40 Jahre "Playboy" Deutschlands erstes Mal

40 Jahre "Playboy": Deutschlands erstes Mal Fotos
Playboy

Umblättern, entblättern! 1972 kam der "Playboy" über die Bundesrepublik - mit viel Getöse und einer nackten Deutschen im Heft. einestages sprach mit Hilde Kulbach über das Shooting ihres Lebens, einen hartnäckigen Verehrer aus Hollywood - und zeigt die legendärsten Cover aus vier Jahrzehnten. Von

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In der Küche von "Tonis Café" ist der Teufel los. Draußen, auf dem Gelände der Bavaria Filmstudios in München warten die Gäste, darunter auch Til Schweiger und seine Mitarbeiter - doch Café-Inhaberin Hilde Kulbach bleibt gelassen.

"Hans-Jörg, ich muss jetzt mal vom Ofen weg, für dieses Interview", sagt sie, und gibt noch ein paar Anweisungen. Hans-Jörg soll noch mal das Fleisch umdrehen und bitte auch darauf achten, dass es außen schön braun wird. Dann verschwindet Hilde Kulbach in einen Nebenraum. Sie atmet kurz durch und sagt: "Jetzt oder nie!" Ein kleines Zeitfenster in ihrem Zwölf-Stunden-Tag. Dann lacht sie los.

Es ist diese Lockerheit, der Hilde Kulbach vieles in ihrem Leben verdankt. Zum Beispiel ihre plötzliche Berühmtheit, vor nun genau 40 Jahren: Am 1. August 1972 erschien die erste Ausgabe des deutschen "Playboys", und Kulbach war die erste Deutsche, die sich für das neue Magazin auszog. Lasziv-sinnlich blickte das nackte Model damals in den Nieselregen Münchens, wo sie fotografiert worden war.

"Traum aller Männer"

Sie war damit zwar nicht, wie es immer wieder zu lesen ist, das erste deutsche Playmate - auf dem legendären Poster zum Herausklappen posierte das US-Model Claire Rambeau, die zuvor schon im Mutterheft zu sehen gewesen war. Aber Kulbach, prominent im Heft platziert, war gewissermaßen der Versuch, dem Magazin eine deutsche Identität einzuhauchen.

Das funktionierte. Nur wenige Tage später waren fast alle 300.000 Hefte der Erstausgabe vergriffen und Hildegard Kulbach war "der Traum aller Männer", wie die "Bild"-Zeitung noch Jahre später schwärmte. Der "Playboy", den Hugh Hefner 1953 mit Nacktaufnahmen von Marilyn Monroe über Nacht weltberühmt machte, hatte nun auch in der Bundesrepublik Fuß gefasst. Und kam doch irgendwie ein wenig zu spät.

In den USA hatte Hefner mit dem "Playboy" noch die puritanisch-protestantische Prüderie aufgebrochen und das Heft zu einem Vorkämpfer eines liberalen Gesellschaftsentwurfs gemacht. In Deutschland hingegen waren 1972 fast alle Schlachten geschlagen: Oswalt Kolle hatte die Deutschen längst kollektiv aufgeklärt, die 68er hatten den Muff der Adenauer-Zeit hinweggefegt, und Sex war längst kein Tabuthema mehr. Eigentlich war nichts verpönter, als auch nur irgendwie den Anschein zu erwecken, verklemmt zu sein.

Heimlicher Fototermin im Englischen Garten

Umso überraschender, wie verschämt das Foto-Shooting für den ersten "Playboy" ablief. "Schon um sechs Uhr morgens sind wir in den Englischen Garten gegangen, damit uns auch ja niemand sieht", erinnert sich die Münchnerin. Und wenn doch jemand zufällig vorbeigekommen wäre? "Dann hätte ich ja immer noch schnell hinter einen Baum springen können."

Aufgeregt sei sie damals nicht gewesen, beteuert sie, und von dem Durchbruch und der großen Karriere habe sie damals schon gar nicht geträumt. "Ich fand das einfach nur lustig und war ziemlich neugierig." Vielleicht war das das Erfolgsrezept für eine junge Frau von 21 Jahren, die zwar schon für Unterwäsche Werbung gemacht hatte, aber sich noch nie vor der Kamera ausgezogen hatte.

Zwei Stunden dauerten die Aufnahmen, und ganz einfach waren die dann doch nicht. "Ich hab mir anfangs ziemlich einen abgebrochen", erzählt das Ex-Model vierzig Jahre später und lacht über sich selbst. "Die Arme habe ich vor meinen Busen gehalten, die Beine eng übereinandergeschlagen, damit man ja nicht viel sieht."

"Schlimmer als Ehebruch"

Kein Passant störte die heimliche Fotosession, doch die größten Probleme begannen, als alles vorbei war. Das junge Model wollte nicht, dass ihre Eltern von den Aufnahmen erfuhren. Schließlich war sie verheiratet. Das Heft mit den intimen Bildern versteckte sie daher zu Hause und hoffte, dass ihre Eltern im fernen Köln nichts davon merkten. Schließlich hatten sie ihre Tochter, die gerne mit jungen Männern schäkerte, stets äußerst argwöhnisch beäugt. "Dabei war das alles ganz harmlos." Auch ihrem Mann sagte sie nichts.

Die Eltern blieben unwissend, doch ihr Mann erfuhr zufällig von den Fotos - und war wütend. "Er fand das peinlich. Für mich, aber besonders für ihn. Es kränkte ihn in seiner Ehre", erinnert sich Kulbach an die Reaktion ihres Partners, eines inzwischen verstorbenen ZDF-Kameramanns. "Für ihn war das schlimmer als Ehebruch."

Auch die Macher des deutschen "Playboys" ernteten trotz des Verkaufserfolgs zunächst viel Unverständnis. Feministinnen sahen in der liberalen Grundhaltung des Magazins und seiner oft anspruchsvollen Interviews nur einen Vorwand, mit nackten Frauen viel Geld zu verdienen. "Alle zerrissen sich das Maul, abfällig, voll deutscher Medienarroganz", erinnert sich der erste Redaktionsleiter des deutschen "Playboys", Raimund le Viseur. "'Playboy', das schien den meisten Kitsch und fernes Amerika."

Ein falscher Hase

Le Viseur hingegen war von der Idee begeistert, seit er "Playboy"-Gründer Hefner Ende 1971 persönlich kennengelernt hatte. Natürlich imponierte den Journalisten die pompöse Privatvilla Hefners in Chicago. Der nierenförmige Pool, die riesigen Gemälde, die 40 aufgeregt kichernden Schönheiten in ihren skurrilen Bunny-Kostümen. Aber noch mehr überzeugte ihn Hefners Persönlichkeit. "Er war alles andere als die Karikatur eines Sexmagazin-Tycoons", schrieb le Viseur später. Sondern ein "sinnlicher, instinktiver Kompositeur" des Magazinjournalismus.

Und jemand, der penibel auf sein Lebenswerk achtete. Deshalb sorgte das erste deutsche "Playboy"-Heft auch für jede Menge internen Ärger im Häschen-Konzern. Denn die Blondine auf dem Cover trug ein gelbes, leicht hochgezogenes Hemd, auf dessen rechtem Ärmel das Bunny-Logo zu sehen war. Eine Weltmarke. Mit einem kleinen Geburtsfehler: Denn anders als seit zwei Jahrzehnten in den USA guckte der deutsche Bunny nach rechts statt nach links.

Vierzig Jahre später schaut auch der deutsche Hase brav nach links, und all diejenigen, die das Heft einst für ein Skandalmagazin hielten, dürften darüber heute nur noch schmunzeln. Nackte Frauen und Live-Sex gibt es mit ein paar Mausklicks in Sekundenschnelle im Internet, ohne dass jemand dafür 5,50 Euro - den Heftpreis - investieren müsste. Und dennoch hält sich der deutsche "Playboy" mit einer Auflage von etwa 230.000 wacker, hebt sich mit Ästhetik und Hochglanz von billigen Porno-Darstellungen im Netz ab. Vor allen Dingen aber verkauft er immer noch erfolgreich einen Traum: über Nacht berühmt zu werden.

Abfuhr für einen Hollywood-Star

Wie Hilde Kulbach. Sie bereut ihre Nacktfotos vor vierzig Jahren bis heute nicht, schließlich seien das doch "keine vulgären Aufnahmen" gewesen. Zudem ist sie davon überzeugt, dass die Nacktbilder ihre spätere Karriere als Model für Modefirmen wie Willy Bogner befeuert haben. Wäre sie sonst jahrelang von Laufsteg zu Laufsteg getingelt und mehr als 30 Mal in die USA gereist? Hätte sie sonst auf einmal Verehrer wie Jack Nicholson gehabt?

Doch der war gar nicht ihr Typ. "Allein schon seine kurzen Beinchen, die mir gerade bis zu den Knien gehen, haben mich abgeturnt." Zum letzten Mal hat sie sich vor ein paar Jahren mit dem Hollywood-Star in einer Münchner Kneipe getroffen. Am Ende des Abends habe Nicholson sie gefragt, ob sie mit ihm in sein Hotel gehe. "Ich war überrascht und habe gefragt: Warum sollte ich? Er antwortete: Weil jede mit mir geht. Da musste ich ihm sagen: Ich bin aber nicht jede."

Als Geliebte von Jack Nicholson hätte Hilde Kulbach weltberühmt sein können. Jetzt bekocht sie als Geschäftsführerin von "Tonis Café" und einem Cateringservice A- und B-Promis aus der Münchner Film-Schickeria. Man kennt sie in der Isar-Metropole, doch außerhalb Bayerns ist sie in Vergessenheit geraten.

Bis vor fünf Jahren. Da zog sich Hilde Kulbach für die "Bild"-Zeitung anlässlich des 35. "Playboy"-Jubiläums ein zweites Mal aus. Um zu beweisen, dass man auch mit Ende Fünfzig und als zweifache Großmutter noch sexy aussehen kann. Diesmal versteckte sie die Bilder nicht, sondern zeigte sie Arbeitskolleginnen. Und machte das, was sie am besten kann - herzhaft über sich selbst lachen.

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
Jo Tesla, 01.08.2012
Sie war vielleicht nicht das erste deutsche "Playmate of the month", vielleicht nicht das erste deutsche "centerfold", aber nackt in den Regen zu schauen müsste reichen, um ggf. das erste deutsche Playmate gewesen zu sein. Nicht nur die in der Mitte sind Playmates.
2.
Redaktion einestages, 03.08.2012
3.
Christian Roth, 03.03.2013
So ganz aufgeschlossen und liberal wie es hier Eingangs erwähnt wird, war Deutschland 1972 sicherlich doch noch nicht. Ich habe meinen ersten Playboy 1975 im Mai als 16 jähriger gekauft und kann mich noch heute daran erinnern, wie mir das Herz bis zum Hals schlug und ich nach dem Bezahlen das Heft schnell unter der Jacke verschwinden ließ, damit nur ja niemand es bemerkt. Deutsche Kleinstadt-Wirklichkeit - Mitte der 70ziger. so war das damals. Mit 18 habe ich den Playboy dann abboniert - bis heute.
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