Pogromnacht 1938 Worte wie Feuer


Am 9. November 1938 brannten in ganz Deutschland die Synagogen. Am nächsten Tag berichtete die Presse in lupenreinem NS-Propaganda-Ton. Eine Dresdner Schülergruppe suchte nach der Wahrheit hinter den Artikeln.

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"Grünspan schoß auf Europa" - "Schluss mit den jüdischen Machenschaften" - "Der Judentempel niedergebrannt". Am 10. November 1938 berichteten die beiden großen Tageszeitungen "Dresdner Nachrichten" und "Dresdner Anzeiger" über den Brand der Sempersynagoge in der vorangegangenen Nacht. Trotz des großen öffentlichen Interesses erschienen die drei Artikel jedoch nicht auf der Titelseite.

Durch vorgeblich unkommentierte Aufzählungen von Fakten wie Uhrzeit und Hergang des Brandes, Verhalten der Feuerwehr sowie Reaktion der Schaulustigen, erwecken die kurzen Artikel den Anschein objektiver Berichterstattung. Tatsächlich jedoch werden die Ereignisse verzerrt dargestellt, etwa wenn sich laut Zeitungsbericht die Feuerwehr "auf den Schutz der umliegenden Wohngebäude beschränken musste". Der Dresdner Augenzeuge Hans Schneider hat ganz anderes erfahren: "Die Feuerwehr war wohl da, aber die haben bloß so bissel getan und waren im Übrigen damit beschäftigt, erst mal eine große Bresche in die Mauer zu schlagen."

Ist in einem der Artikel nur von der Ansammlung einer "großen Menschenmenge" und "großem Beifall" bei der Abnahme der Davidsterne die Rede, so waren die Reaktionen der Schaulustigen in Wahrheit viel differenzierter. Sie umfassten eine Bandbreite von "hämischen Bemerkungen", "johlender" Zustimmung bis hin zur - im Übrigen verschwiegenen - Misshandlung jüdischer Gemeindemitglieder durch die SS. Andere wunderten sich über die Untätigkeit der Feuerwehr.

Szenen wie im schlimmsten Mittelalter

Vereinzelt kam es zu offenem Protest, immer verbunden mit der Angst vor der Gestapo. So schildert Augenzeuge Otto Griebel: "Einem gepflegt aussehenden, grauhaarigen Passanten war das Geschehene zu viel, und voller Empörung rief er aus: "Unglaublich, das ist ja das schlimmste Mittelalter!" Kaum hatte er das gesagt, griffen ihn zwei Gestapobeamte und nahmen ihn mit." Ähnliche Erinnerungen hat Hans Schneider. Das betretene Schweigen der Umstehenden sei das Erschütterndste, das könne er bis heute nicht vergessen.

Doch nicht nur die lückenhafte Berichterstattung - der die Brandursache nicht zu entnehmen ist - macht die Artikel zu Propaganda der NS-Ideologie. Auf der Titelseite der Morgenausgabe der Dresdner Nachrichten wird umfangreich und in bewegenden Worten die Ermordung des deutschen Gesandtschaftsrats Ernst von Rath durch Herschel Grynspan in Paris angeprangert, dem Vorwand der Nationalsozialisten für die Pogrome.

Mit Bedeutung aufgeladen wird dieser Vorfall durch die Überschriften in den Zeitungen ("Beileidstelegramm des Führers an die Eltern"; "Aufbahrung in der Botschaft - Anteilnahme in Frankreich") und den Inhalt der Berichte, die über eine Ehrenwache und das Beileid hoher Persönlichkeiten informierten. Ziel war es, den Leser emotional zu berühren. Die reißerische und pathetische Berichterstattung über das "furchtbare Leiden" von Ernst von Rath soll Mitleid erregen und Angst vor "verbrecherischen Wirken des Weltjudentums" schüren.

Vergeltung für angebliche "jüdische Schandtaten"

"Grünspan schoß auf Europa", titelten die Dresdner Nachrichten. Der Mordfall wird von der Nazi-Presse zum Angriff der Juden auf die Weltordnung hoch stilisiert. Pseudowissenschaftliche Argumente wie die "Zerstörung der Industrien durch die Juden" und die ungleich kürzere Berichterstattung über das eigentliche Ereignis tragen dazu bei, den Synagogenbrand in einen explizit antisemitischen Kontext zu stellen. Durch diesen werden das Geschehen und die Reaktionen der Schaulustigen gerechtfertigt.

Aber auch in der Wortwahl der Artikel über den Synagogenbrand selbst wird die nationalsozialistische Grundhaltung sichtbar. So wird die Sempersynagoge als "Judentempel" bezeichnet. Durch die reißerische Schilderung des Brandes, "eines einzigen Feuermeeres", das mit "unheimlicher Geschwindigkeit" voranschritt, und den "leeren, rauchgeschwärzten Fensterhöhlen" der Brandruine, entsteht der Eindruck einer mystischen, beinahe "höheren" Vergeltung der "jüdischen Schandtaten".

Die Entpersonifizierung der Geschädigten durch Begriffe wie "Judentum" oder "der Jude" kreiert im Kopf des Lesers das Bild eines geschlossenen, "verbrecherischen Feindes des deutschen Volkes".

"Wir alle haben geschwiegen"

Die Berichterstattung über den Brand der Sempersynagoge lebt vom Wechselspiel unverhüllter Propaganda, Verschleierungen und vorgeblicher Objektivität - wohl auch, um das bürgerliche Rechtsempfinden durch die Schilderung grober Gewalttaten nicht zu verletzen.

Die Einzigen, die der Nazi-Propaganda etwas hätten entgegensetzen können, waren die Augenzeugen vor Ort. Doch auch diese schwiegen - lange. Hans Schneider, der damals 19 Jahre alt war, bringt die traurige Grundeinstellung auf den Punkt: "Und so schwieg ich leider auch, wie fast ein ganzes Volk. Wie es dann weiterging, wissen wir ja nun alle."

Zuerst erschienen in "STEP 21 [Weiße Flecken]", dem Jugendzeitungsprojekt von STEP 21 - Initiative für Toleranz und Verantwortung.

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