beethoven: der "emperor" ist gemeinhin das klavierKONZERT #5 (op. 73, es-dur), nicht die sonate (op. 10, c-moll). SPIEGEL-leser wissen mehr. bloß gut.
Friedrich Reip, 21.07.2011
2.
Meine Rezension des Buches auf popmonitor berlin: http://www.popmonitor.de/include.php?path=content/articles.php&contentid=3398&PHPKITSID=bba3b17e192f3e69926c3b5a14753f23
Stephan Veil, 22.07.2011
3.
@Ralf Lehmann: Nun verschrecken Sie doch nciht mögliche Interessenten ... ;-) Dieses Buch kostet nicht notwendigerweise 500 Steine. In geringfügig kleinerem Format, aber ansonsten genauso opulenter Aufmachung wie der wirklich teure Foliant sind Sie mit 49,99 Euronen dabei. Gut angelegtes Geld - fast schon als kleines Schnäppchen bei der "Flucht in Sachwerte" anzuraten ...
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