Polit-Methusalem Vom Rassisten zum Rekord-Senator

Polit-Methusalem: Vom Rassisten zum Rekord-Senator Fotos
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Strom Thurmond war älter als das Flugzeug und fast so alt wie das Radio, kam als Held aus dem Krieg zurück, begann seine politische Karriere als erklärter Rassist und ging mit einer Rede in die Geschichte ein. Seine Geschichte ist auch die politische Geschichte eines Jahrhunderts.

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Irgendwie war Strom Thurmond immer schon da, in Washington, auf den Fluren des Senats. Kaum ein anderer Politiker erfüllte dermaßen pflichtbewusst sein Amt: Rund 16.000 Mal nahm Thurmond während seiner 48 Jahre als Senator an Abstimmungen teil. Bis heute taucht er, glaubt man seinen Mitarbeitern, täglich in seinem Büro auf - auch wenn er seine Nächte in einem Krankenhaus verbringt.

Berühmt wurde Thurmond vor allem durch seine Langlebigkeit: Er ist älteste und zugleich der dienstälteste Senator in der Geschichte der USA. Ein großer Redner aber ist er ebenso wenig wie ein visionärer Politiker. Dennoch schaffte er es mit einigen radikalen Aktionen in die Annalen.

Als US-Präsident Harry Truman den Schwarzen mehr Rechte einräumen wollte, verließ Thurmond die Demokratische Partei und trat 1948 als Präsidentschaftskandidat gegen Truman an - als Anführer der "Dixiecrats", einer Splittergruppe der Südstaaten-Demokraten, die keinen Hehl aus ihrer Ablehnung der "sozialen Vermischung der Rassen" machte. "Alle Soldaten unserer Armee könnten die Südstaatler nicht dazu zwingen, die Rassentrennung aufzugeben und Neger in unseren Theatern, unseren Schwimmbädern, unseren Häusern und unseren Kirchen zu dulden", wetterte Thurmond damals.

24 Stunden lange Blockade-Rede im Senat

1957, mittlerweile zu den Demokraten zurückgekehrt, ging er mit seiner legendären Filibuster-Rede in die Geschichte ein: 24 Stunden und 18 Minuten lang sprach er ohne Unterbrechung im Senat, um eine Abstimmung über das Bürgerrechtsgesetz zu blockieren. Als er mit seinen Tiraden über das geplante Gesetz fertig war, las er die Wahlvorschriften von 48 US-Bundesstaaten und danach Passagen aus der Bill of Rights und der Unabhängigkeitserklärung vor. Zum Schluss rezitierte er seitenweise aus dem Telefonbuch Washingtons. Um während der längsten Rede in der Geschichte des US-Senats nicht von körperlichen Bedürfnissen auf die Toilette gezwungen zu werden, hatte Thurmond sich eine Plastikflasche um den Bauch geschnallt.

Einige Jahre später sorgte der Senator aus South Carolina erneut für Schlagzeilen: Bei der Abstimmung für ein Bürgerrechts-Gesetz rang er einen Kollegen zu Boden, um ihn an der Stimmabgabe zu hindern. 1964 wechselte er erneut die Partei und trat zu den Republikanern über.

Thurmonds Status als ein Original der amerikanischen Politik und Witzfigur in Talkshows ließ seine politische Herkunft zusehends aus dem Blickfeld geraten. Selbst höchste Regierungskreise haben heute keine Berührungsängste mit dem Rechtsaußen. Präsident George W. Bush will im Weißen Haus sogar eine große Party für den Jubilar geben.

Auch Thurmond selbst trug dazu bei, in Washington hoffähig zu bleiben: Als er erkannte, dass die Gleichstellung der Schwarzen nicht mehr aufzuhalten war und sie zudem immer stärker an Wahlen teilnahmen, passte er sich den neuen Gegebenheiten an. Er war in den späten fünfziger Jahren der erste Südstaaten-Senator, der schwarze Mitarbeiter beschäftigte und stimmte 1980 für die Einführung eines Gedenktags zu Ehren von Martin Luther King.

Als er körperlich zu keinem parlamentarischen Kraftakt mehr fähig war, kultivierte Thurmond seinen Ruf als Frauenheld. Er ist berüchtigt dafür, in seinem Rollstuhl hübsche Mitarbeiterinnen und Journalistinnen auf seinem Schoß spazieren zu fahren. Als Hillary Clinton vor zwei Jahren als Senatorin vereidigt wurde, fragte der damals 99-Jährige sie neckisch, ob er sie umarmen dürfe. Das Foto davon machte Thurmond der Frau von Ex-Präsident Bill Clinton später zum Geschenk - mit einer Widmung: "Der bezaubernden Hillary." Thurmonds zweite Frau war eine ehemalige Miss South Carolina. Als Thurmond sie heiratete, war sie 22 Jahre alt - und er 66. Vier Kinder zeugte er mit Nancy Moore, von der er seit 1991 getrennt lebt.

An der Schwelle zur Senilität

Als amtierender Senator 100 Jahre alt zu werden, war ein erklärtes Ziel des Kriegsveterans, der als 41-Jähriger mit dem Fallschirm über der Normandie absprang und als dekorierter Held zurückkehrte. Dennoch ist sein langes Verweilen im Amt nicht unumstritten. In Senats-Abstimmungen müssen mittlerweile Thurmonds Gehilfen dem Senator sagen, wann - und vor allem wie - er stimmen muss.

Selbst enge Freunde räumen ein, dass der Langzeit-Senator an der Schwelle zur Senilität steht. Senator Ernest Hollings, ein Demokrat aus South Carolina, sagte schon im vergangenen Jahr, dass Thurmond nicht mehr "geistig wach" sei und nur deshalb im Senat bleibe, weil er nicht wisse, wohin er sonst gehen solle.

Doch der Senator will eisern durchhalten, denn ein paar Wochen hat er noch vor sich. Am 3. Januar geht seine achte Amtszeit zu Ende. Dann kehrt er zurück in seine Heimatstadt Edgefield, auf deren Marktplatz eine Bronzestatue von Strom Thurmond steht.

Markus Becker

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 05.12.2002

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