Pocketkameras Ein Volk am Drücker

Pocketkameras: Ein Volk am Drücker Fotos
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Ritsch-Ratsch-Klick: Lange vor Handy- und Digitalkameras wurde das Fotografieren aus der Hosentasche Volkssport. Klein, handlich und leicht waren Pocketkameras in den Siebzigern überall dabei. Die von Dirk Bongardt sogar vom ersten Kuss - bis zu einer Schulhofschlägerei. Von

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Sieben Jahre war sie bei mir. Bei der Einschulung und auf dem Gletscher, bei Omas Gartenparty und bei meinem ersten Kuss. Da allerdings in meiner Hosentasche, wo sie mir helfen sollte, meine Freundin zu beeindrucken. Sie war schon etwas besonderes, meine erste Pocketkamera.

Kameras sind heute überall: Im Telefon, in der Armbanduhr, sogar in einigen Kugelschreibern. Die Digitalisierung der Fotografie hat zu einer zweiten Kamera-Inflation geführt. Die erste gab es schon in den siebziger Jahren. Die Knipskästchen der Kodak-Instamatic-Reihe waren nicht nur günstig und einfach zu bedienen, sondern sie durften mit ihren kompakten Abmessungen auch überall dabei sein. Innerhalb von drei Jahren setzte allein Kodak 25 Millionen Exemplare ab, andere Hersteller zogen nach.

Hierzulande bekam die Pocketkamera dank einer Werbekampagne von Agfa einen phonetischen Kosenamen, den heute noch jeder versteht, der diese Kamerageneration miterlebt hat: Ritsch-Ratsch-Klick.

Film-Tod durch die Überdosis Licht

Streng genommen ist die Pocketkamera schon mehr als ein Jahrzehnt vor ihrem weltweiten Siegeszug geboren worden: Ende der fünfziger Jahre stellte unter anderem die Firma Rollei eine sehr kompakte Kamera vor, die den - später auch in den Pocketkameras von Kodak genutzten - 16-Millimeter-Film verwendete. Doch das Problem dieser Ur-Pockets von Rollei war der Filmwechsel. Das Einlegen der Minifilme war eine höllische Fummelarbeit. Und so mancher vielleicht gelungene Schnappschuss ging verloren, weil die auf offenen Spulen untergebrachten Filme beim Einlegen oder Herausnehmen eine Überdosis Licht abbekamen. Für ungeschickte Hände taugte die Ur-Pocket also nicht, entsprechend gering blieb die Nachfrage.

Nicht viel weniger Geschick war allerdings erforderlich, um die größer dimensionierten Kleinbildfilme in die damaligen Kameras einzulegen. Deshalb erfand Kodak 1963 für das Kleinbildformat die Instamatic-Kassette: Der komplette Film befand sich in einer rundum geschlossenen Kassette, die sich mit einem einzigen Handgriff einlegen oder herausnehmen ließ. Erst im April 2007 stellte der letzte Hersteller, Ferrania, die Produktion von Instamatic-Kassetten ein, clevere Händler bieten die seinerzeit günstig aufgekauften Restbestände bis heute, allerdings zu "Sammlerpreisen", über das Internet an.

Nach der Markteinführung der Kleinbild-Instamatic dauerte es dann noch einmal neun Jahre, bis die Kodak-Entwickler das Prinzip auf den 16-Millimeter-Film übertrugen: 1972 endlich machte Kodak mit der Kamerareihe "Pocket Instamatic" und den passenden Filmen den Weg frei für die erste Immer-dabei-Kamera.

X-Würfel und Elektronenblitze

Drei Jahre alt also war die Pocketkamera, als ich 1975 eingeschult wurde. Inzwischen hatten etliche Hersteller - namhafte ebenso wie No-Name-Produzenten - das Pocket-System übernommen und produzierten Modelle in allen Preis- und Ausstattungsklassen. Einen dieser Ableger fand ich in meiner Schultüte, eine "Prinz Pocket 410", komplett mit einem 12-Bilder-Film und einem Blitzwürfel. Dieses Geschenk entschädigte mich für das Hemd und die im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubende Kinderkrawatte, die meine Mutter mir zum ersten Schultag angelegt hatte. Fotos, auf denen ich so zu sehen bin, gibt es keine: Schließlich war ich es, der von diesem Tag an die Kamera in der Hand hielt. Wenn es mein Taschengeld zuließ, jedenfalls: Denn nicht nur Filme und Entwicklung leerten meine Grundschülerbrieftasche, drinnen und bei Regenwetter erforderte das Fotografieren mit der Ritsch-Ratsch-Klick einen Blitz, der ebenfalls jedes Mal aufs Neue bezahlt werden wollte.

An Pocketkameras kamen keine Elektronenblitzgeräte, sondern zunächst die "X-Würfel" genannten Wegwerf-Blitze zum Einsatz. Beim Auslösen schnellte ein Stift aus der Kamera in eine Öffnung im aufgesteckten Blitz, wo er eine mechanische Kettenreaktion auslöste. Die führte schließlich zur schlagartigen Entzündung der in einem Glaskolben eingeschlossenen Magnesiumwolle. Das Spiel ließ sich pro Würfel noch dreimal wiederholen, dann war der Blitzwürfel ein Fall für den Müll.

Der unmittelbar auf die ohnehin sehr kompakte Kamera aufgesteckte Blitzwürfel führte wegen der kurzen Distanz zwischen Objektiv und Lichtquelle häufig zu den gefürchteten roten Augen bei den porträtierten Personen. Dem Problem versuchten die Hersteller zunächst mit einem Distanzstück zwischen Kamera und Blitz beizukommen. 1976 löste dann der "Topflash" nach und nach den X-Würfel als Kunstlichtquelle ab. Je nach Hersteller waren im flachen, länglichen Top-Flash-Gehäuse acht bis zehn Blitzbirnchen verbaut, die nacheinander elektrisch gezündet wurden. Dabei wurden stets zuerst die von der Kamera am weitesten entfernten Blitzbirnchen gezündet. Nachdem die Hälfte aller Birnchen verbraucht war, musste der Topflash umgedreht auf die Kamera aufgesteckt werden, damit die zweite Hälfte gezündet werden konnte.

Innovativ bis ans Ende

Die Pocketkamera prägte von den Siebzigern bis in die frühen Achtziger das Bild der Fotografie. Und obwohl Kodak die Lawine losgetreten hatte, gelang es Konkurrent Agfa sowohl mit dem Slogan "Ritsch-Ratsch-Klick" (der Film wurde bei vielen Agfas durch Zusammendrücken und Auseinanderziehen der Kamera weiter transportiert) als auch mit dem Begriff "Agfapocket" die meistgenutzten Synonyme für die flache Kassettenkamera zu schaffen.

Die anfangs sehr einfach gehaltenen Kameras bekamen im Laufe der Zeit immer mehr Funktionen. So läutete Agfa 1979 das Ende des "Ritsch-Ratsch-Klick" ein, die Serie 901 bekam für den Filmtransport einen eigenen Motor. Schon 1976 hatte Minolta eine lupenreine Spiegelreflexkamera mit Zoom-Objektiv in Pocket-Ausführung vorgestellt, und Pentax bot 1979 sogar ein Set mit drei Wechselobjektiven und Elektronenblitzgerät an.

So hätte es weitergehen können, hätten die Hersteller nicht auch die Miniaturisierung der Kleinbildkamera vorangetrieben und diese zuletzt nahezu auf Pocketmaße geschrumpft. Das Kleinbildformat weist gegenüber dem 16-Millimeter-Film eine größere Fläche auf und erlaubt daher eine feinere Auflösung der Aufnahmen.

Die Qualitätsunterschiede blieben meinen Schüleraugen lange Zeit verborgen, konnte ich mir Abzüge doch ohnehin meist nur im kleinsten verfügbaren Bildformat von 9x13 Zentimetern leisten. Als ich aber eines Tages von einer Aufnahme, die ich am Rheinfall von Schaffhausen gemacht hatte, einen postergroßen Abzug machen ließ, erwies sich das Ergebnis in der Tat als Reinfall - meinte ich, auf dem kleinen Bild noch jeden Wassertropfen gestochen scharf auszumachen, fand das Auge auf der Vergrößerung keinen Halt mehr.

Die Pocketkamera, qualitativ also von Anfang an im Hintertreffen, verlor mit den neuen, ultrakompakten Kleinbildkameras zu Anfang der achtziger Jahre ihre Existenzberechtigung und verschwand nach und nach vom Markt. Mein Einschulungsgeschenk hat es auch nicht überlebt. 1982 ereilte sie das typische Schicksal einer Immer-dabei-Kamera. Bei einer Schulhofprügelei rutschte sie aus meiner Jacke, prallte auf den Betonboden, bekam noch einen Fußtritt ab und konnte von da an ihr Objektiv nicht mehr lichtdicht verschließen. Trotzdem: Manchmal vermisse ich sie.


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